Montag, 21. September 2015

Interview mit Samy Deluxe und Afrob

„Ich habe kein Problem mit dem Kiffen an sich. Mein Problem ist die Kriminalisierung.“

 

von Janika Takats

 

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Samy Deluxe und Afrob gehören zu den erfolgreichsten deutschen Rappern. Seit dem  Beginn des neuen Jahrtausends haben ihre Songs Maßstäbe in der Hip Hop Welt gesetzt. Kein Wunder also, dass auch ihr erstes gemeinsames Album im Jahr 2003 einschlug wie eine Bombe. Im Sommer ist jetzt der Nachfolger „Blockbasta“ erschienen, im November folgt dann die gemeinsame Tour. Dass Cannabis im Leben der beiden Herren eine nicht unbedeutende Rolle spielt, ist kein Geheimnis. Umso mehr war es an der Zeit sich mit den beiden mal zu einem Gespräch zu treffen.

 

 

Was zeichnet euer neues Album „Blockbasta“ aus?

 

Samy: Dass wir sehr viel Spaß bei Machen hatten. Das erste Album hatte eine sehr lange Produktionsphase. Wir waren damals noch jung in unserer Karriere. Ich hatte zwei Alben rausgebracht und Afrob auch zwei bis dahin. Wir sind einmal um den ganzen Globus gereist und haben in Amerika und Kroatien produziert und uns Beats gekauft und in Afrika Videos gedreht. Es war ein langes intensives Projekt. Dieses Mal waren es einfach viele Sessions bei mir im Studio. Wir waren bei Desue in Berlin, haben Sachen aufgenommen, die er produziert hat und waren zwei Mal in Stuttgart. Dieses Mal wussten wir beide, was es werden soll und da in wenigen aber bedachten Schritten schnell hingekommen.

 

Und was sollte es werden?

 

Samy: Einfach ein Album was daran anknüpft, was von unserem letzten Ding hängen geblieben ist. Wir haben unser erstes Album vor 12 Jahren gemacht. Unsere erste Single „Sneak Preview“ ist bis heute einer der Songs, die am meisten die Leute zum Springen bringen in Deutschland. Egal ob DJs ihn auflegen oder wir ihn auf einem Event zusammen spielen. Es ist einer der Songs, die Deutsch-Rap definiert haben. So einer der Abgeh-Songs eben. Daran wollten wir anknüpfen und haben wenig Wert auf langsame oder bedachte Songs gelegt, obwohl es davon auch zwei/drei auf der Platte gibt.

 

Zwölf Jahre ist eine lange Zeit. Warum habt ihr solange gewartet ein Nachfolgeralbum aufzunehmen?

 

Afrob: Wir haben Achtung vor unserem ersten Album, denn es ist echt gut gelungen. Manchmal ist es dann besser nichts zu machen, anstatt zu versuchen es besser zu machen. Das war der Hauptgrund warum wir nicht gleich in darauf folgenden Jahr wieder ins Studio gegangen sind. Nach einer so langen Zeit mit entsprechendem Abstand haben wir uns wieder getraut.

 

Samy: Wir haben fast jedes Jahr, wenn wir uns getroffen haben, über ein neues Album gesprochen. Im letzten Jahr war es dann so, dass Afrob gesagt hat: „Jetzt oder nie“. Wir haben schnell im Studio gemerkt, dass wir beide immer noch auf dem gleichen Film sind und das gleiche bewirken wollen mit unserer Musik. Auf dem Album sind viele moderne Stücke dabei. So entsteht nicht der Eindruck, dass die alten Typen von damals zurückgekommen sind und genau das gleichen machen wie damals. Wir wollen die aktuelle Messlatte wie Rap auf Platte klingt und live aufgeführt wird nach oben drücken.

 

Was sind die Hauptaspekte, die euch verbinden?

