Sonntag, 21. Juni 2020

Kiffen in der Peripherie

Versorgung & Konsequenzen in der Kleinstadt

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Bild: eSheep / freeimages


Von Jutta McLovin

Ich komme aus einem kleinen Ort im Osten. Einer klassischen Mittelstadt. Ich kann mich noch zu gut daran erinnern, wie wir als Jugendliche des Öfteren mal die ein oder andere Versorgungsschwierigkeit hatten und demzufolge manchmal in die einhundert Kilometer entfernte Landeshauptstadt fahren mussten, um überhaupt irgendwas mit Effekt rauchen zu können. Die Versorgung in unserer Stadt war sporadisch, schlecht, gestreckt.

Bei anderen Drogen sieht es da hingegen wieder ganz anders aus: Crystal Meth zu bekommen ist seit einigen Jahren gar kein Problem mehr. Das schlägt sich auch im sozialen Stadtbild nieder. Nicht, dass daran von meiner Seite ein Interesse bestanden hätte, aber es ist eben so. Und daran habe ich leider auch viele meiner ehemaligen Zeitgenossen aus Kindheit und Jugend zugrunde gehen sehen.

Aber zurück zum Rauchgut von Interesse: Nix da. So machten wir uns also regelmäßig alle paar Monate auf, per Anhalter, in die nicht all zu fern gelegene Landeshauptstadt. Die Fahrten waren immer eine Freude – im Winter verzichteten wir auf solche Touren natürlich, im Sommer aber war es ein Geruch von Freiheit, der kaum zu überbieten war. Wir lernten Hinz und Kunz kennen, einen breiten Durchschnitt der bundesdeutschen Gesellschaft und es waren immer sehr interessante Touren. In der Großstadt angekommen, natürlich ohne irgendwelche hilfreichen Kontakte zu haben, war die nächste Herausforderung, überhaupt an jemanden zu geraten, der uns weiterhelfen konnte. Jede Stadt hat ja so ihre Umschlagplätze – meist in Bahnhofsnähe. Im Osten sieht das ein wenig anders aus, da läuft viel mehr über die sogenannte Wohnzimmer-Tickerei. Das macht es für den gemeinen Besucher oder Touristen oft ein wenig komplizierter, sich kurzfristig zu versorgen. Es gibt natürlich, wie überall, Parks, wo man sich zur rituellen Feierabendrauchrunde trifft und man eben eventuell Gleichgesinnte kennenlernen kann. In der besagten Stadt gibt es dafür einen sehr, sehr prädestinierten. Wir also hin und uns erst mal mit einem kleinen Minitütchen sehr zentral hingesetzt, um eventuell die Aufmerksamkeit eines für uns relevanten Verteilers zu erregen. Gesagt, getan. Wir saßen und rauchten nicht lange, bis auch wirklich die ersten interessierten Blicke unseren Weg kreuzten. Ungefähr 3 Jointzentimeter weiter, gesellten sich auf einmal zwei junge Herren zu uns, die dem Beuteschema entsprachen und uns eventuell bei der Besorgung hilfreich entgegenkommen konnten. Sie interessierten sich auch sogleich für unser Rauchgut. Wir berichteten offen über unsere derzeitige Versorgungssituation und fragten, ob sie denn gegebenenfalls wüssten, wo wir uns eine größere Menge der grünen Lieblingspflanze, zumindest ihrer süßlich duftenden Blüten, zulegen könnten. Darauf hatten sie auch gleich eine Antwort, die gefiel. ‚Klar, kommt mit, wir müssen nur ein paar Anrufe machen!‘. Also machten wir uns alle gemeinsam auf den Weg, um einzusammeln, was eingesammelt gehört in unserer Situation. Natürlich erst nachdem wir nun zu viert die kleine Jolle vernichtet hatten. Die Jungs telefonierten also nun die ganze Zeit hin und her und gingen immer wieder mal um die Ecke, um erneut ungestört zum Hörer greifen zu können. Wir sollten Abstand halten. (Und das war noch weit vor Corona!) Ihr Wunsch war uns Befehl – wir taten, was von uns verlangt wurde in unserer jugendlichen Naivität. Schließlich kamen wir am augenscheinlichen Zielort an – wir sollten warten. Taten wir natürlich. Wir gaben den Jungs unser sauer Erspartes und in der Heimat Zusammengesammeltes und warteten … und warteten … und warteten. ‚Die kriegen ihr Zeug niemals!‘ wird sich der geneigte Leser wahrscheinlich gerade denken. Aber weit gefehlt! Kaum eine halbe Stunde später kamen die zwei Jungs auf einmal wieder zurück, mit der vermeintlich heiß ersehnten Ware. Leider war die Ware allerdings braun – und nicht grün, wie eigentlich besprochen. Und wir waren ja eigentlich sehr, sehr heiß auf grün gewesen, was wir auch mehrmals betont hatten. Das gab es bei uns nämlich tatsächlich fast nie. Vielleicht ein, zwei Mal im Jahr, wenn einer der Älteren mal in die Bundeshauptstadt gefahren ist oder zu anderweitigen anderen sehr besonderen Anlässen. Aber ja, wir hatten uns sehnlichst auf etwas Krautiges gefreut und hatten etwas Harziges erhalten.

