Montag, 2. Januar 2017

Cannabiskonsumstörungen

 

Cannabiskonsumstörungen, Cannabisabhängigkeit, Cannabismissbrauch, schädlicher Konsum – Was ist das?

 

 

von Dr. med. Franjo Grotenhermen

 

Die meisten Ärzte haben nach meiner bisherigen Erfahrung nur geringe Kenntnisse von Definitionen für Cannabiskonsumstörungen. Dies steht in einem deutlichen Kontrast zu der Freigiebigkeit, mit der solche Diagnosen an Menschen, die Cannabis konsumieren verteilt werden. Viele meiner Patienten, die Cannabis aus therapeutischen Gründen verwenden, haben daher mindestens einmal in ihrem Leben eine solche Diagnose erhalten, selbst dann, wenn diese Diagnose ganz offensichtlich unzutreffend war. Das ist sowohl ein Armutszeugnis für meine ärztlichen Kollegen als auch ein Zeichen schamlosen ärztlichen Machtmissbrauchs.

 

Klassifikationssysteme für psychische Erkrankungen

In Deutschland und vielen anderen Ländern werden Erkrankungen im Allgemeinen nach dem so genannten ICD-10 (10. Ausgabe der International Classification of Diseases der Weltgesundheitsorganisation) eingeteilt und definiert. Zu diesen Erkrankungen zählen auch die Cannabisabhängigkeit und der schädliche Gebrauch von Cannabis. Den Begriff Cannabismissbrauch gibt es im ICD-10 nicht. Manchmal wird für psychiatrische Erkrankungen auch ein anderes Klassifikationssystem, der DSM-IV (4. Ausgabe des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders der Psychiatrischen Gesellschaft der USA) verwendet. Im DSM-IV gibt es die Diagnosen Cannabisabhängigkeit und Cannabismissbrauch. Im Mai 2013 wurde in den USA die 5. Ausgabe des DSM veröffentlicht und erschien im Dezember 2014 auch in einer deutschen Übersetzung. Im DSM-5 wurden die Begriffe Cannabisabhängigkeit und Cannabismissbrauch zu einem Begriff, dem der Cannabiskonsumstörungen mit 3 Schweregraden (leicht, moderat, stark) zusammengefasst.

 

Definitionen für Cannabisabhängigkeit

Nach den Leitlinien für den ICD-10 müssen mindestens 3 von 6 Merkmalen (siehe Tabelle) vorliegen. Das Hauptmerkmal des Abhängigkeitssyndroms nach ICD-10 ist „der starke Wunsch oder Zwang, die Substanz zu konsumieren“. Dieser Wunsch oder Zwang ist allerdings nur dann ein Zeichen für Abhängigkeit, wenn sie nicht medizinisch berechtigt sind, weil sie mit dem Wunsch verbunden sind, Schmerzen, Depressionen oder andere Symptome zu lindern. Nach den Kriterien des ICD-10 (und des DSM-IV) liegt bei Patienten in der Regel keine Cannabisabhängigkeit vor.

 

 

Tabelle. Kriterien nach ICD-10 (International Classification of Diseases) für das Vorliegen eines Abhängigkeitssyndroms. Abhängigkeit liegt vor, wenn drei der sechs Kriterien während des letzten Jahres vorlagen.

 

Abhängigkeit nach ICD-10

(1) Starker Wunsch oder Zwang, die Substanz zu konsumieren

(2) Mangelnde Kontrolle, was Beginn, Beendigung und Menge des Gebrauchs angeht

(3) körperliches Entzugssyndrom

(4) Toleranz

(5) Vernachlässigung anderer Interessen und mehr Zeitaufwand für die Beschaffung und den Konsum der Substanz und die Erholung von den Folgen

(6) Der Substanzgebrauch hält an, obwohl schädliche Folgen eintreten, deren sich der Konsument bewusst ist, z.B. Leberschaden durch Alkohol.

 

 

Schädlicher Gebrauch von Cannabis nach ICD-10

Ein schädlicher Gebrauch nach ICD-10 ist ein „Muster von Substanzgebrauch, das eine körperliche oder psychische Gesundheitsschädigung bewirkt“. Häufig werde der Substanzkonsum von anderen (wie zum Beispiel den Eltern oder dem Partner) kritisiert und ziehe „negative soziale Folgen nach sich“. Dies sei „jedoch kein Beweis für das Vorliegen eines schädlichen Gebrauchs“. In der Tat hinge die Frage des schädlichen Gebrauchs dann mehr von der Meinung anderer Personen aus dem Umfeld des Konsumenten über Cannabis als von den tatsächlichen Auswirkungen auf den Cannabiskonsumenten ab.

