Sonntag, 8. Juli 2018

Geheimtipp Den Haag

 

 

Interessante Scene und mal was anderes

 

 

Autor: Christian Rausch

 

Amsterdam, Rotterdam … und? Warum nicht einmal was Neues ausprobieren, denn Windmühlenland hat bekanntlich mehr zu bieten? Wie zum Beispiel: Den Haag. Die Stadt liegt eine Autostunde von Amsterdam entfernt. Der halbstündig verkehrende Zug benötigt knapp eine dreiviertel Stunde. Den Haag besitzt zwar keinen direkten Zugang zum Meer, aber das gediegene Strandbad Scheveningen, das vor der Haustür liegt (sechs Kilometer entfernt), ist stilvoll und beeindruckend. Noch ein paar allgemeine Informationen über Den Haag, da die Stadt bei deutschen Touristen weniger bekannt ist als Amsterdam. Obwohl Amsterdam die Hauptstadt der Niederlande ist, sitzen in Den Haag das niederländische Parlament und die niederländische Regierung. Zugleich residiert die königliche niederländische Familie in Den Haag. Im Gegensatz zu anderen Städten in den südlichen Niederlanden ist in Den Haag kein Wietpas eingeführt worden. Mit über einer halben Million Einwohnern ist Den Haag die drittgrößte Stadt der Niederlande – dennoch alles mit einem gemütlich-gechillten Flow. Dass in Den Haag der Internationale Strafgerichtshof sitzt, der Kriegsverbrecher ihrer Strafe zuzuführen versucht, ist nicht zu bemerken. Noch ein kulinarischer Umweg, der aber für die nach THC-Genuss einsetzenden Munchies entscheidend sein kann.

 

Nachdem man den Hauptbahnhof Den Haag verlassen hat, befindet man sich in Chinatown. Amsterdam, Einige niederländische Städte besitzen Chinatowns, aber keine ist so „mittig“ in das Stadtbild „reingepresst“ wie diejenige in Den Haag. In der Nähe von Den Haags „Grote Marktstraat“ (große Einkaufsstraße), befindet sich ein imposantes chinesisches Tor. Die Straßenschilder sind zweisprachig und die Straßen werden durch große, rote Lampions geschmückt. Insbesondere authentische chinesische Restaurants sind hier zu finden, in denen köstliche Dim Sum Gerichte, Wan Tans oder andere Köstlichkeiten feilgeboten werden. Wem der Stress in einem Restaurant zu viel ist, der kann sich in einer Bäckerei (Rausch’s Geheimtipp: St. Anny Bakery) mit exotischen, wunderbar mundenden Spezialitäten eindecken. Vom Schweinefleischbrötchen bis zum Riceball mit Puddingfüllung gibt es hier feinstes Essen zu zivilen Preisen zu erwerben, das es sonst nur in China oder in anderen großen europäischen Chinatowns gibt.

 

Und die Coffeeshop-Scene? Highlight von Den Haags Coffeeshop-Scene ist das „Cremers“, das in der Prinsestraat 84 liegt. Zwar weiß jedes Kind, dass sich THC- und Alkoholkonsum nicht zwangsläufig vertragen, dennoch bedauern viele Kiffer zutiefst, dass in den niederländischen Coffeeshops seit einiger Zeit ein striktes Alkoholverbot durchgesetzt worden ist. Das „Cremers“ hat hierfür eine elegante Lösung gefunden. Der Coffeeshop befindet sich im Erdgeschoss eines alten Hauses und der Laden besitzt hohe Fenster und viel Licht. In den Verkaufsvitrinen befinden sich nützliche Dinge des täglichen Bedarfs, wie Papers, Grinders, Bongs. Das „Cremers“ verkauft aber auch Bücher, die jeder Stoner der Welt gelesen haben sollte, zum Beispiel Howard Marks‘ Klassiker „Mr Nice“.
Um das Kiffen geht es hinter dem hellen, freundlichen Verkaufstresen. Dort wartet junges und fachkundiges Personal. Obwohl der Verkaufsraum nicht klein ist, drängen sich die Kunden um den Tresen und die Vitrinen und studieren das Angebot, das sich sehen lassen kann und sich keinesfalls vor denjenigen Amsterdams oder Rotterdams verstecken muss.
Auf Samsung-Flachbildschirmen wird das Sortiment des Ladens angepriesen. Das „Cremers“ preist über 20 (!) Grassorten an und die gut sortierte Karte weist sofort aus, was Sativa- und was Indica-Genuss verspricht. Weitere Kategorisierungen helfen dem Kunden bei der Entscheidungsfindung. So wird zwischen einheimischem und ausländischem Gras unterschieden und dann gibt es Spezialitäten.

