Sonntag, 12. Februar 2017

Kommentar zu Nabilon in Deutschland

 

Kommentar: Und ja, das ist gute Nachricht für Patienten!

 

 

 

 

Autor: Maximilian Plenert

 

Eigentlich wollte ich nur einen Artikel über die (Wieder-)Zulassung* von Nabilon (Canemes®) als Medikament in Deutschland schreiben. Beim Arbeiten am Nachrichtenartikel kam mir die Frage ob ein Hinweis dass dies definitiv eine positive Nachricht ist, notwendig wäre. Leider werden in der Hanfszene gewisse Aversionen und Feindbilder gepflegt, die den Blick auf Nachrichten wie diese trüben. Anstelle von Freude über eine weitere praktisch nutzbare Therapieoption für kranke Menschen überschattet die lautstark geäußerte Ablehnung von „chemischem Cannabis“ von „der Pharmaindustrie“ die Reaktionen.

 

Cannabis gut – Chemie böse?

 

Der gemeine Hanffreund, so meine Beobachtung feiert jeden Fortschritt bei Cannabisblüten als Medizin frenetisch. Es herrscht der Schein einer bedingungslosen Solidarität mit den Patienten und ihrem Kampf für die gerechte Sache.

 

Es existiert in der Hanfszene als Gegenpol zu dem guten natürlichen Cannabis das Bild der bösen „Pharmaindustrie“ und ihren Produkten. Das eine per se heilende und die Industrieprodukte im besten Fall „Wirksam für unmoralische Profite“, im Zweifelsfall eher schädlich, wenn nicht gar die Ursache allen Übels.

 

Warum aber sind Reaktionen auf dieser Nachricht zu einem synthetischen Cannabinoid so durchwachsen? Es wird unterstellt, dass wenn sie Cannabis schon nicht aufhalten kann, sie mit patentierten Chemie-Cannabis-Arzneimitteln der Menschheit nur ein vergiftetes Geschenk „gönnen“ und die Profite einstreichen wollen.

 

Nur die Blüte zählt?

 

Praktisch alles was keine Originalblüte oder Hobbyextrakt ist, wird abgelehnt. Sei es:

 

– „Dronabinol“ als zwar nur ein einziger Wirkstoff, aber immerhin dem wichtigsten Cannabinoid in Reinform, in Deutschland hergestellt (* PS) halbsynthetisch aus CBD oder aus echtem Gras, angebaut in Österreich, extrahiert

– das Pflanzenextrakt Sativex in Sprayform

– wirklich synthetische Stoffe wie Nabilon,

 

alles ist nicht „natürlich“ genug.

 

Jede Hilfe für Patienten zählt

 

Eine solche Sicht ist nicht nur einfältig und Substanzfaschismus. Sie ist sondern auch zynisch und menschenverachtend gegenüber den Patienten, denen damit geholfen werden kann. Man mag ihnen die Wirkung gegönnt werden, aber als wirklich relevant bei der Bewertung der Substanzen wird der Nutzen der Patienten nicht betrachtet – bedingungslose Solidarität ade…

 

Fakt ist: Heute sind Sativex und Dronabinol deutlich weiter verbreitet als Cannabisblüten. Gerade in der Onkologie rettet Dronabinol Menschen das Leben. Zahlreiche MS-Patienten sind mit ihrem Sativex-Spray schlicht zufrieden. Mit Hanf haben diese Patienten nicht zu tun. Sie wollen alleine eine Medizin gegen ihr Leiden und eben nicht selbst kiffen oder dafür streiten.

 

Canemes wird in der Nutzung schnell das Niveau der anderen „Pharmaprodukte“ Sativex und Dronabinol erreichen. Damit kann es praktisch ebenfalls mehr Menschen helfen als – zumindest bis auf weiteres – mit Cannabisblüten erreicht werden. Die Ärzte werden es verschreiben, die Kassen werden zahlen und nur so gibt es einen breiten Nutzen. Für die Zielgruppe der Krebserkrankten kann dieses Mittel das Leben verbessern und sogar verlängern.

 

Außerhalb der zugelassenen Indikation hat Canemes als ordentliches Arzneimittel bei Ärzten und Kassen einen Bonus gegenüber den skeptisch betrachteten Cannabisblüten. Das mag unfair, ungerecht und sachlich falsch sein. Praktisch ist es aber ein Bonus für die Patienten und das zählt.

 

Dr. Grotenhermen betont regelmäßig dass wir alle verfügbaren Therapie-Optionen mit und ohne Cannabis und wenn mit Cannabinoiden, dann in jeder Form, brauchen und es für jede Möglichkeit eine Patientengruppe gibt, die nur damit optimal versorgt ist.

 

 

* PS: Chemie ist überall – alles ist Chemie. Unter Stoffen gibt es kein Gut und Böse.

 

Dronabinol könnte und wird teilweise auch vollsynthetisch „aus Orangenschalen“ hergestellt. Das ist auch nicht weiter spektakulär. Cannabinoide gehören zur Stoffgruppe der Terpenphenole und sind Verbindungen aus fundamentalen sekundären Pflanzenstoffen. Analog bildet Hopfen als mit dem Hanf verwandte Gattung aus der Familie der Hanfgewächse (Cannabaceae) Humulone, ebenfalls Terpenphenole.

