Montag, 27. November 2023

Die drei Geldsäcke vom Cannabis Social Club

Ein Exklusiv-Interview mit Egon, Benny und Kjeld vom Cannabis-Club „Señora Sinsemilla“ auf Teneriffa

Cannabis

 

 

Wahrheitsgetreu aufgezeichnet von Sadhu van Hemp

 

 

Vor knapp fünf Jahren besuchte das Hanf Journal drei alte weiße Männer auf der Kanarischen Insel Teneriffa. Die Rentner-Gang aus Deutschland hatte gerade den Club Cannábico „Señora Sinsemilla“ in Los Cristianos gegründet, der drei Monate nach Eröffnung bereits knapp 150 Mitglieder zählte. Was einst als kleiner feiner Gentlemen’s Club für betagte Residenzler aus Nordeuropa begann, hat sich inzwischen zu einem überregional agierenden Franchise-Unternehmen mit einem weitverzweigten Firmengeflecht ausgewachsen. Mittendrin wie die Spinne im Netz zieht das rüstige Seniorentrio die Fäden der miteinander verknüpften Seilschaften.

 

¡Hola Egon, Benny und Kjeld! ¿Qué tal, hermanos? Alles fit im Schritt? Ach, was fragen wir? Sieht man doch: Euch geht’s gut hier unter Palmen.

 

Ja, wir können nicht klagen. (Egon legt einen Riesenbobel Chocolate aufs Tischchen.) Hier baut uns mal ein ordentliches Horn. Nun ja, eigentlich geht’s uns gerade etwas beschissen. Als wir uns das letzte Mal sahen, schien alles ohne Probleme und nach unseren Vorstellungen zu laufen. Ende 2019 hatte der Cannabis-Club bereits über 5.000 Mitglieder. Nur dummerweise wuchs uns die Sache über den Kopf. Nahezu wöchentlich mussten wir neue Clubräume auf ganz Teneriffa eröffnen, um dem Andrang Herr zu werden. Und woher das Gras nehmen und nicht stehlen? Teilweise mussten wir Cannabis aus Österreich einfliegen lassen, was im Schengen-Raum zolltechnisch kein Problem darstellt, aber halt illegal ist und den Preis in die Höhe treibt.

 

Zum Glück funkte uns die Corona-Seuche dazwischen. (Benny beugt sich vor und greift nach der Tüte, die wir ihm reichen.) Der Lockdown war unsere Rettung. Die Nachfrage ebbte wegen der Reisebeschränkungen ab, und wir konnten uns darauf konzentrieren, die Vereinsstrukturen so zu ordnen, dass nicht mehr alle Verantwortung auf unseren Schultern lastet.

 

Und so habt ihr den Club Cannábico „Señora Sinsemilla“ zu einem der mitgliederstärksten Vereine Spaniens gemacht. Wie jeder normale Sportverein habt ihr Abteilungen gegründet, die eigenständig wirtschaften, aber auf die anderen Abteilungen und Unterabteilungen, die Anbau, Verarbeitung und Auslieferung organisieren, angewiesen sind. Ein klassisches Franchise-Unternehmen mit einem weitverzweigten Firmengeflecht habt ihr da aufgebaut, nur mit dem Unterschied, dass ihr offiziell ein Verein seid, der als Non-Profit-Kooperative agiert. Und die Behörden spielen da so ohne weiteres mit?

 

Nö! (Kjeld nimmt Benny den reichlich heißgerauchten Joint ab und legt ihn zum Abkühlen in den Aschenbecher.) Mich haben sie 2020 und 2021 jeweils für einige Wochen in Untersuchungshaft gesteckt. Mir wurde vorgehalten, als Kassenwart Steuern in Millionenhöhe hinterzogen zu haben. Und Egon saß auch ein paar Tage im Bau.

