Samstag, 16. April 2022

Deutschland sucht den Hanfkönig

hanfkönig, kascha-Lukasz-Oktober-2015
Grafik: Lukas Tkoz

 

Eine Glosse von Sadhu van Hemp

Jahr für Jahr serviert das deutsche Unterschichtfernsehen seinen geistig limitierten Zuschauern eine Reality Show nach der anderen: „Big Brother“, „Dschungelcamp“ und „Deutschlands Next Topmodel“ sind die bekanntesten Formate, in denen sich Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung zur allgemeinen Belustigung zum Affen machen dürfen.

Die Fernsehproduktionsfirma „exzessiv.TV“ will nun mit der ersten Staffel einer noch bizarreren Reality Show an den Start gehen und völlig neue Maßstäbe in der deutschen Fernsehkultur setzen. Die Ausstrahlung der Live-Sendung findet zur besten Sendezeit auf allen Kanälen des deutschen Fernsehens gleichzeitig statt, und rund 80 Millionen Zuschauer werden mitfiebern, wenn Deutschland nach dem leistungsfähigsten Haschgiftjunkie sucht.

Das Hanf Journal sprach mit der Produzentin der Show, die im Frühjahr startet und erst endet, wenn alles abgeerntet und aufgeraucht ist.

Ahoi, Frau Bobelstein! Sie wollen also die Deutschen mit einer Reality Show beglücken, in der Kiffer und Kifferinnen darum kämpfen, wer das meiste Haschisch und Marihuana verträgt und den grünsten Daumen hat.

Ja, darum geht es in der weltweit einzigartigen Show. Wir starten am 20. April mit 420 volljährigen Kandidaten und Kandidatinnen, die wir an einen unbekannten Ort auf der westfriesischen Insel Schiermonnikoog bringen, wo sie auf dem mit NATO-Stacheldraht umzäunten Gelände einer illegalen Cannabis-Plantage interniert werden. Jeder kann sich bewerben, der einen aktuellen positiven Drogentest nachweisen kann. Der THC-Grenzwert, der nicht unterschritten werden darf, liegt bei zehn Nanogramm Tetrahydrocannabinol pro Milliliter im Blutserum.

Nö! Zehn Nanogramm? Das sind ja mindestens zwanzig Joints am Tag. Das ist doch nicht normal!

Nun ja, wir wollen halt keine Freizeitkiffer, sondern passionierte Hardcore-Stoner. Also Leute wie Euch vom Hanf Journal, die immer high sind, selbst wenn sie schlafen. Die Sonntagskiffer würden den Stress ja gar nicht durchstehen.

Nun aber der Reihe nach, Frau Bobelstein. 420 Kandidaten und Kandidatinnen wollen Sie mit auf das Eiland im niederländischen Wattenmeer nehmen. Das ist ja ein immenser logistischer Aufwand. Abgesehen von den Unmengen Haschisch und Marihuana, die sie verköstigen wollen, müssen auch entsprechend große Mengen an Lebensmitteln bereitgestellt werden. Klopapier nicht zu vergessen.

Macht Euch mal keinen unnötigen Kopp, Leute! Die Kosten tragen die Gebührenzahler. Außerdem sind Kiffer nicht besonders anspruchsvoll, was die Ernährung betrifft. Unsere Werbepartner haben zugesichert, ausreichend Schokoriegel, Gummibärchen, Tiefkühlpizzen und Döner gratis zur Verfügung zu stellen. Und die Versorgungslage mit Krepppapier zum Popo-Abwischen ist in den Niederlanden trotz Corona-Pandemie bestens. Sind halt nicht solche Hosenscheißer wie die Deutschen, die Niederländer. (Bobelstein rückt ihr Dekolleté zurecht und greift nach dem Dübel, den wir ihr hinhalten. Nach mehreren kräftigen Zügen und einem Hustenanfall fährt sie fort.) Außerdem werden von den 420 Kandidaten und Kandidatinnen nur die robustesten das Lager erreichen. Auf der Fähre müssen alle an einem XXL-Haschkeks mit zwanzig Gramm Nepalhasch nagen und die ganze Überfahrt an der Bong saugen. Ich denke, am Ende werden vielleicht nur ein Dutzend Teilnehmer übrig bleiben, die das große Glück haben werden, in die Wohnbaracke ohne WC und Dusche einziehen zu dürfen.

Okay, und dann geht’s los. Die Brüder und Schwestern quarzen ein halbes Jahr um die Wette, und unzählige versteckte Kameras filmen das Geschehen. Millionen Zuschauer sollen sich das dann via Livestream angucken. Ein bisschen langweilig, oder?