 

So wie die Hanf- und Hopfenpflanzen aus Baustellen Cannabinoide und Humulone synthetisiert, vermag dies auch ein Biochemiker. Für die Synthese von THC braucht es den Ausgangsstoff Olivetol, der aus Flechten gewonnen werden kann. Diese wird mit Delta-3-Caren aus Tannen, alpha-Pinene aus Kiefern oder minzigem Pulegon oder eben dem Öl aus Orangenschalen zur Reaktion gebracht. Ein deutscher Forscher arbeitet zudem an THC-produzierenden Bakterien.

 

Ob aus dem Reagenzglas, aus Hanfpflanzen als „Grüne Fabriken“ oder einem Bioreaktor, das Produkt ist das Gleiche.

 

PS: Nabilon mixt man übrigens aus dem gleichen Ausgangsstoff mit dem auch 2C-B, ein synthetisches Meskalin, hergestellt werden kann.

5 Antworten auf „Kommentar zu Nabilon in Deutschland

  1. Jemand

    Fakt ist allerdings auch das die Pfarmaindustrie eben nicht an der Heilung von Krankheiten profitiert sondern mehr Gewinn macht wenn die Leute länger/öfter krank sind! Zudem werden häufig Krankheiten erfunden um die passenden „Medikamente“ zu verkaufen! Das ist tatsächlich menschenverachtend!
    Wer sich diesen künstlichen pseudo THC Mist reinziehn will weil es ihm hilft soll das ruig tun…mir kommt der Mist jedenfalls nicht ins Haus (auch wenn es helfen würde!)
    Die Legalisierungsbemühungen MÜSSEN sich langfristig auf Blüten beschränken da diese den Grundstoff für allerlei Extrakte und andere Zubereitungen darstellen die dann natürlich auch medizinisch genutzt werden sollten! Kurzfristig kommen viele Patienten allerdings leider nicht um diesen Mist ala Nabilon und Co herum weswegen das natürlich auch eine gewisse Wichtigkeit hat man sollte sich aber möglichst schnell davon abwenden! Alleine die Vielzahl an wirkungsbeinträchtigenden aber nicht psychoaktiv wirkenden Bestandteile natürlicher Cannabisblüten die bei solchen im Labor hergestellten Stoffen eben NICHT enthalten sind machen das notwendig!

  2. Rainer Sikora

    Außerdem umgeht man den Umgang und Kontakt mit der Planze und lernt nichts über die Fastzination derselben.

  3. ElSnyder

    Ist es vielleicht nicht einfach auch so, dass hier zwei grundsätzlich verschiedene Themen vermischt werden. Viele Menschen erhoffen sich über die medizinische Nutzung auch den Konsum zu Genusszwecken zu legalisieren. Und da kann man mit Stoffen wie Nabilon natürlich nichts anfangen. Man will schließlich schönen natürlichen Hanf genießen. Denn neben der Wirkung spielen Geruch und Geschmack eine wesentliche Rolle beim Hanfgenuss. Deswegen kann man sich auch nicht freuen wenn wieder irgendein chemisches Derivat Verfügbar wird und man immer noch auf dem Schwarzmarkt vergiftetes Cannabis kaufen muss.

    Ich gebe dem Autor Recht, dass wir uns bewusst machen sollten, dass es Menschen gibt die Hanf oder dessen Wirkstoffe wirklich brauchen, teils zum Überleben. Da ist natürlich alles was wirkt willkommen und auch das neue Gesetz für die medizinische Nutzung ist ein großer Erfolg. Vielleicht ist die Mehrheit nicht davon betroffen doch früher oder später kann jeder in eine solche Lage geraten.

    Ich kann aber auch gut verstehen, dass nicht alle in Euphorie verfallen. Ich selbst habe mich z.B. auch etwas über die sehr positiven Meldungen des DHV gewundert. Für Patienten ist es ein Meilenstein, keine Frage. Aber ob dadurch die Akzeptanz von Hanf im Allgemeinen wesentlich steigen wird muss sich noch zeigen. Möglicherweise irre ich mich aber für mich hat es den Anschein als wäre das neue Gesetz doch sehr restriktiv. Es handelt sich immer noch um ein BTM-Rezept. Das einzige was jetzt passiert ist ist dass Cannabis auf eine Stufe mit Opiaten gestellt wurde. Es ist weder besonders leicht legal an Opiate zu kommen, noch ist die gesellschaftliche Akzeptanz als Genussmittel sonderlich hoch.

    Die medizinische Nutzung und der Konsum zu Genusszwecken sind zwei verschiedene Fronten. An der einen Front ist eine wichtige Schlacht gewonnen und darüber sollten wir uns alle freuen. Doch das ändert meiner Meinung noch nicht wirklich viel am Status als Genussmittel. Die deutsche Situation ist nicht mit der in Kalifornien zu vergleichen. In den USA lief oder läuft die Legalisierung sehr stark über die medizinische Nutzung. Hier sind die Regeln jedoch viel lascher und viele Dispensaries sind auch eher Coffeeshops als Apotheken. Dieser Weg ist für Deutschland kaum denkbar. Deshalb muss es jetzt um die vollständige Legalisierung gehen. Unter welcher Form auch immer, als Coffeeshop- oder Cannabis Social Club-Modell. Auf diese Weise hat jeder die Wahl ob Patient oder Genusskonsument.

  4. Freizeitkiffer Nr. 4.000.007

    Hallo Elsnyder,
    eben, darum geht`s: Gebt den Hanf frei – komplett!

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