Montag, 11. Januar 2021

Amsterdams Bürgermeisterin will Cannabis-Touristen aussperren

Kein „Sex, Drugs & Rock ’n‘ Roll“ mehr in der Grachtenstadt?

Cannabis
Photo Willi Wiet

Ein Kommentar von Sadhu van Hemp

Als Femke Halsema 2018 die Nachfolge des 2017 verstorbenen Bürgermeisters Eberhard van der Laan (PdvA) antrat, dachten viele, dass es so schlimm schon nicht werden würde, wenn eine Vertreterin der „GroenLinks“-Partei die politischen Geschicke der Grachtenstadt übernimmt. Doch bereits bei Amtsantritt deutete sich an, dass Halsema den seit 2005 massiv betriebenen Kahlschlag in der Amsterdamer Coffeeshop-Szene weiter fortführen und einen Imagewandel vollziehen will.

Die heute 54-jährige Politkarrieristin träumt den Traum von einem Wolkenkuckucksheim, in dem nur die eine Daseinsberechtigung haben, die sonntags in die Kirche gehen und zum Wohlstandsbürgertum gehören. Halsema hat es nicht so mit Menschen aus der weniger gebildeten Unterschicht, die einfach nur ihr bisschen Leben leben wollen und es sich nicht leisten können, zum Abendbrot Austern und Champagner aus biologischen Anbau zu schlürfen. Die Amsterdamer Innenstadt soll den Reichen und Schönen vorbehalten bleiben, und denen soll es nicht zugemutet werden, sich vom einfachen Volk belästigt zu fühlen.

Und so unternimmt die im Provinzstädtchen Haarlem geborene Sauberfrau alles, um aus Amsterdam einen Hort der Tugend zu machen, in dem es keine Straßenprostitution und Drogenhöhlen gibt, die unliebsame Besucher anziehen. Derartige Vergnügungen sollen jenen Bürgern vorbehalten bleiben, die über genug Kaufkraft verfügen, um sich Nutten und Drogen direkt und exklusiv in die Luxuswohnungen oder Hotelsuiten liefern zu lassen.

Seit ein paar Monaten fährt Halsema einen harten Kurs, um endlich Butter bei die Fische zu legen. Gebetsmühlenartig wettert die grüne Bürgermeisterin gegen das Treiben im Rotlichtviertel und phantasiert von einer Verlagerung des Sexgewerbes in eine Industriebrache weit außerhalb der Stadt. Statt Bordsteinschwalben und Casinos sollen im De Wallen künftig Juweliere, Galeristen und Gourmettempel den gut betuchten Touristen das Geld aus der Tasche ziehen. Alles Unreine soll verbannt werden, um mittels Gentrifizierung den Wert der Immobilien zu steigern. Kurz gesagt, der „Dreck“ soll raus.

Zu diesem Dreck gehören selbstverständlich auch die Coffeeshops und ihre Besucher. Halsema scheint es eine besondere Herzensangelegenheit zu sein, weniger nachsichtig als ihr Vorgänger zu sein und das Coffeeshopsterben in der niederländischen Hauptstadt zu beschleunigen. Ihr teuflischer Plan sieht vor, den Cannabisverkauf an Ausländer und nicht in Amsterdam sesshafte Personen zu untersagen. Sie will wie in den südlichen Provinzen des kleinen Königreichs das berüchtigte „Einwohnerkriterium“ (Wietpas) durchsetzen und die Zahl der verbliebenen 166 Coffeeshops auf 68 reduzieren. Fremdlinge, die zum Kiffen nach Amsterdam reisen, sollen draußen bleiben. Ebenso unerwünscht sind auch jene kulturinteressierten Touristen, die nach einem langen Museumsmarathon den Abend eines anstrengenden Tages bei einem Gute-Nacht-Joint in einem Coffeeshop ausklingen lassen wollen. In aller Eintracht mit der Polizei und der Staatsanwaltschaft will Halsema all diejenigen schnellstmöglich weg haben, die in den Coffeeshops friedlich „blowen“, ob jung oder alt.

Dass sich angesichts dieses Irrsinns der ehemalige sozialdemokratische Ministerpräsident Joop de Uyl vor Scham im Grabe umdreht, ficht die Dame, die leicht narzisstische Tendenzen zeigt, nicht an. Sie pfeift auf die Jahrhundertreform des Opiumgesetzes, die der gebürtige Amsterdamer 1978 (!) gegen den Widerstand der rechtskonservativen Opposition und zum Entsetzen der Nachbarländer durchsetzte.

Halsemas Kampfansage gegen Menschen, die aus aller Herren Prohibitionsländer anreisen, um für ein paar Stunden die Last der Verfolgungsparanoia von den Schultern fallen zu lassen, fand letzten Freitag in der niederländischen Presse ein großes Echo. Reichlich Zustimmung erfuhr die linksgrüne Politikerin aus der bürgerlichen und rechtskonservativen Ecke, die seit nunmehr 42 Jahren schwer darunter leidet, dass Hänflingen der Genuss von Cannabis  straffrei zugestanden wird.

Entsetzt zeigen sich hingegen jene Bürger, die über genug Verstand verfügen, um zu wissen, dass die schrittweise Wiedereinführung der Cannabis-Prohibition, insbesondere Amsterdam vor riesige Probleme stellen wird. Halsemas Wunschvorstellung, dass die „Millionen Partytouristen, die jedes Jahr in die Amsterdamer Innenstadt kommen, um sich das Hirn wegzublasen und sich mit Alkohol abzufüllen, bald zu Hause bleiben werden“, wird so nicht in Erfüllung gehen.