Aber nicht doch, Freunde. Wir zeigen natürlich nur die besten Szenen. Für Kurzweil sorgen unsere Challenges, zum Beispiel wer am schnellsten einen Joint baut oder heißraucht. Nur breit abhängen und Löcher in die Luft gucken, das wird’s nicht geben. Zunächst einmal müssen alle Teilnehmer die Aufgabe in Angriff nehmen, einen Grow von 10.000 Hanfpflanzen einzurichten. Da kommt auf das kiffende Dutzend einiges an Arbeit zu. Die Zuschauer werden per Abstimmung die fleißigsten Grower mit Bonuspunkten belohnen, die am Ende der Staffel darüber mitentscheiden, wer „Deutschlands Hanfkönig oder Hanfkönigin 2022“ wird.

Wie jetzt? Stundenlang Hanfpflanzen beim Wachsen zusehen? Das soll Millionen deutsche Fernsehzuschauer vom Hocker reißen?

Ich weiß, Typen wie Euch geht so etwas locker von der Hand. Aber bedenkt, dass da ein Dutzend völlig unterschiedlicher Charaktere gegeneinander antreten, um am Ende als Sieger die Hanfplantage zu verlassen. Ist doch klar, dass es Pleiten, Pech und Pannen, sowie Zank und Streit geben wird. Es wird geschummelt und gefoult, Intrigen werden geschmiedet und Sabotageakte verübt. Und selbst wenn das Grow-Team einigermaßen funktioniert und alles wie am Schnürchen läuft, die Regie wird schon dafür sorgen, dass die Zuschauer per Abstimmung die Kandidaten und Kandidatinnen mit aberwitzigen Challenges stressen. Belohnen und Bestrafen ist das Motto. Wer sich zum Beispiel bei der Pflanzenmaniküre dusselig anstellt und sich versehentlich den Finger abschneidet, der muss zur Strafe für 24 Stunden in den Inhalator. Das ist ein abgeschlossener Glaskasten, in dem es ausschließlich haschischgeschwängerte Luft zu atmen gibt. Wer da versagt, fliegt raus.

Klingt spannend und auch ein bisschen sadistisch.

Ja, und das ist noch harmlos. Die Zuschauer stimmen auch darüber ab, welche Katastrophen wir inszenieren, um die Teilnehmer auf ihre Charakterstärke zu überprüfen. Zur Auswahl stehen Stromausfälle, Überschwemmungen, Kabelbrände, Schädlingsbefall und Diebstahl. Möglich auch, dass wir eine fingierte Razzia mit anschließenden Polizeiverhören inklusive Waterboarding durchführen, um den Zuschauern die Entscheidung zu erleichtern, welcher der Kandidaten und Kandidatinnen hinsichtlich der Charakterfestigkeit höher zu bewerten ist. Immer wieder werden wir mit einem sich ständig ändernden Regelwerk für Ungerechtigkeiten sorgen. Was gerade erlaubt ist, kann schon eine Sekunde später verboten sein … und bums folgt die Bestrafung für den Regelverstoß. Mal wird das Essen entzogen, oder es gibt nur minderwertiges Gras zu rauchen. Während die einen mit Edelhasch und leckeren Speisen für den Fressflash verwöhnt werden, müssen die anderen, also die Versager, darben. In solchen Situationen werden die Ur-Instinkte des Menschen geweckt, und ich kann Euch versprechen, da werden die Fetzen fliegen und die Zuschauer werden sich kringeln vor Lachen.

Ist das nicht ein bisschen menschenverachtend, die armen Seelen derart vorzuführen und dabei auch noch wie Sklaven arbeiten zu lassen?

Nö! Unsere Reality Show ist wie jede andere auch. Denken wir nur an die Tante mit der Piepsstimme und dem sonnengegerbten Teint, die verhaltensgestörte Mädchen halbnackt auf den Laufsteg schickt und einem Millionenpublikum der Lächerlichkeit preisgibt. Nee, Freunde, unser Format ist voll im Trend. Die Zuschauer wollen sehen, wie ein Dutzend verlauste Haschgiftjunkies versucht, etwas auf die Kette zu bekommen. Und wir dürfen nicht vergessen, dass alle den Hauptgewinn machen wollen.

Und der wäre?

Na, die Ernte. Was sonst? Eine Tonne verkaufsfertiges Marihuana mit einem Straßenverkaufswert zwischen 15 und 20 Millionen Euro. The winner takes it all. Noch Fragen?

Nö, keine, Frau Bobelstein. Obwohl eine private hätten wir da noch: Können wir uns gleich bei Ihnen für die Show bewerben?

3 Antworten auf „Deutschland sucht den Hanfkönig

  1. Hushjunky

    Glückwunsch Exzessiv-TV zu dieser längst überfälligen Entscheidung; endlich wird das geheime Kifferleben einem breiten Publikum vorgestellt und Otto Normal kann sich endlich ein objektives Bild von dieser doch eher scheuen Spezies machen. Hilfreich wäre in dem Artikel noch ein Anmeldelink gewesen; eine Freundin meines Vetters äußerte Interesse….

  2. Rainer

    Auf Ammeland gab es vor 27 Jahren kein Haschangebot.Aber auch niemanden der danach gefragt hat.Außer mir,und da hat man mich angeguckt als wäre ich eine Kakerlake.

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