Donnerstag, 24. November 2022

Interview mit Willi (Opfer der Prohibition)

Bild: Archiv/Su
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Die Prohibition von Cannabis bringt viel Leid mit sich. Obwohl laut der Ampel ein Gesetzentwurf für die Legalisierung von Cannabis bereits im Herbst dieses Jahres auf dem Tisch liegen kann, leiden immer noch Menschen an der aktuellen Gesetzeslage. In dieser neuen Kategorie “Interviews mit Opfern der Prohibition“ möchten wir euch verschiedene Menschen vorstellen, die an der aktuellen Situation leiden. Dabei kann von einem einfachen Konsumenten, über Patienten bis hin zum Homegrower, alles dabei sein.

Dieses Mal möchten wir euch die Geschichte von Willi Wunderlich (Name von der Redaktion geändert) vorstellen. Seines Zeichens Cannabispatient, welcher Aufgrund seiner gesundheitlichen Situation schwere soziale, berufliche und psychische Probleme erleiden musste. Cannabis wäre für ihn eine gute Lösung um seinen Lebensweg besser bestreiten zu können. Allerdings ist medizinisches Cannabis in Deutschland sehr teuer und Eigenanbau leider immer noch illegal. 

Nun denn; hier unser Interview mit Willi.

1. Hallo Willi, vielen dank das du bei uns bist, magst du dich den Lesern mal

vorstellen?

Mein Name ist Willi Wunderlich . Am 24.09.1990 in Hoya erblickte ich das Licht der Welt. In meiner Kindheit und Jugend bin ich in einer altdeutschen Familie im Herzen Niedersachsens aufgewachsen. In dieser Familie gab es viele Konflikte, welche mir mein Leben erschwerten. Ich beschloss, meine Lebensführung mit 17 in die eigene Hand zu nehmen.

Ich bin Cannabispatient und möchte arbeiten und nicht faul rumsitzen und ein Klischee bedienen. Mir ist es wichtig, dass ich meinen Teil zu der Gesellschaft Beiträge. Die Arbeit verbessert nicht nur meine finanzielle Situation sondern auch meine psychische. Ich bin ein Workaholic und die Arbeit treibt mich an.

Ich habe 180-200+ Stunden pro Monat gearbeitet. Mein Tag bestand nur aus Aufstehen – Arbeiten – Schlafen. In meinem bisherigen jungen Alter bin ich trotzdem bisher 21 Mal umgezogen. Ich weiß nicht genau wo ich hingehöre und ich fühle mich nirgendwo Zuhause. Ich arbeite, um mich abzulenken und irgendwie aus diesem Leben herauszukommen, wo ich geboren wurde. Ich habe eine Ausbildung zum Glasveredler gemacht und habe mich in meinem Job so weit geschult, dass ich überall als Glaser arbeiten kann. Aktuell bin ich leider krankgeschrieben und arbeitsunfähig

aufgrund diverser Erkrankungen. Hauptsächlich macht mir mein ADHS zu schaffen. 

Ich möchte die Kostenübernahme der Krankenkasse, dazu wollte ich ihr gerecht werden. Denn in Deutschland muss man leider einen langwierigen Prozess durchlaufen, bis man Cannabis bekommt.

 Ich habe die typischen ADHS-Medikamente eingenommen und hatte dadurch starke Nebenwirkungen. Diese Medikamente haben mir definitiv geschadet und ich wünschte ich hätte von Anfang an Cannabis bekommen.

Aufgrund dieser Nebenwirkungen und meinen Ausfallerscheinungen kam zum Streit mit meinem Chef, welcher in körperlicher

Gewalt und die Kündigung seinerseits ausgeartet ist. Ohne die harten Medikamente würde ich jetzt noch dort arbeiten. Ich kann mir aber das Cannabis aus der Apotheke aber nicht leisten und bin deshalb auf

die Kostenübernahme der Krankenkasse angewiesen. Die Kostenübernahme bekomme ich

erst, wenn die anderen Medikamente gescheitert sind – was ja passiert ist. Ich finde es

schade, dass erst so viel passieren muss, bevor ich das Medikament bekomme, von dem ich weiß dass es mir gut tut.

2. Warum hast du dich bei uns gemeldet?

Emanuel Kotzian (Emmi) ist mir in Berlin über den Weg gelaufen. Ich habe ihm meine Story

erzählt und er meinte, dies wäre etwas fürs Hanfjournal. Dementsprechend führen wir gerne das Interview mit dir.

