Freitag, 31. Januar 2020

Multipler Pariser Rausch

Die Epoche Mitte des 19. Jahrhunderts im Zentrum der westlichen Welt: Paris


Im Hoffmann & Campe Verlag ist jetzt ein beachtliches Buch von Walburga Hülk mit dem programmatischen Titel „Der Rausch der Jahre“ erschienen. Das Werk ist nicht nur für kulturwissenschaftlich-historisch Interessierte von hohem Interessen, sondern auch für diejenigen, die sich dafür interessieren, wie der Drogenkonsum zu anderen Zeiten an anderen Orten stattfand. Und damit sind wir media in res schon beim Thema. Doch bevor wir dieses vertiefen noch kurz zum „offiziellen“ Inhalt des Buchs.

Zum Inhalt: Paris, am 2. Dezember 1851: Louis Napoleon, der Neffe des großen französischen Kaisers Napoleon Bonaparte, putscht sich handstreichartig an die Macht. Mit diesem Geschehen und seiner Figur wird Frankreich sozusagen zum Zentrum der Macht und stellt den Nabel der Welt dar. Es ist vor allem eine Zeit der krassen Gegensätze, denn es gibt Dekadenz und Reichtum auf der einen Seite, aber auch Unterdrückung und unmenschliche Arbeitsverhältnisse auf der anderen Seite. Hülk verfährt anschaulich und exemplarisch, indem sie Beispiele selektiert, die am besten die damaligen soziopolitischen und kulturellen Zustände repräsentieren. Inmitten dieser turbulenten Zeiten kämpfen so zum Beispiel die Brüder Goncourt mit der Zensur, der weltberühmte Victor Hugo muss das Land verlassen und ins Exil gehen, der große Literat Flaubert treibt sich quietschfidel in den Bordellen der französischen Metropole herum und der nicht weniger bekannte Baudelaire raucht Haschisch und zwar en masse. Die Schriftstellerin George Sand, die übrigens damals die einzige Frau war, die vom Schreiben leben konnte, macht sich Sorgen um das Klima. Neben wegweisender Kunst und Literatur der Moderne entstehen insofern im Zweiten Kaiserreich auch ein gigantisches Eisenbahnnetz, Frachthäfen, Fabriken und Bergwerke, Boulevardpresse und Spekulationsblasen. Die Zeichen der Moderne ziehen also unwiderruflich am Horizont auf, was einerseits Segen, andererseits aber auch bedrohlich ist. Der zum Star avancierende Architekt Haussmann walzt das ziemlich verwinkelte Paris sprichwörtlich und tatsächlich nieder und durchzieht die Stadt mit den großen Prachtboulevards, welche die Stadt auch noch heute kennzeichnen. Der Krimkrieg gegen Russland ist zudem der erste nach modernen Maßstäben geführte Krieg und der Baus des Suezkanals verändert den Welthandel und die Handelsrouten nachhaltig. Kurzum, es ändert sich nahezu alles und zwar rasend schnell. Bis Napoleon III. sich 1870 von der »Emser Depesche« provozieren lässt und damit mit dem deutsch-französischen Krieg eine Entwicklung einleitet, die den deutschen Nationalstaat erst ermöglicht hat …

