Sonntag, 28. Januar 2018

Über Revolution, Kunst und Kiffen

 

Christof Wackernagel, Ehemaliger aus der RAF, hat noch viel vor

 

 

 

Mit vollem Namen heißt er Christof Michael Wackernagel und wurde 1951 im schwäbischen Ulm geboren. Heute ist er Schauspieler, Schriftsteller und Maler. 1977, als die linksextremistische Rote Armee Fraktion (RAF) die Machtfrage an den deutschen Staat stellte, tauchte er in den Untergrund ab und schloss sich den Freiheitskämpfern, die sich nicht weniger als die Weltrevolution auf die Fahnen geschrieben hatten, an. Doch das Leben im Untergrund währte nicht lange.

 

Begonnen hatte es genauso wie bei vielen anderen. Mit zwei Freunden erwarb er eine Druckerei, die Arbeiten für die Rote Hilfe erledigte und Comics druckte, die die Lieblingslektüre eines jeden Kiffers sind: Seyfried-Comics. Es folgte ein zunehmendes Engagement für die RAF-Inhaftierten der ersten Stunde: Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und andere. Wenn Wackernagel von früheren RAF-Zeiten erzählt, bekommen seine Augen auch heute noch einen eigenartigen Glanz. Niemand würde heute auf die Idee kommen, dass es sich bei dem ganz in Weiß gekleideten Herren knapp jenseits der Sechzig um einen ehemaligen steckbrieflich gesuchten „Terroristen“ handelt. Aber „Terroristen“ sind für ihn die anderen.

 

„Terrorismus ist für mich, wenn Großkonzerne wie die Deutsche Bank, Nestlé oder Coca Cola ihre Interessen weltweit mit militärischer Gewalt durchsetzen. Diese sogenannten Global Players sind teilweise aus reiner Profitgier dafür verantwortlich, dass Hunderttausende von Menschen weltweit keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Die Profitsucht wird hier über das Wohl des Menschen gestellt und dabei sterben Menschen. Solange es Militär, Polizei oder andere Ordnungskräfte gibt, die das, falls nötig, mit Waffengewalt durchsetzen, ist das für mich Terrorismus.“ Solche kämpferischen Worte klingen wenig nach Versöhnung. Im Gegenteil, da schwingt noch viel „alter ideologischer Ballast“ mit, auch wenn man geneigt sein mag, die oben stehenden Ausführungen inhaltlich zu teilen. Über seinen Weg in die RAF erzählt Wackernagel gern. In seinem neuen, im „zu Klampen“-Verlag erschienenen Buch „RAF oder Hollywood – Tagebuch einer gescheiterten Utopie“, schildert er minutiös seinen Weg in den Untergrund. Der Stuttgarter RAF-Anwalt Klaus Croissant engagierte ihn als Tontechniker bei den sagenumwobenen Stammheimer Prozessen gegen die erste RAF-Generation.

 

„Andreas Baader war ganz anders, als er heute in den Medien dargestellt wird“, insistiert Wackernagel. „Er hatte einen kleinen Sprachfehler, lispelte ein wenig und war sehr sanftmütig. In den heutigen Verfilmungen wird er doch nur als Schimpfwörter von sich gebender Soziopath dargestellt, der nicht viel im Kopf hat. Das stimmt absolut nicht. Und Gudrun Ensslin war eine ganz Freundliche, Liebe, die sogar mütterliche Züge an den Tag legte.“ Auf die Frage hin, welche Rolle denn Gras und Haschisch bei der Revolution gespielt haben, grinst Wackernagel. Beides habe bei seinem Entschluss, sich der RAF anzuschließen, eine wesentliche Rolle gespielt. „Denn wer kifft, der macht die sinnliche Erfahrung, dass eine gerechte und menschenwürdige Welt, in der alle Menschen gleich viel wert sind, möglich ist. Je nach Temperament und Charakter gibt diese Erfahrung Motivation und Kraft für diese beste der möglichen aller Welten zu kämpfen.“ Zudem hätte es innerhalb der RAF die „Kiffer-Fraktion“ als Fraktion in der Fraktion gegeben, zu der er intuitiv ein Vertrauen gefasst habe.

