Mittwoch, 1. Januar 2020

Der Hauptstadt-Sumpf

Der ehemalige Junkie und „Cannaseur“ Jörg Fauser als Reporter in der Hauptstadt


Es ist immer schön, wenn Artikel und beziehungsweise oder Rezensionen nicht völlig ins Leere geschrieben werden. Und gerade eine authentische Rückmeldung zu dem mir sehr am Herzen liegenden deutschen Schriftsteller Jörg Fauser erfreute mich besonders, auch wenn der Leser*innenbrief nicht gerade einen positiv gestimmten Eindruck hinterließ. Es ging darum viel mehr um das viele in Istanbul konsumierte Haschisch und Opium, wobei bei Fauser Cannabis nicht die erste Wahl spielte – darauf wurde bereits in den Rezensionen seiner Werke in den vorigen Ausgaben hingewiesen. Der Leser*innenbrief erinnert mich daran, dass auch ich einige sehr gute Freunde, ja geradezu Seelenverwandte auf dem Weg verloren habe. Sie alle sind ihrer Heroin- und Opiat-Sucht, nach Jörg Fauser, eine Erkrankung des Stoffwechsels, die am besten mit Apomorphin behandelt beziehungsweise geheilt werden konnte, erlegen. Das nennt der Volksmund dann euphemistisch den „Goldenen Schuss“. Ob der Schuss, der einen ins Jenseits befördert, nun golden ist, weil er aus einer Kanüle und nicht aus einer Pistole stammt, bleibe einmal dahingestellt. Der Leser*innenbrief lautet wie folgt:

Mit im Päckchen war eine Ausgabe eures Hanfjournals mit einem Artikel über Jörg Fauser über ein neu aufgelegtes Buch von ihm. Das versetzte mich zurück ins Jahr 1968, ins Cagaloglu oteli in Istanbul, in dem ich Jörg kennengelernt habe. Wir, mein bereits 1974 am Stoff verstorbener Mann, und ich waren das zweite Mal nach 1967 in Stambul und Jörg wohnte mit einem Kumpel von uns im Dachgeschoss dieses ,,Hotels“. Er war da schon ziemlich am Ende, sodass ich ihm eigentlich nicht mehr lange gegeben hätte. Aber offensichtlich ist er irgendwann – wie wir anderen auch – zum Entzug heimgefahren.“ Es berührt mich zutiefst, dass die Leserin Jörg zum Zeitpunkt des Gipfels seiner Sucht in Istanbul kennen- und wohl auch schätzen gelernt hatte. Und ihre Vermutung stimmt. Fauser fuhr nach Hause, um zu entziehen, was ihm auch gelang – wenn auch nicht dauerhaft, da er immer wieder von Rückfällen eingeholt wurde. Der Brief weiter: „Atze, unser Kumpel ist später auch in Istanbul gestorben, wo Jörg das Zeitliche gesegnet hat, weiß ich nicht.“ Damit spricht sie einen äußerst traurigen Aspekt an. Denn Fauser starb nicht so, wie er lange Zeit gelebt hatte. Es war nicht der „Goldene Schuss“, der ihn ins Jenseits beförderte, sondern ein unglaublich heftiger Alkoholrausch an seinem 42. Geburtstag. Fauser war bürgerlich geworden, hatte geheiratet und nannte seine beiden Stiefsöhne stolz seine Jungs. Im Vollrausch verließ er an seinem Geburtstag die Kneipe, wo er feierte, und wurde unter bis heute mysteriösen Umständen auf der Autobahn von einem Lastwagen überfahren. Manche Verschwörungstheoretiker behaupten, es sei Mord gewesen, da Fauser über die Verstrickungen der hohen Politik in den Rauschgifthandel der damaligen BRD (Mitte der 80er Jahre) recherchierte. Ich halte es da für plausibler, dass Jörg tatsächlich nicht mehr Herr seiner Sinne war und im höchsten dionysischen Rausch versehentlich auf die Autobahn torkelte. On dieser Tod dem Leben Fausers „angemessen“ ist, bleibe dahingestellt, besser gepasst hätte ein „Goldener Schuss“ wie ihn der Mann der Leser*innen-Brief-Autorin ereilte: „Mein Mann starb in Berlin in einer Toilette am Ku‘damm. Ich bin jetzt 73 und im Nachhinein weiß ich nicht, ob es besser für mich war, am Leben zu bleiben. Aber, was soll‘s, den Rest packen wir auch noch … Trotzdem danke für den Artikel über Jörg, es brachte mir etwas Jugend zurück für eine kurze Zeit.“ Und ich habe mich zutiefst bei der Autorin dieser Zeilen zu bedanken, da es mir den leibhaftigen Jörg Fauser, den ich aufgrund unserer Altersdifferenz nie kennenlernen durfte (ich war ein Kind, als er starb), näher gebracht hatte: als Mensch, als Junkie, als von der Gesellschaft Ausgestoßenen.