Der im Frühjahr wegen der Coronakrise verhängte Lockdown zeigte deutlich, dass die Coffeeshops geradezu existentiell sind, um den illegalen Cannabis-Straßenhandel einzudämmen. Die Verordnung, die Coffeeshops zu schließen, führte kurz nach Verkündung zu endlosen Warteschlangen vor den Läden, die gewiefte Straßendealer sofort von der Seite bedienten. Keine 24 Stunden später reagierte die Regierung und ließ einen Cannabis-To-Go-Verkauf zu.

Zuletzt bleibt die Frage, ob Halsemas Vorstoß nach Gutsfrauenart, die von ihr erwähnten „Millionen Partytouristen“ aus Amsterdam fernzuhalten, nur ein Sturm im Wasserglas ist. Zur Zeit genießen die Amsterdamer die coronale Ruhe im Grachtengürtel, doch langfristig wird ein dauerhafter Tiefschlaf der Stadt so einige Nebenwirkungen nach sich ziehen, die zu Pleiten und Arbeitslosigkeit führen werden. Das Dreigestirn Halsema, Polizei und Staatsanwaltschaft, denen Amsterdam nicht verschlafen genug sein kann, wird es schwer haben, die Gunst der Coronastunde über das Ende der Pandemie hinaus zu nutzen, um die Grachtenstadt in ein Posemuckel zu verwandeln. Schwer vorstellbar, dass sich der Gemeinderat von der zugezogenen Bürgermeisterin einwickeln lässt und den kleinen Mädchentraum Wirklichkeit werden lässt.

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DIE HANFINITIATIVE
8 Monate zuvor

Hallo liebste Hänflinge … und solche, die es werden wollen. 😀 […] “Clinton evidently does not understand that there is so much money to be made by selling illegal drugs precisely because they are illegal. Prohibition not only enables traffickers to earn a “risk premium” that makes drug prices much higher than they would otherwise be; it delivers this highly lucrative business into the hands of criminals who, having no legal recourse, resolve disputes by spilling blood.“ In erster Linie geht es immer um das Geld. Die Legalisierung durchzusetzen ist ein Umverteilungsprojekt in einem Ausmaß, wie es der Planet noch nicht gesehen hat (respektive die moderne Menschheit). Was werden wohl unsere Enkel einmal sagen, wenn sie zukünftig im Geschichtsunterricht einmal… Weiterlesen »

Otto Normal
Otto Normal
8 Monate zuvor

Da sieht man mal an einem sehr guten Beispiel das Votzenpolitik nicht immer die bessere ist. Die sind meist schlimmer als die Männer. Weiber in Machtstellung ist das Schlimmste was es gibt. Die kennen keine Kompromisse.

Man darf dabei nicht vergessen das die große Alkoholprohibition in den USA damals von militanten Flintenweibern durchgesetzt wurde, denen es auf die Nerven ging daß die Ehemänner – anstelle sich zuhause vom Geschwafel der ätzenden Alten und den Blagen nerven zu lassen – sich lieber in den Salon begaben um dort ordentlich einen zu Bechern, fernab von Weib und Brut.

Ich habe von Votzenpolitik noch nie viel gehalten, ebensowenig von Schlüpferbullen. Es gibt Bereiche da haben die einfach nix verloren.

Rainer
Rainer
8 Monate zuvor

Auch wenn ich hier verbal nicht so sehr am Hahn reißen würde,haben Frauen tatsächlich andere Aufgaben.Bulletten sollte es nicht geben.

Rainer
Rainer
8 Monate zuvor

Wenn man eine Möglichkeit findet, Qualität zu ergärtnern,braucht man nicht unbedingt den Coffeeshop.Trotzdem äußerst schade.

gein
gein
8 Monate zuvor

‚Gentrifizierung den Wert der Immobilien zu steigern‘ wer hätte in unserer Welt ein anderes Motiv erwartet ?

Greenkeeper
Greenkeeper
8 Monate zuvor

Na ja, nachvollziehen kann ich es schon. Jahr für Jahr fallen Zigtausende von besoffenen Briten, Franzosen oder Deutschen in die Stadt ein (häufig mit Billigfliegern). Sie ziehen grölend durch die Straßen, glotzen die Prostituierten hinter den Fenstern an, als wären das Zootiere (Sex kaufen tun sie natürlich nicht!) und hinterlassen ihre Müllberge. Ganz ehrlich? In A’dam wollte ich auch nicht wohnen! Nicht nur snobistisch und teuer, sondern auch laut, hibbelig und touristisch überlaufen ist es dort. Frau Halsema hat übrigens überhaupt nichts gegen Cannabis. Es soll eben den Einheimischen vorbehalten bleiben. Dann sollen die Groupies aus London doch ihre eigenen Coffeeshops aufmachen. Oder die Pariser oder Berliner. Dann braucht man auch nicht rumjammern. Einfach mal den Arsch hochkriegen und für… Weiterlesen »

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8 Monate zuvor

[…] Cet article a été publié pour la première fois dans «Hanf Journal» le 11 janvier 2021. […]

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8 Monate zuvor

[…] Tento článek byl poprvé publikován 11. ledna 2021 v „Hanf Journal“. […]