 

„Das ist ein wichtiger Punkt. Das gehört untrennbar miteinander verbunden: Kiffen und Revolution. Und ja, die Mythen die es um den damals vermeintlich besten und sichersten Hochsicherheitstrakt der Welt gab, stimmen. Wir haben als Assistenten der Verteidigung Haschisch-Platten in den Knast geschmuggelt. Feinstes Stöffchen. Mann, das ging sogar in die Kilos.“ Was er bis heute kaum verstehe, sei, wie die Stammheimer Gefangenen so viel hätten kiffen können – unter strengster Überwachung des speziell ausgebildeten und sorgfältig selektierten Schließer-Personals. Denn nach drei Tagen war eine Hundertgramm-Platte in der Regel bereits weggeraucht. Aber das ging noch weiter. Wer heute historische Aufnahmen von Baader, Ensslin und Raspe sieht, wie sie zum Justizgebäude in Stuttgart-Stammheim gefahren werden, der kann sich schon wundern, wie entspannt die drei Freiheitskämpfer mitunter wirken. Aber auch dafür hat Wackernagel eine Erklärung parat, schließlich war er vor Ort und versorgte seine inhaftierten Gesinnungsgenossen mit der begehrten THC-Ware.

 

„Also, wenn keine wichtigen Prozesserklärungen anstanden, waren Andreas, Gudrun und die Anderen, wenn sie den Gerichtssaal betraten, ziemlich stoned. Die kamen mit einem herrlichen Lächeln und entspannt in den Gerichtssaal, was bei einem Gerichtsverfahren, in dem es um eine lebenslängliche Haftstrafe geht, ungewöhnlich ist. Bei dem Lächeln spürte ich dann eine menschliche Wärme und Nähe, die mir ein unumstößliches Urvertrauen in alles gaben, für was die RAF und ihre Freiheitskämpfer standen.“

 

Und dann ging alles ganz schnell. 1977 blies die RAF zum Angriff auf die Bundesrepublik Deutschland. Der Generalbundesanwalt Siegfried Buback (der höchste Ankläger Deutschlands) wurde im Frühjahr von einem RAF-Kommando erschossen. Dann erfolgte der Entführungsversuch des Vorstandssprechers der Dresdner Bank, Jürgen Ponto. Die Entführung misslang, da sich das Opfer heftig wehrte. Ponto wurde erschossen. Im Herbst 77 schließlich wurde der Deutsche Arbeitgeberpräsident und Vorsitzende des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Hanns Martin Schleyer, von der RAF entführt. Es folgten für alle Seiten schwere, belastende Stunden, aber die Bundesregierung hatte den Entschluss gefasst, mit den „Terroristen“ nicht zu verhandeln. Das Ende ist bekannt: Schleyer wurde erschossen und die Stammheimer Gefangenen begingen Selbstmord. Doch auch nach dem Fiasko für die RAF blieb Wackernagel der Truppe treu.

„Entscheidend war für mich das hohe Maß an Verbindlichkeit, das bei der RAF herrschte. Das kannte ich in dieser Form nicht. Beim Film und in der Kunstszene war etliches beliebig. Sobald ein gemeinsames Projekt beendet worden war, gingen alle schnell getrennter Wege. So etwas gab es bei der RAF auf keinen Fall.“

 

Wackernagel stand damals vor der schweren Entscheidung, ob er sich für ein Leben im Untergrund oder für eine Hollywood-Karriere entscheiden sollte. Denn er war damals im Gespräch für die Hauptrolle der Hollywood-Produktion „Midnight Express“. In der Presse wurde er als der deutsche Marlon Brando gehandelt. Für die Rolle des amerikanischen Dealers in „Midnight Express“ qualifizierte ihn u.a. seine jahrelange Erfahrung mit Gras und Hasch. Bereits auf dem Gymnasium kiffte er, was das Zeug hielt. Und die Lehrer wussten damals nicht über THC-haltige Produkte Bescheid und rügten die Schüler wegen ihrer ziemlich großen „Zigaretten“. In „Midnight Express“ wird die Verhaftung des amerikanischen Dealers auf dem Flughafen in Istanbul und seine dramatische Flucht aus dem türkischen Gefängnis geschildert. Doch Wackernagel entschied sich gegen Glanz und Glamour von Hollywood und für ein Leben als Revolutionär im Untergrund. Gegenüber der Frau von Volker Schlöndorff erwähnte er, dass er für sich in den Untergrund ginge und für sonst niemand. Alles gute Zureden half nichts: Wackernagel tauchte ab und schloss dich der RAF an.

 

Im deutschen Herbst wurde nach ihm steckbrieflich gefahndet. Nach dem „Deutschen Herbst“ schickte ihn die RAF nach Amsterdam, wo er Aufträge zu erledigen hatte. Dort traf er am 10. November 1977 dann auf seinen Freund und Kampfgenossen Gert Schneider. Eigentlich wollte Wackernagel mit dem letzten Zug nur noch raus aus Amsterdam. Aber der holländische Dope-Dealer hatte Verspätung. Als er da war, war der letzte Zug bereits weg. Was folgte, war tragisch. Es gab eine bewaffnete Auseinandersetzung mit der niederländischen Polizei und deutschen Zielfahndern. Schüsse fielen und es flog eine Handgranate. Getötet wurde zum großen Glück niemand.

