Donnerstag, 17. März 2016

Megaloh im Interview

 

 

Von Janika Takats

 

„Wenn Patienten in die Apotheke gehen könnten, um ihr medizinisches Marihuana zu bekommen, wäre das für alle besser.“

 

 

megaloh

 

 

Spätestens seit seinem 2013 erschienenen Album „Endlich Unendlich“ wird Megaloh als neue große Hoffnung der deutschen Hip Hop-Szene gehandelt. Seine durchdachten Lyrics mit meist tiefgründigem und auch persönlichem Inhalt lassen Kenner aufhorchen und sein Talent als MC ist unverkennbar. Megaloh rappt schon seit Jahren. Auch wenn der finanzielle Erfolg und die verdiente Anerkennung lange ausblieben, gab er nicht auf sondern kämpfe weiter bis er schließlich beim Label NESOLA eine musikalische Heimat fand und Menschen, die an ihn glauben. Und prompt ging es mit der Karriere voran. „Endlich Unendlich“ erhielt viel Lob und so präsentiert Megaloh nun den Nachfolger „Regenmacher“. Die angekündigte Releasetour mit fünf Konzerten war innerhalb von 24 Stunden fast restlos ausverkauft. Vor Tourbeginn hat sich der MC die Zeit genommen uns ein paar Fragen zu beantworten.

 

 

Dein neues Album „Regenmacher“ erscheint Anfang des Monats. Was kannst du uns darüber erzählen?

 

„Regenmacher“ ist im Prinzip die Fortsetzung des vorhergegangenen Albums „Endlich Unendlich“.  Meine Texte sind auf den beiden Scheiben sehr viel persönlicher geworden, als es früher der Fall war. Ich bin reifer geworden und habe gelernt Verantwortung, nicht nur für mich sondern auch für andere zu übernehmen. Ich habe jetzt eine Familie und wenn du Kinder hast, ändert sich automatisch deine Sicht auf vieles und das schlägt sich auch in deinen Texten nieder. Du verwendest zum Beispiel keine krassen Schimpfworte mehr, weil du nicht willst, dass deine Kinder das hören.

 

„Regenmacher“ ist auch das zweite Album, welches du bei einem größeren Label herausgebracht hast. Vorher hast du deine Musik auf eigene Faust veröffentlicht. Welche Art zu arbeiten gefällt dir besser?

 

Ich bin dankbar jetzt in der Situation zu sein, dass ich ein Team um mich herum habe, das eine große Hip Hop-Kompetenz besitzt. Ich bin bei Max Herres Label NESOLA unter Vertrag. Dort  arbeite ich mit Leuten, die wirklich Ahnung haben, viel gesehen haben und oft wissen, was funktionieren kann und was nicht.

Andererseits habe ich durch den Deal auch Leute, die finanziell in mich investieren. Das ist der Hauptunterschied. Früher musste ich alles mit meinem damaligen Produzenten aus eigener Tasche finanzieren. Wenn man dann nicht schnell genug die Kosten wieder einspielt, bekommt man Probleme. Das ist enorm viel Geld und Rap wird zu einer Art teurem Hobby. Deshalb konnte ich es so auch nicht mehr weiter führen, weil der finanzielle Erfolg ausblieb, der das Engagement weiter gerechtfertigt hätte.

Seit „Endlich Unendlich“ habe ich Leute, die in mich investieren und an mich glauben. Beim letzten Album war es für beide Seiten eine Win-Win-Situation. In der gleichen Konstellation haben wir für das neue Album weiter gearbeitet.

 

Wie bist du auf Max Herre getroffen?

 

Kennen gelernt habe ich ihn 2005 in Berlin-Moabit, die Gegend, in der ich aufgewachsen bin, in einem Restaurant von einem Kumpel. Er hatte damals schon Musik von mir gehört, was mir gar nicht bewusst war. Das wurde mir erst hinterher erzählt. Über die Jahre haben wir uns ein paar Mal getroffen. Das entscheidende Ereignis war jedoch, dass ich 2011 bei einem Elternabend für die Kinder meiner Freundin war und ihn dort antraf, weil sein Sohn in der gleichen Klasse war. Es war eine etwas bizarre Situation, aber so haben wir Kontakte ausgetauscht.

Joy Denalane hat in dem gleichen Jahr ihr Album „Maureen“ veröffentlicht und die Single „Niemand“ in der Hip Hop Version mit Samy Deluxe und mir herausgebracht. Weil das so gut lief, haben sie mir einen Vertrag angeboten. Da ich bis dato kein Angebot bekommen hatte, was auch nur irgendwie ansprechend war, war ich darüber sehr glücklich.

 

In deinem Track „Wohin“ erzählst du die Geschichte eines Flüchtlings. Was hat dich dazu bewegt dich mit dieser Thematik auseinander zu setzten?

