Freitag, 11. Februar 2022

Suchtmittel-Experte: Prohibition „gescheitert“

„Schulbus“-Studie zeigt keine erhöhte Suchtgefahr nahe der holländischen Grenze.

Suchtmittel-Experte, Verbot, Cannabis
Das Gras ist bekanntlich grüner auf der anderen Seite (der Grenze).

Freunde des grünen Golds kennen das vielleicht: Der eine Bekannte, der nahe der holländischen Grenze lebt und einfach nicht aufhören kann davon zu erzählen, wie gut es sich mit dem qualitativ hochwertigen Kraut von der anderen Seite der Grenze leben lässt. Wie angenehm es ist, sich in Holland mit guter Beratung genau das richtige Hanf zu kaufen und zu genießen, statt eben einfach das zu nehmen, was der Dealer gerade hat – wenn er nicht gerade einsitzt oder untertaucht. Oftmals dachte man sich, wenigstens hat man sich als Jugendlicher die Rübe nicht völlig weggerafft. Mit diesem Vorurteil kann der Suchtmittel-Experte Theo Baumgärtner aufräumen: Jugendliche an der Grenzregion kiffen nicht mehr als der Rest der Bevölkerung.

Theo Baumgärtner ist Initiator der Hamburger „Schulbus„-Studie – diese untersucht das Konsumverhalten Jugendlicher im Raum Hamburg und anderen Orten in Deutschland. „Schulbus“ steht für „Schüler*innen- und Lehrkräftebefragungen zum Umgang mit Suchtmitteln“. Die Ergebnisse sollen Präventionsmaßnahmen wissenschaftliches Fundament geben. Auch die Grenzregion um Kleve wurde 2015 untersucht. Das Ergebnis: „In der Grenzregion zu den Niederlanden lässt sich kein erhöhter Konsum bei Jugendlichen feststellen. Die These, dass die Grenznähe zu dem Nachbarland, in dem der Umgang mit Haschisch und Marihuana vergleichsweise liberal gehandhabt wird, einen konsumfördernden Effekt auf Jugendliche haben könnte, kann also nicht bestätigt werden,“ so der Suchtmittel-Experte Baumgärtner.

Auch wenn die Studie schon ein paar Jahre auf dem Rücken hat – Baumgärtner ist von der Legitimität seiner Ergebnisse noch immer überzeugt. Einige Sentiments kann der Suchtmittel-Experte bestätigen: Jugendliche lassen sich teilweise durch ein Verbot abschrecken – eine fast ebenso große Gruppe an Jugendlichen probiert Drogen aber eben genau weil diese verboten sind. Auch das heuchlerische Erlauben von Alkohol und Tabak trotz tausender Tote geht nicht an den Teenagern vorbei. Baumgärtner führt aus: „Jugendliche sind da aus meiner Sicht gnadenlos in der Aufdeckung von Widersprüchen in der Erwachsenenwelt“.

Baumgärtner hält die Legalisierung für einen wichtigen Schritt und lobt den Mut der Bundesregierung „etwas zu verändern“. ebenso hält er es für wichtig „den Umgang mit Cannabis zu versachlichen“. Dennoch soll natürlich die Legalisierung für Erwachsene gelten. Das Mindestalter hierfür sieht Baumgärtner bei „21 oder gar 24 Jahre[n]“ – gleichzeitig räumt er ein, dass dies wohl wenig realistisch sei: „Das geht an der Lebenswelt junger Leute vorbei“. Ebenso wie der Suchtmittel-Experte durch seine jahrzehntelange Erfahrung gut beurteilen kann, dass die Politik der Prohibition gescheitert ist, so kann er auch hier gut beurteilen, dass durch einen frühzeitigen Kontakt mit Cannabis oft problematisches Konsumverhalten entsteht. Das bestätigt auch die Wirtschaft: Nicht nur die Süßigkeiten- und Fast-Food-Industrie richtet Werbung vermehrt an Kinder, um diese zu prägen und als lebenslange Kunden zu behalten – in den USA tun dies auch vermehrt Cannabis-Unternehmen. Je länger man Jugendliche vom Drogenkonsum abhalten könne, desto seltener entwickeln diese später ein problematisches Konsumverhalten.

Aber um Kinder und Jugendliche geht es bei der Prohibition nicht. Dass sieht Theo Baumgärtner genauso und äußert sich realitätsnah über Mündigkeit: „Am Ende wollen wir ja alle, dass der problematische Konsum bei Jugendlichen und Erwachsenen möglichst gering ist und dass Cannabis nicht von Dealern mit schädlichen Streckmitteln versetzt wird. Dass Erwachsene ab und zu mal kiffen, ist doch absolut in Ordnung. Das ist Grundprinzip des Respekts vor dem Selbstbestimmungsrecht jedes einzelnen mündigen Bürgers,“ so der Suchtmittel-Experte.