„Heute bin ich mit dem Polizisten befreundet, den ich beinahe erschossen hätte. Wenn ich meinen einstigen Feind mit meinem Sohn spielen sehe, kommen mir Tränen der Rührung“, gesteht Wackernagel.

Wackernagel wurde verhaftet. 1980 wurde er nach seiner Überführung aus den Niederlanden in die BRD vom Oberlandesgericht Düsseldorf wegen Mordversuchs und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu 15 Jahren Haft verurteilt. Knapp sechs Jahre später distanzierte sich Wackernagel in Haft von der bewaffneten Politik der RAF.

 

Dabei wurde er aber nicht zum Verräter, der andere, ehemalige Kampfgenossen belastete oder verriet. Berühmte Künstler setzten sich für seine vorzeitige Entlassung ein. Im Knast fing er mit dem Schreiben an: Kurzgeschichten, Novellen, Romane und immer wieder politische Essays und Aufsätze. Denn trotz seiner Abkehr von der bewaffneten revolutionären Politik blieb er ein kritischer Geist. Unbequem, gerade heraus und ständig den Herrschenden und der Gesellschaft einen Spiegel vorhaltend. Kiffen spielte nach der Knast-Zeit im beruflichen Leben eine Rolle. Er wurde für viele große deutsche Produktionen wie „Männerpension“ gebucht. Im Kiffer-Film „Lammbock“ spielt er den Polizisten, der den THC-haltigen Rauch beinahe minutenlang inhaliert. Nach dem Zusammenhang von Kunst und Kiffen befragt, gibt er folgendes zu:

„Es gibt es da schon einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Cannabis-Konsum und Kreativität. Beim Film, auf dem Set und sonst wo, wird unglaublich viel gekifft, das kann man sich kaum vorstellen. Das betrifft häufig alle, vom Kabelträger bis zum Regisseur. Als ich das Lammbock-Drehbuch in die Finger bekam, war für mich sofort klar, dass ich den Bullen oder niemanden spiele. Und so kam es auch.“

 

Das „40-jährige Jubiläum“ des „Deutschen Herbstes“ hat bei Wackernagel alte Wunden aufgerissen, aber zugleich Ansatzpunkte für neue Initiativen geliefert.

„Momentan arbeite ich an einem Projekt, dass eine General-Amnestie für alle Ehemaligen der RAF beinhaltet. Das bedeutet, dass alle aus politischer Überzeugung heraus getätigten Straftaten im Zusammenhang mit der Roten Armee Fraktion juristisch nicht mehr belangt werden können.“

Auf die Frage hin, was er noch mit der Kampagne bezwecke, wiegt er den Kopf hin und her und überlegt.

„Mich belasten im Zusammenhang mit der RAF nach wie vor etliche Dinge. Da ist erstens das Leid, das die Angehörigen der Opfer durchlitten haben. Und viele von ihnen wissen bis heute nicht genau, wer ihre Väter getötet hat. Diese Ungewissheit ist menschliches Leid, das unnötig ist. Aber da Mord nicht verjährt, besteht auch keine Chance, dass die Betroffenen sich hierzu frei äußern werden, da ihnen sonst ein neuer Prozess droht. Dann gibt es immer noch mindestens drei Untergetauchte aus der 3. Generation der RAF. Diese drei sehen sich aufgrund des teuren Lebens in der Illegalität gezwungen, bewaffnete Raubüberfälle auf Geldtransporter und Supermärkte zu verüben. Zum Glück ist bis heute niemand getötet worden, aber wer weiß, wie lange das so bleibt. Durch eine General-Amnestie könnten sie aus dem Untergrund auftauchen und würden die Gefahr, dass es bei einem Überfall oder einem möglichen Polizeizugriff Tote gibt, minimieren. Und es gibt meines Erachtens Bereiche, in denen der Staat in der Auseinandersetzung mit der RAF Schuld auf sich geladen hat. Natürlich ist es das Recht der Sieger, darüber stillschweigend hinwegzugehen. Aber mir geht es darum, dass diese Missstände ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gezerrt werden. 40 Jahre „Deutscher Herbst“ haben gezeigt, wie virulent diese Themen alle sind und dass einen gesellschaftlichen Aufklärungs- und Erklärungsbedarf gibt.“

 

Auf den Einwand hin, ob er sich denn Erfolg von seiner General-Amnestie-Kampagne verspricht, erwidert er:

„Meine Mitinitiatoren und ich gehen nicht unmittelbar davon aus, dass der Bundespräsident oder die Legislative tatsächlich eine General-Amnestie auf den Weg bringen werden. Aber es geht um weitere Aspekte. Das erklärte Ziel der Initiative ist es, dass die kommunikative Schweigespirale zwischen Staat, ehemaliger RAF und den Angehörigen der Opfer durchbrochen wird, um einen offenen gesellschaftspolitischen Reflexionsprozess über dieses zentrale Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte in Gang zu setzen. Auf dieser Grundlage könnte dann der Ansatz für einen Verständigungs- und Versöhnungsprozess gegeben sei.“

Auf die Frage hin, wer denn den Aufruf unterstütze, leuchten Wackernagels Augen.