Das beanstandeten wir natürlich sogleich, woraufhin die beiden meinten, dass wir dann eben noch mal zu einer anderen Stelle müssten. Kein Problem für uns, wir sind jung, mobil, und sehr aufgeregt, wahre Großstadtluft schnuppern zu dürfen, und der Bankautomat lag auch auf dem Weg. Also auf zur nächsten, hoffentlich erfolgversprechenderen Stelle, zu der uns die ortsansässigen Herren mitnahmen. Wir sollten wieder warten – ‚Normal‘ dachten wir uns und hatten jedwede Vorsichtsmaßnahme bereits hinter uns gelassen, hatte ja alles fast korrekt geklappt beim letzten Mal. Da warteten wir also, ulkten herum ob der Vorfreude auf das kommende grüne Glückserlebnis. 10 Minuten. 20 Minuten. 30 Minuten. Bisher noch alles normal und wie beim ersten Mal. Nach 50 Minuten jedoch nahmen wir langsam mal den Hörer in die Hand und versuchten die Nummer zu wählen, die uns die beiden gegeben hatten. Nummer nicht vergeben. Scheiße. Das war ja erst mal kein gutes Zeichen. Okay, vielleicht ist nur besetzt, also noch mal wählen. ‚Diese Nummer ist leider nicht vergeben.‘ Ja okay, Mist, dann musste es wohl stimmen… Mist!! Jetzt wurden wir langsam hibbelig: immerhin hatten wir denen ein paar Hundert Euro unserer Teenagerersparnisse und Konfirmandengeldes in die Hand gedrückt. Wir versuchten ins Haus zu kommen, klingelten überall, wurden schlussendlich hineingelassen. Der Anblick, der sich uns bot, war überaus beunruhigend und bescherte uns den Schock unserer frühen Jugend. Die Türen zum Hinterhof waren sperrangelweit aufgerissen und ein Gang in eine übersichtliche, einen astreinen Fluchtweg darstellende Nachbarschaft bot sich uns. Uns beschlich der inzwischen sehr laute Verdacht, dass wir vermutlich abgezogen wurden. Wir rannten den Hausflur einmal hoch und runter, ohne auch nur den geringsten Anhaltspunkt, nach was wir Ausschau halten sollten. Irgendwann gaben wir auf. MIIIST!!!! Das war mir ja noch nie passiert, wie auch, ich hatte meine Heimatkleinstadt ja auch selten verlassen. Und erst recht nicht, um mir illegale Pflanzenteile in minderjährigem Alter zu beschaffen! Das war nun ein Rückschlag sondergleichen für uns! Nicht nur, dass wir uns in unserem kleinstädtischen Vorschussvertrauen stärkst hintergangen fühlten, wir dachten uns auch ‚Was für arme Jungs, die schon in der Großstadt groß werden dürfen und trotzdem unschuldige, Hilfe suchende Dorf-Jugendliche ausnehmen!‘ Aber es war eben nichts mehr zu machen – wir waren tatsächlich verarscht worden. Gedemütigt und traurig zogen wir wieder ab und machten uns auf die Heimreise.