Doch zurück zum Rausch. Hülk breitet das Thema zwar vielleicht nicht in der ihm gebührenden Breite aus, aber immerhin hüllt sie auch nicht schamhaft den Mantel des Schweigens darüber. Einige Kostproben seien an dieser Stelle geboten. Unter der Kapitelüberschrift „No-go-Areas und Grand Boulevards“ findet sich Folgendes: „Auch in der näheren Umgebung des Louvres gab es Viertel, die als No-go-Areas verrufen waren. Zu ihnen zählte das Mühlenviertel … Lumpensammler navigierten hier ihre Karren durch die Gassen, in den Ecken standen Prostituierte, auf dem Boden hatten Alte ihr Lager ausgebreitet, Bettler durchkämmten den Abfall, in der Luft hing der Geruch von Haschisch und Absinth. In den Spelunken saßen Gestalten, die der „Grünen Fee“ verfallen waren …“ Wie ersichtlich, wurde im Paris des Jahres 1850 in manchen Stadtvierteln bereits gekifft was das Zeug hält und zwar Haschisch vom Feinsten. Der berühmte Schriftsteller Baudelaire wurde wegen „sittenwidriger“ Schriften vor Gericht gezerrt, aber die Richter sahen dennoch in seinen Schriften fasziniert „Gestalten, die ihnen in den eigenen beaux quartiers noch nie begegnet waren: Trinker, Mörder, Huren, Suchtkranke, Lumpensammler, Arme und Alte, die durch die Straßen der großen Stadt schleichen, wanken, taumeln, trotten und schlurfen.“ Der massive Drogenkonsum im Paris um die Mitte des 19. Jahrhunderts kam nicht von ungefähr, denn in Südostasien war „Frankreich längst ein Verbündeter des British Empire, das über die Ostindien-Kompanie den Drogenhandel von Indien bis in den Fernen Osten steuerte und die Einheimischen mit Opium versorgte: eine tückische Waffe im Ringen um das Monopol über die Luxusgüter Tee, Seide und Porzellan“. Aber natürlich ließ sich der Opiumkonsum nicht nur auf die Kolonien beschränken, sondern forderte auch zum Teil im heimischen Frankreich seine Opfer. Die Franzosen hatten insofern einen wesentlichen Anteil an der Zerschlagung des damaligen Chinas, denn: „1858 wurden zahlreiche Häfen für England, Frankreich, Russland und die USA geöffnet, die Freiheit der Religion und des Opiumhandels, und das Missionsrecht erklärt.“ Insofern gingen die Verbreitung des christlichen Glaubens und der massenhafte Konsum von Opium in China Hand in Hand – eine imperialistisch-kapitalistische Strategie, die auch heute noch in etwas diversifizierter Form Anwendung findet. 

In Paris waren es die Ausgestoßenen der Gesellschaft und die Künstler, die Trost im Opium suchten. So schrieb Flaubert an Baudelaire: „Ob er bei der Arbeit zu Dopingmitteln griff, bleibt im Dunkeln … “ Dass er jedoch immer und überall Lust auf Drogen und Exzesse hatte und „ausgezeichnetes Haschisch“ im Hause aufbewahrte, schrieb er an Baudelaire. Die Haschisch-Komponente war durch die traditionelle enge Bindung Frankreichs an Nordafrika (die Deutschland bis dato fehlte, ergo war auch in Deutschland der Haschischkonsum damals deutlich geringer) bedingt. Echte Bohémiens „weiter Haschisch. Der exklusive Club des Hachichins, dem Hugo, Dumas, Balzac und Baudelaire … angehört hatten … Wenn jene alten Haschischesser noch lebten und bei Verstand geblieben waren, erforschten sie die Wirkung der Drogen und verglichen sie mit dem Rausch der Poesie.“ Vor solch einer progressiv-liberalen und künstlerischen Einstellung zu Haschisch nimmt sich die heutige Drogenpolitik Deutschlands heute geradezu altertümlich wie aus dem finstersten Mittelalter aus. Aber nicht nur Drogen evozierten Räusche, auch die Großstadt an sich: „Den Großstädter umgibt ein diffuses, ohrenbetäubendes Rauschen, er ist visuellen Erschütterungen, Schocks und einem „anamnestischen Rausch“ ausgesetzt, Geschwindigkeit ist das Maß aller Dinge“. Und last but not least heißt es über den jungen Künstler Rimbaud: „Er war gerade 17 Jahre alt. Nun begann ein wildes Leben zwischen Paris, London und Brüssel, mit sexuellen Beziehungen zu Männern, Drogenexzessen, Eifersuchtsszenen und Pistolenschüssen.