 

Ich finde, das ist eines der Hauptthemen unserer Zeit. Eine derartige Völker- bzw. Menschenbewegung hat Deutschland seit Jahrzehnten nicht erlebt. Es gab innerdeutsche Bewegungen oder Gastarbeiter, die ins Land gekommen sind. Doch jetzt haben wir eine neue Situation, die man hätte kommen sehen können, durch die Außenpolitik und die Destabilisierung, die in einigen arabischen bzw. nordafrikanischen Ländern betrieben wurde, von westlichen Bündnissen wie der NATO oder den Amis und ihren Partnern.

Es ist eine Situation mit der jeder irgendwie konfrontiert ist und auf die jeder anderes reagiert. Die Gesellschaft ist gespalten. Zum einen entsteht Angst und Panik, zum anderen eine enorme Hilfsbereitschaft und die Entschlossenheit sich zusammen zu schließen und den Menschen zu helfen.

Ich denke, dass man als Künstler auch eine Verantwortung hat, als eine Art Sprachrohr zu agieren. Mir war es wichtig diesen Track zu machen, weil ich das Gefühl habe, dass in dieser ganzen „Flüchtlings-Debatte“ die persönlichen Geschichten zu kurz kommen. Es wird mit Statistiken um sich geworfen, es gibt Trends und Prognosen, aber in den Medien wird wenig über die einzelnen Schicksale berichtet. Ich will mit meinem Beitrag nicht die Wahrheit für mich beanspruchen oder mit erhobenem Zeigefinger, den Leuten sagen, wie es ist, sondern versuchen ein Verständnis zu schaffen, indem ich die Geschichte erzähle. Es ist nicht meine Geschichte, aber ich habe versucht die Eindrücke, die ich gesammelt habe, authentisch zu verarbeiten. Es geht um jemanden, der viel Leid erfahren hat und viel aus sich nehmen musste, um hier her zu kommen.

 

Ein andere Aspekt deiner Lieder sind sehr persönliche Texte. Dazu hast du das Bild des ‚Generals ohne Hosen‘ erschaffen, was hat es damit auf sich?

 

Das Bild kommt von Futurama. Zapp Brannigan – so heißt auch ein Song auf dem Album – ist ein General, der ohne Hosen auftritt, total selbstbewusst agiert, aber eigentlich nur unfassbar arrogant und total daneben ist. Im Rap ist es Gang und Gebe sich selbst zu beweihräuchern und quasi in eine Art Superheldengestalt zu flüchten und sich dabei größer als das Leben zu machen. Als Rapper liegt mir das nicht komplett fern, doch mir ist es wichtig dies immer auch mit einem Augenzwinkern zu machen.

Ich habe mich auf „Endlich Unendlich“ nackig gemacht und das tue ich mit dem neuen Album auch. Das ist nicht immer schön, doch ich habe viel Zuspruch bekommen von Leuten, die aus meiner Musik Parallelen zu ihrem eigene Leben ziehen können. Ich konnte Leuten damit helfen, was mich bestärkt hat weiterzumachen. Ich habe auch Sachen verarbeiten, bei denen ich mir erst nicht ganz sicher war, ob die wirklich in die Öffentlichkeit gehören. Ich rappe zum Beispiel über eine Ex-Beziehung, die ausgeartet ist auf eine Weise – ich spreche auch von körperlicher Gewalt – die wir uns beide nie vorgestellt hätten und wie ich es niemals gut heißen würde. Ich habe den Song erst für mich geschrieben, um dies zu verarbeiten. Im Team wurde ich dann bestärkt ihn zu veröffentlichen, weil das Thema viele bewegt, doch gesellschaftlich darüber nicht viel gesprochen wird. Man muss mutig sein. Es geht nicht nur um einen selber, man wird viel mehr zu einem Symbol.

 

In einem der neuen Songs geht es um den illegalen Drogenhandel auf der Straße. Sprichst du dort auch aus eigenen Erfahrungen?

 

Es geht da in erster Linie um Erfahrungen aus meinem persönlichen Umfeld. Ich bin in Berlin-Moabit aufgewachsen. Dort bekommt man einiges mit. Auf der Straße Drogen zu verkaufen, sucht man sich nicht unbedingt aus und es ist auch nichts, was ich von vornherein verteufeln würde. Man muss sich dabei im Klaren sein, dass man ein enormes Risiko eingeht, mit krassen Auswirkungen gerade wenn man Kinder hat. Keiner auf der Straße wird dir sagen, dass das Leben dort auf ewig gut ist. Man versucht so schnell wie möglich, so viel wie möglich für sich rauszuholen und dann rauszukommen bevor es zu spät ist. Die meisten Wege da raus sind nicht positiv. Du wirst erwischt oder schlimmeres. Knast oder Tod sind im Extremfall die Konsequenzen. Es ist schwierig für viele vorher die Reißleine zu ziehen. Dazu brauch es oft drastische Veränderungen im Leben. Eine durchaus positive Veränderung sind zum Beispiel Kinder. Ich kenne viele Männer, die in ihrer Jugend total am Zeiger gedreht haben und direkt unzurechnungsfähig waren. Diese Menschen sind ruhiger und besonnener geworden, seitdem sie eine Familie haben.

