Sonntag, 20. März 2016

Unvergessen: Günter Amendt

 

Von Sadhu van Hemp

 

Unvergessen: Günter Amendt (* 1939 – † 2011)

 

unvergessen

 

„No Drugs – No Future“ – diese kleine Weisheit ist das Vermächtnis eines Menschen, der sich zeit seines Lebens vom Sturm des Anti-Drogen-Krieges weder beugen, noch brechen ließ. Am 12. März jährte sich zum fünften Mal jener tragische Tag, als unser Bruder Günter Amendt bei einem Verkehrsunfall aus dem Leben gerissen wurde und eine Lücke hinterließ, die bis heute niemand zu schließen vermag.

 

„Wir sind tot!“ Diese Schlagzeile fiel den Schmierfinken der deutschen Boulevardpresse nicht ein, nachdem der Fahrer eines Kleinwagens mitten in Hamburg-Eppendorf bei Rot über die Ampel gerast war, mit einem anderen Auto kollidierte, sich mehrfach überschlug und dabei den „Drogenpapst“ Günter Amendt und drei weitere Passanten in den Tod riss. Nein, Schmutzblätter wie die „Bildzeitung“ können schon unterscheiden zwischen einem echten Papst und einem Günter Amendt, der sein Amt als „Kifferpapst“ ausschließlich der Schmuddelpresse zu verdanken hatte. Und die kannte selbst über seinen Tod hinaus keine Gnade und rächte sich voller Inbrunst an dem ehrlosen Vaterlandsverräter und Fürsprecher der bösen Haschgiftfixer.

 

Die Steilvorlage für die nachträgliche öffentliche Hinrichtung des „Haschpapstes“ lieferte der Unfallfahrer, dem THC-Restspuren im Blut nachgewiesen wurden. Diese Information in den Hirnwindungen eines Absolventen der Axel-Springer-Schule führt natürlich zur abgeschmacktesten aller geistlosen Assoziation für eine gruselige Schlagzeile. Einen ganz besonderen Affront leistete sich die „Berliner Zeitung“, die unter dem zynischen Titel „Vier Tote, Sex und Drogen“ den Sozialwissenschaftler Amendt kurzerhand auf den Beifahrersitz des Rasers sterben ließ, obwohl er per pedes unterwegs war. Die gleich titelnde „Frankfurter Rundschau“ zog seinerzeit gar den sinnigen Schluss, Amendt hätte sein Leben einem Kiffer anvertraut – frei nach dem Motto: So was kommt von so was! Der Verlust des Menschen trat komplett in den Hintergrund. Stattdessen scheuten die Tintenkleckser keine Pietätlosigkeit, keine Lüge, um die Leser zu gruseln.

Und das, obwohl längst die ersten Untersuchungsergebnisse vorlagen und sich der Verdacht erhärtet hatte, dass nicht das Fahren unter THC-Restspuren ursächlich für die Kollision war, sondern der simple Umstand, dass der Bleifüßler bereits als Crash-Kid auffällig geworden war und überdies seit Jahren unter epileptischen Anfällen litt, die die Einnahme von legalen Drogen erforderte.

 

Print- und Onlinemedien leisteten wirklich ganze Arbeit, den Verkehrsunfall von Eppendorf dahingehend auszuschlachten, den Lesern das Horrorgemälde eines bösen Kifferkillers in die hohlen Köpfe zu malen, der im Vollrausch auf bestialische Weise vier prominente Bürger „ermordet“ hatte, aber selbst „nur leichte Blessuren“ davontrug. Die Botschaft, dass nur ein toter Kiffer ein guter Kiffer ist, ist nun nichts Neues aus dem Hause Springer & Co., aber die Art und Weise, wie die Öffentlichkeit mittels dieser Tragödie in die Irre geführt wurde, war schon besonders widerwärtig.

Das zuständige Verkehrsgericht hatte sich der Vorverurteilung nicht anschlossen und die Vita des damals achtunddreißigjährigen Todesfahrers etwas genauer angeschaut, bevor die fahrlässige Tötung mit dreieinhalb Jahren Freiheitsstrafe geahndet wurde. Die Gerichtsgutachter bescheinigten dem Anklagten zudem, dass er grundsätzlich zum Führen eines Kraftfahrzeugs körperlich, geistig und charakterlich ungeeignet ist – egal ob er nun kifft oder nicht.

 

Wer war Günter Amendt?