 

Cannabiskonsumstörungen nach DSM-5

Eine Cannabiskonsumstörung ist nach DSM-5 „ein problematisches Cannabiskonsum-Muster, das zu einer klinisch signifikanten Beeinträchtigung oder Störung führt“ und sich durch mindestens 2 von 11 Symptomen manifestiert, die innerhalb von 12 Monaten aufgetreten sind. Liegen 2-3 Symptome vor, so besteht danach eine leichte Cannabiskonsumstörung, bei mehr Symptomen entsprechend höhere Schweregrade. Zu diesen 11 Symptomen zählen beispielsweise (1) der Konsum von Cannabis in größeren Mengen, als es beabsichtigt war, (2) nicht erfolgreiche Versuche, den Cannabiskonsum zu reduzieren oder zu kontrollieren, (3) ein anhaltender Cannabiskonsum trotz anhaltender wiederholter sozialer oder zwischenmenschlicher Probleme, die durch den Cannabiskonsum verursacht wurden, und (4) die Entwicklung einer Toleranz, etc.

 

Schlussfolgerung

Für die Diagnose einer Cannabisabhängigkeit oder anderer gesundheitlicher Störungen im Zusammenhang mit der Verwendung von Cannabis spielt die Meinung des diagnostizierenden Arztes eine wichtige Rolle. Wenn der behandelnde Arzt der Auffassung ist, dass die Cannabisverwendung keine medizinische Legitimation hat, dann würde das Kriterium 1 nach der Definition der Cannabisabhängigkeit nach ICD-10 vorliegen. Nimmt also ein Patient Cannabis erfolgreich gegen seine Depressionen oder seine Schmerzen, dann wäre er eigentlich nicht abhängig. Wenn der behandelnde Psychiater allerdings der Auffassung ist, dass die Symptome bzw. die Erkrankung nicht durch Cannabis beeinflusst werden oder sogar der Cannabiskonsum die Ursache der Symptome sei, dann wird er eine Abhängigkeit diagnostizieren.

Die Diagnose einer Abhängigkeit oder anderer Substanzkonsumstörungen sagt daher leider häufig mehr über den behandelnden Arzt bzw. seine Vorurteile und Kenntnisse als über den behandelten Patienten aus.

 

8 Antworten auf „Cannabiskonsumstörungen

  1. steve wenzel

    konsumissbrauch findet man überall und bei fast allen substanzen, sowie in jeder gesellschaftsform! wenn der mensch durch den konsum verwahrlost, kann man von einer abhängigkeit sprechen, doch wenn er sein leben auf die reihe bekommt unter einfluss von medikamenten beispielsweise, dann kann man es als krankheit ansehen, die mediznisch durch eine substanz gelindert wird und so sich die möglichkeit ergibt, weit am leben teilnehmen. ich bin kein kopfdoktor oder arzt im allgemeinen, nur wenn menschen mit cannabis ihr leben auf die reihe bekommen und so ein teil der gesellschaft sein können, doch was noch wichtiger ist, für ihre familie da zu sein, dann ist es ein verbrechen, dies nicht zu unterstützen bzw wie aktuell mit der prohibition zu verhindern, selbst wenn es eine abhängigkeit sein sollte und der jenige aber sein leben auf die reihe bekommt, durch die substanz, sollte man dies nutzen, denn anderen kranken nimmt man auch nicht das medikament weg, dass ihnen hilft. ich weiß das es immer mehr als nur einen blickwinkel gibt, also keine sorge soll kein naives weltbild sein. für mich ist cannabis medizin ,denn wegknallen kann ich mich mit allen und am einfachsten mit schnapps. die dosis und menge, sowie die art des konsumierens machen viel aus. es ist halt schade, dass solche vorurteile gegenüber cannabis da sind, doch trotzdem ist eine seite der medaille, dass es menschen gibt die es nutzen, weil es hilft und nicht um es zu missbrauchen (cannabis). der mythos ergibt sich aus dem verbot. war das gleiche phänomen, wie zur prohibition von alkohol. ich bin ein freund von frei entscheiden und nicht verführen, ehr so mit aufklären. ein gutes hat es trotzdem, die leute die es jetzt verboten haben wollen bzw am verbot verdienen, werden auch mal alt und krank, was ich keinen wünsche, im sinne von solang du mir nicht schaden möchtest, also diese leute, um drauf zurück zukommen, bekommen dann ihre eigene medizin zum schmecken und viele haben nebenwirkungen, die sogar tödlich enden können, manche wirken auch kaum oder nicht so wie es der fall sein sollte. sie haben sich dann selber eine option (cannabis) verboten, die ihnen hätte vielleicht linderung verschaffen können. halte ich für keine weise und vorrausschauende art in seine gesundheitliche zukunft!

