Mittwoch, 30. September 2020

Medizinisches Cannabis und kein Ende

Ein ernüchternder Blick auf die Wirklichkeit

Ein Erfahrungsbericht von Fritzchen Müller

Kurz nach der Einführung von medizinischem Cannabis hatte ich 2017 in einer Großstadt im süddeutschen Raum einen Ärzt*innen-Check durchgeführt. Der verlief, wie nicht anders zu erwarten gewesen war, ziemlich ernüchternd. Als Dauerschmerzpatient versuchte ich, bei mindestens einem der aufgesuchten Ärzt*innen eines der heiß begehrten Cannabis-Rezepte zu erhalten. Die Ärzt*innen hatte ich bewusst nach ihrem Profil ausgesucht: Es handelte sich ebenso um Schulmediziner*innen als auch um Ärzt*innen, welche dem anthroposophisch-alternativmedizinischem Spektrum angehörig waren.

Die Ergebnisse überraschten mich, obwohl der Tenor eindeutig war: Ja, bei solch einer chronischen Schmerzerkrankung wäre es durchaus vorstellbar und angebracht, Cannabis als Medizin zu verschreiben. Dann folgte das große A-B-E-R. Noch sei die Gesetzeslage unklar, die Verordnungen wären nicht sicher, es war von umfangreicher Berichterstattung an die Bundesopiumstelle die Rede ebenso wie von stichpunktartigen Kontrollen, welche die Ärzt*innen in das Verderben stürzen könnten. Am meisten überraschte mich, dass eigentlich die Schulmediziner*innen einer Verordnung von Cannabis auf Rezept am offensten gegenüberstanden, während die Alternativmediziner*innen dem eher ablehnend gegenüberstanden und etwas von unvorhersehbaren Nebenwirkungen des Cannabis-Konsums raunten. Letztlich lief es darauf hinaus, dass jede Ärztin und jeder Arzt bereit waren, mir mittelstarke bis starke Opioide problemlos zu verschreiben. Tillidin und Tramadol hätte es also haufenweise gegen die Schmerzen gegeben, aber Cannabis auf Rezept – ein aussichtsloses Unterfangen.

Nun ist seitdem viel Zeit vergangen und vieles hat sich seither geändert. Ein Jahr später, nach den geschilderten Recherchen, gelang es mir, meinen Hausarzt, den ich als klassischen Schulmediziner bezeichnen würde, davon zu überzeugen, mir Cannabis auf Rezept zu verschreiben. Klar musste ich auch dabei Abstriche hinnehmen. Es gab keine Blüten, denn das sei, so mein damaliger Arzt, sehr aufwendig. Die Kostenübernahme durch die Krankenkasse wäre fragwürdig und zudem müsste ich ständig bei den Apotheken anrufen und überprüfen, ob die verschriebenen Blüten überhaupt erhältlich seien, was häufig nicht der Fall wäre. Deshalb, so sein pragmatischer Vorschlag, würde er mir Sativex verschreiben. 

Diesen Teilerfolg konnte ich gar nicht hoch genug wertschätzen, denn in einschlägigen Magazinen – wie diesem – las ich immer wieder davon, wie schwer es für Patient*innen jeglicher Couleur war, überhaupt an Cannabis-Rezepte zu kommen. Meine Dauerschmerzerkrankung ist zwar sehr unangenehm und ist in der Lage, mir manchmal das Leben zur Hölle zur machen, aber verglichen mit den Krankheitsbildern bei Patient*innen, die ein Cannabis-Rezept erhielten, sah es doch noch vergleichsweise harmlos aus. Dabei sei an einen Artikel in einer der letzten Thcene-Ausgaben erinnert, in dem ein Krebspatient schilderte, dass er trotz einer lebensbedrohlichen Krebserkrankung größte Probleme hatte, Cannabis verschrieben zu bekommen. Dieses Schicksal hat mich erschüttert und dazu auch motiviert, diesen Artikel zu schreiben, damit alle Leser*innen möglichst vielfältige und breit gefächerte Erfahrungsberichte in Sachen Cannabis auf Rezept erhalten.