 

Ja, Verdacht auf illegalen Drogenhandel. (Egon nimmt den Joint auf und pflegt ihn mit Spucke.) Die Amateure der Staatsanwaltschaft hatten aber nichts in der Hand – nix, nada! Gleich nach der Festnahme habe ich meinen alten Freund und Hausanwalt Hans-Christian StröbeleGott hab ihn selig – eingeschaltet. Der Genosse ist dann auch sofort von Berlin hierher geflogen und hat dem Staatsanwalt die Hölle heißgemacht. Ruckizucki war ich wieder auf freiem Fuß und die Ermittlungen wurden eingestellt. Seitdem lässt man uns in Ruhe unserer Arbeit nachgehen. Unsere Steuerberater, Vermögensverwalter und Anwälte haben alles unter Kontrolle.

 

Man sagt euch nach, dass ihr Verbindungen bis in aller höchste Kreise habt – und das von ganz oben bis nach ganz unten in die Unterwelt. Sogar auf dem Wiener Opernball hat man euch gesehen. Du, Benny, du sollst mit der Verbandspräsidentin der Fédération Internationale de Haschich Association (FIHA) unverblümt Händchen gehalten haben. Auch kursiert im Netz ein Video, das euch mit Ministerpräsident Pedro Sánchez bei Löscharbeiten der verheerenden Waldbrände diesen Sommer zeigt. Zudem habt ihr im Fischerörtchen Puertito de Güímar über Airbnb Ferienapartments als Notunterkünfte angemietet und jenen armen Seelen zur Verfügung gestellt, die durch das Feuerinferno obdachlos geworden sind. Natürlich nur rein zufällig an dem Ort, wo ihr gerade eine Großbaustelle betreibt und nach Lohnsklaven sucht. Irgendwie seid ihr drei ein großes Rätsel. Wie schafft man das, in so kurzer Zeit aus einer Schnapsidee ein ganzes Imperium, das genossenschaftlich organisiert ist, aber den Gesetzen des Kapitalismus gehorcht, aufzubauen und sich mit Gott und der Welt zu connecten?

 

Wie gesagt, am Anfang stand, wie ihr sagt, die Schnapsidee des Cannabis Gentlemen’s Club. (Egon reicht den Joint an Benny weiter.) Wir hatten gar nicht auf dem Schirm, dass das Steuerparadies Teneriffa das Bankschließfach „alten Geldes“ ist. Die ersten Clubmitglieder waren durchweg schwerreiche Leute aus der Oberschicht, die überglücklich waren, auf die alten Tage eine Oase des Friedens unter ihresgleichen gefunden zu haben, wo man in gediegener und entspannter Atmosphäre unbehelligt kiffen und chillen kann. In ihrer Glückseligkeit kamen fast alle von selbst drauf, ihr unanständig erworbenes Geld am Ende ihres Lebens für wohltätige Zwecke zur Verfügung zu stellen. Das Spendenaufkommen wuchs derart schnell, dass wir gar nicht mehr mit dem Zählen nachkamen. Von allen Seiten hat man uns regelrecht mit Geld zugeschissen, ohne dass wir darüber Rechenschaft ablegen mussten. Benny, der ja bei den Frauen wohlgelitten ist, hat es sogar geschafft, einer niederländischen Milliardärswitwe eine Luxusyacht abzuluchsen. Neulich erst hat uns ein 92-jähriger englischer Lord seinen Landsitz auf der Insel Jersey überschrieben. Alles, was er dafür als Gegenleistung einforderte, war eine Ehrenmitgliedschaft in unserem Cannabis-Club auf Lebenszeit.

 

Auf der Insel wird gemunkelt, dass ihr im großen Stil Land aufkauft. Angeblich hättet ihr mit der Inselregierung einen Deal, die im Sommer abgebrannten Wälder wieder aufzuforsten – und zwar mit Hanf.

