Freitag, 26. April 2019

Wer nicht hören will, der muss fühlen

Eine schmerzhafte Satire von Sadhu van Hemp


Seit 16 Jahren bin ich stolzer Besitzer eines Sohnes, der mir allerdings alles andere als Freude bereitet. Es ist unerklärlich, wieso und weshalb der Lümmel komplett missraten ist, aber alles deutet darauf hin, dass seine Mutter die alleinige Schuld trägt. Wer sonst? Ich kann’s ja nicht gewesen sein, da ich mich seit der Geburt des Jungen ausschließlich dem Beruf widme und im Schweiße meines Angesichts dafür sorge, dass es der Brut an nichts fehlt. Doch statt dem Jungen eine vernünftige Erziehung angedeihen zu lassen, ist die Mutter meines Sohnes durchgängig damit beschäftigt, sich selbst zu verwirklichen. Arbeit kennt sie nicht, aber sie beherrscht die Kunst des Geldausgebens.

Kein Tag vergeht, an dem nicht ein Kurierfahrer an der Tür klingelt und Pakete mit Schuhen, Handtaschen und anderen Accessoires zur Verschönerung der Frau anliefert. Wenn Madame nicht gerade vor dem Spiegel steht, dann gilt der Rest ihrer Liebe und Zuneigung unseren drei Zwergpudeln, die sie von morgens bis abends betüddelt, als wären die Tölen ihre eigentliche Familie. Dass ich dabei als treusorgender Ehemann und Ernährer zu kurz komme, ist nicht weiter tragisch, da ich kaum zu Hause bin und mir meine Streicheleinheiten im Bedarfsfall anderweitig suche. Doch unser Sohnemann kommt mit der Vernachlässigung durch seine Mutter offensichtlich überhaupt nicht klar. Dabei hat der Lümmel alles in den Hintern geblasen bekommen, was ein Kind benötigt, um trotz der fehlenden Mutterliebe geborgen und glücklich aufzuwachsen. Vom Flachbildschirm bis hin zum allerneuesten Smartphone – kein Wunsch bleibt unerfüllt. Er trägt teuerste Markenklamotten, und sein monatliches Taschengeld entspricht dem Einkommen zweier erwachsener Hartz-IV-Empfänger. Alles finanziere ich dem Bengel, um ihm zu zeigen, dass ich meine Vaterpflichten trotz permanenter Abwesenheit ernst nehme und alles daran setze, dass aus ihm genauso ein guter Mensch wird, wie ich es bin.

Unser Oskarchen lebt wie ein Fürst und alles könnte richtig schön sein. Doch was macht der Knabe? Statt sich ordentlich zu benehmen, schwänzt er die Schule, beschimpft seine Lehrerin als Hurenschlampe, begrapscht seine Mitschülerinnen gegen ihren Willen und verkauft Haschgift an seine Klassenkameraden. Keine Häuserwand, die er nicht mit Graffitis besprüht, keine Scheibe, die er nicht zerkratzt. In der Nachbarschaft ist er als Schläger verschrien, vor dem sich nicht nur die anderen Kinder fürchten, sondern auch die Erwachsenen. Die Tante vom Jugendamt meint, bei dem Jungen sei Hopfen und Malz verloren. Auch die Schulpsychologin sieht kaum mehr Hoffnung, dass aus dem „Soziopathen“ ein anständiger Mensch wird. Dieses vernichtende Urteil wollte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen. Die Gewissheit, dass seine Mutter schon länger, wenn nicht sogar von Anfang an, mit der Erziehung überfordert ist, zwang mich zum Handeln. Schluss mit der Kuschelerziehung! Jetzt half nur noch die altbewährte schwarze Pädagogik, die noch bei jedem fruchtet, der aus der Art schlägt. Wer nicht hören will, der muss fühlen, sagte mein Vater immer, wenn ich über die Stränge schlug.

Auch wenn es derzeit verboten ist, seine Kinder nach Strich und Faden zu versohlen, dennoch ist diese Form der Erziehung immer noch am effektivsten, um schief gewachsene Kinder geradezubiegen. Wer weiß, was für ein asozialer Mensch ich geworden wäre, wenn mich mein Vater nicht täglich mit dem Rohrstock windelweich geprügelt hätte? Es blieb also keine andere Wahl: Eine Lektion für Oskar war längst überfällig. Der Lümmel war reif für die väterliche Knute. Doch so brillant der Plan auch war, dem Jungen nach alttestamentarischer Art den Verstand einzubläuen, er war von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Wie sollte ich einen 16-jährigen erprobten Straßenschläger, der einen Kopf größer ist als ich, mal eben übers Knie legen? So sehr die Hand auch juckte, ich traute mich nicht. Eine andere Lösung musste her, um den Degenerationsprozess des Söhnchens zu stoppen. Aber welche? Wie macht man, ohne Hand anzulegen, aus einem verwahrlosten Analphabeten einen halbwegs gesitteten Menschen, der der Gesellschaft nützlich ist? Ins Internat stecken? Zu spät. Zum Barras zwingen? Zu früh.