Sativex ist ein von einem großen britischen Pharmakonzern natürlich hergestelltes Cannabis-Präparat, das in drei Sprühflaschen à 10 ml geliefert wird. Der Preis von Sativex ist inzwischen extrem teuer. Eine Packung mit insgesamt 30 ml kostet deutlich über 350 €. Glücklich, wer über eine gute Krankenversicherung verfügt, oder aber privat versichert ist, denn diese Kosten aus eigener Kasse zu stemmen, ist für viele schlichtweg ein Ding der Unmöglichkeit.

Der Mundspray, der am besten direkt unter die Zunge gesprüht wird, damit eine optimale und schnellstmögliche Wirkungsentfaltung garantiert ist, enthält ein Dickextrakt aus der Hanfpflanze Cannabis sativa L., der mit flüssigem Kohlenstoffdioxid aus den Blättern und Blüten gewonnen wird. Die aktiven Inhaltsstoffe sind Tetrahydrocannabinol (THC, Dronabinol) und Cannabidiol. Dabei ist zu erwähnen, dass der CBD-Anteil in Sativex recht hoch ist, was wichtig hinsichtlich der Muskellockerung und -entspannung ist. Zudem wirkt das in diesem Umfang vorhandene CBD auch als Antipode zum THC, sodass Sativex, wenn man es gemäß der ärztlichen Verordnung konsumiert, ganz selten zu einem richtig „klassischen High“ verhilft. Die Anwendung von Sativex ist ein wenig schwierig, da zwischen dem Zeitpunkt der Anwendung, also den Sprühstößen unter die Zunge und dem Wirkungseintritt, mitunter Stunden vergehen können. Eine akute Schmerzattacke kann also erst mit einer immensen Zeitverzögerung bekämpft werden. Hinzu kommt: Hat man zum Beispiel kurz vor der Anwendung eine (üppige) Mahlzeit zu sich genommen, dann verzögert dies den Wirkungseintritt noch einmal. Zur Verdeutlichung: Normalerweise benötigt Sativex eine „Anschleichzeit“ von in etwa anderthalb Stunden, bis irgendwelche schmerzlindernden Effekte zu spüren sind. 

Gerade um die Funktionstüchtigkeit des Körpers und Geistes im Arbeitsprozess aufrecht zu erhalten, sind die Zeiträume, die zwischen der Schmerzattacke und dem Wirkungseintritt vergehen, viel zu lang. Arbeitsausfälle, die dem chronischen Schmerzsyndrom geschuldet sind, kann ich mir nicht leisten. Insofern bin ich nach eingehenden Gesprächen mit meinem Hausarzt übereingekommen, dass ich abhängig von der schmerzbedingten Verfassung zwischen einem bis vier Sprühstöße Sativex morgens und derselben Menge am Abend zu mir nehmen sollte. Der Vorteil von Sativex gegenüber dem Konsum von Blüten im Vaporisator oder im Joint liegt darin, dass er viel besser steuerbar ist. Das soll konkret heißen: Auch bei vier Sprühstößen Sativex bin ich hinsichtlich meiner Arbeitsfähigkeit nicht oder nur geringfügig eingeschränkt. Die Alternative wäre wie gesagt, an solchen Tagen gar nicht arbeiten zu gehen, was in den heutigen schwierigen Zeiten beinahe ein Ding der Unmöglichkeit ist. Nach einer Weile wertete ich gemeinsam die Bilanz meiner Sativex-Anwendungen aus. Dabei wurde offensichtlich, dass Sativex im Vergleich zu den alternativ ebenso möglichen Opioiden nicht nur wesentlich vorteilhafter für die Gesundheit war, sondern dass es mir durch die kontinuierliche tägliche Sativex-Einnahme systemisch gut ging und meine chronischen Schmerzen auf ein Minimum reduziert wurden.

