Freitag, 1. Dezember 2023

Haschisch ist die Hefe des Denkens

100 Jahre Wolfgang Neuss – „Ich rauche den Strick, an dem ich hänge“

Cannabis - Wolfgang Neuss

 

 

Von Sadhu van Hemp

 

 

Wolfgang Neuss war Deutschlands größter Kabarettist aller Zeiten (GröKaZ) und zugleich ein abgrundtief böser Mann. Die westdeutsche Boulevardpresse verunglimpfte ihn als Brunnenvergifter, Schandschnauze und zuletzt als notorischen Kiffer und kaputten Kellerguru. Am 3. Dezember hätte das „Nebelhorn von der Spree“ 100. Geburtstag gefeiert – wäre es denn nicht pünktlich zum Fall der Berliner Mauer anno 1989 verstummt. Was bleibt, ist ein bisschen Neusstalgie.

 

An einem Montag war’s, als Hans Wolfgang Otto Neuß das Licht der Welt erblickte und umgehend damit begann, aus der Art zu schlagen und zu einem Problemwolfgang heranzuwachsen. Er war nicht zu bremsen – und das Ende vom Lied war, dass sich der Unverbesserliche als Enfant terrible und Volksaufwiegler ins kollektive Gedächtnis der Deutschen brannte. Zu seinen besten Zeiten war er der „Verräter der Nation“, die „Rote Laus im Berliner Bärenpelz“ und der „Volksfeind Nr.1“. Andere nannten den Bürgerschreck liebevoll den „Till Eulenspiegel des Wirtschaftswunders“, der den Nachkriegsdeutschen in Ost und West gnadenlos den Spiegel vor Augen hielt.

 

Wolfgang Neuss war neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit als Kabarettist und Schauspieler nicht nur ein Nestbeschmutzer und passionierter Haschischraucher, sondern vor allem auch ein Mann, der stets auf der Höhe der Zeit war, einer, der polarisierte und sich nicht unterkriegen ließ. Auch nicht, als ihn Vater Staat hin und wieder wegen LSD- und Cannabis-Besitzes vor den Kadi zerrte. „Ich war immer unnormal. Das ist meine Berufskrankheit.“

 

Cannabis Neuss

 

Neuss war der, vor dem ihn seine Eltern immer gewarnt hatten: ein Chaot und Streuner, ein Visionär und Querkopf – eben einer, der nicht stubenrein ist. Am 3. Dezember 1923 in Breslau geboren, als Fünfzehnjähriger nach Berlin durchgebrannt und in der Jugendverwahranstalt gelandet; dann nach dem Notabitur im Morast der blutdurchtränkten Schützengräben vor Moskau erwachsen geworden. Das Eiserne Kreuz lässt er sich noch umhängen, dann – so die Legende – schießt sich der Maschinengewehrschütze den Zeigefinger ab, um den vaterländischen Dienst am Völkermord mit dem Kartoffelmesser fortzusetzen.

 

Nach Kriegsende 1945 ist die Zeit, in der „die Deutschen in sich gehen, aber dort niemanden antreffen“  – kein Wunder, ist das Tätervolk doch wie vom Erdboden verschluckt und keiner will‘s gewesen sein. Nur einer meldet sich zu Wort und gesteht, dabei gewesen zu sein, als die völlig willenlosen Deutschen von einem Gefreiten aus Österreich dazu gezwungen wurden, den Zweiten Weltkrieg anzuzetteln und den staatlich organisierten Völkermord an den europäischen Juden zu verbrechen.

 

Neuss legt seine verbliebenen neun Finger in die offene Wunde des untergegangenen Tausendjährigen Reiches und kratzt mit scharfer Zunge den braunen Dreck aus den Ritzen der Kriegsruinen. Mit bitterböser Satire trommelt er den Deutschen ins nicht vorhandene Gewissen, und versteht sich dabei als „erster Humorbeauftragter des deutschen Volkes“.

 

Mit knapp dreißig Jahren ist Neuss präsent wie kein anderer. Die „Knalltype vom Dienst“ füllt Theatersäle und Manegen, wird geliebt und gehasst zugleich. 1951 suchen in der Berliner Waldbühne 20 000 Zuschauer Deutschlands ersten Superstar nach Adolf – und finden ihn, den Pauken-Neuss, der mit schrägen Tönen weit unter die Gürtellinie schlägt und dabei die hohe Kunst besitzt, Wahrheiten so auszusprechen, dass sich die Balken biegen und so mancher Kloß im Halse steckenbleibt.

