Dienstag, 2. Juli 2013

Razzia im Kinderzimmer

„Wassen das?“

Ich dacht’, mich tritt ein Pferd: War doch neulich der Macker meiner Mum oben in meiner Bude. Das hat’s ewig nicht gegeben – ja, eigentlich noch nie, denn normalerweise hängt der Nullchecker den lieben langen Tag vor der Glotze ab, säuft Asbach-Cola und nervt meine Mum mit seiner ungeheuren Trägheit. Ich saß also völlig arglos am Rechner und las gerade online einen Growreport im Hanf Journal, als der Vollspacken ohne anzuklopfen hereinspazierte und sich wortlos umguckte. Mir war sofort klar: Das ist das Ende des Familienfriedens. Ja, und es kam, wie es kommen musste: Er öffnete meinen Schrank.

„Wassen das?“
brüllte der Asi los. „Eine Rauschgiftplantage in meinem Haus? Bist du irre?“
„Nee, bin ich nicht! Und dein Haus ist das schon gar nicht?“ blökte ich zurück. „Die Hütte besitzen Mum und ich. Dir gehört noch nicht mal der Sessel, Du Sesselfurzer!“
„Komm her, Bürschchen! Dir werd’ ich, du nichtsnutziger Bastard!“ Er packte mich am Nacken, zog mich vom Stuhl und gab mir mit der Faust eine Kopfnuss, dass die Schädeldecke knackte. Wie betäubt stand ich da und musste hilflos zuschauen, wie der Muddaficker meine erntereifen Mädels samt der kompletten Installation herausriss und mir nix dir nix aus dem Fenster warf.
„So, das war’s!“ sagte der Wixxa und grinste mich mit seiner Hackfresse derart frech an, dass ich ihn hätte erschlagen können – wenn ich denn nicht so ein Hänfling wäre. „Sei froh, dass ich nicht die Polizei geholt habe! Die würden dich nämlich dahin verfrachten, wo du hingehörst! So, und nun raus mit der Sprache! Wo ist der Rest von deinen Drogen?“
Ich schwieg, heulte und zeigte ihm den Mittelfinger.
„Pah, Idiot du! Ich werd’s schon finden“, blaffte mich der Pisser an und begann in aller Seele Ruhe in meinem Schreibtisch zu wühlen. Gegenwehr war bei diesem Grobian zwecklos. Schublade um Schublade leerte er auf dem Fußboden aus, ohne jedoch fündig zu werden.
Ich dachte schon, der Pfosten würde vielleicht aufgeben, doch da hatte er sie schon in seinen illegalen Pfoten: meine Schultasche. Scheiße auch, da plumpste die verkaufsfertig eingetütete Ernte auf den Teppichfilz.
Exakt 125 Gramm waren es, die ich dummerweise schon gegen Vorkasse an die Schulkameraden der Unterstufe verkauft hatte. Innerhalb von fünf Minuten hatte dieser Penner einen Schaden von ein paar tausend Euro angerichtet, dieser Vollhonk der!
„Meine Fresse, Du bist ja noch schlimmer und verdorbener, als ich dachte“, blies sich der Spast in seinem Trainingsanzug aus Ballonseide auf. „Weißt du, was man mit so einem Kifferpack wie dir macht? Nee? Weißt du nicht? Ich stecke dich zum Barras! Punkt, aus, Feierabend!“
„Häh?“ fragte ich nach.
„Mensch, zur Armee, du Schulversager! Ich schicke dich zum Bund, damit die einen anständigen Menschen aus dir machen. Da kannst du dann erst mal Latrinen schrubben!“
„Aber nein!“ platzte die schrille Stimme meiner Mum dazwischen, die gerade rechtzeitig nach oben kam und mich schützend in den Arm nahm. „Was redest du da, Horst? Das kommt überhaupt nicht in Frage! Willst du, dass der Junge von den Talibanesen erschossen wird? So adipös und unbeweglich, wie der Bub ist, ist er doch ein leichtes Ziel. Außerdem hat er sich doch vom vielen Onanieren am Computer längst die Augen verdorben! Das geht doch nicht!“
„Und wie das geht, Uschilein!“ schnauzte der Widerling meine arme Mudda an. „Ich kenne da einen Arbeitskollegen, der kennt einen, der beim Bund was zu melden hat! Der Lümmel kommt zum Barras, und damit basta!“
„Und was ist mit dem Attest vom Kinderpsychologen? Der hat doch längst bescheinigt, dass unser Sohn auf dem Entwicklungsstand eines Fünfjährigen ist!“
„Der Arsch ist nicht mein Vater!“ berichtigte ich meine Mum.
„Da hörst du es, Uschi, wie frech und undankbar deine Brut ist! Der kommt zum Militär. Da lernt dieses verweichlichte Muttersöhnchen, wie man ein richtiger Mann wird.“

Jetzt wurde es echt abgefahren, denn die wacke Idee des Vollspacken, mich zur Bundeswehr zu pressen, war bei genauer Überlegung gar nicht mal so übel. Ein Beruf, dessen einziger Sinn darin besteht, im Kifferparadies Afghanistan abzuhängen, hat durchaus seinen Reiz. Ich sah mich schon tagsüber im Panzer spazieren fahren und auf der faulen Haut liegen; abends schön grillen und chillen – und Schwarzen Afghanen quarzen, bis der Arzt kommt. So wie früher die Hippies. Nur mit dem Unterschied, dass Vadder Staat für den Scheiß auch noch ordentlich Blutzoll löhnt. Und wer schlau ist, macht einen auf Macke, wenn er fertig hat. Dann ist Rente für ewig angesagt. Wenn das keine Perspektive mit Zukunft ist, dann weiß ich auch nicht.
„Ach, lass nur Mum“, lenkte ich ein. „In Afghanistan für euch den Arsch hinhalten, ist schon okay.“
„Arsch hinhalten?“ kreischte meine Mudda. „Nein, Horst, mein Kind gebe ich nicht her! Nachher wird der arme Junge noch schwul gemacht beim Bund! Guck ihn dir doch mal an mit den langen Haaren! Der ist doch das ideale Opfer in solch verrohten Männergemeinschaften.“
„Ach was, Haare ab und gut ist’s!“
„Damit er so nazimäßig aussieht wie du? Nein, Horst, kommt nicht in Frage!“ Meine Mum nahm mich an die Hand. „Komm, mein Schatz! Pack ein paar Sachen! Ich weiß einen besseren Ort. Dort musst du keine Angst vor bösen Männern haben.“
Ja, was soll ich sagen? Meine Mudda hat es nur lieb gemeint – wie immer. Doch damit erwies sie mir einen Bärendienst: Statt in Kunduz bin ich nämlich im Internat gelandet, genauer gesagt in einer Lehr- und Zuchtanstalt der Jesuiten. Na ja, und was bei den Brüdern für Orgien abgehen, ist ja hinlänglich bekannt. Doch eine Genugtuung habe ich: Nachdem mir die Pfaffen beigebracht haben, dass Gott die straft, die Böses tun, habe ich ihm diese Arbeit bei Horst schon mal abgenommen. Ein Anruf bei unserer örtlichen Polizeistation genügte: Nun hat der Suffkopp keinen Lappen und folglich auch keinen Job mehr.

Somit dürfte es also nur noch eine Frage der Zeit sein, bis meine Mudda den Langzeitarbeitslosen an die frische Luft setzt – und ich wieder Herr im Haus bin und freie Hand zum Gärtnern habe.

 

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