Sonntag, 29. Dezember 2019

Amsterdam – die Stadt, die (immer noch) Sehnsüchte weckt

Eine Reiseerzählung von Sadhu van Hemp – Teil 2


Seit unserer ersten Amsterdam-Reise anno 1978 sind mehr als vier Jahrzehnte vergangen. Ein halbes Menschenleben stehen wir nun auf deutschem Boden mit einem Bein im Knast, nur weil wir gerne mit Haschisch und Marihuana entspannen. Die Cannabis-Prohibition hat uns in jeder Hinsicht deformiert und nicht zu dem gemacht, was aus uns ohne Verbot hätte werden können. Es fehlte einfach die für das deutsche Gesellschaftssystem erforderliche Kompatibilität, um reibungslos wie ein Rädchen ins andere zu greifen und störungsfrei sein Dasein als Mitläufer zu fristen. Dennoch, so vogelfrei und aufsässig wir waren, letztlich konnte jeder noch das Beste daraus gemacht, hübsch mit Beruf und Familie und allem Drum und Dran. Mit zunehmender Reife ging uns das Licht auf, sich als Kiffer besser die Tarnkappe aufzusetzen, um ein einigermaßen menschenwürdiges Leben in Dunkeldeutschland zu führen und dabei halbwegs Rückgrat zu bewahren.

Über vierzig Jahre haben wir dieses Leben ausgehalten, Willi, Jürgen und ich, und sind dabei alt geworden. Nun wollten wir es also noch einmal spüren – das gute alte Feeling in Amsterdam. Dazu hätte es natürlich gepasst, sich stilecht einen Renault 4 zu borgen, Mobilfunktelefon und Kreditkarte zu Hause zu lassen und sich mit einem Toupet zu verjüngen. Das war uns dann jedoch etwas zu viel good old Feeling. Was 1978 autotechnisch purer Luxus war, ist heute nur noch unnötige Quälerei. Mit Tempo 100 im R4 nach Amsterdam zu hoppeln, ist zudem geradezu suizidal. Schließlich sind Deutschlands Autobahnen die größte offene Psychiatrie der Welt.

Kurzum – wir drei Ruheständler wollten bequem reisen. Zunächst bot sich ein Hin- und Rückflug für knapp hundert Euro nach Schiphol an. Doch nach Abwägung aller Vor- und Nachteile eines Fluges, entschieden wir uns für eine Reise mit der guten alten Eisenbahn. Zwar beträgt die Reisedauer etwas mehr als sechs Stunden, dafür aber gibt es kein lästiges Check-in. Auch kann man sich bewegen und auf der Toilette eine schnelle Fluppe ziehen, ohne gleich Bombenalarm auszulösen. Zudem beabsichtigten wir, Souvenirs aus Amsterdam mitzubringen. Zu guter Letzt sprach für die Bahn die Mitnahme unserer Drahtesel – und das für einen Sparpreis von 99,00 Euro.

Der Intercity fuhr pünktlich im Bahnhof Spandau ein, und wir schafften es gerade noch so, den Joint aufzurauchen. Der Fahrradwagen war hinter der Lokomotive angekoppelt, und uns war sofort klar, dass das der ideale Ort ist, um auf der Rückfahrt unsere Souvenirs zu verstauen. Und los ging die lustige Bahnfahrt ins Einkaufsmekka Amsterdam. Diesmal hielten uns keine Grenzen auf, und nachmittags um vier trudelten wir in der Grachtenstadt ein. Empfangen wurden wir von landestypischem Nieselregen. Aber das sollte uns nicht abhalten, direkt auf unsere Fietsen zu steigen und den nächstbesten Coffeeshop anzusteuern. Keine zehn Minuten später saßen wir bereits gemütlich in einer Rauchstube bei lekker Kaffee und einem fetten Amnesia Haze Joint.

Als untrainierte Gelegenheitskiffer warf uns das Rauchgerät sofort aus den Socken. Da war es also, das good old Feeling von 1978, als wir im Melkweg drauf und dran waren, nach dem Genuss von Nigeriagras zu kollabieren. Wie damals saßen wir einfach stumm da und grinsten vor uns her.

Nach dem zweiten Kaffee rafften wir uns notgedrungen auf, da wir erwartet wurden. Diesmal sollte es uns erspart bleiben, unter freiem Himmel zu nächtigen. Der Zufall wollte es, dass Willis Sohnematzen nach dem Studium in Amsterdam hängengeblieben war und sich als Hipster integriert hatte. Und das in bester Citylage im Grachtengürtel.

Natürlich war es unserem Patenkind überhaupt nicht recht, neben seinem Rabenvater auch noch seine zwei Onkelchen zu beherbergen. Aber Willi bestand darauf, der guten alten Zeiten willen. (Erwähnt werden muss, dass der Junge ein Scheidungskind ist und wir ihn zuletzt als Baby bei der Taufe gesehen haben.)