Für viele ist dieses Leben auf der Straße dennoch das einzige, was sie kennen. Diesen Teil wollte ich beleuchten. Im Rap wird all das oft glorifiziert, doch Verantwortung spielt hier eine große Rolle. Die Verantwortung die Familie zu ernähren und deshalb vielleicht mit dem Dealen anzufangen, aber dann auch die Einsicht für die Familie aufzuhören.

 

Der illegale Handel ist auch eine Konsequenz der aktuellen Drogenpolitik. Hast du dich damit mal genauer auseinandergesetzt?

 

Was Marihuana angeht auf alle Fälle. Ich kann nicht verstehen, warum es illegal ist. Ich kann die Gründe nachvollziehen, aber ich kann sie nicht gut heißen. Man müsste die Situation rein wirtschaftlich betrachten. Der Staat würde davon profitieren. Die Kriminalisierung halte ich für falsch, wenn gleichzeitig Zigaretten und Alkohol legal sind. Statistisch ist nachgewiesen, dass diese Drogen mehr Schaden verursachen und Menschen töten. Marihuana ist dagegen wesentlich harmloser. Das Problem ist, dass dadurch Ressourcen des Staates verschwendet werden, diese Kriminalität zu überwachen oder einzuschränken. Auf der anderen Seite werden Leute zu Kriminellen gemacht, die eigentlich keine sind, sondern nur entspannen wollen.

 

Wenn sich die Gesetzte ändern, welche Auswirkungen hätte das für die Dealer auf der Straße?

 

Ich glaube auf der Straße wird es immer etwas zu verkaufen geben. Das alles legal wird, wird nicht passieren. Auch nach der Legalisierung wird es immer noch schwarze Geschäfte geben. Für den Konsumenten besteht aber dann zumindest auf dem legalen Weg die Möglichkeit zu wissen, was er bekommt. Wenn Patienten in die Apotheke gehen könnten, um ihr medizinisches Marihuana zu bekommen, wäre das für alle besser. Dann weiß man auch stets was für eine Wirkung man zu erwarten hat. Ich bin jetzt schon älter und erfahrener, daher kann es mir nicht so leicht passieren, dass ich irgendwas rauche, was gestreckt ist. Doch es gibt jeden Tag Leute, die neu anfangen zu kiffen und gerade für die ist das Risiko groß. Da hat auch die Regierung eine Verantwortung diese Leute zu schützen. Das ist nur durch die Legalisierung möglich, weil nur so eine Kontrolle realisierbar wird.

 

Neben deiner Rap-Karriere hast du auch immer noch einen normalen Job. Welches Ziel hast du dir als Rapper gesetzt?

 

Es ist schon eine Wunschvorstellung von meiner Musik leben zu können und auch eines meiner Ziele. Dies ist allerdings nicht konkret auf ein Datum festgelegt. Das neue Album bestärkt dieses Ziel, gleichzeitig sehe ich es auch als ständige Aufbauarbeit. Mit der Platte ist es nicht getan. Sie ist der Wegbereiter für die nächste, die wiederum der Wegbereiter für die darauf folgende ist. Wann der Punkt erreicht ist, wo ich tatsächlich nur noch von der Musik leben kann, ist schwer zu sagen.

Meine Traumvorstellung ist es vor allen Dingen auch 24/7 im Studio arbeiten zu können, weil man so viel mehr schaffen kann. Momentan sieht es bei mir so aus, dass ich zwischen Tür und Angel bzw. im Badezimmer meine Texte schreibe, wenn die Kinder schlafen. Das ist auch der einzige Ort an dem ich mal eine schöne Knuspertüte zu mir nehmen kann. Da muss man natürlich auch Rücksicht nehmen. Ich muss früh aufstehen, daher ist die Zeit knapp. Wenn ich ins Studio gehe, dann nur zum Aufnehmen, weil das ja auch Geld kostet und die Zeit wieder knapp ist. Ich hätte gerne ein eigenes Studio. Daran arbeite ich derzeit mit Ghanaian Stallion und Musa einem anderen Kollegen von mir. Dann werde ich den anderen Job hoffentlich auch bald schmeißen können.

 

Vielen Dank für das Interview.

 

 

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