Sonntag, 19. Mai 2019

Das Netzwerk der neuen Rechten – Viele alte Erkenntnisse neu verpackt und neue Einsichten

Befindet sich die deutsche Gesellschaft auf dem unaufhaltsamen Weg nach rechts?


Es gibt Bücher, die sind inhaltlich gut, aber nicht unbedingt von hoher gesellschaftlicher Relevanz. Andere Bücher sind nicht unbedingt gut, aber gesellschaftspolitisch unbedingt notwendig. Christian Fuchs und Paul Middelhoff haben mit ihrem im Rowohlt Verlag erschienen Sachbuch „Das Netzwerk der Neuen Rechten: Wer sie lenkt, wer sie finanziert und wie sie die Gesellschaft verändern“ ein Buch vorgelegt, das gesellschaftspolitisch äußerst wichtig ist und wohl auch zum richtigen Zeitpunkt erschienen ist. Denn es gibt kaum ein dringlicheres Thema als das des Rechtsrucks in der bundesdeutschen Gesellschaft.

Zum Inhalt des Buchs: Fast unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit ist ein verhältnismäßig neues und einflussreiches rechtes Netzwerk aus Stiftungen, Vereinen, diversen Medienformaten und geschickt lancierten Kampagnen in Deutschland herangewachsen. Seit Jahren spüren Christian Fuchs und Paul Middelhoff diesen gefährlichen Netzwerken nach: den öffentlich zugänglichen Seiten und denjenigen Aspekten, die zumindest bislang völlig im Dunkeln liegen. Beide Autoren arbeiten für die Wochenzeitschrift „Die Zeit“ und sind Absolventen der renommierten Henri Nannen Schule für Journalisten.
Für das Buch ist das Autorenduo quer durch ganz Deutschland und Europa gereist und sie haben sich mit den wichtigsten Protagonisten der Szene getroffen – insofern diese überhaupt zum Diskurs mit ihnen bereit waren, denn nicht selten wurden auch Interview-Anfragen und inhaltliche Fragen schlichtweg abgelehnt, was einer recht wenig überraschenden Art von Diskursverweigerung von Seiten der Neuen Rechten gleichkommt. Dennoch konnten die Autoren erstaunlich viel erreichen und haben brisante Recherchen zu Tage gefördert: So waren sie einigen geheimen Spendern in der Schweiz auf der Spur und mit einem AfD-Politiker in Serbien unterwegs, der dort länderübergreifend für nationale Souveränität werben wollte.

Fuchs und Middelhoff hatten zudem Zutritt zum Haus der Identitären Bewegung, und sie waren auf einem Festival der Guerilla-Aktivisten und trafen dort auf den Chef von Deutschlands erfolgreichster Hetzseite – bei einem spannend-vielsagenden Gespräch in dessen Küche.

Was wenig verwunderlich ist: Während ihrer Recherchen wurden sie mehrfach massiv bedroht, häufig angelogen, und sie gerieten in den Shitstorm einer rechten Trollarmee. So ist es auch nicht verwunderlich, dass nach dem Erscheinen des Buchs die Wellen allerorts ziemlich hochschlugen. So veröffentlichte der Rowohlt Verlag kurz nach der Publikation des Buchs eine Brandmail, in der aus aktuellem Anlass über die Ereignisse rund um das Buch informiert wurde. Demnach wurden die Autoren im Netz via Mails und Sozialer Medien substanziell bedroht und diffamiert. Das soll sogar so weit gegangen sein, dass ein rechter Blog sein Publikum danach befragte, ob es die Privatadressen der Rowohlt-Autoren öffentlich machen solle, woraufhin – beinahe logisch – in den Kommentarspalten Gewaltaufrufe gegen die Journalisten erfolgten. Offen geht der Verlag mit der ambivalenten Kritik an dem Buch um. So hat „Das Netzwerk der Neuen Rechten“ je nach politischem Standpunkt der Beurteilenden viel Lob, aber auch äußerst massive Kritik hervorgerufen. Es scheint beinahe logisch, dass die Neue Rechte kein Interesse daran besitzt, dass ihre Strukturen, ihre Finanzströme, ihre strategischen Theoriearchitekten und ihre Förderer publik gemacht und bloßgestellt werden. Angeblich soll ein eher rechts orientierter Publizist den beiden Zeit-Journalisten via Blog-Eintrag geschrieben haben, dass sie beim Reichssicherheitshauptamt (RSHA) im Dritten Reich nicht einmal als Pförtner angenommen worden wären. Dass solche Beleidigungen unter der Gürtellinie nichts mit einer diskursiv-inhaltlichen Auseinandersetzung zu tun haben, sondern eher auf persönliche Diffamierung hinauslaufen, scheint offensichtlich zu sein. Aber damit noch nicht genug, denn anscheinend haben neurechte Strategen kurz vor der Veröffentlichung des Buchs mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, das Buch juristisch zu stoppen. Seitdem wären beim Rowohlt-Verlag beinahe unzählige Beschwerden eingegangen, wobei den Autoren bisher keine Fehler nachgewiesen werden könnten – so die Angabe des Verlags. Allerdings habe ich bei der Lektüre leider feststellen müssen, dass manche Beschreibungen zwar nicht wirklich falsch, aber missverständlich geschildert sind. So zum Beispiel liest sich die Beschreibung der Biografie des Compact-Verlegers Jürgen Elsässer so, als ob dieser bis weit in die 2000er-Jahre noch Berufsschullehrer gewesen wäre, was definitiv nicht der Fall ist. Zudem werden viele Erkenntnisse so präsentiert, als ob sie völlig neu seien. Dies entspricht aber nicht der Wahrheit, denn die Autoren haben ihre Erkenntnisse wohl über Jahre hinweg gesammelt und präsentieren diese nun natürlich aus Verkaufsgründen als eher neu denn als bereits bekannt und alt. Es wäre aber bei weitem auch falsch und verfehlt dem Buch zu unterstellen, dass es lediglich alten Wein in neuen Schläuchen enthielte.