Die Begrüßung war entsprechend unterkühlt. Doch Willi nahm seinen Filius sofort ins Gebet und löcherte ihn mit Fragen. Die gute Erziehung des Jungen hinderte ihn, uns sofort wieder an die frische Luft zu setzen. Die Lage entspannte sich erst, als die Dame des Hauses samt Kindergefolge die Stiege des prächtigen Grachtenhauses herabstieg und ihren Schwiegervater herzte, als kenne sie ihn schon ewig. „Du bist also Martins Papa?“

Mit diesem Film hatten wir nun überhaupt nicht gerechnet. Plötzlich war Willi nicht nur Vater, sondern darüber hinaus auch noch Schwiegerpapa und Opa von drei entzückenden Enkeltöchterchen. Die Rolle gefiel ihm natürlich, dem Hallodri, der es nie länger als sieben Jahre mit einer Frau ausgehalten hat. Jürgen und ich wussten sofort: Willi interessierte das good old Feeling nicht mehr die Bohne.

Nachdem wir unsere Kammern im Souterrain bezogen hatten, sind Jürgen und ich raus in die Nacht, mit der Absicht, wie in guten alten Zeiten auf die Kacke zu hauen. Wir mussten erst gar nicht in strömendem Regen auf die Räder steigen, denn im Nebenhaus befand sich bereits der nächste Coffeeshop. Wir hatten Glück, denn just in dem Moment, als wir den gutbesuchten Laden betraten, wurde ein Bistrotisch am geöffneten Fenster mit Blick auf die Keizersgracht frei. Es war Entspannung pur, als wir gemütlich vor uns her rauchten, Kaffee tranken und über die gute alte Zeit plauderten. Und dabei kamen wir uns gar nicht alt vor. Um uns rum saßen Gleichgesinnte aller Altersklassen, die in aller Seelenruhe ihre Tüten wickelten und Bongs stopften. Die heutigen Coffeeshops sind Mehrgenerationenhäuser, in denen sich Jung und Alt ausnahmsweise mal verträgt.

Am nächsten Morgen gab es Frühstück im Kreise von Willis neuer Familie. Geplant war eine gemeinsame Radtour nach Zandvoort, um mal nachzuschauen, was es dort zu rauchen gibt. Wie erwartet kniff Willi, weil er seine Enkeltöchterchen ins Wachsfigurenkabinett zu Madame Tussaud entführen wollte. Jürgen und ich sahen zu, möglichst schnell nach nebenan in den Coffeeshop zu kommen, um uns dort bei einem Pur-Joint über unseren Kumpel zu ärgern.

Gut geturnt sind wir um Mittag los. Als geübte Fietser waren die dreißig Kilometer bis an die Nordsee ein Klacks, zumal die niederländische Radinfrastruktur freie Fahrt für freie Fietser gewährt. Bis nach Bloemendaal aan Zee spielte das Wetter mit, doch kurz vor Zandvoort erwischte uns dann noch eine Regenfront, die uns komplett einnässte. Wir retteten uns in den nächsten Coffeeshop – und die Welt war wieder in Ordnung. Das Publikum war merklich älter und biederer als in Amsterdam, aber das machte unseren Aufenthalt umso angenehmer. Wir waren zu Hause. Nach der dritten Tüte fiel dann die weise Entscheidung, die Radtour in Zandvoort zu beenden und mit dem Regionalzug zurückzufahren.

Ziemlich geplättet trudelten wir gegen Abend in Amsterdam ein. Der erste Weg führte uns in die nächstbeste Pommesbude, wo wir aus einem Automaten Frikandel, Kroketten und Bitterballen zogen. Anschließend ging es gut gestärkt in die Keizersgracht, um in „unserem“ Coffeeshop den Tag ausklingen lassen. Von Willi hatten wir bis dahin nichts vernommen, kein Anruf, keine SMS, nichts. Doch plötzlich saß er vor uns – an „unserem“ Fenstertisch, wo er mit einer attraktiven Frau in den besten Jahren Händchen hielt.

„Äh, Männer, da seid ihr ja“, rief er uns breit lächelnd zu. „Setzt euch! Darf ich bekannt machen: Das ist Stintje. Ihr gehört der Laden hier. Und sie ist die Mutter von Matilda, meiner Schwiegertochter. Wir zwei Hübschen sind sozusagen verwandt.“

Das Ende unserer Amsterdam-Revival-Fahrt ist schnell erzählt. Die Frau ist eine Wucht und Willi ein Glückspilz. Bis zum Feierabend saßen wir zusammen und haben uns wie Bolle amüsiert. Am nächsten Morgen eröffnete uns Willi, dass er nun sein Plätzchen an der Sonne gefunden habe und wir ohne ihn in die ostasiatische Steppe zurückreisen müssten. „Stintje ist die Frau meines Lebens … glaube ich.“

Nach dem Frühstück war Abreise angesagt. Willi und Stintje begleiteten uns noch bis zum Bahnhof und überreichten uns eine Plastiktüte mit Souvenirs. „Ihr seid immer willkommen“, verabschiedete uns Stintje mit einem Küsschen auf die Wange.