 

Ja, das ist richtig. (Kjeld übernimmt den Joint von Benny.) Aber nicht nur mit Hanf. Augenblicklich ist ein Containerschiff vom Berliner Osthafen nach Santa Cruz unterwegs, das 10.000 deutsche Jungeichen aus Eichwalde anliefert, die die freiwilligen Helfer unserer Jugendabteilung einpflanzen werden. Alles ist auf Nachhaltigkeit ausgerichtet – insbesondere beim Cannabis-Anbau. Alle Pflanzenteile werden verwertet. So stehen wir kurz vor dem Vertragsabschluss mit einem großen Süßwarenproduzenten in Bonn, der hier auf Teneriffa eine Gummibärchenfabrik errichten will. Ein deutscher Textilhersteller mit Sitz in Bangladesch will uns die anfallenden Hanffasern abnehmen, und ein Konsortium US-amerikanischer Oligarchen beabsichtigt, aus den Samen Russisch Brot für die Welt herzustellen. Ihr seht, alles was wir machen, ist gemeinnützig und dient ausschließlich dem Weltfrieden; selbstverständlich unter strikter Einhaltung der Klimaneutralität.

 

Boah, äh! Eine Nummer kleiner geht’s wohl nicht? Und was ist das für ein Größenwahn mit eurem gigantischen Bauvorhaben in Puertito de Güímar? Eine ganze Stadt mit allem drum und dran soll da auf den Lavafeldern entstehen. Sollen die Tinerfeños am deutschen Wesen genesen?

 

Aber nein! (Benny winkt ab.) Wo denkt ihr hin? Das Bauvorhaben unserer Reiseabteilung zielt einzig und allein auf unsere gutbetuchten Clubmitglieder ab, die abgeschirmt von Inselbevölkerung und Bootsflüchtlingen in unserem All-iclusive-Premium-Ressort „Colònia Cannábica“ High-End-Urlaub machen wollen. Unsere Architekten aus Orlando/USA haben Großes vor. Unweit der Pyramiden von Güimar neben dem Montaña Grande gibt es zwei kleinere Vulkankegel, die sich wie zwei wohlgeformte Silikonbrüste aus Mutter Erde erheben. Dort werden wir eine terrassenförmige Wohnanlage ins Vulkangestein schlagen – als kleine Reminiszenz an die Guanchen, den Ureinwohnern Teneriffas, die in natürlichen Höhlen an den Rändern der Barrancos lebten. Drumherum werden wir ein holländisches Viertel errichten und Teile des Amsterdamer Grachtenringes inklusive Rotlichtviertel originalgetreu nachbauen …

 

Nee, stopp mal, Brüder! Ihr veräppelt uns! Stimmt‘s?

 

Aber nein! Ehrenwort, Männer. (Egon löscht den Jointstummel mit der Zunge und steckt ihn in die Brusttasche seines hanfblattgemusterten Oberhemds.) Die Pläne sind ausgearbeitet, und die Kräne stehen bereits. (Egon blickt kurz in die tiefgeröteten Augen von Benny und Kjeld, die ihre Stirn in noch mehr Falten legen.) Ich will ehrlich sein. Es ist so: Der österreichische Großinvestor, dem wir die Umsetzung des Großprojekts anvertraut haben, ist gerade pleitegegangen. Wie bereits angedeutet: Uns geht’s momentan nicht so gut. Wir, also der Club, der ist gerade etwas klamm. Wir bleiben aber zuversichtlich, dass unsere Clubmitglieder den entstandenen finanziellen Schaden ausgleichen und ein Sondervermögen aus dem Hut zaubern werden, um „Señora Sinsemilla“ vor dem Ruin zu bewahren.

 

Und ihr? Ihr Pfiffikusse habt euer Schäfchen bestimmt längst ins Trockene gebracht. Richtig?

 

Nun ja, ein paar Geldsäcke haben wir noch. Sollte unser Cannabis-Club tatsächlich Konkurs anmelden und eine Anklage wegen Insolvenzverschleppung drohen, steht unsere Motoryacht bereit, um uns vor den Gläubigern nach Jersey in Sicherheit zu bringen.

 

Egon, Benny und Kjeld, ihr seid wahre Halunken! Aber das ihr Tölpel auf den Enkeltrick eines halbseidenen österreichischen Großinvestors reinfallt, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Da sieht man mal: Alter schützt vor Torheit nicht. Wir danken euch für das Gespräch und freuen uns auf ein Wiedersehen in fünf Jahren – wo auch immer und so Gott will.

 

 

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1 Kommentar
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olsen
6 Monate zuvor

Köstlich! Gibt’s ein Spendenkonto? Bitte weiter berichten!