Samstag, 13. Februar 2016

Kurs zu Cannabis als Medizin – Teil 4

 

 

Das Cannabis-Dilemma: Ein breites therapeutisches Potenzial bei einer bisher begrenzten klinischen Forschung

 

Von Dr. med. Franjo Grotenhermen

 

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Erst in den 1930er und 1940er Jahren wurde die chemische Struktur der ersten Phytocannabinoide, wie beispielsweise Cannabidiol, erfolgreich charakterisiert. Aufgrund der Vielzahl der Cannabinoide mit sehr ähnlichen chemischen Strukturen und ihrer Fettlöslichkeit waren moderne Trennmethoden erforderlich, um ihre exakte chemische Struktur aufklären zu können. Es dauerte bis zum Jahr 1964, bevor Delta-9-THC, das im Wesentlichen für die psychischen und die meisten übrigen pharmakologischen Wirkungen der Cannabispflanze verantwortlich ist, stereochemisch definiert und synthetisiert wurde.

 

Die chemische Struktur von Morphium und anderen Opiaten, Acetylsalicylsäure (Aspirin), eine synthetische Variante der natürlich vorkommenden Salizylsäure und anderer medizinisch nutzbarer Pflanzenwirkstoffe waren dagegen bereits im 19. Jahrhundert identifiziert worden. Wäre es gelungen, die Struktur von THC wesentlich früher aufzuklären, wären Cannabis, einzelne Cannabinoide und synthetische Cannabinoide heute vermutlich ebenfalls zugelassene Medikamente. Cannabis und die Cannabinoide wären aufgrund der langen positiven Erfahrungen bei vielen Erkrankungen in die moderne Medizin übernommen worden, so wie das für Morphium der Fall war.

 

Stattdessen nahm die Verwendung von Cannabisprodukten, deren Inhaltsstoffe nicht standardisiert werden konnten, nach ihrer Blütezeit zwischen 1880 und 1900 in Europa und Nordamerika rapide ab. Die meisten Ärzte wollten zunehmend nicht mehr mit nicht standardisierten Pflanzenprodukten arbeiten, sondern nur noch mit solchen, deren Inhaltsstoffe genau bekannt waren sowie mit definierten synthetischen Präparaten.

 

Für die wichtigsten Anwendungsgebiete der Cannabispräparate wurden noch vor Beginn des 20. Jahrhunderts neue spezifische Arzneimittel eingeführt. Zur Behandlung der Infektionskrankheiten (Cholera, Tetanus etc.) wurden Impfstoffe entwickelt, die nicht nur wie Cannabis die Symptomatik bekämpften, sondern Schutz vor Infektion boten. Bakterielle Erkrankungen wie die Gonorrhö, die häufig mit Cannabis therapiert wurden, konnten etwas später durch das Aufkommen der Chemotherapeutika (bereits 1910 wurde das von Paul Ehrlich entdeckte Salvarsan in die Therapie eingeführt) therapiert werden. Auch als Schlaf- und Beruhigungsmittel bekam Haschisch Konkurrenz in Form chemischer Substanzen wie Chloralhydrat, Paraldehyd, Sulfonal, Barbituraten und Bromural. Anders als die Vielzahl von Opiatmedikamenten wurden die Cannabispräparate auch als Analgetika bald von chemischen Mitteln verdrängt. Große Bedeutung erlangten schon kurz nach der Einführung das Antipyrin und das Aspirin.

 

Heute werden Cannabis und einzelne Cannabinoide wie neue Medikamente behandelt, so als kämen sie frisch aus dem Labor eines pharmazeutischen Unternehmens. Sie müssen aufwändige klinische Studien durchlaufen, die medizinisch verwendete Substanzen vor 50 oder 100 Jahren nicht durchlaufen mussten. Damals reichte es, wenn sich Medikamente über Jahrzehnte in der Praxis bewährt hatten, um allgemein anerkannt zu sein.

 

Heute stehen wir daher vor dem „Cannabis-Dilemma“. Einerseits berichten Patienten und Ärzte von einer Vielzahl positiver Wirkungen bei schwer kranken Personen, die an vielen unterschiedlichen Erkrankungen leiden, darunter Schmerzerkrankungen unterschiedlichster Art von Phantomschmerzen bis Migräne, chronisch-entzündliche Erkrankungen wie Colitis ulcerosa und Rheuma, psychiatrische Erkrankungen wie Zwangsstörungen, Depressionen und posttraumatische Belastungsstörung, neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose und Tourette-Syndrom, Appetitlosigkeit und Übelkeit aufgrund unterschiedlicher Ursachen und viele andere Erkrankungen mehr. Andererseits ist die wissenschaftliche Datenbasis, so wie man sie heute für moderne Medikamente verlangt, bisher nur für wenige Erkrankungen vorhanden, insbesondere bei Spastik im Rahmen einer multiplen Sklerose, bestimmten chronischen Schmerzen, Übelkeit bei Krebschemotherapie sowie Appetitlosigkeit bei HIV/Aids.

 

Die Ärzte und die Politik gehen in verschiedenen Ländern unterschiedliche Wege, um mit diesem Dilemma umzugehen. Einerseits darf man Patienten eine wirksame Therapie nicht vorenthalten, so dass Patienten in vielen Ländern ein legaler Zugang zu solchen Präparaten eröffnet wurde. Andererseits sollen Medikamente heute eine strenge Prüfung durchlaufen, so dass die Forschung in den vergangenen Jahren intensiviert wurde.

