Mittwoch, 11. August 2021

Cannabisabhängigkeit und Cannabismissbrauch?

Wann spricht man von Cannabisabhängigkeit und Cannabismissbrauch?

Von Dr. med. Franjo Grotenhermen

Wer einem Arzt im Krankenhaus erzählt, dass er Cannabis konsumiert, beispielsweise im Vorfeld einer Operation, findet häufig im ärztlichen Entlassungsbericht die Diagnose einer Cannabisabhängigkeit oder eines Cannabismissbrauchs vor. Oft liegt aber überhaupt keine Abhängigkeit und kein Missbrauch vor, und meistens wurde auch keine sorgfältige Diagnostik betrieben. Zudem werden die Diagnosen oft von Ärzten gestellt, die die Definitionen einer Abhängigkeit und eines Missbrauchs überhaupt nicht kennen.

Welche Klassifikationssysteme für Erkrankungen werden verwendet?

In Deutschland und vielen anderen Ländern werden Erkrankungen im Allgemeinen nach dem so genannten ICD-10 (10. Ausgabe der International Classification of Diseases der Weltgesundheitsorganisation) eingeteilt und definiert. Zu diesen Erkrankungen zählen auch die Cannabisabhängigkeit und der schädliche Gebrauch von Cannabis. Den Begriff Cannabismissbrauch gibt es im ICD-10 nicht.

Manchmal wird für psychiatrische Erkrankungen auch ein anderes Klassifikationssystem, der DSM-IV (4. Ausgabe des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders der Psychiatrischen Gesellschaft der USA) verwendet. Im DSM-IV gibt es die Diagnosen Cannabisabhängigkeit und Cannabismissbrauch. In der aktuellen Ausgabe, der 5. Ausgabe des DSM (DMS 5) wurden diese Diagnosen zusammengefasst, unter dem gemeinsamen Begriff Cannabiskonsumsstörungen mit drei Schweregraden (leicht, moderat, stark).

Abhängigkeit nach ICD-10

 Kriterien nach ICD-10 (International Classification of Diseases) für das Vorliegen eines Abhängigkeitssyndroms. Abhängigkeit liegt vor, wenn drei der sechs Kriterien während des letzten Jahres vorlagen.

Das Hauptmerkmal des Abhängigkeitssyndroms nach ICD-10 ist „der starke Wunsch oder Zwang, die Substanz zu konsumieren“. Dieser Wunsch oder Zwang ist allerdings nur dann ein Zeichen für Abhängigkeit, wenn sie nicht medizinisch berechtigt sind, weil sie mit dem Wunsch verbunden sind, Schmerzen, Depressionen oder andere Symptome zu lindern. Nach dem in Deutschland gebräuchlichen ICD-10 (siehe Tabelle 1) liegt daher bei Patienten in der Regel keine Cannabisabhängigkeit vor.

Es müssen insgesamt 3 von 6 Kriterien vorliegen, damit von einer Abhängigkeit gesprochen werden kann. Es reicht nicht aus, wenn das abrupte Absetzen von Cannabis zu einem Entzug führt, oder wenn nach einer langjährigen Einnahme eine Toleranzbildung entstanden ist.

Schädlicher Gebrauch von Cannabis nach ICD-10

Ein schädlicher Gebrauch nach ICD-10 ist ein „Muster von Substanzgebrauch, das eine körperliche oder psychische Gesundheitsschädigung bewirkt“. Häufig werde der Substanzkonsum von anderen (wie zum Beispiel den Eltern oder dem Partner) kritisiert und ziehe „negative soziale Folgen nach sich“. Dies sei „jedoch kein Beweis für das Vorliegen eines schädlichen Gebrauchs“. In der Tat hinge die Frage des schädlichen Gebrauchs dann mehr von der Meinung anderer Personen aus dem Umfeld des Konsumenten über Cannabis als von den tatsächlichen Auswirkungen auf den Cannabiskonsumenten ab.

Cannabismissbrauch nach DSM-IV

Von einem Cannabismissbrauch wird dann gesprochen, wenn ein Cannabiskonsum-Muster vorliegt, „das Leiden oder Beeinträchtigungen verursacht, wobei bezogen auf ein Jahr mindestens eines der folgenden Merkmale vorliegt:

1. wiederholter Substanzkonsum, der das Versagen bei der Erfüllung wichtiger Verpflichtungen verursachte, zum Beispiel Fernbleiben von der Arbeitsstelle oder Vernachlässigung der Kinder

2. wiederholter Substanzkonsum, der zu körperlicher Gefährdung führte, zum Beispiel Bedienen von Maschinen oder Autofahren unter Drogeneinfluss

3. wiederkehrende Konflikte mit dem Gesetz, zum Beispiel Verhaftung wegen ungebührlichen Benehmens oder Verkehrsdelikten

4. ständig oder wiederholt soziale oder zwischenmenschliche Probleme, zum Beispiel Ehestreitigkeiten, wobei der Substanzkonsum trotzdem fortgesetzt wird.“

Cannabiskonsumstörungen nach DSM-5

Eine Cannabiskonsumstörung ist nach DSM-5 „ein problematisches Cannabiskonsum-Muster, das zu einer klinisch signifikanten Beeinträchtigung oder Störung führt und sich durch mindestens 2 von insgesamt 11 Symptomen manifestiert, die innerhalb von 12 Monaten aufgetreten sind“. Zu diesen Symptomen zählen unter anderem:

1. Cannabis wird häufig in größeren Mengen oder über längere Zeiträume eingenommen, als es beabsichtigt war.

2. Es gibt einen anhaltenden Wunsch oder nicht erfolgreiche Versuche, den Cannabiskonsum zu reduzieren oder zu kontrollieren.

