Sonntag, 21. Februar 2016

Die Lage ist undurchsichtig

Cannabis-Anbau und Samenverkauf in den Niederlanden

 

 

von Janika Takats

 

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Nachdem wir im Dezember bereits ausführlicher über die derzeitige Situation der Coffeeshops in Amsterdam berichtet haben und Karl vom Amsterdam Coffeeshop Guide ein paar wertvolle Tipps für Besucher parat hatte, wollen wir uns nun genauer damit befassen, was hinter den Kulissen passiert. Jedem ist klar, dass die Geschäfte, die Cannabis verkaufen, dieses zuvor beschaffen bzw. geliefert bekommen müssen. Während die Coffeeshop-Betreiber Cannabis-Blüten und verschiedene Cannabis-Produkte, wie Haschisch oder mit Cannabis vermischte Backwaren, legal an erwachsene Kunden verkaufen dürfen und dafür regulär Steuern zahlen, läuft die Versorgung des Geschäfts sowie die Aufzucht der Pflanzen weitestgehend im Dunkeln ab.

 

Doch nicht nur die Coffeeshops müssen sich in die Illegalität begeben, auch Privatpersonen, die zu Hause für den Eigenbedarf anbauen wollen, müssen Strafen fürchten, auch wenn vielerorts bei kleineren Funden ein Auge zugedrückt wird. Das geschrieben Gesetz und die Praxis gehen häufig auseinander, weshalb die Lage sehr undurchsichtig ist. Um etwas Licht ins Dunkel zu bringen, haben wir uns mit Eric von Paradise Seeds unterhalten. Das Unternehmen verkauft verschiedene Cannabissamen, sowohl online als auch in ihrem kleinen Laden in der Amsterdamer Innenstadt.

 

 

Hallo Eric. Ihr verkauft also Cannabissamen. Ist das vollkommen legal in den Niederlanden?

 

Ja, noch ist es in den Niederlanden legal Samen zu verkaufen. Früher konnte man sogar jede beliebige Menge an Samen verkaufen. Seit März 2015 gibt es jedoch eine neue Regelung, die besagt, dass man jedem Kunden nur noch fünf oder zehn Samen verkaufen darf. Das steht so nicht wörtlich im Gesetzt, es ist allerdings so, dass derzeit viele Händler einfach Angst haben. Es gab einige Fälle, in denen die Samen von Unternehmen beschlagnahmt wurden, weil sie zu große Stückzahlen an Einzelabnehmer verkauft haben.

Wenn Händler wissen, dass Kunden die Samen zum kommerziellen Anbau kaufen und sie diese trotzdem verkaufen, machen sie sich strafbar. Die Strafen dafür sind hoch. Wenn nachgewiesen werden kann, dass der Verkäufer von den Vorhaben seines Kunden wusste, kann eine Strafe von bis zu 80.000 Euro fällig werden oder eine Haftstrafe von bis zu drei Jahren. Das macht den Leuten natürlich Angst. Wir verkaufen nicht an größere Unternehmen. Allerdings kommt es des Öfteren vor, dass Kunden aus Frankreich oder Deutschland in unserem Laden eine größere Anzahl verschiedener Sorten kaufen wollen. Da ist man dann schnell bei 20 Samen und mehr, was uns in eine schwierige Lage bringt. Im Vergleich zu vorher bedeutet das eine große Veränderung.

 

Erzeugt ihr die Samen selbst?

 

Nein. Die meisten Samen werden nicht länger in den Niederlanden erzeugt, weil es damit rechtliche Probleme gibt. In anderen Ländern wie Spanien oder Österreich sind die Gesetzte lockerer. Das macht die Produktion weniger kompliziert. Für die Produktion der Samen in entsprechenden Mengen braucht man logischerweise mehr als fünf Pflanzen, da können einem hier hohe Strafen drohen.

Wir kaufen die Samen von unseren Partnern und verkaufen sie dann hier weiter. Mein Partner produziert Samen selbst. Er tut dies ebenfalls in Spanien. Er arbeitet an neuen Strains und ist immer auf der Suche nach neuen Sorten. Derzeit kommt viel aus den USA. Seitdem Cannabis in einigen Staaten legal ist, haben sie dort alle erdenkbaren Möglichkeiten anzubauen und Pflanzen mit neuen oder verbesserten Eigenschaften zu entwickeln. Inzwischen ist man uns in den USA weit voraus. Hoffentlich wird Europa da bald aufholen.