Doch die oben geschilderte Differenz in der Identität der Person Fauser – also das Antagonistische zwischen dem Junkie-Rebellen Fauser und dem angepassten, im Kulturbetrieb verankerten Schriftsteller und Journalisten Fauser – wird durch den jetzt im Diogenes Verlag erschienenen Band „Caliban Berlin – Kolumnen 1980-1984“ mehr als deutlich. Fauser schrieb für das Berliner Stadtmagazin Kolumnen. Im Gegensatz zu vielen anderen Schriftsteller*innen verachtete er aber nicht seine journalistische Tätigkeit, sondern sagte über sie: „Wenn man für Zeitschriften arbeitet, hat man für eine gewisse Zeitspanne Geld und kann so den eigenen Schmus machen, wenn man den trennen will. Aber ich will das nicht trennen. Seit ich im Journalismus tätig bin, gibt es für mich keine Trennung.“ Da hat Fauser mir einmal mehr als aus der Seele gesprochen. In dem Band, in dem seine Reportagen versammelt sind, geht es um Bos- und Catch-Abende, den Papstbesuch, den Erhalt der Demokratie, den Kulturbetrieb und den wunderbaren Zeitgeist zu Beginn bis Mitte der 80er Jahre. 55 Kolumnen signalisieren, dass Fauser ein unbestechlicher Zeitzeuge war. Nur mit der politischen Verortung hat er sich schwergetan. Er war nicht, wie er heute von manchen vereinnahmt werden möchte, links. Im Gegenteil: Im Kommunismus sah er die Gefahr lauern, dass der Individualismus, der für ihn in erster Linie auch den rauschhaften Konsum von Alkohol, Cannabis und Heroin beinhaltete, vernichtet würde. Er sah das Mehr an Freiheit in einer Demokratie, auch wenn diese noch so mängelbehaftet war, da dort die Menschen wegen ihrer Sucht nicht gleich für Jahre oder Jahrzehnte im Straflager verschwinden mussten. Und Fauser sprach sich auch für die Stationierung von Pershing-Raketen in Deutschland aus, um die Sowjets von einem Angriff abzuhalten, da für ihn feststand, dass der Frieden im Kalten Krieg nur auf der Grundlage von gegenseitiger Abschreckung von Dauer sein konnte.

Fauser war weder links noch rechts. Er verteilte nach beiden Seiten und auch in die Mitte kräftige Hiebe. Alles, was er an moralisch-ethischer Verwerflichkeit entdeckte, prangerte er an, wobei ihn weder die politische Einstellung noch der gesellschaftliche Stand des Angegriffenen interessierte. Insofern ist Fauser auch ein großes Beispiel für unsere Zeit, da er immer seiner eigenen Person treu geblieben ist. Und Fauser war nie ein Revolutionär, sondern immer ein Rebell. Auch wenn er jahrelang an der Fixe hing. Aber Fixen bedeutet nicht zwangsläufig links zu sein. Das ist eine uralte Gleichung aus den Nachwirren der Studentenrevolte, die noch nie stimmte, aber spätestens heute ihre Berechtigung völlig verloren hat. Auch insofern ist Fauser für die heutige Zeit ein mehr als wichtiger Schriftsteller. Und seine Beobachtungen und Kolumnen über die heutige deutsche Hauptstadt haben beim genauen Lesen kaum etwas von ihrer Aktualität eingebüßt. Deshalb: Unbedingt lesen – ein besonderer Genuss nach dem Genuss einer grünen Pflanze, die Fauser nie vergötterte, die er aber als kleinen Bruders des allmächtigen Gotts Opium ansah.

Christian Rausch

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