So weit, so gut. Doch dann musste ich aus beruflichen Gründen aus Süddeutschland in den hohen Norden ziehen. Ehrlich gesagt verband ich mit dem Umzug auch die Hoffnung, in dem liberalerem, Cannabis-affineren Norddeutschland eine Ärztin oder einen Arzt zu finden, die mir auf der Grundlage des Sativex-Rezepts unter Umständen auch Blüten verschreiben würden. Doch weit gefehlt. Im Internet machte ich mich in meiner neuen Heimat auf die Suche nach Ärzt*innen, die Cannabis-Verordnungen aufgeschlossen gegenüberstehen. Zu meinem großen Leidwesen und Ärger muss ich gestehen, dass es entgegen meinen ersten Annahmen überhaupt nicht einfach ist, diese Ärzt*innen durch reine Internet-Recherchen herauszufinden. Dies finde ich bemerkenswert und bedenklich zugleich, denn es gibt ja in unserer heutigen Welt kaum noch Dinge, die nicht via Internet recherchierbar sind. Lediglich Cannabis-Publikationen wiesen auf wenige Ärzt*innen hin, die im Ruf standen, ohne weitere Probleme Cannabis auf Rezept zu verordnen. Aber erstens lagen die meisten dieser Ärzt*innen weit von meinem neuen Wohnort entfernt, sodass ein Besuch hier wenig Sinn machte, oder aber sie waren derart überlaufen, dass der nächstmögliche Termin erst nach frühestens sechs Monaten möglich gewesen wäre. In solch einer misslichen Lage stellt sich selbstverständlich die Frage, was tun?

Die Problematik bestand darin, dass ich weder am Arbeitsplatz noch bei meinen neuen Nachbarn und Bekannten fragen konnte, ob sie in der Nähe befindliche Ärzt*innen kennen, die dafür bekannt sind, der neuen Medizin Cannabis gegenüber offen zu sein. Also griff ich tief in die Trickkiste und suchte einen der örtlichen Head- und Growshops auf. Dort kam ich dann auch schnell mit dem jungen, freundlichen Mitarbeiter ins Gespräch. Zufällig stellte sich heraus, dass er an ähnlichen chronischen Schmerzleiden wie ich laborierte. 

„Da gibt es hier durchaus einen Spezialisten“, teilte mir der Mitarbeiter des Head- und Growshops beinahe freudig-erregt mit. „Der ist auf chronische Schmerzleiden spezialisiert. Und der ist auch total offen für Cannabis-Rezepte. Ehrlich. Bei dem ist das kein Problem. Geh da hin. Der ist die erste Adresse am Platz. Außerdem sind mir hier keine anderen Ärzte bekannt, die Cannabis ähnlich wohlgesonnen eingestellt sind.“ 

Innerlich vollführte ich einen Freudenluftsprung, hakte aber dennoch ein wenig nach, da ich aus Erfahrung weiß, dass Freund*innen von THC-haltigen Pflanzen manchmal bei diesem Themengebiet ein wenig zu euphorisch sind – nicht aus Bösartigkeit oder weil sie falsche Informationen verbreiten möchten, sondern weil sie voller Eifer für die Sache an sich sind und damit alle anderen anstecken möchten.

„Und was bekommst du verschrieben?“, fragte ich deshalb. „Blüten und Vaporisator?“

Der sich schlagartig von freudiger Erregung hin zur realistischen Konsternierung wechselnde Gesichtsausdruck hätte mich bereits vorwarnen können, doch die mündliche Bestätigung erfolgte stehenden Fußes.

„Äh, ich kriege leider keine Blüten verschrieben.“

Point taken. Die Begründung fehlte aber noch, da doch der von ihm empfohlene Arzt so liberal und innovativ eingestellt war.

„Meine Krankenkasse übernimmt leider nicht die Kosten für die Blütenbehandlung und den Vaporisator“, fügte mein Gesprächspartner dann noch schnell hinzu, als ob dadurch alle Fragen beantwortet seien.

„Nicht privat versichert?“, stellte ich noch die offensichtlich nahe liegende Frage.

Er schüttelte traurig den Kopf. So leid er mir auch tat, aber bei mir nährte seine abschlägige Antwort die Hoffnung, dass dieser Arzt mir dann aufgrund meines privaten Versichertenstatus die Blüten inklusive Vaporisator verschreiben würde, da ich seit Jahren bei einer der großen privaten Krankenkassen bin, die noch nie Probleme wegen irgendwelcher Rezeptkosten oder Anwendungskosten (wie Massagen, Krankengymnastik und so weiter) gemacht hatte.

