Montag, 13. Mai 2019

Imaginäre Cannabis-Verkaufszonen im „Görli“ erhitzen die Gemüter

Anti-Cannabis-Lobby empört sich über rosa markierte Toleranzzonen im Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg – Mortler spricht von „Kapitulation des Rechtsstaates“

Cannabis

Eine Glosse von Sadhu van Hemp

Wenn sich mehrere Hundert Haschdealer und Kiffer versammeln und ungeniert Bargeld gegen Haschisch und Marihuana tauschen, ist das blanker Horror für Leute, die unter einer anerzogenen Hanfphobie leiden. Dieses Gruselszenario gab es ab 1969 täglich am Kurfürstendamm zu sehen. Bis in die frühen Achtziger des letzten Jahrhunderts wanderte die Dealerszene rechts und links des Berliner Prachtboulevards hoch und runter – getrieben von der Polizei, die erst obsiegte, als der Dealer-Tross der Kundschaft nach Kreuzberg folgte.

Doch anders als vor einem halben Jahrhundert am Ku’damm herrscht im Görlitzer Park nur halb so viel Trubel. Das Sortiment und die Qualität der Rauchware sind bescheiden und nur selten das Geld wert. In der öffentlichen Wahrnehmung hat sich jedoch nichts geändert: Der Cannabis-Straßenhandel ist eine Seuche, die wie Pest und Cholera ausgerottet gehört. Die einzige Nuance ist, dass damals die Dealer als ostgesteuertes Gammlerpack hingestellt wurden, während heute das Feindbild des islamgesteuerten Schwarzarabers gemalt wird. Die Angst der Deutschen ist hingegen dieselbe geblieben: Fremde Mächte wollen unsere Kinder mit Hasch vergiften.

Um die in die Köpfe der Menschen eingepflanzte Angst vor der Hanfpflanze weiter zu schüren, eignet sich derzeit kein besserer Ort als der Görlitzer Park. Die Cannabis-Prohibitionisten und Law-and-order-Fetischisten lieben die grüne Schneise im Herzen des rotgrün versifften Szenebezirks. Der „Görli“ ist richtig heißer Scheiß für Leute aus dem rechtskonservativen Milieu, die anhand von ein paar mit Gras dealenden Asylbewerbern den Beweis führen wollen, dass X-Berg nicht zum funktionierenden Teil Deutschlands gehört und der Untergang des Abendlandes unmittelbar bevorsteht. CDU- und AfD-Politiker aus der deutschen Provinz geben sich regelrecht die Klinke in die Hand, um sich zur Festigung ihres kruden Weltbildes durch den Horror-Kiez spazieren fahren zu lassen.

Rechtzeitig zur Europawahl hievte letzte Woche der RBB und die Springer-Presse das Thema „Görli“ in die bundesweiten Schlagzeilen, um den Wählern von Flensburg bis Passau den irreführenden Hinweis zu geben, dass sich die linksgrüne Regierung mal wieder einen Schildbürgerstreich ausgedacht hat. Und der kommt laut der Drogenbeauftragten der Bundesregierung der „Kapitulation des Rechtsstaates“ gleich, wenn es im Görlitzer Park denn auch wirklich so ist, wie es scheint. „Einen Freibrief zum Handel dürfen wir aber ganz sicher nicht erteilen“, ätzte Marlene Mortler gegenüber der Funke-Mediengruppe, ohne mitzuteilen, dass die ominösen rosa Linien zur Kennzeichnung von Cannabis-Verkaufsflächen nicht auf Anordnung des Bezirksamtes noch des Senats gesprüht worden waren.

Was ist geschehen?

Vorab muss erst einmal zurückgeblickt werden. Nachdem CDU-Innensenator Frank Henkel mit seiner Null-Toleranz-Politik grandios gescheitert und 2017 vom Wähler abgestraft worden war, machte das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg zur Befriedung des Kiezes Geld für ein Parkmanagement locker. Seit nunmehr zweieinhalb Jahren sind der 45-jährige Cengiz Demirci und sein Team im Einsatz, um so etwas wie Ordnung in das Tohuwabohu der geschützten Grünanlage zu bringen. Und das durchaus mit Erfolg: Der Park ist seitdem weitaus gepflegter und sauberer, und den Btm-Fachverkäufern ist weitgehend bewusst, dass es Konflikte mit den Besuchern und Anwohnern zu vermeiden gilt. Sehr hilfreich dabei ist, dass sich Demircis Kollege Souleymane Sow in acht Sprachen verständigen kann und so einen direkten Draht zu den armen Schluckern hat, von denen die meisten nur deshalb Cannabis verkaufen, weil ihnen aufgrund ihres Aufenthaltstatus’ reguläre Erwerbstätigkeit untersagt wird.

Demircis Idee war, mit der Markierung fester Handelsplätze die Cannabis-Dealer dazu zu bewegen, sich dort zu versammeln, wo es am wenigsten Ärger mit Anwohnern und Passanten gibt. Die Einrichtung von „Toleranzzonen“ hatte Demirci bereits bei seiner Einstellung als Parkrancher ins Gespräch gebracht, doch die Erlaubnis für die Umsetzung des Planes erhielt er nicht. Anfangs herrschte noch der Glaube, dass sich die Probleme der von Frank Henkel verursachten Vertreibung der Dealerszene in die Nebenstraßen von alleine erledigen würden. Doch dem ist nicht so. Noch immer reicht der Aktionsradius der Cannabis-Kleinhändler weit über den Görlitzer Park hinaus, und die Beschwerden der Anwohner werden eher mehr als weniger.

