Sonntag, 18. September 2016

Wenn aus Tätern Opfer und aus Opfern Täter werden

 

 

Von Sadhu van Hemp

 

Foto: freeimages/sivann
Foto: freeimages/sivann

 

Täglich werden in Schland 150 bis 250 Personen als vermisst gemeldet, und nicht jede taucht wieder auf. Einer dieser rätselhaften Vermisstenfälle ist Claudia B., die 2006 von einer Minute auf die andere verschwand, ohne auch nur die geringste Spur zu hinterlassen. Über ein Jahrzehnt fischte die Polizei auf der Suche nach der damals 25-jährigen Kollegin im Trüben – doch nun kommt Licht ins Dunkel: Claudia B. lebt und hat sich auf ein Interview mit dem Hanf Journal eingelassen.

 

 

 

Hallo Claudia! Schön, dich quicklebendig und bei bester Gesundheit zu sehen. Aber nun erzähl mal, was dir widerfahren ist!

 

Ja, wo soll ich anfangen? Also, irgendwie bin ich schon ein Opfer eines Gewaltverbrechens geworden – damals am Gründonnerstag, als ich unseren Nachbarn mit einem paar selbstbemalten Ostereiern überraschen wollte und dabei statt zu klingeln einfach ins Haus marschierte. Ja, und da stand ich plötzlich mitten in einem Hanfgarten. Mein Nachbar fiel natürlich aus allen Wolken, und ehe ich mich versah, lag ich gefesselt und geknebelt in seinem Bett. Doch statt mich zu vergewaltigen, schimpfte er nur mit mir, beschuldigte mich, Hausfriedensbruch begangen zu haben. Das war eine völlig absurde Situation, die verfahrener hätte nicht sein konnte. Er meinte, er müsse mich in Schutzhaft nehmen, um mich daran zu hindern, ihn zu verraten.

 

 

Und? Hättest du ihn verpfiffen?

 

Aber klar doch, sofort! Ich war ja Polizistin – und was für eine! Ich hätte damals selbst meine Großmutter denunziert, wenn sie eine Hanfpflanze im Garten gehabt hätte. Ich war wirklich eine ganz Scharfe, besonders Kiffern gegenüber, die ich nahezu täglich aus dem Verkehr zog und den Gerichten zuführte. Ja doch, das war mir schon eine Freude und innere Befriedigung, den armen Teufeln das Leben zu versauen. So gesehen war es nachvollziehbar, dass mich mein Nachbar wie ein Paket verschnürte und davor bewahrte, ihn in den Knast zu bringen.

 

 

Claudia, du entstammst einer großen Polizistendynastie. Dein Ur-Großvater hat noch unter dem Kaiser gedient und nach Herzenslust Sozialdemokraten foltern lassen. Dein Urgroßvater mütterlicherseits erlangte im Dritten Reich Berühmtheit – als Kommandeur des Reserve-Polizei-Bataillon 101, das über 36.000 Juden ermordet hat. Auch dein Großonkel Karl-Heinz hat im Polizeidienst Großes geleistet, als er 1967 einen aufmüpfigen Studenten von hinten mit einem Kopfschuss exekutierte. Angesichts dieser honorigen Familiengeschichte muss es für dich ja eine Höllenqual gewesen sein, mit Haut und Haar einem hochkriminellen Hanfgärtner ausgeliefert zu sein.

 

Na, aber holla! Ich hätte diesem Männchen sofort und ohne zu zögern den Schädel eingeschlagen, wenn ich denn nur eine Hand frei gehabt hätte. Die ersten Tage waren wirklich blanker Horror. Ich, die bislang nur andere gequält hatte, war nun selbst die Gequälte. Ungefähr ein Woche lag ich in meiner eigenen Scheiße, bis mich mein Nachbar in einer Nacht- und Nebelaktion im Teppich eingewickelt fortbrachte – zum Prozess, wie er sagte. Oh doch, ich sah mich schon mit einem Genickschuss in ein Erdloch fallen – aus und vorbei. Doch dann geschah das, was bizarrer nicht sein kann. Ich stand tatsächlich vor einem Tribunal, das sich aus einem halben Dutzend Männer und Frauen zusammensetzte, die über meine Zukunft berieten. Erst jetzt begriff ich, dass mein Nachbar zu einem Kollektiv gehörte, das die Hanfgärtnerei gemeinsam zur Selbstversorgung betrieb. Auch waren die Leutchen schon etwas älter… also richtig alt und entsprachen überhaupt nicht dem Bild, das ich bislang von Kiffern im Kopf hatte. Dennoch, diese Drogenbande ging mit mir hart ins Gericht: Ich sei als Polizistin eine Bedrohung für Leib und Leben. Folglich könne es als Notwehr ausgelegt werden, mich vorsorglich zu füsilieren. Es stand wirklich schlecht um mich. Doch dann hielt mein Nachbar ein flammendes Plädoyer zu meinen Gunsten: Man müsse mir eine Chance geben, zu beweisen, dass ein guter Kern in mir stecke. Er war der festen Überzeugung, dass ich dichthalten würde, wenn ich auf freien Fuß käme. Ja, und das versprach ich dann auch – jedem Einzelnen in die Hand.

 

 

Sag bloß, die haben dich freigelassen? Und wieso tauchst du erst jetzt aus Versenkung auf?