  1. Um welche Menge/Substanzen ging es bei dir?

Bei mir geht es nur um Cannabis. Bei mir wurden 10 Pflanzen in verschiedenen Stadien in der Wohnung aufgefunden

sowie 30g getrocknete Blüten, welche ich von einem Arzt verschrieben bekommen habe.

Zudem wurde mir noch eine Tasche mit 180 Gramm Cannabis unterstellt bekommen welche ich nicht besessen habe. Also einfach gesagt, habe ich mir nur den Eigenanbau zu “schulden” kommen lassen. 

4. Wie kam es überhaupt zu dem Kontakt mit der Polizei und dass diese Cannabis bei

dir entdeckt hat?

Den allerersten Polizeikontakt hatte ich vor 1,5 Jahren.  Ich war in einer Allgemeinen Verkehrskontrolle, nachdem ich durch einen mobilen Blitzer geblitzt wurde. Ich bin nur 5km/h zu schnell gefahren und dies war Grund genug mich anzuhalten. Damals trug ich noch Dreadlocks und dies war sehr auffällig. Mit meinen Dreadlocks war ich ein gefundenes Fressen für den jungen Polizisten.

5. Wie war die Behandlung durch die Polizei, gab es unangenehme Situationen?

Die Polizei ordnete eine Urinprobe an, welche positiv auf THC war. Daraufhin wurde ich von der Polizei zur Wache mitgenommen. Glücklicherweise hat mich die Polizei nett und gut behandelt. Sie waren aber zu akribisch und penibel. 

Trotz meiner weißen Weste und perfektem Führungszeugnis wurde ich aufgrund meiner Ästhetik doch übermäßig streng kontrolliert. 

6. Wie hast du dich dabei gefühlt, was hast du gedacht und was hast du gesagt?

Für mich ist meine Welt zusammengebrochen. Ich dachte ich verliere meinen Führerschein und damit meinen Arbeitsplatz durch den Verlust meines Arbeitsplatzes hätte ich wieder umziehen

müssen und wieder von vorne anfangen müssen. Ich habe massive Existenzangst. Diese Kontrolle hätte mir mein Leben wieder mal erschweren können.

7. Wie ging es weiter – wann kam Post von der Staatsanwaltschaft, ein Gerichtstermin,

Verhandlung?

Ich habe wie zu erwarten war, eine Anklage wegen illegalem Besitz und Anbau von Betäubungsmitteln

bekommen. Die Anklage belief sich auf eine nicht geringe Menge von Cannabis (150+ Gramm).

Diese Menge wurde mir unterstellt, habe sie nie besessen. Das einzige, was ich an getrockneten Blüten besaß, war medizinisch von einem Arzt verordnet. 

Der Anbau geht auf meine Kappe. Es waren konkret 8 wachsende Pflanzen und 2 die  kurz vor der Ernte standen. 

Das war vor vier Monaten. Habe in diesen vier Monaten erstmal nichts weiteres von der Polizei gehört.. Erst vor wenigen Tagen (Anfang Juni) habe ich Post von der Polizei bekommen. Diese werde ich vorerst mit einem Anwalt besprechen und nicht der Öffentlichkeit preisgeben. 

8. Was genau ist dir passiert und welche Strafe hast du erhalten?

Ich bin jetzt offiziell Cannabispatient. Habe wegen Falschparken vor kurzem Besuch von der Polizei bekommen. Habe aber ausdrücklich den Zugang zu Wohnung verwehrt. Die Beamten sind

einfach in die Wohnung ohne meine Erlaubnis gegangen. Ich war so perplex, dass ich mich zunächst nicht gewehrt habe. Die Polizei nahm Cannabisgeruch wahr und behauptete, es wäre Gefahr im Verzug. Damit rechtfertigten sie ihren Zugang zu meiner Wohnung.  Ich wollte

den Polizisten den Zugang zu meiner Wohnung verwehren, da ich als Patient ja legal

Cannabis konsumieren darf.

Ich versuche über den Anwalt ein Beweismittelverwertungsverbot zu erwirken.

Für das Fahren unter Cannabiseinfluss (dass war bevor ich Patient wurde) gab es 700€ + 1 Monat

Fahrverbot. Es gibt nun eine ärztliche Konsultation welche ergibt, dass meine

Reaktionsfähigkeit trotz Cannabis nicht eingeschränkt ist. Ich sage sogar, sie ist gerade

wegen Cannabis und meinem ASHS nicht eingeschränkt. Eine MPU steht allerdings noch

aus, aber da erwarte ich auch, dass ich sie bestehe. Denn Cannabis hilft mir meinen Alltag besser zu bewältigen und dröhnt mich nicht zu. 

