Mittwoch, 8. Januar 2014

Das Hanf-Museum in Berlin

Zwischen Traumwelt, Wissensvermittlung und politischem Anspruch

Autor: Michael Melter

hanfmuseum
Die Gemäldegalerie im Hanfmuseum – Foto: Michael Melter

Es ist eine eigene Welt. Ganz sicher. Liebevoll, informierend, ein bisschen chaotisch und auf jeden Fall etwas verrückt. Und das ist völlig legal, vor allem ist es gut so. Denn wer könnte den Wahnsinn (manche nennen es Alltag) mit den politische Umständen schon aushalten ohne innerlich hin und wieder ganz entspannt zu sein? Das Hanf-Museum am Mühlendamm hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit viel Engagement die (fast vergessene) Vielfältigkeit der Hanf-Pflanze auf den über 300m² darzustellen. Seit über 19 Jahren existiert das Museum nun schon, nur in Bologna, Amsterdam und Barcelona gibt es noch Pendants.

Um Entspannung zu erreichen, kennen alle Kulturen dieser Erde Drogen als Heil- und Rauschmittel, die aus Pflanzen hergestellt werden. Erst durch das Entstehen der chemische Industrie und bigotter, von protestantisch-religiöser Prüderie bestimmte Politik Ende des 19. Jahrhunderts änderte sich die öffentliche Wahrnehmung der Pflanzen und der daraus gewonnenen Substanzen zu dem reduzierten Begriff Drogen. Die heutige Drogenpolitik ist seit über 100 Jahren vor allem von wirtschaftlichen Interessen und von restriktiven Kontrollinstanzen geprägt. Das geht vor allem auf die USA zurück, die als weltweit größter Baumwollproduzent den, in anderen Kulturen weit verbreiteten Hanf-Anbau unterbinden wollten. Der Anbau der Hanf-Pflanze, eine der ältesten Nutz- und Zierpflanzen der Welt mit vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten, war damit zunächst diskreditiert, später verboten.

Wer das Wort „Hanf“ googelt, kann schon auf der ersten Seite die Vielfältigkeit sehen: Hanfverband, Hanfmuseum, Thermo-Hanf für den Hausbau, Kosmetik, Bekleidung. Das kann man im Museum anschaulich nachvollziehen, denn das Team um Gründer und Kurator Rolf Ebbinghaus hat versucht, möglichst viele Nutzungsmöglichkeiten darzustellen. Ebbinghaus fordert folgerichtig eine andere Politik für die Hanf-Pflanze: „Es kann nicht sein, dass eine Pflanze mit 80 Prozent nutzbarer Bio-Masse nur auf die Rauschnutzung reduziert wird. Hanf ist auch in der Literatur und Malerei zu finden.“ Auch Steffen Geyer, einer der vier Menschen aus dem Kernteam, sagt „Wir wollen im Museum zeigen, was Hanf alles kann“.

Erst kürzlich führte Geyer ein Lehrer-Ehepaar durch die Räume und erklärte den beiden Hintergrund und Geschichte der Pflanze und wollte auch zeigen „wie die Pflanze aussieht und was man mit ihr machen kann, wenn sie nicht in kleinen Plastiktüten für den Konsum abgepackt ist“.

Führungen sind übrigens nach Absprache jederzeit möglich und werden auch für eine Person durchgeführt (ab 10 Personen im Eintrittspreis inklusive), es wird eine Spende erwartet, da das Museum keinerlei öffentliche Zuwendungen für die Ausstellungen erhält und hauptsächlich vom Engagement seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter sowie der MAE-Kräfte getragen wird. Steffen, der sich selbst als „langjähriger Legalisierungs-Aktivist“ bezeichnet, hat Sendungsbewusstsein und möchte wieder eine Hanf-Welle in die Öffentlichkeit tragen. Für ein breiter angelegtes, öffentliches Bewusstsein und einen anderen (medialen) Umgang mit der vielseitigen Pflanze. Die nächste Sonderausstellung (derzeit über den großartigen Wolfgang Neuss) wird sich übrigens ab März mit dem „Geringe Mengen-Urteil“ des Bundesverfassungsgerichts von 1994 befassen.

Wer besucht das Hanf-Museum?

Diese durchaus spannende Frage, sicher mit gewissen Klischees im Kopf, habe ich mir auch gestellt. Den typischen „Kiffer“, männlich, langhaarig, mit schludrigen Klamotten und verpeilt, der so oft als stereotypes Klischeebild in Medien und bei Stammtisch-Diskussionen herhalten muss, habe ich übrigens nicht angetroffen, auch wenn es ihn sicher als einen von vielen Typen als Konsumenten von Cannabis-Produkten gibt.

Am Museums-Geburtstag ist die Bandbreite des zahlreich anwesenden Publikums ebenso bunt wie die Verwendungsmöglichkeiten der Pflanze. Und wie mir das Team vermittelte, ist das immer so.
Am besten hat mir unten im Keller der gemütliche Café-Raum mit der kleinen Bar gefallen. Die Atmosphäre ist eine Mischung aus Party-Keller der 70er Jahre und konspirativem Resistance-Treffpunkt. Es gab im Dezember zum 19. Geburtstag des Museums wunderbar herb-würzigen, intensivgrünen Hanf-Tee (geschmacklich ähnlich wie Mate) sowie wunderbar frischen, vom Team selbst gebackene Kuchensorten, die sehr köstlich schmeckten. Ich war übrigens noch sehr lange nach dem Besuch des Museums sehr entspannt.


Hanf Museum Berlin
Mühlendamm 5, 10178 Berlin-Mitte
www.hanfmuseum.de

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