 

Afrob: Wir lernen sehr viel voneinander und übereinander. Und wir gewinnen da beide. Ich bewundere Samy dafür, wie er so schnell einen Text schreiben und einrappen kann. Wir haben keine Berührungsängste von dem einen zu nehmen, was der andere vielleicht nicht hat. Wir ergänzen uns super und diese Symbiose macht einfach Spaß. Wir sagen uns offen, was wir denken, doch es passiert wirklich selten, dass wir etwas nicht cool finden.

 

Samy: Wir sind regelmäßig mit anderen Künstlern im Studio und machen diese Kollaborationen gerne. Doch es ist oft so, dass zwischen den Künstlern eine Art Wettstreit herrscht. Das ist oft gut für das Endergebnis, doch es hat auch immer diesen Beigeschmack. Es ist wichtig, dass sich Künstler auf Augenhöhe begegnen. Afrob und ich wissen von einander, dass wir gute Tracks machen können und wir verlassen uns darauf. Daher gibt es keinen Ego-Clash zwischen uns. Die bessere Idee gewinnt. Das hat bei dem neuen Album super funktioniert. Es war uns wichtig zu zeigen, was man alles mit diesem Organ machen kann. Rap ist letztendlich wie ein Instrument. Das wird von vielen jedoch nicht entsprechend genutzt.

 

Ihr seid schon eine ganze Weile dabei. Hat sich euer Publikum mit den Jahren verändert?

 

Samy: Wir haben beide angefangen Mitte der 90er aufzutreten. Auf den Hip Hop Jams war das Publikum nicht jung. Da waren viele Graffiti-Maler und Breaker, Leute die über 20 waren und Vollbärte hatten. Dann haben wir die Phase erlebt, als Anfang der 2000er der Mainstream-Fokus auf Hip Hop lag. Afrob war da ganz nah dran bei Freundeskreis und hat sein Album 1999 rausgebracht. Freundeskreis hatte einen Riesenerfolg und ich war bei den Beginnern ganz nah dran. Wenn ich als Voract bei den Beginnern aufgetreten bin und wenige Monate vorher bei denen die „normale“ Hip Hop Crowd am Start waren, standen dann auf einmal 14jährige Mädels in der ersten Reihe. Das hat sich seitdem auch nicht mehr verändert.

 

Afrob: Es kommt drauf an wen du fragst. Bei uns ist es so, dass wir auch Leute haben, für die wir eine Art Legitimation sind mit Mitte/Ende 30 noch Rap hören zu können. Weil es die Musik ist, die sie gerne hören. Mein Publikum ist ab 25 Jahre aufwärts. Ich habe auch ein paar Teenager dabei, die mich zum ersten Mal hören. Das Publikum verändert sich, das ist ganz normal. Für uns ändert sich nichts. Wir machen keine Musik für irgendein spezifisches Publikum. Unser Fokus liegt auf der Musik und wir hoffen, dass es Leute gibt, denen die Musik gefällt.

 

Ihr habt Cannabis bzw. Kiffen in diverse Lieder thematisiert, auch auf dem neuen Album. Was bewegt euch dazu?

 

Samy: Das hat denke ich mit unserer Sozialisation zu tun. Wir haben immer drüber gerappt und mochten auch immer Rapper, die über Weed rappen. Wir sind beide riesen Rapman Fans und Busta Rhymes Fans. Fast jeder gute Rapper hat irgendwann schon mal was über Weed erzählt. Es gehört dazu darüber zu rappen, vor allem solange es eh Alltagsthema bei einem selbst ist. Es geht gut über die Zunge egal in welchem Kontext man das erwähnt. Es gibt so viele schöne Namen für Gras. Grad haben wir einen neuen Song, der Hase heißt.

 

Wie beurteilt ihr den allgemeinen Umgang mit Marihuana in der Gesellschaft? 

 

Afrob: Das ist heute 2015 was ganz andere als 1999/2000. Es ist so gesellschaftsfähig geworden, dass sogar CDU Politiker dafür einstehen, dass es legalisiert wird. Da hat jeder erkannt, dass es keinen Sinn macht es so zu kriminalisieren. Es macht keinen Sinn Leute ins Gefängnis zu stecken, weil sie einen Joint rauchen. Es ist nicht mehr so, dass die Kiffer eine verfolgte Gruppe sind, die sich ins letzte Loch verkriechen müssen, um einen Joint zu rauchen. Das ist vorbei.