„Aber Sativex würde ich schon kriegen“, beeilte er sich dann doch zu versichern, wobei ich ihm eine gewisse Unsicherheit in der Stimme anmerkte.

Uff, da war ich aber erleichtert. Denn dadurch bestand ja die begründete Hoffnung, dass mein neuer Arzt zumindest das Sativex-Rezept meines Arztes „übernehmen“ und mir das Medikament weiter verschreiben würde. Immerhin handelt es sich bei einem Sativex-Rezept um kein „konventionelles“ Rezept. Vielmehr ist es ein gelbes Betäubungsmittelrezept, das nicht leichtfertig und unbegründet verschrieben wird. Nach weiterem Small Talk verließ ich beschwingt den Laden, denn, so war ich mir sicher, der neue Arzt würde mir zumindest das perfekt gegen den chronischen Dauerschmerz wirkende Sativex verschreiben. Vielleicht würde er sogar auf Blüten umstellen, wenn ich ihm ehrlich und glaubhaft schilderte, dass der Wirkungseintritt von Sativex sehr lange, ja definitiv zu lange dauerte. Als ich mich um einen Termin bei dem Arzt bemühte, wurde mir schnell klar, dass es sich hier um einen wahrhaftigen Experten handeln musste. Beinahe drei Monate Wartezeit und das als Privatpatient. Ich fand das eine ziemlich starke Ansage, wollte aber nicht von meinen bereits entworfenen Plänen abrücken.

Als ich dann die Praxis meines neuen Arztes betrat, hatte ich zunächst ein gutes Gefühl. Der Warteraum war voll, aber die Patient*innen machten trotz ihrer sicherlich schwerwiegenden Erkrankungen keinen niedergeschlagenen Eindruck. Also verstand der Arzt vielleicht sein Handwerk und vermochte es auch, positiv auf die Psyche der Patient*innen zu wirken. Während ich am Arzthelfer*innen-Tresen anstand, bekam ich mit, wie mehrere Fentanyl-Rezepte verteilt wurden. Fentanyl ist ja bekanntlich sehr viel potenter als Heroin und wird in der Regel nur bei allerschwersten Krankheiten eingesetzt. Die Personen, welche die besagten Rezepte erhielten, waren zwar etwas ältere Jahrgänge, machten auf mich aber keinen sonderlich kranken oder ausgezehrten Eindruck.

Der Arzt hatte noch wenige Jährchen bis zum Ruhestand und sah wegen seiner Leibesfülle so aus, als ob er zu keiner Tüte Chips „Nein“ sagen könnte. Das rote Gesicht, auf dem eine alte Brille à la günstiges Kassengestell thronte, verriet, dass es um seinen Blutdruck wohl auch nicht gerade gut stand. Die Defizite seiner Erscheinung versuchte er aber durch besonders schneidiges Auftreten zu kompensieren.

„Was führt Sie zu mir?“, fragte er mich in einem Ton, der mich sofort vermuten ließ, dass er früher wohl ein Militärarzt gewesen war.

Ich schilderte ihm ausführlich und offen meine Beschwerden. Er zwinkerte mir jovial zu, was ich zumindest in solch einem frühen Stadium des Arzt-Patienten-Verhältnisses als anzüglich empfand – hier ist in der Regel doch ein wenig mehr Distanz besser.

„Haben Sie einen Arztbrief oder sonstige Unterlagen bei?“, wollte er wissen, was ich aber verneinen musste.

Er runzelte die Stirn.

„Also wenn Sie von mir Cannabis verschrieben kriegen wollen, benötige ich schon mindestens einen Arztbrief und eine Kopie eines ihrer alten Sativex-Rezepte.“

Das schien mir einleuchtend und ich verfluchte meine Nachlässigkeit, so schlecht vorbereitet zu dem Arzttermin gegangen zu sein.

„Kein Problem, das besorge ich“, versicherte ihm, „und komme dann wieder.“

„Ja, wunderbar“, verkündete er und rieb sich vergnügt die Hände. „Danach dürfte dem Cannabis-Rezept nichts mehr im Wege stehen.“

Wir musterten uns eine Weile.