 

Der Neuss der Fünfziger schwimmt auf einer Erfolgswelle: Gemeinsam mit Wolfgang Müller erobert er Bühne, Kino, Funk und Fernsehen, und die „intellektuelle Stimmungskanone“ nimmt mit, was sie kriegen kann. Millionen Bundesbürger sitzen am Radio, wenn der Wortakrobat Neuss sein kabarettistisches Trommelfeuer in den Äther schickt. Als Schauspieler brilliert er neben Curd Jürgens in „Des Teufels General“, treibt mit Lieselotte Pulver Schabernack im „Wirtshaus im Spessart“ und wächst 1960 als Trommlerpimpf Macke Prinz im selbstproduzierten Kinofilm „Wir Kellerkinder“ über sich hinaus. Er schreibt Drehbücher, Hörspiele, Theaterstücke und gibt die Satirezeitung „Neuss Deutschland“ heraus.

 

Neuss lebt schnell, sehr schnell. Im Jaguar hetzt er von Engagement zu Engagement, und keine Party endet ohne Paukenschlag. Das Wölfchen ist hungrig, säuft und schluckt, feiert und liebt die Frauen. Wenn die anderen „fertighaben“, geht’s übernächtigt mit den ganz harten Jungs der Promi-Elf von Tennis Borussia Berlin zum Fußballspielen. Neuss ist ein „Werwolfgang“, der alle Grenzen überschreitet, und dafür zunehmend Kritik und Maulkörbe kassiert.

 

Anfang der Sechziger macht der Spaßmacher ernst: In einem Zeitungsinserat rührt er die Werbetrommel für seinen selbstfinanzierten Kinofilm „Genosse Münchhausen“ und verrät dabei vorab den Mörder eines mehrteiligen TV-Krimis, der als „Straßenfeger“ eine Einschaltquote von 89 Prozent erzielte. Die „Halstuch-Affäre“ empört ganz Deutschland. Die Springerpresse lyncht Neuss als „Verräter der Nation“, und es soll tatsächlich noch Bürger und Bürgerinnen geben, die ihm bis heute nicht verziehen haben, dass er ihnen den Fernsehabend verdorben hat.

 

Plötzlich haben sich in Deutschland die Sitten geändert. Aus dem einstmals ausgehungerten Publikum werden träge und denkfaule Fernsehgucker, die Kabarett mit Cabaret verwechseln und lieber über seichten Humor lachen. Zwar wird Neuss mit seinem Solo-Programm „Das jüngste Gerücht“ zum „Napoleon der Satire“ gekürt, doch der 13. August 1961 zieht nicht nur eine Mauer durchs Land, sondern auch durch die westdeutschen Gehirne, die in dem „heimatlosen Anstinker“ einen „Trotzkisten“ fürchten.

 

Neuss wird mehr und mehr ins Abseits gestellt, und der Kodderschnauze wird das Wort entzogen. Das Establishment, darunter auch die Genossen der Sozialdemokratie, wollen nicht länger die Vergangenheit mit sich herumschleppen und sich von Schuldgefühlen plagen lassen. Ein Kabarettist, der am bundesrepublikanischen Wirtschaftswunderland mit seiner nur unzureichend entnazifizierten Bevölkerung kein gutes Haar lässt, ist ganz und gar nicht witzig. Da hört der Spaß im freien Teil des Vaterlandes aber ganz schnell auf.

 

Die Zeit ist reif für einen neuen Neuss. Mit der Hippiezeit bricht das „Neuss Zeitalter“ an. „Die Fresse“ reißt das Schandmaul noch weiter auf. Der Narr will nicht länger Hofnarr sein, der Idealist Neuss will die Gesellschaft mitgestalten. Noch einmal läuft das „Ungeheuer von Loch Neuss“ zu Hochform auf, prangert den US-amerikanischen Völkermord in Vietnam an, brüskiert die SPD-Genossen wie auch die DDR-Bonzen, die ihn zur Persona non grata erklären und ihm den Zutritt in den Arbeiter- und Bauernstaat verwehren.