 

Dürfen Privatpersonen zu Hause Cannabis anbauen?

 

Das ist eine Grauzone. Wenn man ins Gesetzbuch guckt, ist es nach wie vor verboten. Allerdings gab es in der Vergangenheit einige Gerichtsverfahren, in denen Grower, die fünf Pflanzen oder weniger bei sich zu Hause hatten, freigesprochen wurden. Dieses Vorgehen wurde im Laufe der Zeit immer mehr zur Regel, fünf Pflanzen für den privaten Gebrauch. Auch da kann man sich jedoch nicht völlig sicher sein. Wenn Leute professionell mit Lampen und allem Drum und Dran anbauen, ist es auch schon vorgekommen, dass sie eine Strafe zahlen mussten, auch wenn sie nicht mehr als fünf Pflanzen besaßen. Die Lage ist sehr undurchsichtig. In jedem Fall können sie alle deine Pflanzen beschlagnahmen, wenn sie zu dir nach Hause kommen. Unter fünf Pflanzen muss man zumindest auf jeden Fall nicht ins Gefängnis und bekommt höchstens eine Geldstrafe.

 

Wie sieht es beim industriellen Anbau aus?

 

Den gibt es natürlich auch. Der Hanf der dort angebaut wird, ist für die Herstellung von Kleidung, Nahrungsmittel oder Baustoffen bestimmt. Da gibt es keine Einschränkungen.

 

Wo bekommen die Coffeeshops ihre Cannabis-Lieferungen hier?

 

Ja (lacht). Jeder weiß es, aber keiner will es wirklich wissen. Im Prinzip müssen sie sich in die Illegalität begeben, um das Cannabis zu bekommen, dass sie dann legal an ihre Kunden verkaufen. Sie gehen also Geschäfte mit illegalen Organisationen ein, weil sie einfach keine andere Wahl haben. Das ist das große Problem bei der Sache.

Es gibt viele Stimmen, die eine Regulierung fordern, damit wir unter der Kontrolle der Regierung produzieren können, sowohl für uns selbst als auch für die Coffeeshops. Darin läge die Lösung. Es gibt zu dem Thema allerdings zu viele Meinungen, als dass eine Regelung in nächster Zeit denkbar wäre. Daher müssen die Coffeeshops weiter mit Kriminellen Geschäfte machen.

Im Shop dürfen die Besitzer nur 500 Gramm Marihuana vorrätig haben. Ein normaler Coffeeshop verkauft aber gut und gerne drei Kilo oder mehr am Tag. Die Betreiber müssen sich also gut organisieren, wenn sie nicht selbst zu Kriminellen werden wollen. Das lässt sich jedoch nicht immer verhindern.

 

Das Cannabis wird illegal angebaut. Gibt es da Qualitätsprüfungen oder bestimmte Standards?

 

Nein, nicht wirklich. Das hängt letztendlich ganz allein an der Erfahrung desjenigen, der die Einkäufe für den Coffeeshop abwickelt. Hin und wieder gibt es mal Ausnahmen, aber alles in allem ist die Qualität des Cannabis bei uns ziemlich gut. Die Grower sind daran interessiert regelmäßige Abnehmer zu haben und die Coffeeshops wollen ein gutes Produkt, weil ihnen sonst die Kunden wegbleiben. Regelmäßige bzw. standardisierte Tests werden allerdings nicht durchgeführt.

Es gibt eine neue Regelung, die besagt, dass die maximale Menge an THC nicht mehr als 15 Prozent betragen darf. Dies wird jedoch in keiner Weise kontrolliert. Einige Leute behaupten, dass die THC-Konzentration zurzeit im Allgemeinen sehr hoch ist, doch ich glaube das nicht. Meiner Erfahrung nach liegt sie beim gleichen Wert wie noch vor fünf oder zehn Jahren.

 

Glaubst du, dass sich – im guten wie im schlechten Sinne – an der Situation in den Niederlanden bald etwas ändern wird?

 

Wir hoffen natürlich, dass sich die Lage verbessern wird und es in Zukunft mehr Klarheit und legale Möglichkeiten gibt, Cannabis anzubauen. Wir waren das erste Land, das Coffeeshops eingeführt hat und wir hatten damit nie Probleme bekommen. Warum sollte man daran also etwas ändern?