„Uns unterstützen ganz viele Menschen. Namentlich unterzeichnen den Aufruf Bundesinnenminister und Vizekanzler (a.D.) Dr. Klaus Kinkel, Oscar-Preisträger Volker-Schlöndorff, einer der besten deutschen Regisseure, Dominik Graf und der Grandsigneur der deutschen Bühne Claus Peymann.“

 

Stimmt, das ist eine feine, elitäre Unterstützer-Riege. Abschließend frage ich noch, ob er die vollständige Legalisierung von Cannabis unterstützt. Doofe Frage. Die Antwort ist glasklar und dürfte die Leser dieser Zeitung freuen.

 

Christian Rausch

6 Antworten auf „Über Revolution, Kunst und Kiffen

  1. Witzbold

    Bei der Überschrift wusste ich das es um RAF geht.

    Ich bin politisch völlig desinteressiert finde es aber beängstigend wie sehr dieses Magazin verstärkt in die linke Ecke abtrifftet.
    RAF waren Mörder die nichts verändert haben.

  2. E.B.

    „Denn nach drei Tagen war eine Hundertgramm-Platte in der Regel bereits weggeraucht.“
    Sieh an, ein Hochsicherheitstrakt als ungenierte Über-Kiffer-Hochburg. Wer sollte sich auch an einem schmuggelbeweisenden Geruch resp. Verhalten stören?

    Credibility ade, Wackernagel!

    „Das gehört untrennbar miteinander verbunden: Kiffen und Revolution.“
    Noch son Gewäsch, diesmal im Geiste Anslingers. Olle Mao hat das m.W. ganz anders gesehen (irgendwas in der Art „verklebt das Getriebe der Revolution“).

    Naja, das Prinzip des falschen Legionärs im fremden Lager ist nicht gerade neu. Es bei einem Überlebenden der RAF zu finden, machte es nicht gerade erstaunlicher.

  3. jürsche

    Weiter so, die Kiffergemeinde bedient alle Klischees, die gegen sie ins Feld geführt werden. Kiffen macht kreativ, revolutionär, lässt einen die Utopie von einer gerechten Welt verfolgen, blablabla. Der gleiche Quatsch hat doch erst die Prohibition verfestigt, weil über den Umweg des Drogenstrafrechts ein Weg gefunden war, politisch missliebige, linke friedensbewegte Gruppen zu kontrollieren und zu schikanieren. Der Gegenbeweis, dass also Kiffer nicht zwagsläufig Kommunisten werden, ist gerade in Colorado und Kalifornien zu bestaunen, da ist nix mit love & peace, da ist Kapitalismus in Reinkultur, auch wenn die Protagonisten teilweise Hipsterbärte oder Dreadlocks haben. Meine Güte, ich dachte echt, wir wären schon ein bisschen weiter, auf dem Niveau wird sich politisch garantiert nichts für die Pflanze bewegen *kopfschüttel*

  4. Konzerndiktatur

    Revolution ist ,wenn du mit einem Schild „Luxussteuer“ oder „Mord verjährt nicht“ vor der Kirche stehst sowie mit Maomütze und Arbeitsklammoten früh im Caffe Chillen und nachher Flanieren tust ,im Berufsverkehr, mit Feinstaubmaske . Ohne RAF gäbe es keine ,Graffitis wie „RAF Dich Auf “ und die ,Gewissheit das Wiederstand Pädagogik bzw. Bildung ist .

  5. Molli

    Kiffergemeinde? Die Menschen hatten politische Ziele. Vielleicht auch mit den falschen Mitteln. Das liegt im Auge des Betrachters. Auf jeden Falle hatten diese Menschen Ziele. zumindest besser als diese ungebildeten Hetzer von heute. Und diese, die grundsätzlich politisch „desinteressiert“ sind, die halten sich bitte zurück!!! RAF salopp als Mörder und Terroristen zu bezichtigen ist zu einfach. Dazu sollte man sich besser mit den Geschehnissen und der Geschichte auseinandersetzen.

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