Montag, 6. Mai 2013

Chemotherapie und Cannabis

Eine persönliche Erfahrung

Autor: J.K.

Jeder Mensch kann in einer Situation geraten, in der sein Leben aufgrund einer ernsthaften Krankheit auf einmal an einem dünnen Faden hängt. Vor einigen Jahren war ich selbst in so eine Situation geraten. Ich war 26 Jahre alt und dachte, dass mein Leben nichts in Gefahr bringen könnte. Berichte darüber, dass jemand Krebs oder Leukämie bekam, waren für mich wie aus einer anderen Welt. So etwas kann mir doch nicht passieren. Ich lebte lustig, reiste ein bisschen, ging ab und an ein wenig Party machen, gern auch mal mit Freunden ein Bier trinken. Marihuana rauchte ich ziemlich regelmäßig und ich hatte das Gefühl, dass es so mein ganzes Leben weiter gehen würde – Sonne ohne Ende. Dann hat sich mit einem Schlag mein ganzes Leben verändert, denn bei mir wurde das Hodgkin Lymphom entdeckt.

Das Hodgkin Lymphom (Hodgkin Krankheit)
Das Hodgkin Lymphom zeigt alle Symptome einer tumorösen Erkrankung, die meistens in den Lymphknoten beginnt und sich schnell im gesamten Körper ausbreitet. Einhergehend mit der Erkrankung ist eine unkontrollierte Zellvermehrung des Lymphsystems, das mit der Zeit aufhört seine Aufgaben zu erfüllen, so dass die Krankheit früher oft tödlich endete. Das Hodgkin Lymphom hat Verwandte, die sich non-Hodgkin Lymphom nennen und von denen es eine ganze Reihe gibt. Eine Erkrankung mit dem Hodgkin Lymphom ist im Grunde ein Glück, weil es bereits erfolgreich erprobte Behandlungsmethoden gibt und der Heilungserfolg der Therapie zwischen 50 und 90% liegt – abhängig vom Stadium, in dem die Krankheit entdeckt wurde. Bleibt anzumerken, dass diese Krankheit vor 20 Jahren noch unheilbar war.
Die Hodgkin Erkrankung hat vier Stadien, die mit Buchstaben A, B, C und E bezeichnet werden, entsprechend der Symptome, die beim Patienten diagnostiziert werden. Das erste Signal der Hodgkin Erkrankung ist die Vergrößerung der Lymphknoten am Hals, in der Achselhöhle, und/oder in den Schamleisten, oft wird sie durch allmähliche Gewichtsabnahme, Nachtschweiß und manchmal auch durch Fieber begleitet.
Meine Diagnose war das Hodgkin Lymphom, genauer gesagt eine knotenförmige Sklerose im Stadium III C – also 3. Gleichzeitig hatte ich bereits 10% meines ursprünglichen Gewichts verloren. Die Diagnose wurde nach einer Gewebeentnahme aus den geschwollenen Schamleisten festgestellt.

Zufälle gibt es nicht
Wer von euch würde wegen Nachtschweiß während eines heißen Sommers zum Arzt rennen? Ich musste jedenfalls ab und zu das Betttuch wechseln, was mir völlig normal vorkam. Den Gewichtsverlust habe ich nicht bemerkt, ich arbeitete ständig etwas im Garten und „so übel“ ging es mir nicht. Die Tumorerkrankung wird von ständiger Müdigkeit und Mattheit begleitet, doch wer ist nach einem anstrengenden Tag nicht müde und schlapp? Ich sagte niemandem etwas, denn nichts war verdächtig – auch der geschwollene Knoten am Hals nicht – „es verschwindet“, dachte ich mir. Gefährliche Krankheiten kommen aus einer anderen Welt, also dachte ich darüber gar nicht nach.
Zufällig kam eine Freundin mit zwei Töchtern zu uns und eines der Kinder zeigte mir zufällig, was sie während eines Selbstverteidigungskurses gelernt hatte – tolle Idee, die mit einem Kniestoß zwischen die Beine endete. Sie wollte es eigentlich nur andeuten, aber dabei stieß sie mich direkt in die Schamleisten. Die Schamleisten waren etwas angeschwollen – ich dachte, dass es von dem Stoß käme. Als es nach vierzehn Tagen immer nicht abgeschwollen war, fuhr ich zufällig in meine Heimatstadt Pilsen. Zufällig sollte ich im Herbst aufgrund eines „Pickels“ operiert werden, also bin ich zum Arzt gegangen, der die Operation ausführen sollte. Ich zeigte ihm die Schamleisten und sagte ihm – „Könnte das auch raus geschnitten werden, wenn ich schon unter Narkose bin?“ Eine Woche später war ich bereits bei der Gewebeentnahme und die Woche darauf bauten sie mir das Knochenmark aus dem Becken ab und die Chemotherapie ging los.