 

Als Neuss in einem Extrablatt seiner Satirezeitschrift „Neuss Deutschland“, dem „Organ der Zentralhumoristischen Partei Deutschlands“, die blinde Liebe der Westberliner Bevölkerung zu Amerika veräppelt, bringt er das Fass endgültig zum Überlaufen. Die Gilde der Zeitungsverleger verhängt ein Anzeigenboykott. Die bürgerliche Presse schießt sich ein, und anonyme Drohungen folgen („Lebt ihr roten Hunde noch?“).

Neuss, dreist wie er ist, gießt natürlich Öl ins Feuer, sammelt für den Vietcong Spenden und solidarisiert sich mit dem Sozialistischen Studentenbund, der als ostgesteuert diffamiert wird. Ende Januar 1966 explodiert eine Bombe vor dem Saal, in dem er mit Studenten den „Vietnam Report“ diskutiert – die Saat der Worte trägt erste Früchte.

 

Cannabis Jette Neuss
Harriet “Jette” Neuss Wixell – Tochter des “Verräters der Nation”

 

Neuss ist Mitte der sechziger Jahre voll drauf, dopt sich mit Tabletten und macht erste Bekanntschaft mit Haschisch, Marihuana und LSD. Der unstete und ausschweifende Lebensstil bleibt nicht folgenlos: 1967 scheitert der fünf Jahre zuvor geschlossene Ehebund mit dem schwedischen Mannequin Margareta Henriksson. Die gemeinsame Tochter Harriet, genannt Jette, bleibt bei der Mutter, und die von Neuss vernachlässigte Pflicht als treusorgender Ehemann und Vater erfüllt fortan der schwedische Opernsänger Ingvar Wixell.

 

Beseelt von dem Glauben, dass die Deutschen die Schere zur Hand nehmen und die alten Zöpfe abschneiden, dient sich Neuss der Außerparlamentarischen Opposition (APO) an, die sich nach Ermordung des Hochschülers Benno Ohnesorg (1967) und dem Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke (1968) zur gewaltbereiten Critical Mass aufbläht und das geteilte Deutschland nochmals zu teilen droht. Als prominenter Künstler ist er in der linken Szene ein gerngesehener Gast, aber eben nur Gast. Neuss ist als Mittvierziger im „Roten Jahrzehnt“ ein Auslaufmodell. Das aus der Art geschlagene Exemplar der verhassten Vätergeneration hat das Verfallsdatum überschritten und längst geben jüngere Leute den Takt vor.

 

Und so verliert er sich im Gewirr der politischen Strömungen, die das Land aufwühlen, aber nicht von der Stelle bringen. Orientierungslos trabt er mit, macht Wahlkampf für die SPD und kuschelt zugleich mit der APO. Von der allgemeinen Euphorie der nicht mehr aufzuhaltenden Zeitenwende angesteckt verlässt Neuss das sichere Terrain der Satire. Der Weg führt ihn zum Volk auf die Straße, wo nicht mit messerscharfen Pointen zugestochen wird, dafür aber den Worten umso wirkungsvoller Taten folgen.

 

1969 ist es dann soweit: Die SPD „packt den Willy in den Tank“ und gewinnt mit Brandt die Bundestagswahl. Der „Marsch durch die Institutionen“ beginnt, und die „modischen Linken“ und „liberalen Scheißer“ richten sich ein. Die sozialliberale Koalition in Bonn kleistert derweil die Widersprüche der zwei deutschen Gesellschaften mit den Ostverträgen zu und propagiert Normalität.

 

Wolfgang Neuss bleibt zurück. Dem linken Dogma, durch deren „Zahnlücke die List blinkt“, will er sich nicht unterwerfen. Und so wird der „Kulturrevolutionär“ in den Siebziger Jahren zunehmend links liegengelassen, die Vorstellungen sind schlecht besucht oder werden abgesetzt. Viele Projekte bleiben Stückwerk oder werden nicht realisiert.

 

Der Tag naht, an dem Wolfgang Neuss beschließt, von seinem „Zeugnisverweigerungsrecht“ Gebrauch zu machen und zu schweigen. 1972 steigt er endgültig von Tabletten auf Haschisch um, das für ihn die „Hefe des Denkens“ ist. Es ist der Aufbruch in ein neues Neussleben, das ihm zu einem anderen Bewusstsein verhelfen soll.