Um den enormen Verlust wieder reinzuholen, mussten wir das erworbene Braune zu einem unverhältnismäßig hohen Preis mit der Crew zu Hause teilen. Das missfiel beiden Seiten zwar ein wenig, aber bei der Bombenquali, die wir da aus der Ferne mitgebracht hatten, war auch dieser Wermutstropfen schnell vergessen.

Dies ist mal wieder ein exzellentes Beispiel dafür, in was für Kreise und Situationen man eben mitunter gelangt, wenn man sich an die Besorgung des geliebten und eben auch zum Teil benötigten Pflanzenextraktes macht. Wir waren unbedarfte Jugendliche, wir waren nicht gewalttätig oder kriminell, wir wollten einfach nur ein wenig Spaß mit unseren Freunden in unserer strukturschwachen Gegend haben. Alkohol war nicht unser Fall. Die Cannabis-Versorgung in der eigenen Stadt war schlecht, teilweise chemisch verändert und oft von Leuten übernommen, zu denen man eigentlich unbedingt keinen Kontakt haben möchte. Die Versorgung in der Landeshauptstadt war wenigstens vom Grundmaterial her sauber. Uns wurden aber auch andere Substanzen angeboten, die wir dankend ablehnten. So verantwortungsvoll und stark genug ‚Nein‘ zu sagen, ist allerdings nicht jeder Jugendliche. Wir waren zu zweit – alleine, ohne freundschaftlichen ‚Rücken‘ und einer fremden, ungewohnten Dynamik unterliegend, fiele diese Entscheidung möglicherweise ganz anders aus. Viele Jugendliche auf der Suche nutzen genau diese Gelegenheit, um mal etwas anderes zu erleben, einen anderen Rausch. Und viele Dealer wiederum nutzen genau diese Gelegenheit, sich einen potenziell größeren Absatzmarkt zu schaffen. Wir haben zwar ein wenig Geld verloren, an Leute, die eine bedeutend höhere kriminelle Energie innehatten als wir, sind uns aber wenigstens treu geblieben bei der Wahl unseres Rausches und gesund und munter in unsere Heimat zurückgekehrt, in der wir auch schon sehnlichst mit offenen Armen und Empfangskomitee erwartet wurden.

Eine Antwort auf „Kiffen in der Peripherie

  1. M. A. Haschberg

    Dieser Bericht verdeutlicht einmal mehr, welch unangenehme Seiten diese willkürlich vom Staat
    geschaffenen Schwarzmärkte für Cannabiskonsumenten haben.
    Wenn man so gefährliche chemische Substanzen wie Crystal Meth einfacher erwerben kann, wie das altbewährte Cannabis ( was leider auch heutzutage noch immer traurige Realität ist), sollte dies ein Alarmzeichen für unsere mit der Drogenpolitik beauftragten Politiker sein.
    Unser seit Jahrzehnten vorherrschender „Prohibitionsrassismus“ ist an Menschenverachtung kaum noch zu überbieten und sollte die Millionen von Hanfliebhabern endlich mal wachrütteln. Die haben weiß Gott Besseres verdient!
    Legalisierungsstaaten wie Kanada, Uruguay und Teile der USA zeigen, dass es auch anders geht. Sie haben ein legales Abgabesystem geschaffen, welches die völlig normalen Bedürfnisse der Menschen in den Vordergrund stellt und nicht die einseitige Strafverfolgung, die ständig neues Unheil über die Konsumenten bringt und den Volkswirtschaften unnötig hohe Unkosten beschert.
    Kein Staat hat das Recht, auf so perfide Weise die Lebensläufe so vieler Bürger mutwillig zu zerstören!

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