Ich überlegte hin und her, wie ich ihn packen könnte. Sollte ich das Oskarchen einfach in den Keller locken und dort so lange unter Verschluss halten, bis er zu Besinnung kommt und sich freiwillig als wohlerzogener und höflicher junger Mann gebärdet? Auch bestand die Möglichkeit, den Knaben einfach beim Kindernotdienst abzugeben oder zur Adoption freizugeben. Doch was ich mir auch ausmalte, nichts davon versprach Aussicht auf nachhaltigen Erfolg. Doch dann kam der Tag, an dem Oskar selbst dafür sorgte, mir den Weg aufzuzeigen, wie ich ihn am Schlafittchen packen konnte. Bereits seit Wochen zog ein penetranter Gestank aus seinem Zimmer, so dass ich mich genötigt sah, während seiner Abwesenheit mal nachzugucken, was da so miefelt. Ich fiel aus allen Wolken, als ich im Kleiderschrank eine Cannabisplantage entdeckte. Zugleich fiel es mir wie Schuppen von den Augen, dass unser Oskarchen in Teilbereichen des alltäglichen Lebens gewissenlos wie ein Erwachsener ist und über einen erschreckend stark ausgeprägten Hang zum Verbrechen verfügt. Es gab für mich keinen Zweifel mehr: Mein Sohn ist ein Krimineller.

Die Frage, die sich nun stellte, war, ob ich die Polizei sofort einschalte oder erst später. Ich war nicht sicher, ob eine Haschgiftplantage im Kleiderschrank genügte, um dem Lümmel einen ordentlichen Schuss vor den Bug zu verpassen. Und so wuchs in mir der Plan, noch ein bisschen Butter bei die Fische zu legen, bevor ich das Oskarchen bei der Polizei anschwärze. Natürlich war dieses Vorhaben leicht illegal und mehr als unfair, aber was macht man nicht alles, um seinem Kind eine ordentliche Zukunft zu geben. Außerdem war es nur recht und billig, dem Jungen mal zu zeigen, wie das ist, ihn mit seinen eigenen verbrecherischen Mitteln zu schlagen. Die Vorbereitungen liefen dann auch recht schnell an, und nach wenigen Tagen waren alle Maßnahmen getroffen, um den Jungen ein für allemal vom falschen Weg abzubringen. Der große Showdown erfolgte an einem Montag. Oskar schwänzte mal wieder die Schule, als das eintrat, was sein Leben zum Wohle aller veränderte. Dass die Damen und Herren von der Polizei gleich ein Sondereinsatzkommando schickten, um den Knaben abzuholen, war zwar ein wenig übertrieben, aber effektvoll und eine Mahnung für alle.

Die SEK-Beamten waren nicht gerade zimperlich, als sie unser Oskarchen aus dem Bettchen zerrten und in Handschellen legten. Doch alles Heulen und Geschreie nützte nichts, hilflos musste er mitansehen, wie die Polizisten sein Kinderzimmer auf den Kopf stellten und das ans Tageslicht förderten, weshalb sie gekommen waren. Das, was sie nach und nach auf dem Teppichfilz ausbreiteten, hätte jeden erwachsenen Bürger für Jahrzehnte ins Zuchthaus mit anschließender Sicherheitsverwahrung gebracht. Nur so viel: Neben einem Sortiment harter und weicher Drogen, das mir ein befreundeter Zollbeamter aus der Asservatenkammer mitgebracht hatte, wurde eine nicht unerhebliche Menge verschreibungspflichtiger Medikamente aus dem Nachtischchen meiner Frau gefunden. Zudem habe ich eine scharfe Schusswaffe, diverse verbotene Hieb- und Stichwaffen, eine Hakenkreuzfahne, 10.000 Antifa-Flugblätter, in denen zu Amokläufen in Schulen aufgerufen wird, und etliche Raubkopien illegaler Computerspiele platziert. Um die Sache wasserdicht zu machen, zog man noch einen Rollkoffer unter dem Bett hervor, in dem sich eine gefüllte Propangasflasche und eine deutsche Ausgabe des Koran befand.

Ja, und das war’s dann. Unser Oskarchen wurde abgeführt, ein paar Monate dem amerikanischen Geheimdienst zur Erstbefragung überlassen und schließlich in die Justizvollzugsanstalt gesteckt, wo er bis zum 23. Lebensjahr eine satte Jugendstrafe absitzen wird. Und das ist auch gut so, denn dort hat der Junge eine Zukunft. Wie es aussieht, wird er einen Schulabschluss machen, eine Lehrstelle antreten und mit Bodybuilding seinen Körper stählen. Dass mein Junge andere Insassen sexuell missbraucht und auch schon mal zu Tode quält, stört mich weniger, denn das zeigt, dass er sich durchzusetzen versteht und soziale Kompetenz entwickelt – ganz so wie sein Vater, der nun erwägt, auch mal der Mutter tüchtig die Leviten zu lesen.

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