Vielleicht fragt ihr euch, warum ich dabei behaupte, dass es keine Zufälle gibt. Einerseits bin davon überzeugt, andereseits hatte ich genau ein Jahr vor Entdeckung der Krankheit ein transzendentes Erlebnis. Auf einem Psy-Trance Festival in Portugal, auf das ich ganz alleine gegangen bin, habe ich mehr Stimulanzen geschluckt, als mein Geist vertragen konnte. Ich hatte ziemlich starke Halluzinationen und auf dem Trip gedacht, ich führe einen Dialog mit Gott. Mir wurde total eng und ich hatte das Gefühl, dass ich alles im Leben falsch gemacht hatte. Ganz ehrlich, ich habe Gott daraufhin gebeten, ob er mich nicht auf der Stelle umbringen kann, da ich so schlecht bin. Daraufhin begann sich ein unfassbare Karussell visueller Effekte zu drehen.
Ich sah eine Person und ihren Blutkreislauf. Auf einmal wurde sie in der Schamgegend von einer Scherbe geschnitten. Aus der Stelle des Schnitts fing eine schwarze Flüssigkeit an, ins Blut zu laufen. Diese Szene wiederholte sich die ganze Zeit, ab und zu wechselte sie sich diese mit dem Haufen von toten Meeresfischen ab, die von einem Fischerboot in einen Transporter umgeladen wurden. Es ist mir vorgekommen, als ob ich mich für eine Strafe entscheiden sollte – die schlimmste Reinkarnation: Rückkehr zum Beginn des Weges, ein Fisch auf dem Meeresboden oder das schwarze, giftige Blut. Genau ein Jahr später wurden meine Schamleisten aufgeschnitten und es wurde festgestellt, dass mein Blut de facto giftig ist (die Hodgkin Erkrankung ist neben anderen Klassifizierungen, auch „eine neoplastische klonale Bluterkrankung“).
Die Erkrankung war für mich nie ein Zufall und alles was mit dieser Krankheit zusammenhing ergab einen Sinn.

Um zum Cannabis zu kommen
Eine Chemotherapie ist nicht gerade etwas, was die Laune verbessert oder den Magen beruhigt – und dennoch danke ich Gott dafür. Die Chemotherapie rettet sehr viele Leben. Es wird mit verschiedenen „Cocktails“ geheilt und jeder Mensch erträgt es auf andere Art und Weise. Natürlich gibt es auch verschiedene Konzentrationen, aber ich kenne nicht viele Einzelheiten, also fange ich damit auch gar nicht an. Ich bekam ungefähr eine Stunde lang verschiedene Präparate aus einem Tropf. Etwa eine Stunde nach der Chemotherapie fing es dann an unangenehm zu werden.
Charakteristisch sind Übelkeit, Erbrechen, ein allgemeines Schwächegefühl und Schüttelfrost. Ich vergleiche es mit dem Schlag einer Keule gegen eine große Glocke. Die Chemotherapie war der Schlag und mein Körper die getroffene Glocke. Nun entdeckte ich aber endlich das medizinische Potential von Cannabis. Wenn ich ungefähr eine halbe Stunde nach der Chemotherapie ein paar Züge inhalierte, reduzierte ich die negativen Wirkungen auf die Psyche und die Verdauung deutlich. Im ganzen Körper machte sich eine befreiende Entspannung und ein Ruhegefühl breit. Der Magen beruhigte sich dazu auch ein bisschen. Ich musste mich zwar weiterhin übergeben, aber das Gesamtgefühl war wesentlich besser. Ich zitterte nicht mehr so viel und hatte sogar wieder Lust auf Essen. In den ersten drei Tagen nach der Chemotherapie (ich ging für ein Jahr alle vierzehn Tage dorthin) hatte ich ohne Marihuana nicht viel Lust zum Essen. Meine Ärztin sagte, das viel essen aber sehr wichtig sei. In Sachen Ausgewogenheit fielen alle Schranken. „Essen Sie so viel wie nur möglich. Es ist nicht wichtig, ob das Essen fett oder ungesund ist. Im Moment ist nur wichtig, dass Sie viel essen. Falls fettes Bauchfleisch das einzige ist, worauf sie Lust haben, essen Sie fettes Bauchfleisch“. Eine tolle Nachricht für die Fleisch Liebhaber.
Bald merkte ich aber, dass die Vermeidung einer weiteren Gewichtsabnahme kein entspannter Verdauungsspaziergang wird. Nach und nach entscheidet man sich deshalb für Essen, das man wieder gut erbrechen kann, was bei Fleisch nicht gerade der Fall ist.
Sobald ich anfing, Cannabis zu nehmen, wurde es mit dem Appetit sofort besser. Wenn man von vorne herein weiß, dass nach dem Essen wieder alles raus kommt, verspürt man wenig Lust. Ich war davon überzeugt, die Krankheit zu besiegen, selbst wenn ich Bauklötze auskotzen sollte. Jeder der Mal Cannabis geraucht hat weiß, dass man danach den ganzen Kühlschrank leer essen kann. Bei der Chemotherapie ist diese Wirkung unbezahlbar und überlebenswichtig.