Und so rollten wir nichts Böses ahnend gen Dunkeldeutschland. Die Plastiktüte hatten wir in der Gepäckablage des Waggons hinter einem fremden Koffer verstaut. Doch es sollte schiefgehen. In Bad Bentheim stiegen vier deutsche Zöllner mit einem Spürhund zu und nahmen sofort Witterung auf. Natürlich war es für die Schnüffler unmöglich, die Souvenirtüte in dem ganzen Durcheinander des Radabteils dem Besitzer zuzuordnen. Zunächst geriet die Besitzerin des Koffers ins Visier, doch letztlich mussten die Herrschaften aufgeben und die herrenlose Tüte ohne Eigentümer einkassieren.

Der Verlust war erheblich, denn Stintje, die Coffeeshop-Eignerin und zukünftige Frau von Willi, hatte an Souvenirs nicht gespart. Bis Berlin haben wir mit den Zähnen geknirscht, und mit jedem Kilometer auf dem Weg nach Hause wuchs die Sehnsucht nach Amsterdam, wo wir uns zwei Tage lang wie zu Hause wohl gefühlt haben – also richtig zu Hause.

6 Antworten auf „Amsterdam – die Stadt, die (immer noch) Sehnsüchte weckt

  1. Rainer Sikora

    Die leidige und notwendige Rückreise macht das Vergnügen rückwirkend zunichte.Da nutzt das Dennoch auch nicht viel.Demokratie eben.Freiheit und was Steinmeier in seiner Weihnachtsrede noch so alles pries.

  2. R. Maestro

    Jaaa, leider war ich noch nie in Adam.

    Unsere Drogenbeauftragte anscheinend auch nicht.
    Die Holländer sind auch nicht zufrieden mit den Zuständen?
    Warum? Nicht mit der Liberalisierung , sondern mit dem Konsumenten-Tourismus.
    Ein Kaliber von Ludwig sollte es kapiert haben, sie will nicht, bzw. ihre Partei.
    Italien hat das Home-Growing vor kurzem legalisiert.
    Toll, die Unterschiede zu unseren Nachbarländern werden immer größer.
    Wir werden eine Insel! Geführt von potentiellen, korrupten Nicht-Denkern.
    Frau Ludwig: Sie wollen keinen Drogentourismus hier?! Ja?
    Ich habe mehrere Jahre ca. 1000 Meter entfernt vom Oktoberfest gewohnt!
    Verzähl keinem, das dieses „Fest“ keine riesen Rauschgiftfete und kein Drogentourismus ist.
    Der nächste Punkt: Frau Ludwig ist sehr befangen: „was ich über Cannabis weiß, reicht schon“. Den Alkoholkonsum hier mit ca. 74.000 toten jährlich erwähnt man besser nicht?! Vorurteilsfrei, eeeecht?
    Als studierte Juristin könnte man meinen, sie hätte die vorhandene Ungerechtigkeit verstanden, aber nö.
    Das ist Hörigkeit gegenüber der Partei!!!
    „schlag die Hand nicht weg, welche dich nährt“!
    Auch kommendem Jahr, wird man sich nicht an andere Zustände gewöhnen müssen.

    Hier nicht!!!