Ich würde mir wünschen, dass irgendwann jeder, der will einfach für sich privat anbauen kann, ohne irgendwelche rechtlichen Konsequenzen fürchten zu müssen. Das wäre für alle das einfachste. Natürlich sollte es weiterhin auch Coffeeshops geben für die Menschen die aus verschiedenen Gründen nicht anbauen wollen oder können.

 

Vielen Dank für das Interview.                                     

 

2 Antworten auf „Die Lage ist undurchsichtig

  1. Hanfpferd

    Wer hätte noch vor zehn, fünfzehn Jahren gedacht, daß die Niederländer mit ihrer Duldungspolitik von den USA nicht nur ein-, nein sogar überholt werden würden?
    Auf der anderen Seite sieht man ja gerade in den USA, wie schnell die Einstufung von Cannabis als fast normale Handelsware die Pflanze, die einst ein explizites Smbol GEGEN die Idee des Hardcore-Kapitalismus war, zum Spielball für Investoren macht. Gewinmaximierung auf Kosten der „Kunden“, Monopolisierung bei den Erzeugern…ich weiss echt nicht, wa ich da besser finden soll: die doch eigentlich eher bigotte Duldung der Niederlande, die es den Coffeeshops unnötig erschwert oder doch die Einführung von Cannabis in den „freien Markt“, die aber gleichzeitig die Einführung der Regeln des Kapitalismus bedeutet. Billiger produzieren, mehr produzieren, den Massenmarkt bedienen und Cannabis somit profanisieren.

  2. Meet The Man That Discovered The Endocannabinoid System Posted by Johnny Green at 12:38 PM on February 20, 2016 Marijuana Science

    Die „Hintertür-Duldungspolitik“, ein Hick-Hack der Prohibitionskultur, wir beobachten es seit vielen Jahren.

    Damit wir mit dem Eigenanbau vorankommen – kämpfen wir auf vielen Ebenen – ist Solidarität und Wissen ein Gebot dieser Tage.

    Füllen und verlagern wir die Debatte immer wieder mit diesem Wissen, dem Wissen um das menschliche ECS-System.

    Wir verbreiten dieses Wissen! Wissen, das auch unsere Entscheider nicht (mehr lange) ignorieren werden können.

    Anregung an das Hajo, den DHV oder andere, die die Mittel haben und/oder sich zutrauen das bewerkstelligen zu können – ähnliches durchzuführen oder sich einzuklinken:

    [ … Meet The Man That Discovered The Endocannabinoid System
    Posted by Johnny Green at 12:38 PM on February 20, 2016 Marijuana Science

    I received the following message and thought it was worth passing along:

    Have you ever heard of the endocannabinoid system? Meet the man who discovered it at #Unity16 March 18-22 in Washington, D.C.

    ASA is thrilled to announce the Keynote Speaker for the 4th Annual National Medical Cannabis Unity Conference is Professor Lumír Hanuš!

    Prof. Hanuš is the world’s leading expert on the endocannabinoid system who famously isolated the first known endocannabinoid neurotransmitter, anandamide which lead to his co-discovery of the endocannabinoid system. His work has shaped our understanding of the biological actions of cannabis by isolating individual cannabinoids and their associated receptors. And he will be sharing his insight directly with you.

    If that isn’t enough…

    The 4th Annual National Medical Cannabis Unity Conference will give YOU the opportunity to influence historic international and domestic advances in medical marijuana policy.

    Besides being part of amazing conversations with scientists, politicians, doctors, patients, and activists from all over the world, you will be making history in two ways:

    As an attendee, you will participate in peer-reviewing a document which will be submitted to the United Nations for their special assembly on drug policy putting the rescheduling of Cannabis on the agenda for the UN meeting later this year.

    You will also meet with members of Congress about finally passing comprehensive federal cannabis legislation. We will be scheduling meetings with your congressional representative to discuss the CARERS Act. Sharing your personal stories and perspectives is key to passing this important legislation.

    Leave YOUR mark on history by having your voice heard by the United Nations and Congress!

    Please don’t miss out on your chance to be part of the largest patient-focused conference in the country, register today! Click here to view our full conference agenda. …

    Source: Americans for Safe Access …]

    LG 🙂 🙂 🙂 danke Johnny Green 😀

    PS Mischt EUCH ein! Bitte! 🙂 Das Dokument, welches bei der UNGASS vorgelegt wird kann das Zünglein an der Waage sein. Hängen wir noch ein paar Gewichte dazu. Auf geht’s! 🙂

    Unser Ziel: EIGENANBAU UND freier SAMENVERKAUF für ALLE! Weltweit.

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