Sonntag, 22. Mai 2016

In perpetuam memoriam „Mr. Nice“

 

 

 

Howard Marks / Foto: Susanne Winter/Agentur Sowjet
Howard Marks / Foto: Susanne Winter/Agentur Sowjet

 

Sadhu van Hemp

 

Wir wissen nicht, ob Howard Marks einen allerletzten Zug nahm, als er am 10. April aus dem Windschatten seines irdischen Seins trat und in den Himmel fuhr. Verbürgt ist nur, dass unser Herzensbruder das Ziel seiner Reise erreicht hat und auf Wolke 420 sitzend gesehen wurde. Zeugen berichten, sie hätten ein Bierfass, einen Zigarettenautomaten und einen Schwarzen Afghanen auf dem Gewölk gesehen. Zudem habe Howard in den Armen von 72 Jungfrauen gelegen, die ihn mit Haschplätzchen gefüttert hätten. Einen glücklichen Eindruck habe er gemacht, während seine Wolke sanft und ruhig in den blauen Äther zog.

 

Howard Marks war ein böser Mann. Noch heute soll es Untertanen im Vereinigten Königreich geben, die selbst über seinen Tod hinaus keine Gnade mit dem „Berufsverbrecher“ und „IRA-Terroristen“ haben. Zu schwer wiegen die Verstöße gegen Anstand und Sitte, die dem Schurken zum Entsetzen aller artigen Briten Ruhm und Ehre eingebracht haben. Grund dieser Unbarmherzigkeit ist des Angelsachsen Eigenart, Freiheitskämpfer und Widerständler per se als Deserteure und Staatsfeinde abzuurteilen. Illoyalität gegenüber Krone und Empire wird im britischen Weltreich nicht verziehen– da hört der Ganovenspaß auf.

 

Bestes Beispiel angelsächsischer Rachsucht an Outlaws ist das Schicksal des Räubers Ronald Biggs, der mit seinen Kumpanen 1963 den königlichen Postzug auf freier Strecke stoppte und ohne Schusswaffengebrauch 2,63 Millionen Pfund erbeutete. Nach seiner Inhaftierung gelang Biggs die Flucht nach Brasilien, das ihn nicht auslieferte. 35 Jahre später lockten Journalisten der Boulevardzeitung „The Sun“ den armen Kerl nach Hause, wo er von sechzig (!) Scotland-Yard-Beamten standesgemäß in Empfang genommen und zur Verbüßung des Restes seiner dreißigjährigen Gefängnisstrafe eingekerkert wurde. Erst 2009 wurde der schwerkranke Posträuber im Alter von 80 Jahren begnadigt und zum Sterben in die Freiheit entlassen.

 

Wir sehen, die Briten kennen keine Gnade für Rechtsbrecher, und würde heute noch ein Meuterer der „Bounty“ leben, Scotland-Yard hätte die Akte noch aufgeklappt auf Tisch. Oder denken wir nur an den Wikileaks-Aktivisten Julian Assange, der seit vier Jahren in der ecuadorianischen Botschaft vor der britischen Justiz Schutz sucht – umzingelt von schwerbewaffneten Bobbys und gänzlich unbeachtet von der empathielosen Bevölkerung.

 

Und doch hat dieser seltsam anmutende Dünkel, den der brave Brite pflegt, auch etwas Gutes: Ist der Ruf nämlich erst ruiniert, lebt sich’s gänzlich ungeniert im Vereinigten Königreich. Der Straftäter Howard Marks hatte diesen gewissen Makel, der ihn von der feinen Gesellschaft ausschloss. Doch nicht allein die kriminelle Energie wird Marks in Rechnung gestellt, sondern Volkes Entrüstung darüber, dass der Paria die Chance vertan hat, das ergatterte Oxfordstudium als Grundlage für einen anständigen Lebensweg ins Establishment zu nutzen. Inwieweit diese gesellschaftliche Ächtung den immer aufgeschlossenen und lebenslustigen Howard Marks seelisch belastete, bleibt Spekulation, ist aber bei der Beleuchtung seiner Biografie ein nicht zu vernachlässigender Faktor.