3. Es wird viel Zeit in Aktivitäten investiert, die notwendig sind, um Cannabis zu bekommen, Cannabis zu verwenden oder sich von seinen Wirkungen zu erholen.

4. Verlangen oder starker Wunsch, Cannabis zu konsumieren.

5. Wiederholter Cannabiskonsum, der dazu führt, dass wichtige Verpflichtungen im Beruf, in der Schule oder zuhause nicht erfüllt werden können.

6. Anhaltender Cannabiskonsum trotz anhaltender oder wiederholter sozialer oder zwischenmenschlicher Probleme, die durch Cannabiswirkungen verursacht oder verstärkt werden.

Sind 2-3 der insgesamt 11 Symptome vorhanden, so handelt es sich nach dieser Definition um eine leichte Cannabiskonsumstörung.

Sind 4-5 Symptome vorhanden, so handelt es sich nach DSM-5 um eine moderate bzw. mäßig starke Cannabiskonsumstörung.

Sind 6 oder mehr Symptome vorhanden, so handelt es sich um eine starke Cannabiskonsumstörung.

Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass nicht nur mindestens 2 Symptome vorliegen müssen, sondern darüber hinaus “ ein problematisches Cannabiskonsum-Muster“ vorliegen muss, „das zu einer klinisch signifikanten Beeinträchtigung oder Störung“ führt. Viele Cannabiskonsumenten werden keine signifikanten Beeinträchtigung oder Störung bei sich feststellen, was ein Arzt mit seiner diagnostischen Macht anders sehen kann.

2 Antworten auf „Cannabisabhängigkeit und Cannabismissbrauch?

  1. buri_see_kaeo

    Bei meinen letzten Operationen mit Vollnarkose (2014 & 2021) habe ich (61) den Anästhesisten mein Substanzbrauchtum detailiert erklärt bzgl. Alkohol = 0, Cannabis = 1..2 nach dem Tagesprogramm, Coffein = nur morgens ’ne extrastarke Tasse, Nikotin = 5 Stunden = OK, macht nichts.
    Coffein, Abstand vor OP >6 Stunden = OK, macht nichts.
    Nikotin, meine Konsum-Häufigkeit/-Art muss bei der Beatmung nicht berücksichtigt werden.
    Nach den OPs wurde ich zur Überraschung der Beobachter sofort wieder vollkommen fit.
    Ein Arzt mit seiner diagnostischen Macht…, die hat er garnicht, solange kein 7/24-Monitring gegeben ist. Sollte ein Arzt seine diagnostischen Macht höher bewerten als meine Angaben, sehe ich ein Vertrauensverhältnis als nicht gegeben; schon möglich, dass so Einer sofort auch Antibiotika bei einer Erkältung verschreibt, ohne dass eine Entzündung der Nasenhöhlen überhaupt vorliegt. Aber! Cannabis-Konsumenten können der diagnostischen Macht eines Quacksalbers ausgeliefert sein (FE-Assoziation) -> die ID aller Beteiligten notieren/erfassen, denn Ärzte sollten nach medizinischem Stand handeln, nicht nach auf Lügen gestützter Gesetze.
    mfG  fE

  2. DIE HANFINITIATIVE

    https://hanfverband.de/nachrichten/news/franjo-grotenhermen-im-unbefristeten-hungerstreik

    Dr. Grotenhermen [ganz liebe Grüße 🙂 ] hat sich mit seiner Aktion, damals, einen Platz in der „hall of fame“ unserer Herzen erobert. 4ever! 😀 😀 🙂 Zum Thema „Sucht“ könnte ich einen „Epigenetischen-Roman“ hier schreiben – aber ich verschone @EUCH 😀 … nur soviel, wen es interessiert – und wer tiefer [bio-psycho-logisch] einsteigen will… A Wee Bit More on Addiction

    *It is all over the news lately. Many states are trying to control the sale of serious pain-killers and slow down the spread of addiction.

    OK fine.

    Does anyone care what addiction is or why it is there?

    What makes addiction and why is the most effective pain-killer also the most effective, and the most addictive?

    Does it mean that those who need it are actually in pain?

    Yes, but no one sees it; and the deepest level of imprinted pain where the hurt is almost ineffable tells us two things.

    That the deepest levels of brain function also harbor the deepest levels of pain, and that the earlier the trauma the more one needs pain killers that no one can see or is aware of.

    Thus pain is installed from gestation on and is devastating.

    Because the need is at its asymptote and must be fulfilled; or else there is untold suffering. And one needs to kill the pain without ever knowing it is there.*
    … ] „https://cigognenews.blogspot.com/2016/03/a-wee-bit-more-on-addiction.html“

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