 

Samy: Ich komme aus Hamburg, dadurch ist es für mich normal auch auf der Straße zu rauchen. Ich habe mich so daran gewöhnt es überall mit hinzunehmen. Ich bin dadurch Schmuggelexperte geworden. Das ist schon manchmal stressig. Das Alkoholargument ist das älteste Kifferargument der Welt, aber auch immer wieder das aktuellste. In fast keinem Flughafen darfst du noch Rauchen, aber du kannst überall saufen. Du kannst dir überall einen Liter Whiskey kaufen und den runtergurgeln und keiner wird etwas sagen. Besoffene Leute ist finde ich das aller schlimmste der Welt. Ich trinke fast nie Alkohol und finde die Auswirkungen von Alkohol teuflisch.

 

Es passiert gerade unheimlich viel was die Legalisierung von Cannabis betrifft. Verfolgt ihr die Ereignisse in den USA?

 

Samy: Ja, schon. Ich bin viel in Amerika, weil mein Sohn da wohnt. Sogar in Oregon, wo er wohnt wird es demnächst legal erhältlich sein. Noch vor ein paar Jahren ist das eher unwahrscheinlich gewesen. Das ist auch wohl der schlauste Weg damit umzugehen. Ich war nie so der Typ, der die Fahne für die Legalisierung geschwungen hat. Wenn es dann so ist, ist es cool, weil dann die Qualität mehr kontrolliert wird und die niemand mehr Vogelsand in den Gras schüttet, um ein paar Euro mehr zu verdienen.

 

Afrob: Aber wer will sowas kontrollieren? Der Staat kann nicht mal Essen richtig kontrollieren.

 

Samy: Das stimmt, aber zumindest könne man Regeln einführen, so wie sie auch Brauereien befolgen müssen.

 

Wieso warst du nie ein Verfechter der Legalisierung?

 

Samy: Wohl aus Gewohnheit, weil es ja auch so klappt. Selbst wenn ich in eine fremde Stadt komme, schreibe ich eine SMS, fahre um ein paar Ecken und bin versorgt. Für mich ist es nicht so schlimm, dass es illegal ist. Hast du mal irgendein Statement auf einer Platte oder in den Medien gemacht, dass es für dich voll wichtig ist?

 

Afrob: Doch ich habe mal gesagt, dass ich gegen die Legalisierung bin. Ich habe wirklich gekifft. Ich bin kein Hobbykiffer. Ich habe wirklich geraucht, jeden Tag 7,8,9,10 hardcore Joints. Ich weiß, dass du damit auf der einen Seite einen coolen Umgang haben kannst, aber es gibt auch Missbrauch. Man muss da auch so ehrlich sein und die Gegenseite beleuchten. Es ist nicht für jeden etwas. Ich hatte immer das Gefühl, dass es da eine Verherrlichung gibt von bestimmten Leuten. Doch diese andere Seite gehört zum Kiffen dazu. Wenn du körperliche Symptome hast, weil du nicht mehr kiffst. Sei es nun Schwitzen oder dass dein ganzer Stoffwechsel sich verändert oder die Träume, die du dann hast und die echt was mit dir machen. Tut mir Leid, aber für mich ist das auch ein Junkie-Verhalten. Als ich und Samy in Amerika nichts mehr zu Rauchen hatten, haben wir uns gleich in die Haare gekriegt.

