Freitag, 4. Januar 2013

Sativa oder Indica?

Autor: Dr. Franjo Grotenhermen, Vorstand und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin

Es ist nicht CBD

Dr. med. Franjo Grotenhermen Mitarbeiter des nova Institutes, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (ACM)
Dr. med. Franjo Grotenhermen, Foto: Archiv

Ein weit verbreiteter Irrtum ist die Auffassung, Cannabis sativa- und indica-Sorten würden sich durch den CBD- oder THC-Gehalt unterscheiden. Erstmals haben Wissenschaftler der Universität Leiden versucht, Charakteristika verschiedener Sorten an Hand von 28 Inhaltsstoffen (Cannabinoide und Terpene) zu ermitteln. Dazu haben sie zwei bekannte Sorten aus niederländischen Coffee-Shops, die Sativa-dominante Sorte Amnesia und die Indica-dominante Sorte White Widow, sowie drei Medizin-Sorten des Unternehmens Bedrocan untersucht, darunter die Sorte Bedrocan, die ursprünglich aus der Sorte Jack Herer, ein leicht Sativa-dominantes Hybrid, gezüchtet wurde, und die Sorte Bedica, die von einer Indica-dominanten Sorte abstammt.

Es gibt bekannte morphologische Unterschiede zwischen beiden Cannabis-Typen. Der Indica-Typ weist eine geringere Wachstumshöhe und breitere Blätter als Sativa-Typen auf. Indica-Pflanzen reifen unter ähnlichen Wachstumsbedingungen schneller heran als Sativa-Typen. Sie tendieren auch zu einem etwas anderen Geruch, was ein Hinweis auf eine unterschiedliche Terpen-Zusammensetzung ist, denn der Geruch von Cannabispflanzen basiert auf ihrer Zusammensetzung an ätherischen Ölen (= Terpene).

Das Sativa-High wird oft als stimulierend und energetisierend beschrieben. Die Wirkungen werden als Kopf-High charakterisiert. Es können halluzinogene Effekte auftreten. Sativa-Sorten vermitteln ein Gefühl von Optimismus und Wohlbefinden. Auch wenn Indica-Sorten allgemein mehr THC enthalten sollen, so gibt es heute reine Sativa-Typen mit sehr hohen THC-Konzentrationen. Sativas sollen besser für den Konsum am Tag geeignet sein. Demgegenüber werden die Indica-Wirkungen mit dem Begriff Körper-High charakterisiert. Indica-Sorten werden vor allem zur Entspannung, Stressreduzierung und für ein allgemeines Gefühl von Ruhe und Gelassenheit verwendet. Sie werden gern abends und bei Schlaflosigkeit verwendet.

Frühere Untersuchungen haben bereits ergeben, dass der Gehalt an den wichtigsten Cannabinoiden THC und CBD keinen relevanten Aufschluss zur Unterscheidung zwischen Cannabis sativa und indica liefert. In den Sorten beider Varianten sind die THC-Konzentrationen heutzutage im Allgemeinen hoch und die CBD-Konzentrationen sehr niedrig. Dies bestätigt auch die neue Untersuchung der Universität Leiden. So unterscheiden sich die beiden Sorten White Widow (indica) und Amnesia (sativa) nicht relevant in ihrem THC- und CBD-Gehalt.

Die Terpen-Zusammensetzung gibt einige Hinweise auf mögliche Wirkungsunterschiede zwischen der Sativa- und der Indica-Sorte. So weist White Widow (indica) eine doppelt so hohe Konzentration an Alpha-Pinen wie Amnesia (sativa) auf. Alpha-Pinen könnte dafür verantwortlich sein, dass die Störung des Kurzzeitgedächtnisses durch THC bei der Indica-Sorte nicht so stark ausfällt wie bei der Sativa-Sorte, weil dieses Terpen dieser THC-Wirkung entgegengewirkt. Amnesia könnte daher mehr Amnesie = Gedächtnisverlust verursachen. White Widow enthält zudem viermal mehr Myrcen als Amnesia. Dieses Terpen ist für seine sedierenden Wirkungen, also eine charakteristische Sativa-Eigenschaft, bekannt.