Was Demirci nun genau veranlasste, auf eigene Faust im Görli rosa Bodenmarkierungen für Dealer-Stehplätze zu sprühen, ist nicht überliefert. Die rosa Striche wirken eher wie ein Entwurf für das, was später einmal sein könnte, wenn die politisch Verantwortlichen den pragmatischen Sinn von Toleranzzonen für den Cannabisstraßenhandel begreifen.

Doch bis dahin läuft noch viel Wasser die Spree runter. Demirci wurde zurückgepfiffen. Die öffentliche Empörung zeigt Wirkung im Rathaus Friedrichshain-Kreuzberg. Statt dem „Helden vom Görli“ für seine Eigeninitiative zu danken, hört man lieber auf Berlins CDU-Fraktionschef Burkard Dregger, der in rosa Linien eine „Einladung zum Rechtsbruch“ sieht. Dass die Dealer vom Görli nicht erst zum Rechtsbruch eingeladen werden müssen, weil sie ohnehin Recht brechen, ob mit oder ohne rosa Linien, diese Wahrheit wird von den Rädelsführern der Empörten verschwiegen.

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Fred
Fred
2 Jahre zuvor

„Kapitulation des Rechtsstaates“ ….. kann man verhindern, indem man ihn ab und an an gesellschaftliche Entwicklungen anpasst.
Aber das fällt konservativen Kreisen ja bekanntlich sehr schwer.

Egal
Egal
2 Jahre zuvor

Gibt das Geld lieber für Bäume aus!

Die Strafverfolgung der consumenten macht überhaupt keinen Sinn!

Legalisiert mal lieber!

R. Maestro
R. Maestro
2 Jahre zuvor

Bäume absägen, rosa Markierungen anbringen. Au weia.
Da verliert der Park erst recht an Erholungswert und Natürlichkeit.

Eingeebnet und plan betoniert, wäre der Park noch übersichtlicher!
Kontrollhäuschen, Wachposten, Ausweiskontrollen als Standard.
Kameramasten statt Bäumen. Käufer bekommen eine Nummer auf den Unterarm gestempelt, Händler eintätowiert, usw. (Sarkasmus).

Oder einfach nicht JEDEN verfolgen, der gemütlich nach der Arbeit o. ä. etwas konsumiert!

greenness
greenness
2 Jahre zuvor

Das mit den Zonen finde ich gut.

Das wird bei der größten deutschen Drogensause doch auch so gemacht. Zumindest ist es angedacht, daß die Teilnehmer nur auf der Theresienwiese kotzen und prügeln…

Aus dem Text:
“Der Cannabis-Straßenhandel ist eine Seuche, die wie Pest und Cholera ausgerottet gehört.”

Mal ganz ehrlich, diesen Ansatz finde ich gut. Der Cannabishandel gehört in Fachgeschäfte, die Steuern zahlen. Und die, die beispielsweise auf biologisch-dynamische Gräßchen stehen, sollten solchige daheim in Kleinmengen selbst produzieren können.

Harald
Harald
2 Jahre zuvor

An die Politik:
Es wird Zeit zu wissen wann man verloren hat und Korruption nicht mehr funktioniert, weil man einfach von der Realität eingeholt und überrollt wird. Don Quijote war Literatur, ihr aber seid einfach nur lächerliche Popanze mit viel zu viel Macht. Aber es sind ja weiterhin Wahlen und das ändert sich gerade. Das heißt im Klartext sich anpassen oder untergehen oder eine Diktatur einführen. Verlieren werdet ihr so oder so.

Rainer Sikora
Rainer Sikora
2 Jahre zuvor

Rechtsstaat läßt keinen zivilen Ungehorsam zu.Das ist die Freiheit unserer Werte.Demokratie halt.Wählt dagegen,oder macht eure Stimme ungültig.

Otto Normal
Otto Normal
2 Jahre zuvor

Die Nazis haben die Juden mit Ratten verglichen die Krankheiten verbreiten. Frau Mortler – die neue Eva Braun – tritt in die gleichen Fußstapfen, tritt sie jedoch auch noch schief! Marlene Schätzchen! Das was Du als “Rechtsstaat” bezeichnest haben wir – dank Verbrecher wie Dir und Deinen Komplizen – längst verloren. Anstatt weiterhin Naziparolen abzusondern solltest Du Dich endlich mal mehr um Deinen Sohn kümmern – dem berühmtesten Opfer Deiner verbrecherischen Prohibitions-Politik. Reicht es Dir denn immer noch nicht das sogar Dein eigenes Fleisch und Blut Opfer Deiner wahnsinnigen Ideologie geworden ist? Jede Mutter die Ihre Kinder liebt würde, spätestens wenn es die eigenen trifft, den Verstand einschalten und anfangen die eigene Position zu überdenken. Bei Dir hat sich jedoch… Weiterlesen »