 

Spätestens beim Kerngeschäft zeigt sich, was für günstige Preise das „Cremers“ hat. Ein Gramm Master OG Kush kostet zwölf Euro. Thailändisches und jamaikanisches Gras sind für fünf Euro das Gramm zu erwerben. Bemerkenswert ist auch, dass das „Cremers“ seltene Sorten im Angebot hat. Mir sind auf meinen häufigen Reisen durch die Niederlanden bisher „Crystal Koma“ oder „Enemy oft the State“ (je 9 Euro das Gramm) eher selten untergekommen. Die Hasch-Auswahl fällt gegenüber dem riesigen Gras-Sortiment eher kleiner aus, aber immer noch mit fairen Preisen. „Ketama Gold“ kostet fünf Euro pro Gramm und „Super Polm“ einen Euro fünfzig mehr. Da bin ich aus Amsterdam teilweise ganz andere Preise gewohnt. Die Ware ist trotz der guten Preise 1a-Qualität, frisch und ziemlich stark.
Hat man sich im Coffeeshop eingedeckt, so muss man diesen verlassen, um das Zeug konsumieren zu können. Dafür ist der Abstieg in einen nahe gelegenen Keller notwendig. Und hier kommt der Kniff oder Trick des „Cremers“ zum Tragen. Dabei handelt es sich um eine Kneipe, in der Kiffen erlaubt ist. Dieser Teil des „Cremers“ besitzt eine Auswahl von über sieben Fassbieren und zahlreichen Flaschenbieren. Okay, die Kellerkneipe ist ein wenig dunkel und wer nicht viel Erfahrung mit Kiffen hat, sollte es hier nicht übertreiben, da die Dunkelheit und Enge leicht Panikzustände hervorrufen können. Aber der schön her gerichtete Tresen-Bereich, die gemütlichen Sitzbänke zum Chillen und angenehm laute Indie-, Alternative- und Elektromusik laden hier zum dauerhaften Verweilen und Kiffen ein. Die Bierpreise sind weder günstig noch teuer – einfach Standard für die Niederlande. Ein Schild über dem Zapfhahn weist darauf hin, dass es das Recht des „Cremers“ ist, die Gäste nach einer Stunde Aufenthalt zu bitten, das Etablissement zu verlassen, was bei mir aber nicht der Fall war. Wer nach Den Haag reist, sollte sich das „Cremers“ auf keinen Fall entgehen lassen. Und wer sich in der Nähe von Den Haag aufhält, sollte sich nicht zuletzt aufgrund des „Cremers“ überlegen, die Stadt mit einem Besuch zu beehren. Denn schon alleine das „Cremers“ ist eine Reise nach Den Haag wert.

 

Es gibt noch weitere coole Coffeeshops in Den Haag, z.B. „The Freak Brothers“ nach den gleichnamigen Comics aus den USA. Der Coffeeshop liegt etwas abseits des allgemeinen. Im Westeinde 86 empfängt der Coffeeshop die Kundschaft in einer typischen niederländischen Seitengasse – mit gepflegten, kleinen Häuschen und herausgeputzten Fassaden. Zunächst betritt man im „Freak Brothers“ den in hellem Holz freundlich gehaltenen Dealer-Bereich. Schön sind die hohen Fenster, die Licht hereinlassen. Die Menü-Karte ist im Vergleich zum opulenten Oeuvre des „Cremers“ vergleichsweise bescheiden. Es finden sich acht Gras- und drei Hasch-Sorten darauf. Die Preisstruktur ist mit derjenigen des „Cremers“ vergleichbar, also recht günstig. Der Raucherraum ist in hellem Holz gehalten und es läuft eine angenehm-dezent laute Rockmusik. Das Publikum ist gediegen und ich kann hier – im Gegensatz zum „Cremers“, in dem sich auch wenige Touristen befanden – nur „Locals“ ausmachen. Die junge, blonde Bedienung hat sich bei der Beratung viel Zeit gelassen und Mühe investiert und den Kaffee serviert sie mir mit einem Lächeln, das mich schon vor dem THC-Genuss dahinschmelzen lässt. Es lässt sich festhalten: Im „Freak Brothers“ heißt es ebenso cool chillen wie anderswo und obwohl es keine Alkoholika im Angebot gibt, schmecken Kaffee und Cola auch nicht übel.