 

Der Sohn aus bürgerlichen Hause erblickte 1945 im walisischen Ruhrpott das von Kohlestaub getrübte Licht der Welt und hatte beste Aussichten, unbemerkt als treuer Untertan des Prinzen von Wales in die Geschichte des „Landes der Poeten und Sänger“ einzugehen. Doch die Vorsehung hatte andere, größere Pläne mit dem kleinen „Hubbie“: So kam es, dass dem fleißigen und aufmerksamen Schüler 1964 das Privileg zuteil wurde, das anno 1263 gegründete Balliol College der University of Oxford zu besuchen.

 

Da stand er also, am falschen Ort zur falschen Zeit: Ein keltischer „sheep-shagger“ unter Schnöseln der angelsächsischen Upperclass in der Hippiezeit – das konnte nur zu dem führen, was Howard Marks fortan beseelte. Er, der einfache Junge aus Wales, allein unter Reichen, die gerne auf Daddys Kosten feiern und knattern? Diese klar definierte Rolle nahm er an. Die späteren Stützen der Elite benötigten halt einen Butler, der ihnen das ranschaffte, für das sie jeden Preis zahlten. Was im Kleinen als „Freundschaftsdienst“ begann, wuchs sich schließlich zur Goldgrube aus, als die Kifferkultur halb Europa erfasste. Marks knüpfte über pakistanische Kommilitonen Verbindungen zu Haschischimporteuren, die noch relativ überschaubare Mengen im Diplomatengepäck nach England schmuggelten, und legte so die Basis für sein späteres Netzwerk im internationalen Haschisch- und Marihuanahandel.

 

Keine Frage – Howard Marks war der Mann der Stunde. Doch all das wäre nicht geschehen, wenn er nicht das gewisse Etwas gehabt hätte – und das waren Cleverness, Charme gepaart mit gutem Aussehen und vor allem sein gewinnendes Wesen, das der Freundschaft offen war und unmissverständlich signalisierte, dass da einer aus Überzeugung handelt.

 

Den ganzen Werde- und Untergang des akademisch gebildeten „Gentleman-Schmugglers“ zu erzählen, würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Nur so viel sei gesagt: Auch wenn es übertrieben klingt, aber nach Schätzungen der US-amerikanischen Drug Enforcement Administration (DEA) war Marks in den 1970er und 1980er Jahren für mindestens 10 % des gesamten Welthandels von Haschisch und Marihuana zuständig. So gesehen war das Ende vom Lied nur allzu logisch, nachdem Marks im Vakuum seiner Hybris den Kampfgeist und Siegeswillen der übermächtigen US-Häscher unterschätzt hatte. Nach der 1988 auf Mallorca erfolgten Festnahme landete der seinerzeit „Most Wanted Fugitive“ der DEA schließlich vor einem US-amerikanischen Gericht, das ihn 1990 zu satten 25 Jahren Haft verknackte. Zudem wurde seine damalige Frau Judy in Sippenhaft genommen, gefolgt von einer Generalabrechnung mit den ebenso einkassierten Geschäftspartnern, die dem enormen Druck der angedrohten Haftstrafen nicht standhielten und plauderten.

 

Doch selbst in der bittersten Zeit seines Lebens bewies der Häftling der Vereinigten Staaten mit der Nummer 41526004 Charakterstärke, indem er sich sozial engagierte und seine Mitgefangenen teilhaben ließ an dem, was sich bei einem Menschen an Wissen so ansammelt, der in Oxford Philosophie und Physik studiert hat. Böse Zungen behaupten gar, dass der smarte Brite nur deshalb 1995 vorzeitig entlassen und in einer Nacht- und Nebelaktion nach Großbritannien abgeschoben wurde, weil Marks gegen die Interessen der US-amerikanischen Gefängnisindustrie gehandelt habe, indem er seine Mitgefangenen unerwünschter Weise alphabetisiert hätte.

 

Doch letztlich war es ihm und der Community piepe – denn die Freilassung war der Beginn seiner großen Karriere als famoser Erzähler und unbeirrbarer Hanfaktivist, der zwei Jahrzehnte lang wie kein anderer Gesicht zeigte und die Herzen von Millionen Kiffern eroberte. Marks besaß in hohem Maße jene seltene Kunst, ausschließlich der Erkenntnis zu folgen, dass Widerstand zur Pflicht wird, wenn Unrecht zu Recht wird. Und was ist der Anti-Hanf-Krieg anderes? Ein redlicher und reiner Sinn kann keine vorsichtige bzw. feige Haltung gegenüber fortwährenden Unrechts einnehmen. Und Howard war so ein rar gesäter Idealist, der das verbotene freie Leben nicht der Lüge opfern wollte. Sein Widerstand war unser Glück, sein Mut füllte zwanzig Jahre lang unsere Rauchgeräte mit edelsten Hasch- und Grassorten.