  3. H'79

    Holland hat sich bis heute nicht getraut, klar zu legalisieren sondern verharrt in Widersprüchen. In Deutschland wird inofiziell hochkarätiges Cannabis produziert, das hierzulande ebenfalls inoffiziell (leider nicht nur an Volljährige) verkauft wird, günstig und gern auch mit Rabatt bei Einkauf „nicht geringer Menge“. Amsterdam mag eine Reise wert sein; unsere fünf größten Städte sind es für C-Tourismus definitiv. Und welches Land freut sich nicht über zahlungswillige Touristen, sofern nicht besoffen?! Mit der Union, die uns freilich auch wirtschaftlich mangels Investitionen in Bildung sowie auch ansonsten weitreichend fehlender ökonomischer Kompetenzen kontinuierlich gen Schwellenland führt, geht es neueren UmfrageAuswertungen zufolge bundesweit bei einer „Halbwertszeit“ von zehn Jahren deutlich abwärts. Innovationen umweltfreundlicher Art gehen aufgrund lager-interner Widerstände schleppend-unstetig voran, Stillstand droht bzgl dringlicher Regulierung des Drogenmarktes (vom aktuellen Schwarzmarkt hin zu einem gesund kontrollierten freien Markt). Noch genügt es der Union, weitgehend Regierungsmacht zu erhalten durch ökonomisch schwachsinnige Mästung Reicher (mit nachhaltiger Unterstützung der einstigen Schröder-Regierung) und nicht nachhaltig durchdachte Rentenpolitik.
    Aber durch das Vordringen des gesundheitlich wertvollen Hanfs in die Mitte der Gesellschaft, das auch bei älteren Patientinnen und Patienten zusehsnds (zunächst eher als Medizin) salonfähig wird, werden Schmierfinken in Käseblättern und Propaganda-Lügner im Wahlkampf schon bald nicht allzuleichtes Spiel haben, Cannabis – mit oder ohne THC (durch Anbringung wenig fundierter bis Pseudo-Argumente) der Mehrheit als hochgefährlichen Suchtstoff zu „verkaufen“. Noch fehlen ein paar Prozent, aber die trügerische Meinungs-Mehrheit aufseiten der Prohibitionisten brökelt an diversen Stellen, während sich das seit 90 Jahren verteufelte Edel-Gewächs eindeutig auf dem aufsteigenden Ast befindet. Schon bald werden wir die Niederlande samt der weltstädtischen TouristenMetropole mit dem klangvollen Namen Amsterdam so deutlich übertrumpfen, dass wir unser nordwestliches Nachbarland kaum noch als progressiv-liberales Gras-Paradies wahrnehmen sondern lieber mit den ferneren Italiänern hüben wie drüben Haschisch konsumieren, das übrigens – mit reichlich Fingerspitzengefühl dosiert – als feinsinniges Gewürz auf mediterranem Pizzabelag nicht zuletzt auch kulinarisch beeindruckt.

  4. R. Maestro

    Unseren Alt-Nazis und Neo-Nazis:
    Macht was ihr wolt. Aber überdenkt es, bei ca. 40 Grad minus, in Sibirien,
    hat man nur die Wahl: In die Hose scheißen oder sich beim Scheißen den Arsch abfrieren.
    Unsere Alt und Neo-Nazis, war es eine Ehre angschissen vor Stalingrad zu stehen?
    Was soll das hier?
    Das Volk wird für eine Ideologie gefickt!!
    Einigkeit, Recht und Freiheit, mit 51 Jahren habe ich es nie gesehen!

    Was Trump betrifft:
    Das Amtsenthebungsvefahren läuft. Er wird allen in die Suppe spucken, Hanf wird weiter verboten. Eine Rache von einem arrogantem Volldepp.

    Es wird so kommen.

  5. H'79

    @R. Maestro
    Also wenn du Rechtsextremismus meinst: Der ist doch in Holland nicht gerade weniger ausgeprägt als in den alten Bundesländern.
    Außerdem ist Stalin längst tot, glücklicherweise; glaube nicht dass der besser als Hitler war, aber lasst uns nicht zuviel über unpassende Themen sinnieren.
    Berlin wird hinsichtlich CannabisLiberalisierung [merkt euch wenn ihr mögt diese meine Worte] schon bald liberaler sein als das tourismusmüde Amsterdam oder andere niederländische Orte. Berlin will nicht nur Geld, Berlin will legalisieren!
    Zum Artikel (eigentliches Thema unserer Kommentare): Dass es in Amsterdam fröhliche, liebenswürdige Menschen gibt, freut mich, ist jedoch nicht unbedingt repräsentativ fürs Gesamtklima im rechtskonservativen Holland. Sogar in Amsterdam, wo ich mehrmals war und auch mit Einheimischen Worte gewechselt hab, habe ich durchaus Ernüchterndes in Erfahrung gebracht.
    Sicherlich sind Städte dieser Größe typischerweise auch in Deutschland relativ linksliberal im Vergleich zur großräumigen Umgebung (Hamburg, München, und Frankfurt sind auch linksliberaler als Schleswig-Holstein, OberBayern oder der Taunus).

  6. R. Maestro

    @H`79

    „Berlin will nicht nur Geld, Berlin will legalisieren!“
    Klar will Berlin Geld, aber nicht legalisieren. Wir werden seit eh und jeh verraten und verkauft. Ohne Druck oder Zwang bewegt sich in dieser Richtung NICHTS!
    Unsere „Volksvetreter“ sind eigentlich auch der verkehrte Ansprechpartner.
    Die Wirtschaft, allen voran unsere beschissene Pharmamafia will es nicht und die korrupte Politik springt, wie man es ihr vorgibt, verkauft und verrät uns.
    „schlag die Hand nicht weg, welche dich nährt“! Daran halten sich viele Parteien.
    Gekauftes Pack!

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