Mittwoch, 2. Dezember 2015

Kalash im Interview

 

 

von Janika Takats

 

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Bild: Clara Kata

 

 

„Ganjah hat noch niemals jemanden verrückt werden lassen.“

 

Seit seinem internationalen Durchbruch im Jahr 2010 ist Kalash nicht mehr aufzuhalten und wird von seinen Fans während der Konzerte frenetisch gefeiert. Während der Künstler aus Martinique bei uns noch weitestgehend unbekannt ist, wird er im französischen Raum als Vybz Kartel von Martinique gehandelt und ist ein Garant für volle Konzertsäle.

Aufgewachsen in einer stark religiösen Familie, entdeckte er in der Schule seine Leidenschaft für die Musik. Sein erstes Album machte ihn international bekannt bald darauf avancierte er zum angesagtesten Interpreten seiner Insel und in der französischen Dancehall-Szene. Kalash scheint trotz all dem Hype um seine Person auf dem Boden geblieben zu sein, was man nicht von allen seiner jamaikanischen Kollegen behaupten kann. Er hat sich hohe Ziele gesetzt und arbeitet hart daran diese zu erreichen. Nach seinem Konzert in Strasbourg hatten wir Gelegenheit Kalash ein paar Fragen zu stellen.

 

 

Wie lange bist du schon auf Tour?

 

Seit sechs oder sieben Jahren (lacht). Seit ich angefangen habe international aufzutreten, nehmen die Touren kein Ende. Sie haben vielleicht verschiedenen Namen und es gibt immer mal wieder Pausen, aber letztendlich sind sie zu einem Teil meines Lebens geworden.

 

Die Leute in Deutschland werden noch nicht mit dir und deiner Musik vertraut sein. Vielleicht kannst du ihnen ein bisschen darüber erzählen wie du deine Karriere begonnen hast.

 

Ich habe wohl genauso angefangen wie die meisten Künstler meines Genres. Während ich aufgewachsen bin, habe ich oft die Songs von Bounty Killer, Sizzla, Michael Jackson oder Admiral T und Lieutenant aus Martinique gehört. Ich wurde also von diesen Interpreten und von den Musikrichtungen Reggae, Dancehall, Hip Hop oder R&B beeinflusst. Auf dem Gymnasium habe ich dann selbst angefangen Musik zu machen und war mit verschiedenen Sound Systems unterwegs.

 

Reggae und Dancehall kommen ursprünglich aus Jamaika und werden stark mit der Insel assoziiert. Welche Rolle spielt diese Musik auf Martinique?

 

Die Akzeptanz von Dancehall und damit auch die Aufmerksamkeit des Publikums hat stark zugenommen. Das war vor ein paar Jahren noch anders. Heute wird die Musik von den Mainstream Medien gespielt und viele jamaikanische Artists kommen zu uns. Sie spielen Shows zusammen mit lokalem Interpreten oder nehmen gemeinsame Tracks mit ihnen auf. Man kann sagen, dass Reggae bzw. Dancehall inzwischen genauso bekannt und beliebt ist wie Zouk, der seinen Ursprung auf den französischsprachigen Karibikinseln hat.

 

Was ist deiner Meinung nach die Besonderheit von Dancehall aus Martinique?

 

Wie sind sehr ‚boom boom‘. Ich meine damit die Riddims wie sie einst Shabba Ranks oder Buju Banton eingesungen haben. Das hat den Leuten auf Martinique immer gefallen. Auf der Insel La Réunion ist das genauso. Die Riddims der 1990er Jahre haben dort und bei uns immer funktioniert. Klar entwickelt sich die Musik auch auf Martinique weiter, doch wir haben uns immer stark auf die Ursprünge konzentriert.

 

Kommt eure Hauptinspiration also aus Jamaika oder vermischt ihr in euren Liedern auch andere Musikstile bzw. Einflüsse aus anderen Ländern?

 

Wir sind „antillais“ (Anm.: von den franzöischen Antillen), wird kommen aus der Karibik und sind Französisch. Gleichzeitig sind die USA gleich um die Ecke. Unsere Musik wird aus all diesen Richtungen beeinflusst. In meinem Fall höre ich viel Hip Hop, Trap, Reggae, R&B oder Dancehall und ich lasse diese Genres in meine Lieder einfließen. Auf Martinique funktioniert das gut. Die Leute hören all diese Musikrichtungen und finden sich daher in meiner Musik wieder. Sie sind immer offen für neues.

 

Im Dancehall findet man bestimmte Themen, die immer wieder in der Musik auftauchen, welche sind es auf Martinique?

 

Auf Martinique, Guadeloupe oder Französisch-Guayana können das Ganjah, Bad Boys, Frauen oder Sex genauso wie Conscious oder religiöse Inhalte sein. Da gibt es keinen großen Unterschied zu Jamaika. Ich selbst decke mit meiner Musik all diese Bereiche ab. Von Liebesliedern über Gangster-Geschichten bis Ganjah-Tunes ist alles dabei. Das sind die Themen des Lebens mit denen wir uns mehr oder weniger täglich auseinander setzen.

 

Welche Rolle spielt Ganjah in der Szene und in der Musik?