 

Allerdings gibt es einen erheblichen Unterschied zwischen neuen Molekülen aus den Laboren der pharmazeutischen Industrie und Cannabisprodukten. Die möglichen Nebenwirkungen von THC und Cannabis sind in den letzten 50 Jahren gut untersucht worden. Mögliche Risiken sind bekannt und können daher gut gegen den möglichen Nutzen einer Therapie abgeschätzt werden. Dieser Nutzen zeigt sich bei Cannabisprodukten zudem häufig und reproduzierbar innerhalb kurzer Zeit nach der Einnahme: eine Abnahme der Schmerzen, eine Verbesserung des Appetits, eine verbesserte Stimmung, eine Reduzierung von Entzündungen, eine Reduzierung einer Hyperaktivität oder Muskelkrämpfen, et cetera.

 

4 Antworten auf „Kurs zu Cannabis als Medizin – Teil 4

  1. "A keyword search on the National Library of Medicine database reveals nearly 23,000 peer-reviewed papers specific to the marijuana plant, and new scientific discoveries are published almost daily rebuking the federal government’s assertion that the he

    Das ist ein sehr schöner Kurs, zu Cannabis als Medizin. Danke, lieber Dr. Grotenhermen und liebes Hajo für diese sehr informativen und umfangreichen Informationen zur Heilpflanze Hanf und dem wunderbaren Endocannabinoidsystem.

    Deutschland erscheint uns immer noch als Wüste 😉 , was das Wissen um den Cannabis angeht [Hanf – lat. der Cannabis]

    Warum ist Deutschland so eine „Wüste“, obwohl wir mit Dr. Grotenhermen doch so einen ausgezeichneten Fachmann auf diesem Gebiet haben.

    Die Ursachen sind vielfältig und so komplex wie die ganze Prohibition.

    Was wir gut finden und was zunehmend unsere Unterstützung findet, sind die vielen Hanffreunde und Hanffreundinnen, die sich dieses (lange Zeit mit der ULTIMA RATIO) „verbotene“ Wissen aneignen und weiterverbreiten.

    Die einzige Analogie, die uns zu diesem Vorgehen der verantwortlichen Stellen dazu einfällt, sind die „Hexenverbrennungen“ des Mittelalters.

    Nochmals lieben Dank an das Hajo und an Dr. Grotenhermen. Wir werden Sie nach unseren besten Kräften unterstützen, so gut wir das können.

    Liebe Grüße (wir wünschen Ihnen viel Kraft und Gesundheit, lieber Dr. Grotenhermen) 🙂 🙂 🙂

    PS unter dem link finden sich 23 000 Dokumente zu Cannabis als Medizin der National Library of Medicine database der USA. 🙂 Wer also Lesestoff braucht und Zeit hat … von wegen es gibt/gab keine Forschung. Das Wissen darum wurde nur verschleiert, erschwert, unterdrückt (dazu haben wir sehr viel recherchiert) und erblickt nun mühsam das Licht der Welt … es geht voran! Uns freut das sehr. Danke. Außerdem empfehlen wir zur Weiterbildung die Fachliteratur von Dr. Grotenhermen. Save The Desert! 🙂

  2. Littleganja mit Ausnahmeerlaubnis

    The Huffington Post

    Bei Kieran McCrory aus Omagh in Nordirland wurde 2014 ein Gehirntumor diagnostiziert. Der 38-jährige Vater unterzog sich einer Gehirn-Operation und einer Strahlentherapie, die ihn jedoch nicht heilen konnten. Die Ärzte gaben ihm drei bis fünf Jahre zu leben.

    Doch McCrory wollte das Todesurteil nicht ohne Weiteres akzeptieren.

    Er beschloss, auf alternative Mittel zu setzen. 2015 begann er mit einer Cannabisöl-Therapie. McCrory hatte gelesen, dass Cannabis helfen könnte, Krebs zu bekämpfen. So haben Forscher der University of East Anglia in Norwich gezeigt, dass
    der Cannabis-Wirkstoff THC das Wachstum von Krebszellen verlangsamen könnte. Der Vater setzte all seine Hoffnung auf das Cannabisöl.

    Und tatsächlich: Ein Jahr später teilten ihm die Ärzte mit, dass sein Tumor aufgehört hatte, zu wachsen. McCrory, der sich derzeit neben dem Öl keiner weiteren Therapie unterzieht, ist davon überzeugt, dass das Cannabis-Öl für diese positive Entwicklung verantwortlich ist.

    „Ich kann optimistisch sein, dass ich mehr Zeit auf diesem Planeten mit meiner Frau und meinem Kind verbringen darf“, sagte er in einem Interview mit dem britischen Nachrichtensender „BBC“.

    Ganzer Artikel:
    http://www.huffingtonpost.de/2016/02/12/gehirntumor-hoert-auf-zu-wachsen_n_9216664.html?utm_hp_ref=germany&ir=Germany

    Danke und weiter so Dr Grotenhermen

    P.S. Dem Artikel ist eine Pedition angehängt.

  3. Ein historisches Urteil: Ein Cannabispatient hat sich seine Medizin selbst zu Hause angebaut. Ein Gericht in Amsterdam sprach ihn trotzdem frei.

    BEISPIELHAFT!

    Die Welle rollt und ist nicht mehr aufzuhalten!

    Das ist der „Dammbruch“!

    Gleiches Recht für ALLE!

    [… Kai W. Reinschmidt: „Die Verteidigung argumentierte, dass angesichts fehlender angemessener Alternativen und in Anbetracht der Umstände zu dem Schluss gekommen werden muss, dass die Wichtigkeit der medizinischen Notwendigkeit das öffentliche Interesse an der Umsetzung des Opiumgesetzes aufwiegen. Das Gericht gab der Verteidigung Recht.“

    Das Urteil entspricht meinem laienhaften Verständnis von Menschenrechten. …]

    1a Meinung 🙂 🙂 🙂

    LG 🙂 🙂 🙂 Wir sind SEHR VIELE und werden IMMER MEHR!

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