Sonntag, 29. September 2019

In meinem Kopf da tobten die Affen

Innerlich zur Ruhe kommen und entgiften mit Yin-Yoga


Die einen belächeln es, die anderen schwören darauf: Yoga, ursprünglich eine philosophische Lehre aus Indien, die zum Ziel hat, Körper und Geist zu vereinen. Hanf-Journal sprach darüber mit Yin-Yoga-Lehrerin Elle Gerber aus Berlin.

Hanf Journal: Wann und wie bist Du zum Yoga gekommen?

Elle Gerber: Das war 1975. In dem Esoterikbuchladen in der Lister Meile in Hannover hatte ich einen Flyer gefunden. Nach meiner Scheidung musste ich dringend etwas für meine Seele tun. So nahm ich an einem Yoga-Wochenende im Raschplatzpavillon teil.

Hanf Journal: Wie hast Du Deine allererste Begegnung mit Yoga in Erinnerung?

Elle Gerber: Ich fühlte mich steif und fehl am Platz  – und das mit meinen fast 30 Jahren. Trotzdem fand ich drei bis vier Übungen, die mir sehr guttaten. Das Wochenende war ein neugieriges Kennenlernen.

Hanf Journal: Was hat Dich bewogen, weiter zu üben?

Elle Gerber: In meinem Kopf, da tobten die Affen. Ich fand keine Ruhe zum Meditieren. Ich hatte das dringende Bedürfnis, meinen Geist zu kontrollieren. Das funktionierte überhaupt nicht. Ich tendierte zu Meditation und Esoterik, weil ich unbedingt Heilung finden wollte.

Hanf Journal: Hast Du Yoga ab dieser Zeit regelmäßig praktiziert?

Elle Gerber: Nein, mit drei Kindern als alleinerziehende Mutter und mit der Arbeit funktionierte das leider nicht. Den normalen Alltag im Griff zu haben, stand im Vordergrund. Während der nächsten 15 bis 20 Jahre spürte ich immer dringender die Notwendigkeit, Yoga zu praktizieren. Du musst es leben, sonst nutzt Dir keine Erkenntnis etwas.

Hanf-Journal: Wie ging es weiter? 

Elle Gerber: Sporadisch schloss ich mich der ein und anderen Yoga-Gruppe an, wie im Selbstlauf entstand Kontinuität. Damals gab es für mich nur das Hatha-Yoga. Heute kenne ich viele Richtungen, die alle nützlich sind.

Hanf Journal: Wie meinst Du das?

Elle Gerber: Es gibt viele Wege, um nach Rom zu kommen, nicht den einen wahren. Jeder sollte ausprobieren, welches Yoga ihm am meisten zusagt. Das ist gleichermaßen abhängig von der Lebensphase, in der man sich befindet. In einem Jahr habe ich vier Wochen Tantra-Yoga mitgemacht, ich erlebte es als großartig. Im Jahr darauf sagte es mir überhaupt nicht mehr zu, und ich wollte nur noch weg.

Hanf Journal: Du warst oft in Arambol in Goa in Indien. Was ist das Besondere an diesem Ort?

Elle Gerber: Drop-in-Klassen für Yoga-, Meditations-, Massage- und andere Gruppen sind da verbreitet. Du kannst hingehen oder es bleiben lassen. Du musst keine Zehner-Karte kaufen und ein schlechtes Gewissen haben, wenn Du einmal nicht teilnimmst. Muss und Verpflichtung sind dort unbekannte Wörter. Yoga und Meditation als Kür. Jeder kann viele verschiedene Richtungen und Stile entdecken. In Deutschland praktizierte ich Yoga oft allein zuhause, weil ich Sorge hatte, nicht in die Gruppe hinein zu kommen und nicht gut genug zu sein. Das war in Indien nie ein Problem.
In dem Sackgassenort Arambol tummeln sich von Ende Oktober bis Ende März um die 3000 Touristen unterschiedlicher Nationalitäten. In rund zehn Restaurants spielen andauernd Spitzenbands. Tänzer, Akrobaten und Artisten trainieren an den Stränden und führen ihre Künste abends dem Publikum vor. Da bleibt einem die Luft weg, so gut sind die. Alle zwei Wochen laden dreitägige Festivals ein. Trommeln, Feuerschlucken oder Artistik zum Beispiel. Unwahrscheinlich viel freakige Menschen können sich dort ausleben. In Arambol herrscht die Leichtigkeit des Daseins für Touristen, in dem Umfeld ist Yoga einfach nur klasse.

Hanf Journal: Vermutlich wird dort reichlich gekifft, hast Du es ausprobiert?

Elle Gerber: Gekifft habe ich nie. Allerdings hatte ich ein unschönes Erlebnis in Udaipur in Indien vor langer Zeit. Ich hatte mittags Lust auf ein Lassi. Auf dem Tisch lagen kleine grüne Kügelchen. Der Inder, der es mir verkaufte, textete mich auf Hindi zu, das ich natürlich nicht verstand. Ich wunderte mich, dass das Lassi doppelt so teuer war wie normal. Es dauerte eine Weile, dann konnte ich nicht mehr vom Stuhl aufstehen, ich hielt mich mit beiden Händen am Sitz fest. Ich bekam Schüttelfrost und Schweißausbrüche abwechselnd. Als ich wieder laufen konnte, fand ich mein Hotel nicht, ich kotzte die ganze Nacht. Nix mit nett und fröhlich. Diese Erfahrung wollte ich um nichts in der Welt wiederholen.

Hanf Journal: Welche Meinung hast Du zu medizinischem Cannabis?

