Samstag, 23. Februar 2019

Die drei Opas vom Cannabis Social Club


Hajo Seine Meinung– Sadhu van Hemp


Im Spätsommer 2018 machten drei ältere Herren auf der Kanarischen Insel Fuerteventura Urlaub. Nach drei Tagen Sonne, Meer und Strand ging den kiffenden Opas aus Berlin ein Licht auf: Auf den spanischen Atlantikinseln lässt es sich gut leben – und das fetter und breiter als je zuvor. Nach Hause wollte niemand mehr, und so gründeten die Gentlemen einen Cannabis Social Club auf Teneriffa. Das Hanf Journal besuchte die Rentner-Gang.

Keine drei Monate sind seit der Gründung eures Cannabis Social Clubs hier auf Teneriffa vergangen – und der Laden brummt bereits jetzt. Egon, Benny und Kjeld, erzählt mal, wie es euch in den Sinn kam, auf die alten Tage noch einmal in Sachen Cannabis durchzustarten.

Nun, der ursprüngliche Plan war, ein paar Tage Urlaub auf Fuerteventura zu machen. Kjeld hatte auf der Website des Hanf Journal den Link der Werbeanzeige von „Chillisimo“ angeklickt – und die Sache war sofort klar: High End Holiday – ja, das wollen wir. Gemütlich und friedlich an einem Ort verweilen, an dem wir ohne den deutschen Prohibitionshorror, chillen können – das war ganz nach unserem Geschmack. Uns so sind wir hin, trafen auf Sebastian von „Chillisimo“ … und wurden erleuchtet.

Inwiefern erleuchtet?

Egon meint, dass uns das Licht aufgegangen ist, nicht länger unsere Restlaufzeit in Deutschland zu verplempern. (Benny, ein großgewachsener, sportlicher und gepflegter älterer Herr reicht uns eine frisch gestopfte Bong.) Wir sind seit frühster Jugend die dicksten Freunde und Kiffer der ersten Stunde. Die Prohibition hat uns ein Leben lang begleitet. Was haben wir uns verbogen, um unser kleines Laster geheim zu halten. Permanent schwang über uns das Damoklesschwert, als Konsumenten aufzufliegen und damit beruflich in Teufelsküche zu kommen. Als wir auf die Insel kamen, war uns gar nicht bewusst, dass es auch so etwas wie ein angstfreies Leben gibt. Als uns Sebastian seinen Cannabis Social Club an der Costa Calma zeigte und das spanische CSC-Modell erläuterte, fiel es uns wie Schuppen von den Augen, dass es einer Selbstkasteiung gleichkommt, sein Dasein als Kiffer in Deutschland zu fristen.

Und so habt ihr beschlossen, es Sebastian gleichzutun und auf Teneriffa einen CSC zu gründen. Geht das denn so einfach?

Nun ja, ein bisschen wiehert auch in Spanien der Amtsschimmel. (Kjeld, ein ebenso baumlanger älterer Herr, legt seinen Joint beiseite.) Wir haben dann, um die Sache abzukürzen, einen Advokaten engagiert, der den CSC ordnungsgemäß ins Vereinsregister eintragen ließ und für uns die polizeiliche Anmeldung in die Wege leitete. Binnen zwei Wochen hatten wir alles durch. Um einiges problematischer war, einen fähigen Grower zu finden, der für den Club das Gras wachsen lässt. Auf Teneriffa gibt es unzählige Clubs und die Nachfrage ist hoch. Auch die Suche nach einem geeigneten Standort gestaltete sich schwieriger, als gedacht. Unser Konzept sah nämlich vor, einen Club für deutsche Senioren, die auf Teneriffa residieren, einzurichten. Die Wahl fiel dann auf Los Cristianos. Zwar gibt es hier schon etliche Clubs, aber die sind nicht auf unsere Zielgruppe ausgerichtet. Das Glück wollte es dann, dass wir über einen befreundeten Anwalt in Deutschland das Angebot bekamen, die Räume eines gerade verstorbenen deutschen Ex-Finanzbeamten, der ein Steuerberatungsbüro in Los Cristianos unterhielt, anzumieten. Mit dabei ist ein schönes Apartment mit Blick auf den Atlantik.

Dann seid ihr ja investitionstechnisch in die Vollen gegangen.

Kann man so sagen. (Egon, ein nicht ganz so großer Endsechziger, aber schlank wie eine Gerte, lenkt unseren Blick auf das edle Interieur des Clubs.) Das alles hat schon einiges gekostet. Wir bieten unseren nicht mehr ganz so fitten und belastbaren Mitgliedern eine gepflegte First Class Wohlfühloase, die Entspannung und Ruhe wie in einem englischen Herrenclub garantiert. Das wissen unsere Mitglieder sehr zu schätzen – also auch pekuniär. Der Monatsbeitrag beträgt einhundert Euro, und wer zusätzlich in die Clubkasse spendet, der darf als Premiummitglied so viel quarzen, wie er will – und wenn’s von morgens bis abends ist.