 

Der späte Neuss ist der breiten Öffentlichkeit als tragische Figur reduziert in Erinnerung geblieben. Dabei folgt der Wolf fortan nur seiner eigenen, einsamen Spur. Er verschenkt Hab und Gut, und aus dem Volksfeind wird der kiffende „Rock-Guru“ (Bild), der vis-à-vis vom Schloss Charlottenburg in einer kleinen karg ausgestatten Wohnung Hof hält und von jungen Neuwestberlinern aus der alternativen Szene mit Cannabis und anderen psychotropen Genussmitteln am Leben gehalten wird.

 

Hin und wieder zerrt ihn die Staatsgewalt wegen illegalen Drogenbesitzes von der Matratze, und Gratisauftritte im Kriminalgericht Moabit sorgen ein letztes Mal für stehende Ovationen. Die TAZ belohnt die Ikone des Kabaretts mit einer Kolumne, doch als Neuss das linksalternative Kuschelnest mehr und mehr beschmutzt, wird ihm auch hier das Zeilengeld gekürzt. Zuletzt bleiben kleinere Gastspiele, die die Sozialhilfe aufbessern, und die rachsüchtige Springer-Presse lässt es sich nicht nehmen, den körperlichen Verfall des „vergreisten Suppenkaspers“ auf widerwärtigste Weise auszuschlachten.

 

Neuss aber, der mit seinem Krebs einträchtig zusammenlebt, bleibt sich treu, trennt die „Spreu vom Weizsäcker“ und seziert vor kleinem Publikum den deutschen Michel bei lebendigem Leib. Neuss ist bis zuletzt hellwach und wagt den Blick in die Zukunft, prophezeit die „Wiedervereinigung der Spalt-Tablette“ und warnt vor dem „Ökologie-Faschismus“, der die Welt reinigen will.

„Auf deutschem Boden darf nie wieder ein Joint ausgehen“, fordert er in einer Talkshow die Cannabis-Freigabe – ein Satz, der heute mehr denn je gilt. Bis zuletzt arbeitet der Haschbruder an seiner Sucht, denn „Leute, die sich suchen, sind auf dem richtigen Weg“.

 

Wolfgang Neuss ging seinen doch sehr holprigen Weg konsequent zu Ende, und bereits 1983 behauptete der „Dioskur des Kabaretts“ von sich, der Gesellschaft um zehn Jahre voraus zu sein. Wie viele Jahre oder Jahrzehnte es letztlich wirklich waren, das bleibt das ungelöste Rätsel des „Neuss Testament“, in dem geschrieben steht: Das Denkbare lassen, das Undenkbare tun.

 

Ausflugstipp:

Das Internationale Kultur Centrum ufaFabrik e.V in Berlin/Tempelhof ehrt den „Mann mit der Pauke“ vom 1. bis 5. Dezember mit einer Retrospektive und einem Festival.

 

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5 Kommentare
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Haschberg
2 Monate zuvor

Schön, dass ihr das Thema “Neuss” nochmal aufgegriffen habt mit einem etwas ausführlicheren Bericht. Der junge Neuss ist schließlich geradezu ins verhängnisvolle 3. Reich und den daraus erfolgten Weltkrieg hineingewachsen. Für solche Individualisten, die nicht blind der Masse hinterher liefen, war es sicherlich ein gewaltiger Schock, mitansehen zu müssen, dass schon bald nach Kriegsende die alte Nazigarde fast wieder alle Regierungsämter besetzt hatte. Es gab ja schließlich keine anderen. Einer von denen war übrigens mein Vater. Die neue Pseudochristlichkeit war damit geboren. Nun brauchte es nur noch den Ersatz einer Minderheit, die man künftig vehemend verfolgen konnte. Die hat man dann schon in den 60er Jahren hauptsächlich in jungen Leuten gefunden, die Substanzen konsumierten, die man nicht wollte (wie Hasch,… Weiterlesen »

Rogg
2 Monate zuvor

Nix gegen Neuss…hat sehr gelitten und viel für die Kiffergemeinde gesprochen….doch der beste Kabarettist ist und bleibt “Volker Pispers”…sorry Sadhu, dass ist ewiger Fakt..!!! Sonst gebe ich Dir recht….

Rogg
2 Monate zuvor

@ Sadhu
…touche… 🙂