Elle Gerber: Sicherlich ist das nützlich und wertvoll, wenn es intelligent angewendet wird. Ich habe eine Freundin, der hilft es gegen ihre Spastiken durch Multiple Sklerose besser als jedes schulmedizinische Medikament. Als Negativbeispiele kenne ich drei Männer im Alter zwischen 35 und 50, bei denen ein hoher Cannabiskonsum im Jugendalter zu Psychosen geführt hat. Bei einem davon war es ein Wegweiser zu Härterem. Viele nehmen Cannabis als Rauschdroge für schöne Gefühle und um sich zu entspannen. Das kann Yoga besser.

Hanf Journal: Was empfiehlst Du Neulingen?

Elle Gerber: Auf jeden Fall in eine Gruppe zu gehen. Ich mag die Gruppendynamik, die entsteht, wenn Menschen gemeinsam üben. Die Übungen – im Yoga Asanas genannt – sind intensiver und ich kann mich besser konzentrieren. Ein Youtube-Video gucke ich nur, wenn ich etwas vertiefen will oder wenn mir eine Übung entfallen ist. Mein zweiter Tipp: Wer, nachdem er in einer Gruppe war, zuhause weiter üben will, sollte mit zehn Minuten am Tag beginnen und sich nicht das Ziel setzen, eine ganze Stunde durchzuhalten. Bald schon tritt ein Wohlfühleffekt ein, und die Zeit wird automatisch länger. Ich kann Yoga überall und jederzeit praktizieren. Andere brauchen eher einen Rückzugsort. 

Hanf Journal: Du hast die Ausbildung zur Yin-Yoga-Lehrerin gemacht, warum?

Elle Gerber: Diese spezielle Richtung lernte ich ebenfalls vor mittlerweile 15 Jahren in Indien kennen und schätzen. Sie entspricht mir inzwischen am meisten. Für Leute ab 50 oder Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen ist Yin-Yoga ohne große Schwierigkeiten zu praktizieren. Durch das lange Halten der Stellungen – mindestens drei Minuten – erreichen die Positionen nicht nur die Muskulatur und tiefer liegendes Bindegewebe, sondern auch die Faszien, Sehnen, Bänder, Gelenke – man sagt sogar bis zum Knochengewebe. Kurz und gut, es geht hier um die Stimulation des Gewebes. Die Durchblutung wird gesteigert, dadurch können Schadstoffe abtransportiert werden. Der Körper entgiftet. Extrem wichtig ist, nach den Übungen mindestens zehn Minuten zu entspannen und ausreichend Wasser zu trinken, damit die freigesetzten Gifte ausgespült werden. Wichtig ist es, hinzugucken, was mein eigener Körper mir sagt und variabel Stellungen anderer Yogarichtungen mit einfließen zu lassen.

Hanf Journal: Du praktizierst jetzt weit über 40 Jahre Yoga. Was hat es Dir gebracht?

Elle Gerber: Guck mich an, wie aktiv und fit ich bin und das mit 73 Jahren. Ich durchwandere Gebirge, reise durch die Welt, ich male und gestalte Skulpturen, ich arbeite ehrenamtlich mit Senioren, bin Vegetarierin und ernähre mich gesund. Ich bin toleranter und offener geworden. Ich muss nicht permanent alles bewerten. Jeder Tag ist anders, jede Körperseite ist anders, jeder Mensch ist anders. Ich bin nicht besser oder schlechter als andere – nur anders. Ich bin körperlich und seelisch bei mir selbst angekommen, ich habe mich durch Yoga kennengelernt, bin innerlich zur Ruhe gekommen. Das wünsche ich jedem einzelnen Menschen.


Für das Hanf Journal fragte Amandara M. Schulzke, die vor 25 Jahren mit Kundalini-Yoga begann, weitere Richtungen ausprobierte und nach langer Pause Gewinn aus Yin Yoga zieht.


Jeder muss das/den Yoga finden, das/der am besten zu ihm und zur jeweiligen Lebensphase passt. Hier eine kleine Übersicht:

  • Hatha Yoga: eine Kombination aus Körperstellungen, Atemübungen und Meditation
  • Kundalini Yoga: erweckt die Schlangenkraft vom unteren Ende der Wirbelsäule bis zum Scheitel-Chakra – dynamisch
  • Karma Yoga: jede Tat dient unserer spirituellen Entwicklung
  • Iyengar Yoga: langsame und konzentrierte Körper- und Atemübungen mit vielen Hilfsmitteln
  • Raja Yoga: Königliches Yoga als achtfacher Übungspfad 
  • Bakti Yoga: liebevolle und verehrende Hingabe zu Gott, einem Guru und/oder der gesamten Schöpfung. 
  • Jnana Yoga: Yoga der spirituellen Erkenntnis – philosophisch
  • Ashtanga (Power) Yoga: körperbetontes Yoga, schnell und kraftvoll
  • Bikram Yoga: Yoga in heißen Räumen zur besseren Entgiftung 
  • Chakra Yoga: Yoga, um die Lebensgeister in Schwung zu bringen 
  • Nada Yoga: Yoga mit Klängen
  • TriYoga: der meditative Tanz


Mehr unter www.yoga-welten.de

  • Yoga kann lindern:
  • Stress
  • Durchblutungsstörungen
  • Schlafstörungen
  • Nervöse Beschwerden
  • Angst und Depression
  • Chronische Kopfschmerzen
  • Nacken- und Rückenschmerzen
  • Yoga trainiert:
  • Flexibilität
  • Gleichgewichtssinn 
  • Muskelausdauer
  • Stärke für Seele und Körper
  • Inneres Wohlbefinden
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