 

Na ja, dumm gelaufen dann. Die Bande hat tatsächlich eine Taxe gerufen und mich davonfahren lassen. Natürlich habe ich dem Taxler als Fahrziel die nächste Polizeiwache angegeben. Das war allerdings ein fataler Fehler, denn der Kutscher war auch ein Bandenmitglied. Ehe ich mich versah, hatte ich eine Knarre vor der Nase und zurück ging es – in die Gefangenschaft. Und ich blöde Kuh konnte mich noch nicht einmal beschweren, denn ich hatte ja geschworen, mein Wort nicht zu brechen. Ich war wirklich dankbar, dass die Leutchen so gnädig waren, mich nicht auf der Stelle abzumurksen. Ja, und so fügte ich mich meinem Schicksal, gewöhnte mich ein und war froh, als ich mitgärtnern durfte, anstatt einfach nur angekettet in einer Abstellkammer zu schmoren. Ja, ich wurde im Laufe der Zeit eine richtig gute Fachspezialexpertin.

 

 

Auweia! Dann hast du dich also mit deinen Kidnappern verbrüdert und dich zehn Jahre lang als Berufsverbrecherin betätigt. Und das als Vollblut-Polizistin!

 

Ja, das war schon seltsam. Mit jedem Tag wurden mir die Leute sympathischer. Das konnte ich gar nicht verhindern, denn eigentlich waren das alles ganz liebe Menschen, die sehr gebildet waren und mich daran teilhaben ließen. Zu meinem ersten Geburtstag in Gefangenschaft bekam ich die gesammelten Werke von Fjodor Michailowitsch Dostojewski geschenkt. Ich, die sonst nur Frauenzeitschriften durchblätterte, las plötzlich Weltliteratur. Mit jedem Buch ging mir ein Licht mehr auf, und das erste Mal in meinem Leben hinterfragte ich das, was mich geprägt hatte. Ja, ich ekelte mich regelrecht vor der Frau, der Polizistin, die ich war. Nein, ich wollte nicht mehr einem Staat dienen, der völlig harmlose Bürger ins Gefängnis sperrt, nur weil diese mit Hanf hantieren.

 

Nun ja, so edel deine Einstellung heute auch ist, deine Familie hast du im Ungewissen und mir ihren Ängsten allein gelassen. Hättest du nicht wenigstens deinen Angehörigen ein Lebenszeichen geben können.

 

Nein, warum? Ich habe jetzt eine neue Familie – eine Familie, die nicht in Uniform und mit Scheuklappen herumläuft. Die Vorstellung, in den Schoß der Polizeifamilie zurückzukehren, ist ein Alptraum. Mit Leuten, deren Geisteshaltung sich daraus speist, alle Menschen nur als Verbrecher zu sehen, kann ich mich nicht arrangieren. Auch wenn es bei der Polizei sicher auch gute Polizisten gibt, mein Vater, meine Brüder, mein Mann und dessen Anverwandten gehören mit Sicherheit nicht dazu. Wenn irgendwo in Deutschland eine Wohnung verwüstet, auf Demonstranten eingedroschen, Gefangene misshandelt oder Kleindealern in den Rücken geschossen wird, dann ist einer aus meiner Familie daran beteiligt.

 

 

Das klingt hart, sehr hart sogar. Als wenn alle Polizisten Schweine wären. Sieht fast so aus, als hätten dich die Hanfgärtner einer Gehirnwäsche unterzogen.

 

Wenn das Lesen klassischer Weltliteratur Gehirnwäsche ist, dann lasse ich mir diese gern gefallen. Ich genieße das, mein Gehirn bis in die letzte Pore mit den Werken großer Philosophen zu reinigen. Dazu ein schönes Pfeifchen an einem ruhigen Plätzchen – und die Welt kann friedvoller nicht sein.

 

 

Und wie machst du das mit der Libido? Seit zehn Jahren lebst du freiwillig in Gefangenschaft. Ein friedvolles Leben ohne Liebe klingt nicht sehr erfüllend.

 

Stimmt, ein bisschen Liebe muss schon sein, um nicht völlig zu vergeistigen. Dazu sei auf den Anfang unseres Gespräches verwiesen. Als ich damals mit den Osteiern ins Haus meines Nachbarn stürmte, hatte ich schon gewisse Hintergedanken. Nachdem meine Wut über meinen Nachbarn abgeklungen war, kam die Liebe wie von selbst. Mittlerweile sind wir schon ein richtig altes Ehepaar.

 

 

Ist ja verrückt. Das ist das Stockholm-Syndrom in höchster Vollendung. Und warum wagst du dich jetzt aus der Deckung und riskierst dieses Glück?

 

Wir wollen heiraten, mein Nachbar und ich. Und dazu muss ich mich erst einmal von meinem Noch-Ehemann scheiden lassen, bevor ich für tot erklärt werde. Und das wird ja wohl noch erlaubt sein in diesem unseren Vaterland.

3 Antworten auf „Wenn aus Tätern Opfer und aus Opfern Täter werden

  1. Dafuck?

    Ganz ehrlich – einen derart dummerhaften, peinlichen Unsinn habe ich seit den legendären Anti-Drogen Broschüren der Barmer Ersatzkasse in den 1980ern nicht mehr gelesen. Ich wünsche mir sehr, dass das als Satire gedacht war, und nur einfach daneben ging. Bei der Vorstellung, dass damit tatsächlich irgendwer von etwas überzeugt werden sollte, stellt sich mir die Frage, ob es evtl. doch eine Cannabis-induzierte, spezielle Form von Realitätsverlust gibt. Vielleicht haben auf eine spezielle Art verwirrte Leute aber auch nur eine höhere Affinität zum Kiffen. Könnte aber auch sowas wie eine von fanatischen Cannabisgegnern erdachte Version der „Weisen von Zion“ sein. Brrrrrr…..

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