9. Ok, komische Frage, aber denkst du, deine Strafe war angemessen?

Nein, die Strafe war nicht angemessen.. Hatte das Rezept für medizinisches Cannabis einen Monat nach dem Fahren unter Cannabiseinfluss. Cannabis ist für mich Medizin und Heilung zugleich.

10. Bereust du, was du getan hast?

Kein Stück. Ich würde gerne jeden Menschen über diese Medizin aufklären. Wir haben den

Bezug zur Realität und der Natur verloren. Wir nehmen starke Tabletten mit gefährlichen Nebenwirkungen, anstatt uns auf die Natur zu verlassen. Ich hoffe, dass wir in Zukunft dazu zurückkehren können.

11. Was würdest du dir für die Zukunft wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass die Grundrechte, wie das Recht auf Selbstbestimmung und

Recht auf Heilung gewahrt werden. Sowie es das Verfassungsgericht bereits festgestellt hat.

Wir sind in Deutschland und jeder sollte seine Medizin frei wählen dürfen.

Ich möchte meine Stimme für Cannabis erheben und das laut. Dafür nutze ich auch gerne die Reichweite des Hanfjournals. 

12. Was möchtest du der Regierung sagen?

Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Die Regierung und die korrupten

Politiker müssten am Pranger stehen. In der Regierung sollten Menschen für Posten

abgestellt sein, die auch dafür geeignet sind. Mein Bäcker sollte nicht an meinen Zähnen

arbeiten, sondern Brötchen backen und mein Zahnarzt nicht meine Brötchen backen. In der Politik sollten nur Menschen hocken, die Ahnung haben von dem, was sie tun. 

13. Wie hat sich das auf dein Leben ausgewirkt?

Cannabis ist eine Bereicherung für mein Leben. Ich habe eine Hingabe zu dieser Pflanze entwickelt.

Ich habe mit den Pflanzen die ich angebaut habe jeden morgen einen Kaffee getrunken. Ich

glaube an eine Verbindung zu den Pflanzen. Organismen beweisen ihre Dankbarkeit wenn

man sie gut pflegt.

Nachdem ich meine Diagnosen erhalten habe, wurde mir alles klar. Jetzt verstehe ich mich besser und dank Cannabis kann ich einer guten Lebensqualität nachgehen. Ohne Cannabis kann ich

Nachts nicht abschalten und zur Ruhe kommen. Cannabis ermöglicht mir ein besseres Leben

14. Wie hat sich die Strafe auf dein Leben ausgewirkt?

Ich schließe jetzt jedes mal die Wohnung ab und kontrolliere es mehrfach ob es wirklich

abgeschlossen ist. Die Strafverfolgung hat mich psychisch fertig gemacht. Es hat sich eine

Paranoia durch die Strafverfolgung entwickelt.

15. Was möchtest du zum Abschluss noch sagen?

Danke, dass es das Hanfjournal gibt. Großes Lob an eure jahrzehntelange Arbeit.

Danke auch an Christoph Nattermann/Anwalt, und Harald Piron/Psychotherapeut.

Ohne diese beiden Männer hätte ich nicht standhalten können

Wir danken dir, Willi für deine Zeit und deine Antworten. Wir wünschen dir alles gute und

Viel Erfolg bei dem Strafverfahren sowie bei deinem gesundheitlichen Werdegang.

Ein Beitrag von Simon Hanf

Eine Antwort auf „Interview mit Willi (Opfer der Prohibition)

  1. haschberg

    Es ist wirklich begrüßenswert, auch mal solche Einzelfälle genau zu schildern.
    Hinter dieser ganzen unsäglichen Prohibition gegen Konsumenten der besten Heilpflanze dieser Welt stecken so viele Einzelschicksale, die nicht selten ganze Lebenswege zerstören.
    Braucht unsere armselige Gesellschaft solche unnötigen, pogromhaften Stigmatisierungen gegen friedfertige Konsumenten einer Heilpflanze?
    Es herrscht in unserer ungerechten Gesellschaft noch immer ein unüberhörbarer Geist des Grauens, den wir eigentlich schon überwunden glaubten.
    Solch ein altbackener Staatsidiotismus muss im aufgeklärten 21. Jahrhundert ein für allemal ein Ende haben.
    Das werden wir weiterhin mit unserer Stimme einklagen.

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