Montag, 7. Juni 2004

Karneval der Kulturen in Berlin

Am 30. Mai versammelten sich am Hermannplatz die verschiedensten Kulturen Berlins um sich in ihrer Vielfältigkeit zu präsentieren. Über 100 Gruppen nahmen an dem Umzug teil, 900.000 Besucher feierten diesen multikulturellen Freudentanz und über 1,8 Millionen Menschen besuchten an diesem Wochenende den Karneval der Kulturen. Masse mit Klasse – mal was Neues eben!

Schon um 13 Uhr hieß es Sachen packen und auf zum Karneval. Ok, Berlin ist nun nicht unbedingt für seinen Fasching (ich bin Bayer) bekannt, aber darum findet der Berliner Karneval auch nicht zu der eigentlichen Karneval-/Faschingszeit statt sondern zu Pfingsten. Und außerdem handelt es sich dabei auch nicht wirklich um einen Kostümierungsball sondern viel eher um die Huldigung eines multikuturellen Flairs, den zumindest Kreuzberg und auch Neukölln hat. Da nun das Hanf Journal auch wieder mit einem Wagen auf dem Karneval vertreten war, hieß es zumindest für mich rechtzeitig zur Parade einzutreffen. Und natürlich hat sich das auch gelohnt. Zwar war von meinen Kollegen zu dieser Zeit noch kein Mensch anzutreffen, aber die gerade gestartete Parade – unser Wagen für erst drei Stunden später, um 16 Uhr los – bot gerade am Anfang noch viel Platz und mit Motivation versetzte Teilnehmer.

Prinzipiell strotzte der zehn Stunden dauernde Umzug gerade so vor Freude und Selbstbewusstsein. Subkultur neben Subkultur, Minderheit neben Minderheit und Andersartige neben noch Andersartigeren – und dies sprichwörtlich unter dem Dachmantel einer lachenden Sonne. Friede, Freude und Eierkuchen – in der bewährten alten Form also. Es bleibt nur zu hoffen, dass dieses Event also auch weiterhin deutlich macht, dass Kulturen sich nicht bekämpfen sollten, zumindest nicht wenn sie aufblühen und wahrgenommen werden wollen. Nur zusammen schaffen es die verschiedensten Gruppen sich vor solch einem Millionenpublikum präsentieren zu können – nur zusammen schaffen sie es, so vielen Menschen ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern.

Auch das Hanf Journal war dieses Jahr wieder mit dabei, schließlich sind ja die Kiffer Berlins eine wichtige kulturelle Größe. Und so gehörten wir genau so zum Umzugsbild, wie die Sambatänzerinnen, die Technoiden oder wie die Personen des „Ein Herz für Neukölln“-Wagens. Das ist gut und wichtig so, denn es darf nicht sein, dass wir uns bei solchen Veranstaltungen verstecken. Wer die Augen auf machte, sah an vielen Ecken und Enden die Joints kreisen. Das verstecken Spielen muss endlich ein Ende haben. Und so war es auch dieses Jahr wieder richtig, dass wir zusammen mit Grow In und den Grooving Smokers für unsere Szene die Flagge hochgehalten haben, denn wir sind ein Teil dieser Stadt.

Der Karneval dieses Jahr war fast genauso groß wie der Christopher Street Day (CSD) und die Love Parade letzten Jahres zusammen. Zugegeben, letztes Jahr war an den beiden Terminen immer schlechtes Wetter, aber dennoch macht dieser Vergleich deutlich, in welcher Liga der Karneval eigentlich spielt. Und dabei kommt einen das Schauspiel sehr unkommerziell und alternativ vor und ist bundesweit nicht gerade wirklich bekannt. Es passt perfekt in ein positiv gezeichnetes Bild eines sich ergänzenden Neben- und Miteinanders der Kulturen, so wie manch einer in Kreuzberg oder Neukölln es sich auch erträumt. Und so ist es nicht schwer festzustellen, dass genau dieser Umzug zu Kreuzberg und damit auch zu Berlin wie die Faust aufs Auge passt. Es ist ja auch eine schöne Sache, dass das größte Fest Berlins die Minderheiten feiert.

Der Karneval startete 1996 mit rund 50.000 Teilnehmern und mauserte sich unbemerkt an die Spitze der deutschen Großveranstaltungen. Dass dies nicht so im Zentrum der Medien passierte, war den Organisatoren relativ recht. Anet Szabó von der Werkstatt der Kulturen sagte mit Blick auf nächstes Jahr sogar, dass sie nicht hoffen würden, dass die Veranstaltung noch größer werden würde. Auch Überlegungen, die Parade auf die Straße des 17. Juni zu verlegen, da dort mehr Platz zur Verfügung stehen würde, lehnte sie ab. „Wir wollen durch einen Bezirk laufen, in dem Menschen leben, keinesfalls durch eine sonst menschenleere Parkanlage“, beteuerte Anet Szabó gegenüber der „Berliner Zeitung“. Kreuzberg sei eben die Ecke in Berlin, in der Menschen aus fast allen 180 Nationen dieser Erde ihr zu Hause gefunden haben. Und genau da gehört eben dieser Umzug hin.

Der Karneval der Kulturen war dieses Jahr wieder beeindruckend ohne Ende. Er malte ein Bild von Berlin, welches schöner nicht sein könnte. Zusammen sind wir stark – alleine sind wir nichts. So macht dann Karneval auch den Berlinern Spaß.

Werner Graf

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