 

Als letzte Anlaufstation steuere ich den Coffeeshop „Call it the Game“ an, der auch „Blowcafe“ genannt wird. Die Location liegt wieder zentral, in der Nieuwstraat 4, ganz in der Nähe der bekannten protestantischen Kirche „Grote of Sint Jacobskerk“. „The Game“ befindet sich im ersten Stockwerk und ist nur – wie in Holland häufig üblich – über ein steiles Treppengeländer zu erreichen. In dem von Nordafrikanern geleiteten Coffeeshop werde ich herzlich willkommen geheißen. Ein Schild am Verkaufstresen besagt, dass keine Soft-Drugs an Personen unter 18 Jahren verkauft werden. Angenehm fallen mir die Kräuter auf, die zur Verfügung stehen, sodass der THC-Konsument keinen Tabak in sein Tütchen oder in seine Bong beimischen muss. Die Karte finde ich mit zehn Gras- und sieben Haschsorten recht ansprechend. Im Gegensatz zu den beiden anderen besuchten Coffeeshops wird hier nicht der Preis per Gramm festgelegt, sondern es gibt Portionen für acht oder sechzehn Euro. Auch hier sind die Preise günstig. „Afghane“ und „Ketama Gold“ sind für je sechszehn Euro pro vier Gramm zu haben. Die Qualität ist gut und die Ware frisch. Nur ist leider im „The Game“ um diese Zeit nicht viel los, so dass ich am Fenster sitze und die Aussicht auf die kleinen Gassen und die Kirche genieße.

 

„Abends ist hier immer viel los“, klärt mich einer der beiden Besitzer auf. „Da geht hier richtig was ab. Manchmal kommt richtige Partystimmung auf.“
Ich verabschiede mich mit Handshake und verspreche irgendwann einmal am Abend vorbeizuschauen.
Natürlich hat Den Haag noch mehr Coffeeshops als die drei beschriebenen zu bieten. Die Auswahl basierte auf Vorrecherchen und ersten Eindrücken vor Ort. Obwohl die Stichprobe von drei Coffeeshops nicht wahnsinnig groß ist, denke ich dennoch, einen guten, treffenden Eindruck über die Coffeeshop-Scene in Den Haag erhalten und hier wiedergegeben zu haben.

 

Insofern kann ich guten Gewissens eine Reiseempfehlung aussprechen. Ja, Den Haag ist eine Reise wert. Unbedingt. Wer in die Niederlande fährt, sollte auch Den Haag als Reiseziel aussuchen oder aber zumindest eine Stipp-Visite einplanen. Die Stadt an sich ist schön, bunt und lebhaft und steht anderen niederländischen Städten in kaum einem Punkt etwas nach. Die Coffeeshop-Scene ist bunt, divers und im Gegensatz zu Rotterdam gib es in Den Haag „klassische“ Coffeeshops, in denen der Kunde die Ware erwirbt und anschließend auch konsumieren kann. Die Shops sind liebevoll eingerichtet, gut in Schuss gehalten, die Kundschaft wirkt gepflegt und das Personal ist freundlich und fachkundig. Und dass das „Cremers“ auch Bier anbietet, finde ich sehr bemerkenswert. Last but not Least noch zu den Themen Preisstruktur und Qualität der Ware. Hier besitzt Den Haag eindeutig einen Pluspunkt vor der niederländischen Kiffer-Metropole Amsterdam, aber auch weiteren niederländischen Städten. Die Gras- und Haschpreise sind in der Summe zivil, die Ware ist frisch und die Qualität gut. Was will man mehr? Eben. Das Gesamtpaket stimmt und wer offen für neues ist, der ist in Den Haag genau richtig aufgehoben.

 

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