Welche Menge Cannabis ist zur Beseitigung der Nebenwirkungen nach der Chemotherapie nötig?
Das ist individuell verschieden. Weil ich vor meiner Krankheit bereits an Cannabis gewöhnt war, hatte ich kein Problem damit, jederzeit einen Joint zu rauchen. Wenn ich spürte, dass die negativen Auswirkungen der Chemotherapie zunahmen, habe ich am Tag drei, vier Joints geraucht. Falls sich jemand entscheidet Cannabis zu diesem Zweck zu verwenden, würde ich empfehlen mit kleinen Mengen anzufangen, um zu erkennen, wie Marihuana seinen Zustand und die Psyche beeinflusst. Denjenigen die mit Marihuana keine Erfahrungen haben, empfehle ich mit einer sehr geringen Dosis zu beginnen.
Unter Kunstlicht angebautes Cannabis hatte bei mir wesentlich unangenehmere Ergebnisse als draußen angebautes. Deshalb besorgte ich mir nur noch Outdoor Cannabis, das schwächer war als Züchtungen unter Kunstlicht. Die Indoor angebauten Sorten halfen bei mir nicht gegen die unangenehmen Nebenwirkungen der Chemo. Im Gegenteil, ich hatte das Gefühl, dass es mir sogar noch schlimmer ging. Outdoor Joints brachten mir ein angenehmes Ruhegefühl und zugleich war ich in der Lage alle üblichen Tätigkeiten weiter zu betreiben. Dazu war ich nicht so faul und hatte genug Kraft etwas tun. Ich möchte mich bei allen Freunden bedanken, die mir den Zugang zu diesem „Medikament“ lieferten.

Anmerkung der Redaktion: Dies ist der einzige uns bekannte Fall, bei dem ein/e Patient/in das Potential von Medizinischem Indoor-Gras kritisiert. Alle uns bekannten Fälle bevorzugen Indoor angebautes Cannabis zur Appetitsteigerung bei einer Chemotherapie. Auch in Kanada und den USA, wo es die meisten Cannabis-Patienten gibt, ist diese subjektive Erfahrung bisher unbekannt. Wir tippen hierbei auf eine individuelle Reaktion aufgrund einer starken Überdosierung und wollen ausdrücklich betonen, dass die meisten Patienten Indoor-Gras bevorzugen, weil der Wirkstoffgehalt höher und die notwendige Dosierung somit weitaus niedriger ist.

Ärzte und Cannabis
Obwohl ich von vielen Menschen, die sich einer Chemotherapie unterzogen hörte, dass ihnen indirekt vom Arzt empfohlen wurde, Marihuana zum Zweck der Appetitsteigerung und psychischer Stabilität während der Chemo zu nutzen, fand ich nie die Mut es meiner Ärztin zu erzählen. Auch wenn ich es für richtig halte es ihr zu sagen und so ein offenes Geheimnis auszusprechen – dass Cannabis bei richtiger Verwendung, eine hervorragende Ergänzung der modernen Art von Heilung der Tumorerkrankungen ist. Ich verspreche daher, dass ich es ihr erzähle wenn ich sie beim nächsten Mal sehe.
Ich besuchte die onkologische Praxis FN in Pilsen in Lochotin und mache dem ganzen Team von netten und hilfsbereiten Krankenschwestern und Ärztinnen ein großes Kompliment.
Derzeit bin ich gesund und gehe regelmäßig zu den Kontrollen, die einmal im halben Jahr anstehen. Meine Chemotherapie endete vor sieben Jahren. Mit Cannabis hörte ich dann vor vier Jahren komplett auf, trotzdem nahm ich nie Abschied davon. Hanf Salbe verwende ich jederzeit auf kleinen Wunden und ich interessiere mich weiterhin für alles, was mit Marihuana zusammenhängt.
Falls Euch Mal eine gefährliche Krankheit begegnen sollte, oder Ihr aktuell gerade mit einer kämpfen solltet, beißt die Zähne zusammen und glaubt an ein glückliches Ende. Gebt nicht auf und Ihr werdet gewinnen. Viel Kraft und eine starke Gesundheit wünscht euch allen:
J.K.

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