Montag, 10. Oktober 2022

„Cannabis ist die besterforschte Heilpflanze der Menschheitsgeschichte“

Ein Nachruf von Sadhu van Hemp

Cannabis
Photographie: Jörg Auf dem Hövel

 

Die Schmierfinken des „Spiegel“ nannten ihn einen „Drogenguru“, in Wahrheit aber war er ein Forscher und Wissenschaftler, ein Altamerikanist und Ethnopharmakologe, ein Kultur- und Gesellschaftskritiker sowie Autor zahlreicher Sachbücher – darunter die 1998 veröffentliche Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, die jüngst in der achten Auflage erschienen ist. Darüber hinaus war er ein international gefragter Experte und Referent auf dem weiten Feld der Heilkräuter und Pilze.

 

Dr. phil. Christian Rätsch stieß wie alle Koryphäen der Wissenschaft und Lehre, die der Gesellschaft einen entspannten und freien Umgang mit psychoaktiven Substanzen empfehlen, auf wenig Gegenliebe – vor allem in jenen Kreisen, die den Menschen Drogenabstinenz predigen und zur Durchsetzung ihrer ideologischen Verblendung Lügen verbreiten. Wer wie Christian Rätsch und der leider viel zu früh verstorbene Sozialwissenschaftler Günter Amendt Aufklärung über psychoaktive Substanzen betreibt, wird von den deutschen Leitmedien allzu gern als „Drogenguru“ oder „Drogenpapst“ in die Schmuddelecke gestellt und als Person schamlos herabgewürdigt.

 

Rätsch wurde 1957 in Hamburg geboren, und das Glück der späten Geburt wollte es, dass er in die Hippiezeit nicht als Erwachsener, sondern als Teenager hineinwuchs. Kopf und Verstand waren noch unbefleckt und wissbegierig, und die Zeitenwende des „roten Jahrzehnts“ prägte ihn ohne den verzweifelten Kampf vieler älterer Hippies, die sich nie richtig von dem lösen konnten, was sie ab dem Volljährigkeitsalter zu überwinden suchten. Rätsch und seine Altersgenossen kamen auf westdeutschem Boden von Jugendbeinen an in den Genuss aller Vorzüge der neuen Zeit, die die Menschen dazu anregte, sich als Individuum und nicht als Untertan einer vorsintflutlichen Staatsräson wahrzunehmen.

 

Sex, Drugs & Rock ’n‘ Roll war das neue, als dekadent verteufelte Lebensgefühl, das auch an Rätsch nicht vorbeigegangen ist und seinen Werdegang dahingehend beeinflusste, dass er den Beruf des „Drogengurus“ ergriff. Vermutlich wird Rätsch wie fast alle, die auf der Hippiewelle surften, als Pubertierender mit Haschisch und Marihuana in Berührung gekommen sein. Und wie es scheint, hat „die Hefe des Denkens“ den jungen Rätsch dazu beflügelt, die Sache mit den psychotropen Substanzen mal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen – und das weltweit.

 

Rätschs „fröhliche Wissenschaft“ führte ihn u.a. zu den Lacandonen-Indianern nach Mexiko, wo er sich drei Jahre lang in die Geheimnisse der Zaubersprüche und Beschwörungsformeln sowie den Umgang mit Heilkräutern einweihen ließ und die Maya-Sprache erlernte. Nach dem Ende der ethnologischen Feldforschung legte er seine Dissertation über das Maya-Volk vor.

 

Christian Rätschs Leben an dieser Stelle von A bis Z nachzuzeichnen, würde den Rahmen des Nachrufs sprengen. Die Welt hat einen klugen, humorvollen und einfühlsamen Mann mit einem unschätzbaren Erfahrungs- und Wissensschatz verloren. Auch war er einer von uns, den geächteten und verfolgten Hänflingen. Cannabis war auch sein Thema, und er gehörte zu jenen Abermillionen Bürgern dieses Landes, die sich nach getaner Arbeit einen Feierabendjoint gönnen.

 

Das Cannabis-Verbot, aber auch die Ächtung von Opium, Kokain, psilocybinhaltigen Pilzen und LSD betrachtete er als Skandal. Rätsch plädierte für eine Freigabe in geordneten Bahnen, lehnte es aber strikt ab, das legale Geschäft mit psychotropen Substanzen „kapitalistischen Verbrecherbanden“ zuzuschieben, damit die sich „eine goldene Nase“ verdienen können. Die wahrlich bittere Ironie ist, dass Rätschs weise Worte in den Wind geschlagen werden. Die von der Bundesregierung angekündigte Cannabis-Freigabe wird eben diesen Verbrecherbanden die Lizenz zum Geldverdienen bescheren – und die Hänflinge dürfen die Rendite der Aktionäre erwirtschaften.

 

Möge Christian Rätsch in Frieden ruhen. Er hat zeit seines Lebens alles gegeben, um die Menschen über „Drogen“ aufzuklären. Dank seiner Wissbegier und seines unermüdlichen Fleißes wissen wir mehr über den rituellen Umgang mit psychoaktiven Substanzen, Heilkräutern und Zauberpilzen. Sein Werk, das er in „Forschungsgemeinschaft“ mit seiner Frau Claudia Müller-Ebeling geschaffen hat, ist der Stolperstein, der darin erinnert, dass der Gebrauch von bewusstseinserweiternden Substanzen so alt wie die Menschheitsgeschichte ist. Cannabis & Co. sind Balsam für Leib und Seele. Naturvölker kennen keinen Missbrauch. Sich mit „Drogen“ die Rübe wegknallen, das ist laut Rätsch die Folge einer suchtfördernden Kultur – also einer Unkultur, die auch in Deutschland vorherrscht.

 

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