7 Antworten auf „Suchtmittel-Experte: Prohibition „gescheitert“

  1. Rainer

    Dauerkonsum ist wohl nirgends zu vertreten oder zu rechtfertigen.Außer vor sich selbst und anderen Dauerkonsumenten.Aber Dauerkonsum von Tabak wird kaum hinterfragt.Tabak normal.

  2. greenness

    A propos ‚Prohibiton‘:

    Es ist fast schon niedlich, wie manches CSU-Mitglied nach der Ankündigung der Regierung, den Konsum alkoholischer Getränke von Minderjährigen zu verbieten, abgeht.

    Der Cannabis-Konsum von Erwachsenen gefährdet die Jugend.

    Der Alkohol-Konsum von Jugendlichen gefährdet die Jugend nicht.

    Die Eiterblase platzt.

  3. buri_see_käo

    Der Alkohol-Konsum von Jugendlichen gefährdet vor allen Dingen die E/erwachsenen (Kiffer) nicht, die Leistungsträger der Gesellschaft.
    Schon mitbekommen, wie die rechtslastige Kampfpresse in hauseigenen Kommentaren gegen die von Dirk Heidenblut geäußerten Vorhaben, den Zugang/Zugriff zu Alkohol für Kinder (14J) und Jugendliche (>16J) einzuschränken wettert?: Kinder nicht mehr saufen lassen, aber Cannabis für Erwachsene durchgehen lassen, Katastrophe! (inhaltlich FAZ heute)
    Ich schätze, dass Besoffene im Suff rechten Parolen gegenüber aufgeschlossener sind, Stichwort „Dumpfbacken“; niedlich, die Bedrohung.
    mfG  fE

  4. Haschberg

    Diese eigentlich gut nachvollziehbare Tatsache dürfte unseren ideologisch versteinerten Prohibitionsbefürwortern so gar nicht gefallen.
    Man darf gespannt sein, welch bösartigen Unfug über Cannabis sie als nächstes in die Medien schmieren.
    Finde jedenfalls gut, dass die Abgabe des brandgefährlichen Alkohols an unter 18jährige endlich verboten werden soll (wenn schon kein Cannabis, dann aber bitteschön erst recht keinen Alkohol für Jugendliche!).
    Das sind völlig neue Akzente in der Drogenpolitik, wie sie unter der Vorgängerregierung wohl niemals zustande gekommen wären.
    Aber auch hiergegen wird von der Alkohollobby schon mächtig gewettert, schließlich geht es um viel Geld und die Gesundheit von Jugendlichen ist nur insoweit interessant, wie sie nicht der Profitgier einer Rauschindustrie im Wege steht.

  5. buri_see_käo

    Von 2015 die Studie, und die Aussage des 2. Absatzes… soweit die belegte Realität.
    Und dazu das Warn-Gebrüll von Schwarzbraun zur Anhebung der „geringen Menge“ in Bremen im Frühjahr 2020: „…würde zu einem Anstieg des Rauschgiffs-Tourismus in Bremen führen…“.
    Der Müll der Prohibitionisten trifft immer wieder auf ein dankbares Publikum.
    Vielleicht mal reinschauen in die ARTE-Mediathek: Über den 80-er-Jahre-Film „Christiane F.“ gibt es dort die Sendungen „Im Rausch“ und „Lost Generation“, da geht’s um u.A. die Realitätsblindheit der Elterngeneration. Die sind zwar heute 40 Jahre älter, machen einen hohen Anteil in der Bevölkerung aus, begriffen haben die aber bis heute BsD (Bild sei Dank) NICHTS ( dbd, dhkP ).
    mfG  fE

  6. Ramon Dark

    Einen einzigen Punkt kapiere ich bei Baumgärtner nicht: Wieso soll das Legalisierungsalter bei 21 – 24 Jahren sein? Beim wesentlich gefährlicheren Alkohol liegts bei 18!

  7. buri_see_käo

    Aber @ Ramon Dark, Sie wissen doch…, weil das Gehöhrn noch nicht voll ausgereift ist…, er will so die Prohibitionisten milde stimmen.
    Hier, in den Schlafkasernen der Wagenwerkser ist deren, nur in homöopatischem Ausmaß vorhandenes, Gehöhrn sogar bei den Hochbetagten noch nicht voll ausgereift. Wer 8h am Tag Stücke Blech oder Plastik im Akkord in’ne Maschine steckt fängt sich halt sowas ein, ganz ohne „welche auch immer Droge“.
    mfG  fE

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