 

Fragt man diese Frage, gibt’s heute fünf Jahre später entweder nur ein müdes Achselzucken, oder jene beschämende Nachfrage, ob das nicht der Kifferpapst ist, der von einem Kiffer totgefahren wurde.

Nein, liebe Freunde, Günter Amendt war nicht nur der von der Springerpresse kreierte linksversiffte Bürgerschreck, der gefährliche Schundschriften publizierte! Vielmehr war der Gute nur ein bis ins Mark verdorbener Gutmensch, der das Charisma des Unbestechlichen ausstrahlte und sich mitzuteilen verstand. Im Anti-Drogen-Krieg focht er stets mit offenem Visier. Er entwaffnete seine und unsere Feinde mit gefeilter Rhetorik und messerscharfem Verstand –und das en passant und ohne dabei wie seine Widersacher ins Schwitzen zu geraten.

 

Amendt war immer einer von uns! Nicht einen Tag seines Lebens ist er vom kämpferischen Weg gegen die Drogenlüge abgewichen. Er hat sich stets und überall eingemischt und den Demagogen und Hetzern die Zornesröte in die Hackfressen getrieben. Während sich andere Alt-68’er auf die alten Tage vom Saulus zum Paulus wandelten und heute neben einem grünen Parteibuch auch schon mal ein hübsches Portefeuille mit Rüstungsaktien besitzen, begnügte sich Amendt damit, ein ruheloser Querdenker zu bleiben. Haschbruder Günter war keiner, der sich des schnöden Mammons wegen angedient hätte. Vielmehr tingelte er für kleines Geld unaufhörlich von einer Podiumsdiskussion zum nächsten Vortrag, verfasste Bücher, Essays und Hörfunkfeatures. Und wenn er sich mal im Fernsehen zeigen durfte, dann präsentierte er auf charmante Weise seinen unerschütterlichen Glauben an eine baldige drogenpolitische Wende.

 

Amendt war einer, der nur seiner persönlichen Erkenntnis folgte, und das von Kindesbeinen an. Das Erste, womit ihn die Welt begrüßte, war Hunger und Krieg. Das Laufen lernte er auf den Trümmern des Tausendjährigen Reichs. Wie viele Jugendliche seiner Zeit wehrte er sich gegen die Allgegenwart der unzureichend entnazifizierten Vätergeneration, die sich mit einem Persilschein die braune Farbe nur notdürftig abgetupft hatte und längst wieder in Amt und Würde war. Als anno 1955 in der BRD die tot geglaubte „Deutsche Wehrmacht“ unter dem Tarnnamen „Bundeswehr“ wiederbelebt wurde, um im Kalten Krieg gegen den Kommunismus Gewehr bei Fuß zu stehen, kam der pazifistisch erzogene Günter unweigerlich mit dem Gesetz in Konflikt. Keinesfalls wollte sich der schmächtige Jüngling zum stiernackigen Totschläger deformieren lassen. Wehrdienstverweigerung kam damals noch Vaterlandsverrat gleich. Man will es sich gar nicht ausmalen, welch gewaltigem Druck der junge Mensch seinerzeit ausgesetzt war, wenn man sich die vom Nationalsozialismus verseuchte Gesellschaft der Nachkriegsjahre vor Augen führt.

 

Mit dem Mut der Überzeugung hielt Amendt auch das aus, absolvierte eine kaufmännische Lehre, holte das Abitur nach und studierte Soziologie, Psychologie und Germanistik. 1964 schrieb er sich an der University of California in Berkeley ein und wurde Zeuge des Aufflammens der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, die wie eine Epidemie den ganzen Kontinent und auch Amendt erfasste. Vom Hippie-Virus angesteckt kehrte er 1966 nach Westdeutschland zurück. In der Nachbetrachtung drängt sich der Schluss auf, dass Amendt vermutlich jener ominöse „Patient Null“ war, der sofort in Quarantäne gehört hätte. Doch die Transatlantiker der Bonner Republik konnten die Gefahr in Gestalt des langhaarigen Lauspenners, der aus den USA kommend einsickerte, nicht erkennen, denn alle Augen waren voller Angst gen UDSSR gerichtet.