Betrachtet man die Substanzen, so lässt sich festhalten, dass die Amnesia-Proben vor allem durch das Vorkommen der drei Terpene Alpha-Guaien, Gamma-Selinen und Terpinolen charakterisiert sind, die nicht in White-Widow-Sorten nachgewiesen wurden. Die Konzentrationen von Beta-Caryophylen sowie der Cannabinoide THCV (Tetrahydrocannabivarin), CBC (Cannabichromen) und vor allem CBG (Cannabigerol) sind deutlich höher in Amnesia (sativa) als in der Indica-Sorte White-Widow. Demgegenüber wiesen die White-Widow-Sorten signifikant höhere Konzentrationen an Myrcen und Alpha-Pinen auf. White Widow enthält zudem einige Terpene, die nicht in Amnesia vorkommen, nämlich Guaiol, Beta-Eudesmol, Gamma-Eudesmol und Alpha-Bisabolol.

Drei verschiedene Cannabis-Sorten, die in niederländischen Apotheken auf Rezept erhältlich sind, wurden ebenfalls analysiert. Obwohl die Sorten Bedrobinol und Bedica einen unterschiedlichen genetischen Hintergrund haben, ähneln sie der Sorte White Widow. In der Tat stammt Bedica wie White Widow genetisch von einer Indica-Sorte ab. Es ist unklar, warum auch Bedrobinol der Sorte White Widow ähnelt, denn Bedrobinol stammt von einer Haze-Varietät ab, die einen großen Anteil von Sativa-Genetik besitzt.

Die Sorte Bedrocan ist zurzeit die beliebteste Cannabissorte in den Niederlanden für die medizinische Verwendung. Sie ähnelt keiner der beiden Sorten aus den Coffee-Shops. Ursprünglich wurde sie aus einer Jack-Herer-Genetik entwickelt, einem leicht Sativa-dominanten Hybrid. In der Tat ähnelt die chemische Zusammensetzung von Bedrocan mehr der Sorte Amnesia (Sativa-Typ) als White Widow (Indica-Typ).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die subjektiven Unterschiede zwischen Sativa- und Indica-Sorten möglicherweise auf den bisher wenig beachteten Cannabinoiden CBG und CBC sowie auf Unterschieden in der Zusammensetzung der Terpene (ätherischen Öle) beruhen.

2 Antworten auf „Sativa oder Indica?

  1. Ruth Meiner

    Ich habe ein paar Fragen zum Thema medizinisches Cannabis. Indica soll (eigentlich) für ihren hohen CBD-Gehalt bekannt sein. Ist diese Tatsache laut Artikel eine falsche Info? Zudem möchte ich gerne erfragen, wo die Studie zu finden ist.

    Allgemein soll Cannabis in der Medizin sehr interessant sein, wegen dem vermeintlich hohem CBD bzw. THC-Gehalt. Können also die positiven Wirkungen der Pflanze auf den Körper nicht auf CBD oder auch THC zurückgeführt werden? Wenn ja worauf stattdessen? Diese Quelle berichtet beispielsweise über die Wirksamkeit der Cannabinoide und dass sie allein für die Medizin wichtig sind. Außerdem werden hier auch Indica und Sativa durch den Cannabinoid-Gehalt unterschieden: https://www.leafly.de/cannabis-wissen/indica-sativa-ruderalis-cannabis-sorten/

    Können Sie dazu Stellung nehmen? Ich bin ein wenig verwirrt.

    Ich freue mich auf Ihre Antwort!

    Beste Grüße 🙂

  2. Susanne Winter

    Hallo Ruth Meiner,

    hier erstmal der Link zur Studie: https://bedrocan.com/wp-content/uploads/2012-cannabis-from-cultivar-to-chemovar_hazekamp.pdf.
    In seinem Artikel schreibt Dr. Grotenhermen grob zusammengefasst lediglch das CBD nicht zur Unterscheidung von Indica & Sativa taugt.
    Einen Guten Überblick zu Cannabis als Medizin und zu den verschiedenen wirksamen Bestandteilen gibt es hier im 7-teiligen Kurs:
    https://hanfjournal.de/2015/11/28/der-kurs-zu-cannabis-als-medizin-teil-1/
    https://hanfjournal.de/2017/09/30/fuenf-gute-gruende-fuer-cannabis-als-medizin-teil-ii/
    https://hanfjournal.de/2016/01/09/der-kurs-zu-cannabis-als-medizin-teil-3/
    https://hanfjournal.de/2016/02/13/kurs-zu-cannabis-als-medizin-teil-4/
    https://hanfjournal.de/2016/04/10/der-medizinische-nutzen-von-cannabis-und-thc/
    https://hanfjournal.de/2016/05/13/decarboxylierung-von-thc-und-cbd/
    https://hanfjournal.de/2016/05/27/der-kurs-zu-cannabis-als-medizin-teil-7/

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