Euer Aufwand ist sehr hoch. Ihr habt eine Küchenmamsell und einen Butler eingestellt, die die Clubmitglieder mit allerlei Getränken und Süßspeisen verwöhnen. Internationale Presse liegt aus, ihr veranstaltet Lese- und Musikabende, und ein privater Chauffeurdienst bringt die betagten Mitglieder sicher und bequem nach Hause. Rechnet sich das denn?

Ja, und wie! (Kjelds Gesicht überzieht ein breites Grinsen.) Aber nicht so, wie ihr es euch vorstellt. Die spanischen Cannabis Social Clubs sind, wie der Name schon sagt, keine profitorientierten Unternehmen, sondern eine Art Kooperative zum Hanfanbau, um den Eigenbedarf der Mitglieder zu decken. Der Grower bekommt sozusagen nur eine Aufwandsentschädigung und wir sind Angestellte des Clubs. Das, was in die Kasse fließt, und die Clubausstattung sind Vereinsvermögen. Und das wächst mit jedem neuen Clubmitglied. Nach nur drei Monaten haben wir bereits knapp 150 Mitglieder und täglich werden es mehr. Vornehmlich deutsche Residenzler, die eintreten, weil sie sich bei uns in guten Händen wissen. Nein, um Profit geht es uns nicht. Wir haben alle eine gute Pension. Wir achten nur darauf, dass die Sozialarbeit, die wir hier auf unsere alten Tage leisten, anständig honoriert wird.

Wie es aussieht, läuft die Sache wie geschmiert. Ihr habt keine Angst vor den Strafverfolgungsbehörden und Trouble mit der Unterwelt habt ihr auch nicht. Was glaubt ihr, wie wird sich euer Lebensabend neben dem Vereinsleben künftig auf der Insel gestalten? Und was ist mit Deutschland? Habt ihr gar kein Heimweh nach Berlin, wo ihr nach dem Krieg das Licht der Welt erblickt habt?

Nö, Heimweh nach Dunkeldeutschland haben wir ganz und gar nicht. (Benny und seine beiden Freunde lächeln uns mild an.) Zumindest nicht im Winter, wenn in der Stinkestadt die Kanalisationsdeckel dampfen. Notgedrungen mussten wir in den letzten Monaten ein paar Mal heimfliegen, um persönliche Dinge zu regeln. Ich zum Beispiel musste meiner Frau beibringen, dass ich zukünftig nicht mehr in Deutschland leben werde. Nein, Berlin ist nicht mehr erste Wahl. Aber sicher werden wir in den Sommermonaten hin und wieder dort aufschlagen und Werbung für unseren Club machen.

Und du, Kjeld, du guckst so skeptisch.

Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich den ewigen Frühling hier auf den Kanaren dauerhaft ertragen kann. Manchmal fehlen mir schon das graue Schmuddelwetter, der Dreck auf den Straßen und die ewig schlechtgelaunten Berliner. Blöd auch, dass ich mich hier auf Teneriffa immer gesund und munter fühle und nicht mehr ständig zum Arzt oder in die Apotheke rennen muss.

Wie jetzt? Du veräppelst uns, Kjeld!

Kjeld spinnt. Der Knabe fühlt sich hier pudelwohl. (Alle drei Opas kichern und schauen uns mit verschmitzen Äuglein an. Egon stopft eine Hanfblüte in den Grinder.) Es ist wirklich erstaunlich, wie wenig es uns derzeit nach Deutschland gelüstet. Dabei lassen wir schon ordentlich was zurück. Die Sache mit Bennys Frau, die partout in Berlin bleiben will, ist schon eine ziemliche Baustelle. Auch Kjelds missratene Kinder und Kindeskinder sind überhaupt nicht einverstanden, dass der Patriarch nicht mehr so schnell zur Stelle ist, um mit großzügigen Spenden die Nichtsnutze zu unterstützen. Wir sind durchaus im Zwiespalt, ob wir nicht doch etwas zu egoistisch handeln. Ich denke, die Zeit wird zeigen, ob wir hier auf den Kanaren eine Zukunft haben. Wenn nicht, dann haben wir zumindest mit dem CSC wertvolle Aufbauarbeit geleistet, was die Versorgung der deutschen Community mit Cannabis betrifft. Und der Witz ist ja, dass wir mit unserem Club im Grunde unter unseresgleichen bleiben, so dass uns die deutsche Spießerkultur näher ist, als uns eigentlich lieb ist. So, nun aber Schluss mit der Arbeit! Jetzt dampfen wir erstmal eine richtig schöne Old-School-Tüte mit ordentlich Tabak drin.

Egon, Benny, Kjeld, wir danken euch für das aufschlussreiche Gespräch. Bleibt auf dem Quivive und genießt das sorgenfreie Leben unter freiem Himmel.

Eine Antwort auf „Die drei Opas vom Cannabis Social Club

  1. Rainer Sikora

    Manche Dinge muß man einfach machen.Allen kann man es sowieso nicht recht machen,und irgendwer hat so oder so Nachteile durch das Verhalten anderer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.