Mittwoch, 8. Januar 2014

Homophobie & jamaikanischer Dancehall

Verhärtete Fronten

Ce'cile / Beenie Man - Foto: Janika Takats / annette@berlinesque.org
Ce’cile / Beenie Man – Foto: Janika Takats / annette@berlinesque.org

Ende letzten Jahres war Beenie Man, einer der gefeiertsten jamaikanischen Dancehall-Interpreten auf Europa-Tour. „Trotz Aufrufen zum Schwulenmord – Hasssänger Beenie Man in Berlin, Hamburg und Wuppertal“ lautete dazu die Ankündigung auf queer.de. Eine Überschrift, die Dancehall-Fans und Kenner der jamaikanischen (Dancehall-) Kultur verständnislos den Kopf schütteln lässt und die Aktivisten der Lesben- und Schwulenszene wohl darin bestärkt mit ihren Protesten gegen jamaikanische Künstler fortzufahren.

Beenie Man ist kein Einzelfall auch bei Konzerten von Capleton, Elephant Man, Sizzla, Buju Banton und anderen kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Protesten. Und der Protest ist nicht unberechtigt. Homophobie ist seit langen ein Problem sowohl im Dancehall als auch im Alltag auf der Insel. Doch ist die Situation weitaus vielschichtiger als es immer wieder in diversen Artikeln auf Bild-Zeitungsniveau dargestellt wird.

Homophobie taucht auch in anderen Musikrichtungen, wie Hip Hop immer wieder auf. Böse Zungen können behaupten, dass Rapper nur deshalb relativ ungescholten davon kommen, weil sie im Gegensatz zu Dancehall-Artists eine riesige Lobby hinter sich haben, die ihnen den Rücken frei hält. Fakt ist, dass Homophobie im Dancehall viel mehr ein gesellschaftliches Problem widerspiegelt, als es im deutschen oder US-amerikanischen Hip Hop der Fall ist.

Als Grund für die Homophobie wird immer wieder der auf der Insel weit verbreitete christliche Glaube angeführt. Laut jamaikanischem Gesetz stehen sexuelle Handlungen (zwischen Männern wohl bemerkt) unter Strafe. Sowohl der christliche Glaube als auch Jamaikas common-law System wurden von den Briten eingeführt und haben auch nach der Unabhängigkeit nach 1962 keine wesentlichen Überarbeitungen erfahren. Wenn wir also von Homophobie auf Jamaika reden, dann reden wir (als eine der Ursachen) von einem Problem, das einst von den Kolonialherren als Teil der europäischen Kultur auf die Insel gebracht wurde.

Seit der Unabhängigkeit hatte Jamaika mit massiven politischen und wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. Jamaika ist unter den Top 5 der Länder mit der höchsten Mordrate weltweit. Raubüberfälle, Einbrüche und Vergewaltigungen stellen ebenfalls ein enormes Problem dar. Auf Jamaika ist nicht nur die Gewalt gegen Homosexuelle sondern Gewalt an sich ein Problem. Armut, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit schaffen Resignation und Wut in der Gesellschaft, die sich auf verschiedene Weise entlädt. Da ist Jamaika kein Einzelfall.

Die Tatsache, dass sich Hass gegen Minderheiten gerade dort aufbaut, wo Frustration über die eigene Lebenslage vorherrscht, ist in Deutschland nicht anders. In Deutschland ist man daher dazu übergegangen diese gesellschaftlichen Probleme an der Wurzel zu bekämpfen. Warum macht man im Fall von Homophobie im Dancehall nicht das gleiche?

Homophobie auf Jamaika und somit auch in der Musik ist ein strukturelles Problem, dass nicht durch ‚Gegenhetze‘ sondern eher durch Aufklärung, Bildung und einen offenen Dialog behoben werden kann. Dazu ist es auch nötig sich mit der Kultur Jamaikas und seiner Musik näher auseinander zu setzen. Dann würde einem auch auffallen, dass sich in den letzten Jahren einiges (wenn auch nicht alles) zum positiven gewendet hat.

Die meisten Dancehall Artist haben inzwischen begriffen, dass die Verbreitung von homophoben Texten ihnen auf die Füße fällt und ihrer Karriere schadet, weil sie von großen Shows ausgeschlossen werden oder große Firmen sie als Werbeträger ablehnen. Wer sich mir den Texten von Dancehall Songs genauer auseinander gesetzt hat, dem wird auffallen, dass sich diese in den letzten Jahren verändert haben. Man ist von Gewaltaufrufen (so denn sie denn je so gemeint waren) weggekommen und singt lieber über die eigenen Vorlieben. Auch hat schon lange kein Dancehall-Artist in Europa schwulenfeindliche Kommentare auf der Bühne gemacht. Im Gegenteil manche, wie Ce’cile auf dem Rototom 2013, sprechen sich sogar ausführlich für mehr Toleranz und Freiheit aus.

Damit sind nicht alle Probleme gelöst und der Idealzustand keinesfalls erreicht. Veränderungen in den Köpfen der Menschen brauchen Zeit und dass man Menschen mehr dazu motiviert sich zu ändern, in dem man sie für ihre positiven Fortschritte (so klein diese auch sein mögen) lobt, anstatt sie ausschließlich für das, was sie noch nicht erreicht haben zu verurteilen, sollte jede und jeder von sich selbst kennen.

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