„Haben Sie denn noch etwas gegen die Schmerzen zu Hause?“, fragte er mich.

Wahrheitsgemäß antwortete ich, dass ich noch einen kleinen Rest Sativex im Kühlschrank hatte – das Medikament muss ja bekanntlich gekühlt werden, da es sonst seine Wirksamkeit verliert.

„Dann gebe ich Ihnen noch was bis zum nächsten Besuch mit“, erklärte er salbungsvoll. „Kennen Sie denn etwa Tramadol? Oder möchten Sie lieber Tillidin?“

Ich bejahte, machte aber zugleich meine Vorbehalte gegen das Opioid geltend. Das interessierte den Arzt aber wenig, denn er wischte meine Bedenken vom Tisch. Ich würde ja wohl nicht daran sterben, murmelte er noch, womit er eigentlich schon recht hatte. Zu meinem großen Erstaunen verschrieb er mir dann aber gleich eine halbe Wagenladung voll, nämlich aus dem Stand eine 100er-Packung Tramadol Retard-Tabletten mit 100 mg, was eine erstaunlich große Menge ist.

„Kennen Sie auch die Shorts?“

Mit der Frage überraschte er mich, denn mit sommerlichen Kleidungsstücken konnte das ja nichts zu tun haben, aber dann wurde mir doch sehr schnell klar, dass er damit Tabletten desselben Wirkstoffs ohne Retard-Funktion meinte. Kaum hatte ich genickt, hatte er bereits ein neues Rezept ausgestellt. 100 Tabletten Tramadol, dieses Mal aber lediglich à 50 mg. 

„Damit kommen Sie ja wohl bis zum nächsten Besuch über die Runden“, meinte er abschließend, zwinkerte mir wieder zu und verabschiedete mich mit einem kräftigen Handschlag. „Und das nächste Mal wenden wir uns dann dem anderen zu …“

Was wie eine Verheißung klingen sollte, empörte mich innerlich. Ehrlich gesagt war ich schockiert, wie leichtfertig mein neuer Arzt große Mengen an Opioiden verschrieb, obwohl ich ja durchaus begründete Bedenken hinsichtlich dieser Art von Medikamenten vorgebracht hatte. 

Wie vereinbart besorgte ich mir beim Arzt in der alten Heimat wie gewünscht den Arztbrief und weitere Unterlagen. Dieses Mal dauerte es auch gar nicht mehr lange, bis ich einen neuen Termin beim neuen Doc meiner Wahl erhielt.

„Bitte schön, alle Unterlagen, die Sie beim letzten Mal angefordert haben“, überreichte ich ihm die gewünschten Papiere.

Er studierte die Unterlagen, runzelte die Stirn und nahm sogar die Brille ab. Dieses Verhalten kannte ich bereits nur allzu gut von meinem Vater und wusste, dass nun nichts Gutes folgen würde.

„Diese Unterlagen sind nicht aussagekräftig“, ließ er dann die Katze aus dem Sack und ich musste mich bemühen, die Fassung zu wahren.

„Ich habe doch alles geliefert, wonach sie verlangt haben“, entgegnete ich ein wenig fassungslos.

Aufgeregt wedelte er mit den Unterlagen hin und her, wobei sein Gesicht um einige Nuancen röter wurde.

„Das hier ist doch gar nichts“, beharrte er. „Was soll ich denn damit überhaupt anfangen?“

Dann erklärte er mir, was angeblich mit den Untersuchungen, den Untersuchungsergebnissen und so weiter nicht stimmte. So langsam wurde mir klar, wohin sich diese Geschichte entwickeln würde und ich spürte einen in mir aufsteigenden Zorn.

„Da müssen wir noch einmal ganz von vorne anfangen“, seufzte er.

So langsam wurde es mir zu bunt. Ich widersprach und wies ihn darauf hin, dass ich meinen Teil der Vereinbarung eingelöst hatte.

„Das ist Quatsch. Blödsinn. Völlig falsche Diagnose“, schrie er mich wie einen Pennäler auf dem Pausenhof an.

Mir blieb nichts übrig, als verständnislos den Kopf zu schütteln.