Insgesamt hat Hülk ein unterhaltsames, gut zu lesendes Buch über den Pariser Rausch der Jahre 1850-1870 vorgelegt. Die Lektüre ist nicht nur für heutige Haschischesser von Interesse und sei an dieser Stelle empfohlen.

Christan Rausch

5 Antworten auf „Multipler Pariser Rausch

  1. Otto Normal

    @R.Maestro
    Israelis sind zur Zeit beliebt wie noch nie. Jeder der sie kritisiert ist grundsätzlich ein Nazi. Stehen sie doch unter dem persönlichen Schutz des mächtigsten Mannes der gesamten Welt: Donald Trump der die völkerrechtswidrige Landnahme (Siedlungsbau) nun legal gemacht hat und ihnen dazu auch Jerusalem schenkte und das bevor der Völkermord an den Palästinensern vollständig abgeschlossen ist.
    Jeder andere hätte die Strafe vollständig absitzen müssen.

  2. Rainer Sikora

    Auch wenn die Anmerkung jetzt nicht zum Buch paßt.Bis zu 0,5Prozent ist Alkoholfrei bei Faßbrause oder Bier,aber bis 0.2Prozent im Tee ist THCarm.Warum ist das nicht auch THCfrei?

  3. buri_see_käo

    @Rainer Sikora, es passt schon…
    0,5% Alkohol ist eben nicht alkoholfrei, und das kann für manche Menschen
    mittelbar tödlich sein. Auch geringste Mengen aufgenommener Alkohol
    (z.B. angegorenes Obst, bei Ananas geschmacklich nicht wahrnehmbar)
    lösen sehr zuverlässig bei Menschen mit der Erkrankung Clusterkopfschmerz
    eine schwere Attackte aus (Schmerzstärke 10, mehr geht nicht).
    Weil nun diese Erkrankung mit keiner diagnostischen Möglichkeit festgestellt
    werden kann und alles, was mit Schmerz zu tun hat in DE in der Schmuddelecke
    siecht, wird denen kaum Hilfe/Behandlung zu teil. Durchschnittlich dauert es in
    DE 4 Jahre bis CK erkannt wird, viele lösen das Problem durch Suizid. Meine
    Hausärztin wusste sofort, was Sache ist. Trigger einer Attacke waren bei mir
    Tomaten, Schokolade, Kälte (unter 22°C). Aber!, Rauschgiff hilft, bei 80% derer,
    die es versucht haben. 2017 sind in den USA Studien dazu gemacht worden.
    Ab 10mg Psilocybin liegt die übliche Rauschdosierung auf dem Schwarzmarkt,
    bei unter 5mg ist keinerlei Rauschwirkung gegeben, 1mg reicht, um eine
    CK-Attacke innerhalb einer viertel Stunde abzubrechen, danach ist 3 Tage
    zuverlässig Ruhe mit CK. In DE natürlich höchstgradig verboten, in DE-Lesart
    besser tot als 5-fach von kleinstmöglicher Rauschwirkung entfernt. Aber, was
    soll’s, zur Verbesserung der Verkehrs-Infrastruktur hat wurde vor Kurzem vom
    Be[Bundesverkehrsminister]tem bekannt gegeben, 100 Mega€ zum Ausbau
    von LKW-Parkplätzen locker zu machen.
    Hier ist nur B   R   Digung

    mfG fE

  4. Hans Dampf

    @Rainer Sikora, finde auch es passt und die Frage ist absolut berechtigt. Es wird eben mit zweierlei Maß gemessen. In einem legalen Markt würde es bestimmt angeglichen werden. @Buri_see_käo, hoffentlich wird dem Andi bald mal das Handwerk gelegt. Es ist kaum zu glauben und Deutschland sieht zu wie es betrogen wird von CDU/CSU. Auf das es mal heißt: Rest in Peace.
    @H. J., das ist Lesestoff, ganz nach meinem Geschmack. Prima.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.