 

Samy: Das war der einzige Streit, den wir jemals hatten (lacht)

 

Afrob: Es gibt auch Leute, die kommen darauf nicht klar und Leute für die es eine krasse Einstiegsdroge ist. Ich finde, da muss man einfach bei der Wahrheit bleiben. Im Prinzip habe ich nichts dagegen, aber ich habe etwas dagegen, wenn ich mich hier mit meinem Kind hinsetze und dann kommt irgend so ein Typ und raucht einen Joint daneben nur weil es legalisiert ist. Es gibt Leute die wollen das nicht riechen und das ist auch ihr gutes Recht genau wie bei Zigarettenrauch. Ich habe kein Problem mit dem Kiffen an sich. Mein Problem ist die Kriminalisierung. Dass man dafür ins Gefängnis geht, dass ganz junge Leute, die mal einen Joint geraucht haben und dadurch Probleme kriegen, das geht natürlich nicht. Da bin ich ganz vorne dabei. Aber zu sagen: „Wir legalisieren und dann guckt wie ihr damit zurecht kommt“ und die Leute mit ihren Psychosen und Problemen alleine zu lassen, das geht nicht. Die Legalisierung ist für mich etwas Politisches.

 

Samy: Ich habe auch sehr viel Zeit in Holland verbracht vor ein paar Jahren. Ich hatte mit vielen Leuten dort Kontakt und habe gemerkt, dass in der Gesellschaft statistisch gesehen nicht mehr Leute kiffen. Gleichzeitig führt in Deutschland das Verbot nicht dazu, dass weniger Leute kiffen. Ich muss Afrob bei den negativen Aspekten Recht geben. Auch wenn ich mich in meinem Leben dafür entschieden habe, wäre ich wahrscheinlich nicht wirklich glücklich damit, wenn mein Sohn sich auch so entscheiden würde oder allein dazu inspiriert wird, weil er an einem Laden vorbeiläuft wo die Werbung hängt.

 

Dann sollte mit der Legalisierung auch eine Regulierung und entsprechende Aufklärung einhergehen.

 

Samy: Das Problem ist, dass das nicht funktioniert. Es funktioniert ja auch nicht bei Zigaretten und Alkohol. Natürlich steht überall drauf, dass es tötet und Schlaganfälle mache, aber die Kids machen es trotzdem. Ich finde es wichtig für Leute wie uns, die schon sehr sehr lange rauchen zu erwähnen, dass es echt auch seine Schattenseiten hat. Vielleicht geht es wenn man von der Persönlichkeit her jemand ist, der es schafft es nur gelegentlich zur Entspannung einzusetzen und es dann auch entsprechend mit Musik einer Tiefkühlpizza zelebriert. Aber in den meisten Fällen ist Kiffen ein entweder oder Ding. Entweder ganz oder gar nicht. Ich beneide schon Leute, die es hinkriegen zu sagen: „Ich kiffe erst abends“. Es geht. Bei mir ging es auch phasenweise, doch dann kommt die Gewohnheit zurück. Ich habe auch viele Leute gesehen, die dadurch unproduktiver werden, bei denen sich das auf das Sprachzentrum auswirkt, was bei mir zum Glück nie so war.

 

Vielen Dank für das Interview.

 

 

 

3 Antworten auf „Interview mit Samy Deluxe und Afrob

  1. E.B.

    Glaube nicht, dass Samy das liest, aber… Zitat: „Es funktioniert ja auch nicht bei Zigaretten und Alkohol. Natürlich steht überall drauf, dass es tötet und Schlaganfälle mache, aber die Kids machen es trotzdem.“ Bei solch pauschalen Aussagen sträuben sich mir die Nackenhaare auf. Klingt genauso blödsinnig wie das „Argument“, wenn dies oder das legal wäre, würde es trotzdem einen Schwarzmarkt dafür geben. Entscheidend ist das relative Maß.

    Und wenn ich schon mal Kritik übe… Nicht schlecht, Samy, bei Kontakt mit „vielen Leuten“ auf eine gesellschaftsgerechte Statistik zu schließen. Das untermauert Glaubwürdigkeit. Und woher Afrob die These nimmt, dass Legalisierung bedeute, für jeden soviel wie geht und überall und jederzeit, ist mir schleierhaft. Sein Satz, „Da hat jeder erkannt, dass es keinen Sinn macht es so zu kriminalisieren“ schaudert mich wie der eingangs erwähnte.

    Naja, Ahnung steht reziprok zur Meinung…

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