Mein Fazit lautet, dass es sich bei dem Sachbuch „Das Netzwerk der Neuen Rechten“ zwar nicht um einen brillanten Geniestreich, aber um ein durchaus wichtiges Buch handelt. Wer Einblick in die Materie über die Neue Rechte erhalten möchte, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Dieser spannend geschriebene Report enthüllt nämlich zum ersten Mal beinahe das ganze Ausmaß des Milieus – seine basalen ideologischen Grundlagen, seine vermeintlich führenden Köpfe, seine wichtigen Zeitschriften, Verlage, Internet-Plattformen, Burschenschaften und die geheimen Finanziers. Wenig überraschend ist dabei, dass viele Verbindungen zur Partei Alternative für Deutschland (AfD) führen, die als einzig relevante Partei im neurechten Spektrum beinahe selbstredend zum Gravitationszentrum der neurechten Strömung geworden ist. Die beiden Autoren zeigen zudem, wie die Neue Rechte versucht, die gesellschaftliche Mitte zu übernehmen und in ihre Bewegung zu inkorporieren. Dabei sind die Erkenntnisse alarmierend.

„Das Netzwerk der Neuen Rechten“ ist ein höchst interessantes und vielleicht sogar streitbares Buch, das aber zur richtigen Zeit am richtigen Ort erschien. Es scheint, als ob dadurch ein Gegengewicht zur immer weiter um sich greifenden Diskursverschiebung nach rechts geschaffen worden wäre. Insofern gilt nicht nur für Politik-Interessierte: Lesen! Denn aus dem Subtext der Lektüre wird auch evident, was die Neue Rechte zum Thema Legalisierung von Cannabis zu sagen hätte, wenn sie denn einmal an der Macht wäre. Und ich denke, dass dies so gut wie keiner unserer Leser*innen sich wünschen würde.

Christian Rausch

4 Antworten auf „Das Netzwerk der neuen Rechten – Viele alte Erkenntnisse neu verpackt und neue Einsichten

  1. Egal

    Das Problem ist das die Politik uns in der Vergangenheit Versprechungen gemacht hat, die sie nicht eingehalten haben!

    Das Volk fühlt sich verraten und im Stich gelassen!

    Das hatten wir doch schon einmal!

    Unter diesen Voraussetzungen ist es natürlich eine Leichtigkeit für Parteien wie die afd an Stimmen heran zu kommen weil diese die Situation ausnutzen!

    Was ich nicht verstehe ist das die SPD und die CDU das bis jetzt noch nicht verstanden haben das sie ihr eigenes Grab schaufeln!

    Es ist jetzt dringend erforderlich das diese Parteien eine Verantwortungs volle Politik vorran treiben!
    Viel Zeit bleibt nicht die nächste Wahl kommt bald!

    Und wenn die SPD meine Stimme haben möchte, so soll sie erst einmal hanf legal machen und sich mit der FDP, Grünen, Linken gemeinsam das Ding umsetzen!
    Zumal die Parteien zusätzliche 1-2 Millionen Stimmen bekommen könnten!
    Das Vertrauen kann derzeit nur aufgebaut werden in dem die Parteien Vorkasse machen!
    Erst legalisierung umsetzen und dann Bäume Pflanzen! Nur dann sind viele von uns bereit die großen Parteien zu wählen!

  2. unbeugsam

    Das schlimmste für die Gesellscahft ist das Schubladen denken von Links nach rechts. In uns allen stecken die Urregeln,Warum kommen die nicht zu Worte…

  3. Otto Normal

    @lalöpsi
    stimmt ist voll offtopic

    […]Es scheint beinahe logisch, dass die Neue Rechte kein Interesse daran besitzt, dass ihre Strukturen, ihre Finanzströme, ihre strategischen Theoriearchitekten und ihre Förderer publik gemacht und bloßgestellt werden.[…]

    Das ist kein besonderes Merkmal von rechten Parteien. Wir erinnern uns einfach mal kurz an die Parteispendenaffaire des CDU-Syndicats mit Kanzler Kohl und dem sog. „Kanzlerehrenwort“

    […] „Beide Autoren arbeiten für die Wochenzeitschrift „Die Zeit“ und sind Absolventen der renommierten Henri Nannen Schule für Journalisten.“ […]

    Ausgerechnet die Wochenzeitschrift „Zeit“, die Hofgazette der Bundesregierung für Leute die glauben zu den Intellektuellen zu gehören. Man braucht sich nur einmal deren Berichterstattung zur Endlösung der Cannabisfrage anzusehen dann weiß man über dieses Blatt bescheid.

    Auch die genannte Schule ist kein Garant für guten Journalismus sondern gibt den Beiden noch einen elitären Anstrich.
    Dazu fällt mir gleich das Sprichwort ein: Ein Amateur hat die Arche Noah gebaut, Fachleute die Titanic

    Das die Rechten kaum Interviews geben – einem Blatt wie dem vorgenannten schon gleich gar nicht – hat einem simplen Grund den man mit einem einzigen Wort beschreiben kann: LÜGENPRESSE!

    Bisher haben immer nur die Konsumenten illegaler Drogen Angst haben müssen. Jetzt aber wo der braune Mob am Horizont auftaucht müssen ALLE Angst haben, die Spießer eben auch.

    Dafür sollten wir dankbar sein.

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