 

Bei uns gibt es keine Tabus, also singen wir auch über Marihuana. Für uns ist das etwas natürliches, das zum Leben dazu gehört. Ich rauche es selbst und es schadet mir in keiner Weise. Im Gegenteil, es hilft mir neue Inspiration zu finden, mich zu entspannen und zur Ruhe zu kommen. Meine Familie weiß, dass ich regelmäßig Ganjah konsumiere. Es ist kein Tabu mehr, genau wie auch Dancehall kein Tabu mehr bei uns ist. Was hingegen ein Tabu geblieben ist, ist Crack, Kokain und alles was die Leute zerstört und verrückt werden lässt. Aber Ganjah hat noch niemals jemanden verrückt werden lassen. Das kann man zum Beispiel von Alkohol nicht behaupten.

 

Wie sieht es mit der Regelung auf Martinique aus?

 

Martinique ist ein Teil von Frankreich und somit ist Marihuana auch bei uns illegal. Allerdings ist die Akzeptanz in den letzten Jahren gewachsen. Die Polizei drückt öfter mal ein Auge zu, wenn sie irgendwo jemanden kiffen sieht. Trotzdem bleibt Ganjah illegal, auch wenn es zu etwas selbstverständlichem geworden ist.

 

Glaubst du, dass sich daran bald etwas ändern wird?

 

Ich will nicht unbedingt sagen, dass ich hoffe, dass sich bald etwas ändern wird, das Verbot stört mich im Alltag kaum. Jeder soll machen was er will. Wer Ganjah rauchen will, soll dies tun, man kommt dafür bei uns ja nicht zehn Jahre in den Knast. Es kann gut sein, dass sich die Gesetzte eines Tages ändern. Warum nicht, dann hätten wir endlich unsere Ruhe und könnten uns endlich richtig entspannen. In der Karibik rauchen viele Menschen Marihuana. Das ist dort nicht unbedingt mit einem negativen Stigma behaftet. Es wird eher als natürlich und als Teil der Kultur angesehen. Es ist inzwischen ja auch wissenschaftlich bewiesen, dass Marihuana gegen diverse körperliche Beschwerden helfen kann. Ich würde deshalb jedoch niemals jemanden dazu bewegen wollen zu kiffen. Wenn mein Sohn in das entsprechende Alter kommt, wird er es sicherlich mit seinen Cousins ausprobieren wollen. Da stört mich nicht, aber ich werde ihn nicht ermutigen.

Letztendlich kommt es darauf an, wie man damit umgeht. Es gibt schließlich auch Leute, die sich den ganzen Tag die Birne zukiffen und nichts mehr in ihrem Leben auf die Reihe kriegen. Es liegt in der Verantwortung eines jeden Einzelnen die richtigen Entscheidungen im Leben zu treffen.

 

Neben deiner Karriere als Interpret, hast du auch angefangen andere Künstler zu produzieren. Wie kam es dazu?

 

Ich habe damit angefangen, weil ich gerne anderen Künstlern im Studio etwas beibringe. Ich will Künstler, die einen eigenen Stil haben, helfen die beste Richtung einzuschlagen. Wenn ich sehe, dass jemand Talent hat, will ich das fördern, weil ich manchmal Stärken in Interpreten sehen, derer sie sich selbst vielleicht noch gar nicht bewusst sind. Künstler wie Universe oder Gifta Da Boss, der als Artist noch relativ neu ist, jedoch schon viel Erfahrung als Selecter gemacht hat. Ich gebe ihnen viele Ratschläge, weil ich eine große Vision für sie vor Augen habe. Es ist egal, ob sich dabei um Leute handelt, die Hip Hop, Dancehall oder R&B machen. Ich bin gerne im Studio, dabei muss ich nicht zwangsläufig immer am Mikro stehen.

 

Was siehst du als größte Herausforderung in deiner Karriere?

 

In Anbetracht meiner antillischen Herkunft, besteht die größte Herausforderung für mich darin eine Platinscheibe zu bekommen. Das hat bisher noch keiner von hier geschafft. Wir haben große Artists wie Admiral T, wir haben große Stars wie Krys oder X-Man oder andere große Namen, die eine riesige Fanbase haben und die Millionen von Views verzeichnen, doch niemand hat bisher Platinstatus erreicht. Das zu schaffen, hat für mich also großen Symbolcharakter. Egal ob ich mich jetzt mit allen anderen Künstler verstehe oder nicht, möchte ich, dass unsere Musik weiterkommt und die Beachtung erhält, die sie verdient. Ich will, dass man uns in Frankreich, aber auch in Deutschland und ganz Europa kennt.

 

Das ist ein hohes Ziel, wenn man bedenkt, dass heutzutage wesentlich weniger Leute die Musik wirklich kaufen.

 

Es gibt viele Leute, die Musik kaufen und es gibt auch immer noch viele Künstler, die eine Platinscheibe dafür bekommen. Letztendlich ist es alles eine Frage der Vermarktung und wie viel Aufmerksamkeit man generieren kann. Dabei spielen die Medien natürlich auch eine große Rolle. Ich hoffe, dass unsere Musik – und wenn ich unsere Musik sage meine ich Zouk oder Dancehall – es eines Tages schafft. Schon jetzt füllen wir die großen Konzertsäle und haben Fans überall auf der Welt. Es ist also kein Ding der Unmöglichkeit.

 

Welche Pläne hast du in nächster Zeit?

 

Wir werden noch eine ganze Weile auf Tour sein und haben noch einige Shows vor uns. Abgesehen davon bin ich aktuell dabei die Vorbereitungen für mein neues Album zu beenden. Das ist mein erstes Album, das ich bei einem größeren Label produziere. Das Album soll Anfang 2016 erscheinen. Ein konkretes Datum steht jedoch noch nicht fest.

 

Vielen Dank für das Interview.

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