Und so wollen wir unserem Bruder, der mit nur siebzig Jahren viel zu früh von uns gegangen ist, ein ganz großes Dankeschön und ein letztes großes Versprechen mit auf den Weg geben: Mr. Nice, your name lives on – forever!

 

 

(Wer sich umfassender mit den Abenteuern des Hochleistungsschmugglers beschäftigen will, dem sei die Lektüre seiner Autobiografie unter dem Titel „Mr. Nice“ anempfohlen. Leute, die nicht gerne lesen, können sich ersatzweise den gleichnamigen Spielfilm ansehen, der das rasante Leben des Helden mit geradezu bizarren Bildern nachzeichnet. Lesenswert sind auch die Erinnerungen von Judy Marks, die 2007 unter dem Titel „Mr. Nice & Mrs. Marks – Adventures with Howard“ erschienen sind und das Treiben des „Gangsterpaares“ aus einer anderen, vielleicht nicht ganz so männlich-herben Perspektive beleuchtet.)

 

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8 Kommentare
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Lars Rogg
Lars Rogg
5 Jahre zuvor

Sehr schöner Nachruf. Das Bild mit der Wolke hat mir besonders gefallen.
Aber auch hier wird ein rothaariger Nestbeschmutzer noch Dreck über Howard ausschütten…vermutlich blanker Neid…
Danke Sadhu…

https://diehanfinitiative.de/
5 Jahre zuvor

Danke für die gefühlvolle Erzählung. Da will ich spontan meine Empfindungen mitteilen. Bis vor wenigen jahren, bevor ich anfing mich intensiver mit der Geschichte der Prohibition zu befassen, war ich sehr naiv. Ich glaubte tatsächlich, (und heute kann ich darüber nur den Kopf schütteln), dass der Staat per se “gut” ist und wir uns, als “Menschengemeinschaft”, immer mehr zu einer gerechteren und “erwachseneren” Gesellschaft entwickeln – im Vergleich zur jüngsten Menschheitsgeschichte. Wie sehr ich mich doch geirrt hatte, musste ich schmerzhaft erfahren, als ich anfing das “Hanfverbot” ernsthaft zu hinterfragen und zu hinterdenken. Ziemlich naiv, wie ich nun einmal bin, stellte ich sehr viele Fragen und erwartete sinnvolle und begründbare und nachvollziehbare Antworten. Das würde schon “Sinn” machen, meinte ich.… Weiterlesen »

Hanfpferd
Hanfpferd
5 Jahre zuvor

Ist ja interessant, wie zweigeteilt doch die Wahrnehmung ist: Frau Mortler, die nachweislich keine IRA-Waffendeals zu verantworten hat, wird für jeden Satz, der dem Lager der Legalisierer nicht passt, rundgemacht wie nix gutes; dabei wäre sie vermutlich nicht mehr lange in ihrer Partei (CSU) und ihrer Position als Drogenbeauftragete, würde sie ihre Haltung um 180 Grad ändern. Ein Howard Marks, der wohl wesentlich mehr auf dem Kerbholz hat als “nur” den Haschischschmuggel in ganz grosse Stile, der wird verteidigt wie ein lokaler Götze (nicht der Fussballer!). Wenn also eine demokratische Gesellschaft schwere Straftaten ahndet, dann ist sie “elitär”…aha! Ich dachte immer, genau das wäre ein Grundsatz der modernen Gesellschaften;nämlich, daß jeder vorm Gesetz gleich ist und man sich durch internationalen… Weiterlesen »