„Das würde Ihnen wohl so passen, hä? Ein bis vier Hübe Sativex am Morgen und am Abend. Das sprühen sie sich morgens erst mal auf einen Joint, was junger Mann? Und dann am Abend gleich noch mal!“

Ich sehe beileibe nicht wie ein Rastafari aus und auf die Idee, Sativex auf Tabak zu sprühen, war ich ehrlich gesagt von selbst noch gar nicht gekommen – praktisch, dass Ärzt*innen in der Regel immer gute Tipps für ihre Klientel besitzen. Aber solche bösartigen Unterstellungen musste ich ja nicht auf mir sitzen lassen. So ergab ein böses Wort das andere. Wir konnten uns nicht einigen, denn der Arzt weigerte sich inzwischen kategorisch, mir Sativex zu verschreiben. 

„Vorher sind unabdingbar umfangreiche Untersuchungen nötig, bevor ich Ihnen das verschreiben kann“, behauptete er und zählte dann auf, was er alles zu untersuchen gedachte, wobei ich mich ständig fragte, in welchem Zusammenhang das mit dem Cannabis-Rezept stand.

Langsam aber sicher wurde mir klar, dass es sich bei der Verhaltensweise des Arztes um einen versteckten „Deal“ handelte, zumal er mir auch nach all den Untersuchungen eventuell Blüten in Aussicht stellte. Ich sollte ihn erst einmal richtig kräftig verdienen lassen, bevor er mir seiner Meinung nach etwas Gutes tat. Solch eine Art von Turbo-Kapitalismus und solch ein zynisches Verständnis des Arzt-Berufs konnte ich keineswegs durchgehen lassen, zumal ich ja bereits etliche Untersuchungen über mich hatte ergehen lassen, einen Arztbrief und ein altes Rezept des Medikaments vorweisen konnte.

„Nein, das mache ich nicht mit“, erklärte ich ihm offen, was ihn etwas aus der Fassung brachte. „Das finde ich wirklich nicht die feine englische Art, was Sie hier abziehen …“

Das führte zu weiteren Verdächtigungen seinerseits, wie und wie häufig ich Sativex missbrauchen könnte. 

„Wie sollen wir nun weiter verfahren?“, wollte ich abschließend die Situation klären.

Er beharrte weiter darauf, dass all die von ihm genannten Untersuchungen nötig seien und er mir solange Tramadol weiter verschreiben würde. Das war der Zeitpunkt, als ich mich erhob und ohne jegliche Abschiedsworte die Praxis verließ. Ich fühlte mich zutiefst als wehrloser Patient, der dem Arzt als Objekt ausgeliefert war. Die Erpressung lag ganz klar auf der Hand. Machte ich alle Untersuchungen mit, nahm zahlreiche Termine wahr und verhalf so dem Arzt zu nicht unbeachtlichen Einkünften, so würden mir Cannabis-Blüten in Aussicht gestellt. Bis dahin sollte ich die viel gesundheitsschädlicheren Opioid-Tabletten nehmen, die zudem noch in einem nicht unerheblichen Maße ein Suchtpotenzial aufweisen. Solch ein Arzt-Verhalten finde ich nicht nur zynisch. Es spielt meines Erachtens auch mit dem Wohlergehen der Patient*innen und stellt dieselben lediglich als „Cash-Cows“ dar. Hier geht es eindeutig um die Diktatur des Profits, um maximale Kapitalakkumulierung und nicht um das Wohl des Patienten. Ein Verhalten, das dem Eid des Hippokrates mehr widerspricht, ist für mich kaum denkbar. 

Nach diesem in jeder Hinsicht mehr als ernüchterndem Erlebnis habe ich erneut meinen alten Hausarzt kontaktiert. Dieser beruhigte mich und erzählte mir, dass es bei der „Übernahme“ von Betäubungsmittelrezepten häufiger Probleme gäbe. Allerdings sei das Verhalten des von mir aufgesuchten Arztes eine reine Farce. 