  2. Carstón

    Ich hatte solch eine Cannabiskonsumstörung. Vor etwa 10 Jahren, nach einer Trennung, habe ich über einen Zeitraum von ca.36 Monaten täglich gekifft. Die Mengen wurden größer, der soziale Rückzug sehr stark und der Wunsch zu konsumieren nicht mehr beherrschbar. Auch wenn ich es mit fest vorgenommen hatte zum Beispiel an einem Samstag nicht zu rauchen um endlich mal wieder vor die Tür zu kommen – es ging nicht. Ich war gefangen in einer Schleife aus Arbeit, Sport, Haushalt…und immer, wenn alles erledigt war: Bong. Ich habe ansonsten gut funktioniert, der Alltag lief, aber am Ende jeden Tages wurde massiv gekifft. Irgendwann wusste ich, so geht es nicht weiter. Habe dann alleine, ohne Therapie oder Hilfsangebote, entzogen, als ich zwei Wochen Urlaub hatte. Massive Schlafstörungen, Schwitzen, Appetitlosigkeit…und vor allem der sehr, sehr starke Wunsch doch noch ein letztes mal zu rauchen. Aber ich habe es geschafft, nach den zwei Wochen war ich clean. Kleiner Rückfall nach ca. 3 Monaten, dann aber 7 Jahre komplett ohne. Heute, nach ca. 9 Jahren, konsumiere ich gelegentlich wieder, allerdings bin ich sehr vorsichtig und habe strikte Grundsätze: Nie an zwei Tagen hintereinander, höchstens an zwei Tagen in einer Woche. Damit entgleitet es mir nicht.

  3. Krank...aber kein Geld für die richtige Medizin

    Und das es fast immer ein Mischkonsum mit Tabak ist…der zu Problemen führen kann, wird nie berücksichtigt. Das sollte erfasst und STRIKT getrennt werden!
    Dazu gibt es auch eine französische Studie (10-15 Jahre alt)
    Das Gehirn verbindet die Tabaksucht mit der Wirkung von Cannabis, war das Resultat.

    (vermisste ich auch sehr beim DHV Besuch in der Suchtberatungsstelle)

  4. U-G

    Kompliment und Hochachtung, vor Ihnen Herr Dr. med. Franko Grotenhermen, für diesen Artikel !

    Besonders ihre Sicht auf die Kollegen und Kolleginnen, die sich diese Mühe nicht annähernd machen „wollen“ ist Realität .

    Woher ich das weiß ?

    Nach der 2-ten erfolglosen Chemotherapie meines Angehörigen kam der (NSLC nicht-kleinzelliges-lungen-carcinom) Lungenkrebs zurück.
    Nur durch meine Aggressive Argumentation und der Lebenswillen meines Angehörigen konnte ich den Onkologen wechseln, obwohl beide auf der Onkologie im Krankenhaus Arbeitskollegen sind.
    Die störrische Kuh ist weiblich und der jetzige zuhörende Onkologe ist Männlich.
    Morgen geht es in die 4-te Immuntherapierunde mit Nivolumab weiter.
    Eine Therapierunde, dauert ca. 60min pro Sitzung. ist mit 13.000-15.000 Euro veranschlagt das die Krankenkasse bezahlt.
    Pie mal Daumen 52.000-60.000 Euro in 2 Monaten, pro Person.

    Ich bin der Meinung: „Das ist Spitze(n verdienst)“.

    Die Weltgesunheitsorganisation kann mir den Buckel runterrutschen mit ihren unmenschlichen Handeln.

    Ich bestimme was ich meinen Körper antue und nicht die Weltgeschädigte Ohrenzuhälter von weißwesten tragenden Sturköpfen.

    Es lebe das Heilkrautwirkende Cannabis „Wundermittel“.

    „LOVE and PEACE for Cannabis“

  5. Rainer Sikora

    Bei mir ist der Entzug vergleichbar mit starkem Heimweh.Ich sehne mich dann nach den unersetzlichen Wirkungen.Für das Echte gibt es keinen Ersatz.Der Geschmack nach Freiheit und Abenteuer.Ich gehe Meilenweit für was zu rauchen.Werwird denn gleich in dieLuft gehen,mit Cannabis geht alles wie von selbst.Das sollte mal alles auf Taback zutreffen.

  6. Robert Fish

    Ich bin 48 Jahre alt und habe 35 Jahre geraucht mal mehr mal weniger ,in guten Zeiten bis 50g am Tag, dennoch war ich nicht abhängig,war auch 20 jahre Heroin, kokain und codein abhängig,danach 10 Jahre, methadon, habe alles abgesetzt und mit cannabis geschafft nicht wieder Rückfälle zu werden,danach habe ich auch damit aufgehört von einen Tag auf den anderen,manchmal kommt zwar das verlangen,wenn ich gute Ware sehe,um meinen Führerschein wieder zu bekommen muss ich clean bleiben,deshalb hab ich mich zum clean sein entschlossen,ich war nie beeinträchtigt, was Arbeit oder sozial verhalten angeht,andere trinken gern ein Bier oder so Straße, ich war eben ein Koffer und sehe nichts verwerfliches dabei

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