 

Zurück im Vaterland tat Amendt alles, um Vater Staat mit Schadsoftware zu infizieren. Er agitierte im „Sozialistischen Deutschen Studentenbund“, war zeitweilig dessen Chefideologe und stand Ostern 1968 an vorderster Front, als Studenten, Hippies und Haschrebbellen in einer blutigen Schlacht fast den Springer-Konzern enteignet hätten. Diese Anmaßung quittierte das Schmutzblattimperium mit einem medialen Vernichtungsfeldzug gegen Amendt, der in einer Schadensersatzklage auf 72.000 D-Mark gipfelte – ein nettes Sümmchen, für das eine Fabrikarbeiterin damals annähernd zehn Jahre hätte schubbern müssen. 1973 nahm der Springerkonzern den Vergleich auf Zahlung von 30.000 D-Mark an, die schließlich eine linke Solidaritätsspendenaktion leistete. Der Witz bei der Sache ist, dass der lange Prozess Amendt mehr genutzt als geschadet hat und kostenlose Werbung für seine Bücher war.

 

Und diese Streitschriften hatten es in sich! Noch heute klingt vielen Männern um die 50+ der Satz des Pastors in den Ohren, dass nach 1000 Schuss Schluss ist. Mit diesem und anderem Unsinn hat Amendt in seinem Skandalbuch „Sexfront“ (1970) rigoros aufgeräumt. „Onaniere so oft, so viel oder so wenig, wie du willst – und solange es dir Spaß macht!“ Solche Sätze kamen an, bei unseren damals pubertierenden Großeltern, die plötzlich ein völlig neues und selbstbestimmtes Bewusstsein hinsichtlich der eigenen Sexualität entwickelten – zum Leidwesen der Kirchenfürsten und Sittenwächter, die bis heute Amendts Verführungsschriften verteufeln.

 

Nachdem Amendt 1972 (ohne fremde Hilfe) promoviert hatte, räumte er nach und nach das Feld der Sexualforschung und beackerte fortan einen anderen Kriegsschauplatz, und zwar den der Drogenpolitik, die er angesichts der vielen Opfer für gescheitert erklärte. Die Forderung nach Abstinenz war in seinen Augen „weder durchsetzbar noch akzeptabel“, sondern nur der klägliche Ausdruck „totalitären Denkens“. Die sozialen, politischen und ökonomischen Auswirkungen des Umgangs mit illegalen psychoaktiven Substanzen bildeten dann auch die Grundlage für die „fröhliche Wissenschaft“ des Dr. phil. Günter Amendt. Mit einer bewundernswerten Penetranz und Lust sägte der Haschbruder am ideologischen Lügengerüst der Anti-Drogen-Krieger, enttarnte getürkte Gutachten und Horrorstatistiken und munterte die Bürger unablässig auf, sich nicht das verbieten zu lassen, was als Heilkraut längst wiederentdeckt ist. „Hasch killt den Stress“, war Amendts Erkenntnis. Wohl zu Recht in Anbetracht der vielen Menschen, die nur noch in großer Eile unterwegs sind und sich darüber in der Zeit verlieren. Amendt trat vehement für eine Verlangsamung des Lebens ein – und wenn’s hilft, auch mittels Hanf. Umso trauriger, dass Amendt Opfer dessen wurde, was unsere tempoberauschte Gesellschaft nur sehr langsam begreift.

 

Nun denn! Danke für dein Wirken, Günter! Möge uns dein Geist auch weiterhin beseelen! Auf dass uns der Mut nicht verlässt, das kaputt zu machen, was uns kaputt macht!

 

Wer sich selbst davon überzeugen will, dass Amendt einer unserer Besten war, der schaue hier:

 

https://www.youtube.com/watch?v=cvfOeSo04fA

 

3 Antworten auf „Unvergessen: Günter Amendt

  1. Lars Rogg

    Kann ich mich nur anschliessen. Amend war einer der großen Vordenker, ohne Scheuklappen. Nur leider seiner Zeit um Jahrzehnte voraus, so dass sich ekelhafte Politiker sowie die Boulevardpresse ein Fest daraus machte, einen verstorbenen noch im Nachhinein zu diskreditieren. Er hat Sachen erkannt, die unsere obrige Kaste gar nicht wissen wollte und bis heute wissen will. Er hat mehr Leute mit seinen Thesen begeistert, als jeder Politiker… Tolles Gedenken !!!

  2. www.diehanfinitiative.de

    Das macht mich nachdenklich und traurig. Danke für die Erinnerung Sadhu, das hat mich sehr berührt. Ruhe in Frieden Günter. Ich mache das nicht oft, aber jetzt werde ich mal eine Kerze anzünden und an Dich denken. Gute Seele.

    Liebe Grüße und gute Wünsche an alle großen und kleinen Seelenwesen … da draußen 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.