Ich hoffe, dass diese Art der Geschäftemacherei auf Kosten der Patient*innen eher die Ausnahmen bleiben. Aber eines ist für mich deutlich geworden. So wie andere Ärzt*innen und die Pharmaunternehmen die Patient*innen als reines Gewinngeschäft und nicht als menschliches Schicksal betrachten, so wird es auch mit Cannabis auf Rezept laufen. Auch hier werden zuerst die Profitinteressen im Vordergrund stehen und erst lange danach kommt der Mensch. Das ist zutiefst bedauerlich, aber wohl ein Merkmal der Gesellschaft, in der wir leben. Zuerst die Knete und dann vielleicht erst der Mensch. Insofern sehe ich inzwischen die Einführung von Cannabis als Medizin recht kritisch. Aber vielleicht sollte ich es einfach noch einmal bei einem anderen Arzt probieren. Es könnte ja sein, dass es sich hier anders verhält. Wenn ich mir allerdings die zahlreichen Berichte von Patient*innen im Internet oder in Cannabis-Magazinen durchlese, die sich vergeblich um Cannabis auf Rezept bemühen, dann schwindet mein Fünkchen Hoffnung. Hoffen wir, dass es dabei nicht bleiben wird.

3 Antworten auf „Medizinisches Cannabis und kein Ende

  1. gein

    ist so gewollt und wird auch so bleiben mit der Regierung.
    Und wenn die 4040 immer noch regieren wird auch 4040 irgendwas unklar sein und nix vorran gehen.
    btw dieses das Krankenkassen bezahlen sollen ist Stuß hoch 10. Legalisieren mit Altersbeschränkung, Anbau in haushaltsüblichen Mengen überwachen, Abgabe an alle unter 21 Jahre zieht Haft nach sich. Das sind zwei Sachen die man da kontrollieren müsste -das kriegt man hin im 21Jh. Wenn man es schafft das die Bundeskanzlerin in China für Wirecard Lobby macht kriegt man das auch hin.
    Das Geld für die Krankenkassen werden wir in Zukunft bei lebenswichtigen Medikamenten brauchen (die Preise sind heute schon jenseits dessen was man noch schlüssig erklären könnte), da muss man nicht wieder Mehrwert draus machen damit irgendwer wieder Vermögen anhäuft die er gar nicht haben dürfte. Es geht um ne sch**ß krautige Pflanze.
    Man könne ja einfach gucken wie das funktioniert in Colorado und Kalifornien. Einfach nochmal gucken bevor man Krankenkassen mit absurden Kosten belasten will. Einfach mal den Kopf benutzen in der Politik.

  2. Otto Normal

    Den Kopf bemühen die Politclowns schon, aber leider nicht zum Denken, sondern nur dessen Mundwerk, um die Leute mit hohlen Phrasen so lange zu zulabern bis keiner mehr ernsthaft zuhört.

  3. Cindy Cortez

    Ich möchte die Welt über Doktor Mutaba, den großen Zauberwirker, informieren, der meinen Mann zu mir zurückgebracht hat, als ich dachte, alle Hoffnung sei verloren. Doktor Mutaba benutzte seinen mächtigen Zauber, um ein Lächeln auf mein Gesicht zu zaubern, indem er meinen Mann mit seinem Zauber zurückbrachte. Zuerst dachte ich, ich träume, als mein Mann auf seinen Knien zu mir zurückkam und mich bat, ihm zu vergeben und ihn wieder und sogar anzunehmen seitdem liebt er mich mehr als ich jemals erwartet hatte, also habe ich mir selbst geschworen, dass ich die Welt über Doktor Mutaba informieren werde, weil er ein Gott auf Erden ist. Haben Sie Probleme in Ihrer Beziehung, hat sich Ihr Partner von Ihnen getrennt und Sie lieben ihn immer noch und wollen ihn zurück? Haben Sie Probleme mit Ihrer Finanzierung oder brauchen Sie Hilfe jeglicher Art? Wenden Sie sich noch heute an Doktor Mutaba, denn ich gebe Ihnen eine 100% ige Garantie dafür Er wird dir genauso helfen, wie er mir geholfen hat. Die E-Mail von Doktor Mutaba lautet greatmutaba@yahoo.com

Schreibe einen Kommentar

Schnelles Login:



Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.