Lars Rogg
Lars Rogg
5 Jahre zuvor

@Hanfpferd schon wieder so ein Schwätzer mit Scheuklappen der nur sieht was im in der Kram passt. Wenn “Witzfiguren” wie Du Volker Pispers zitiern bekomm ich das Kotzen. Jeder von uns der sich das Zeug besorgt hat ist im illegalen Bereich unterwegs und macht mit “Verbrecher” im Sinne des Gesetzes Geschäfte. Wer es sich selbst anbaut ist selbst einer. Wenn Du kleine Mengen brauchst gehts Du zum Marokaner um die Egcke- einem Dealer, also Verbrecher. Der beschützt sein Grammgeschäft im Zweifel schon mit Waffengewalt. Warum sollte das bei Tonnenware anders sein ?? Wo soll man bei diesen Geschäften Integere und Charaktervolle Gutmenschen treffen ?? Wie bescheuert naiv kann man denn sein??? Das zu kritisieren ist peinliche Augenwischerei. Realität!! Schon mal… Weiterlesen »

Hanfpferd
Hanfpferd
5 Jahre zuvor

Tja, danke für die Bestätigung meiner Aussage. “Rothaariger Nestbeschmutzer”…hmmm, mal sehen, wer sich solcherlei Jargn normalerweise bedient…ich komm´grad nicht drauf…muss aber jemand sein, der auch Volksschädling, Wehrkraftzersetzer und ähnliches in seinem Wortschatz spazierenführt. Im Grunde bist du, Lars Rogg, doch auch keinen Deut anders als ein Erdogan-Anhänger. Die gleiche Reaktion, das gleiche maß von Echauffiertheit, wenn einer “dein” Idol angreift…kritisches Denken und kritische Distanz sind deine Sache jedenfalls nicht. Und mal so nebenbei: Herr Pispers gehört auch nicht “dir”; es ist sogar vermutlich so, daß ich Herrn Pispers schon live gesehen habe, bevor du nicht mehr in die Windeln geschissen hast…zumindest bezeugen daß die Kabarettkarten, die ich seit den frühen 90ern angesammelt habe, während du ihn vermutlich nur aus dem… Weiterlesen »

jayjay
jayjay
5 Jahre zuvor

Toller Nachruf auf Howard Marks! Wenigstens eine Zeitung, die das Lebenswerk würdigt..

Hanfpferd aka Steffen (?), was du aus dem Nachruf herausliest, kann ich nicht entdecken. Da ist weder von der Mortler noch von dir die Rede. Aber Hauptsache dummlabern!!!

Lars Rogg
Lars Rogg
5 Jahre zuvor

@Hanfpferd oh, dass das mit dem Nestbeschmutzer von den Nazis kommt wußte ich gar nicht. Da bist Du mir voraus. Bist Du ein Symphatisant ?? Ach herrje, Symphatisant, hab ich mich jetzt verdächtig gemacht Linksradikal zu sein ??? Tz, tz, tz wie ärbermlich Du bist. Pispers gehört niemandem Du Würstchen, gehts noch kindischer…nein, liebe Kinder, die Schaufel gehört uns allen!! Nur um Pispers richtig zu verstehen braucht man Hirn. Du bist also raus !! Mich in einem Atemzug mit Erdogan Anhänger oder den Faschos von der AfD zu nennen, bezeugt wie wenig Du kapiert hast. Ich folge keinem pervers radikalem, dogmatischem Ziegenficker. Ich hab jemanden verteidigt der gestorben ist und auf den mit Gewalt Dreck geworfen wurde. Warum glauben Hänflinge… Weiterlesen »

Sadhu van Hemp
Sadhu van Hemp
5 Jahre zuvor

Du stimmst mich traurig, liebes Hanfpferd! Ich bin der Kritik offen. Immer her damit! Aber Hand und Fuß sollte sie schon haben. Deine Kritik fußt jedoch nur auf der “Wahrnehmung”, der Nachruf auf Howard Marks sei ein Indiz für die Ungleichbehandlung, die der Drogenbeauftragten Marlene Mortler von Seiten des “Lagers der Legalisierer” zuteil würde. Du schreibst, “ein Howard Marks, der wohl wesentlich mehr auf dem Kerbholz hat als „nur“ den Haschischschmuggel in ganz großem Stile, würde” von mir “verteidigt wie ein lokaler Götze”. Beim besten Willen, liebes Hanfpferd, aber Du verfälschst das von mir Nachgerufene. Ich wüsste nicht, was Howard Marks so “wesentlich mehr auf dem Kerbholz” hätte als das, was ich nicht verschwiegen habe. Und mit dem Impetus, Marks… Weiterlesen »