Samstag, 28. September 2019

Junk, Junk und ab und zu ein Joint

Jörg Fausers frühe Schriften neu herausgebracht


Für mich gibt es keine deutsche Nachkriegsschriftsteller*innen, die es mit Jörg Fauser aufnehmen können. Dabei ist Fauser bis heute leider vielen Zeitgenoss*innen unbekannt geblieben. Zu Lebzeiten hatte er es zu einem eher bescheidenen schriftstellerischen Ruhm gebracht. Wenige, die sich ihren Ruhm als subversiv im Underground sichern wollen, wie Benjamin Stuckrad-Barre, heben zwar Fausers literarische Bedeutung heraus, meinen aber damit lediglich die persönliche Bedeutung, die Fauser für sie als Abziehbild in Sachen eigener Posen besessen hat.

Dabei war Fauser genau jenes sehr fremd: Pose, posen und das Sich-in-Szene setzen, um sich zu verkaufen, um Profit zu generieren. Und in den in jetzt im Diogenes Verlag unter dem unsäglichen Titel „Rohstoff Elements“ (der Titel soll wohl signalisieren, dass die frühen Prosatexte die Grundlage für sein späteres Werk „Rohstoff“ bildeten) herausgegebenen frühen Prosatexten und Gedichten Fausers wird spürbar, dass das Leben für Fauser Stoff ist und umgekehrt der Stoff Opium/Aitsch/Eukodal – you just name it – das Leben. Leben bedeutet für Fauser die Sucht nach Opiaten aller Art und wenn es sein muss auch mal was anderes. Zur Not eben auch Speed, Koks oder ein Joint. 

Aber wenn zu viele Joints zu exzessiv kreisten, dann wurde Fauser ab und an ungehalten. Denn Joints ohne Junk waren für ihn lediglich der Ausdruck einer verkommen-dekadenten westlichen Gesellschaft, die sich in einer Art Friede-Freude-Eierkuchen-Zusammenhalt unter einer Dope-Rauchwolke retten wollte. Denn zu jener Zeit als die Texte entstanden (zwischen den späten 60er und frühen 70er Jahren), flüchteten sich immer mehr Menschen in eine Art Hippie-Nostalgie und wollten auf den Zug der Spät-68er aufspringen. Für Fauser waren das Anzeichen von Flucht und Verrat, ohne an den Kern des eigenen Selbst und der Gesellschaft gelangt zu sein. Fauser bestand vielmehr auf seiner Haltung, die darin bestand, sich in sich selbst unter Zuhilfenahme von Opiaten aller Art zurückzuziehen, das Leben, die Gesellschaft und alles, was dazu gehört, messerscharf zu analysieren und dadurch der Gesellschaft das dreckige Feedback zu geben, das sie seiner Meinung nach verdient hatte. Aber keine Sorge, Fauser hatte nichts gegen einen guten Joint. Im Gegenteil, in seinen in Tangier, Istanbul, London, Berlin, München und anderswo spielenden Texten kreisen genug Joints aus sehr gutem Kif – meistens aus Marokko oder der Türkei. Was sich Fauser verbat, war lediglich das sich-in-Pose-setzen, um dem Kiffen und dem eigenen Ich theatralische Geltung zu verleihen. Kiffen um des Kiffens willens hingegen war ihm willkommen – Kiffen, um eine Botschaft zu senden oder sich zu inszenieren, widerten ihn völlig an.

Fausers frühe Prosatexte handeln vor allem von: der Fixe, Opium, Heroin, Eukodal, allen anderen Opium-Derivaten, dem Drücken, dem Entzug, der nie endenden Suche und Sucht nach dem Stoff, der Rauschgiftdezernat-Schmiere, abartigen Ärzten, gestohlenen Rezeptblocks und nichts bedeutenden Ficks. Ja, es scheint, als ob für Fauser die Tätigkeit des Junkies und Kopulierens ein und dasselbe waren; Junk und Sperma als Chiffren einer neuen Ära. Das diesbezügliche Sinnbild der in der Vene verschwindenden Injektionsnadel und das sich kurz darauf einstellende „orgasmische“ Gefühl sind für ihn folglich zwei Seiten ein und derselben Medaille. 

Die Kehrseite des Opiat-Orgasmus‘ ist für Fauser der Entzug. Und auch den verheimlicht er seinen Leser*innen nicht. Da ist ein Schriftsteller, der ganz genau weiß, von was er schreibt, der das gelebt hat, was er zu Papier bringt und der weder verherrlicht noch beschönigt. Die vom Verlag und den Interpretator*innen genannten Bezüge Fausers zu den amerikanischen Schriftstellern Kerouac und Burroughs sind sicherlich richtig, helfen aber beim Verständnis von Fausers Schriften nur wenig. Lediglich formalliterarische Bezüge zur Beat-Literatur und zum Cut-up sind zwar nicht von der Hand zu weisen, helfen aber bei der Interpretation von Fausers Werk wenig weiter. Am hilfreichsten ist da noch die Bemerkung des Verfassers des Nachworts, der darauf hinweist, dass Fausers Dasein als Junkie wohl am ehesten damit zu verstehen ist, dass er sich bewusst für eine Art der Lebensführung entschieden hat und dass er diese Haltung ohne Standesdünkel, ohne falsche Scham und ohne jegliche falsche Attitüde transportiert hat. 

Die Lektüre von Fausers frühen Schriften ist Rausch pur – manchmal am ehesten wohl mit einem Trip zu vergleichen. Das hängt vor allem mit der von ihm verwendeten Cut-up-Methode und dem Inhalt, also dem High-Sein auf Opium, zusammen. Insofern kann es kaum eine bessere Entsprechung von Form und Inhalt geben. Oder anders formuliert: Das Was der Texte (berauschende Substanzen und die durch sie erreichten Formen des menschlichen Daseins) wird wunderbar durch das Wie (die Methode des Cut-up) transportiert. Das hängt damit zusammen, dass Cut-up keine linear-chronologische Erzählweise betreibt. Bei Cut-up verschwimmen also sowohl die zeitlichen als auch räumlichen Grenzen, was dem Zustand des Rauschs wohl ziemlich nahekommt – so nahe, wie man ihn eben als Mensch mit den Mitteln der Wörter literarisch beschreiben kann.

Fauser ist einer der ganz Großen der deutschen Literatur. Zu Lebzeiten wurde er aber weitgehend verkannt und vom korrupten, systemstabilisierenden Mainstream-Literaturbetrieb verrissen – weder Reich-Ranicki noch andere ließen ein gutes Haar an ihm. Heute ist er eine nur Wenigen bekannte Ikone. Insofern ist der Versuch des Diogenes Verlags, Fauser einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, sehr löblich. Ein No-Go ist aber wie gesagt der Titel, der nichts mit dem Inhalt des Buchs zu tun hat, da sein Buch „Rohstoff“ erst viel später erschien und die Hardcover-Ausgabe von „Rohstoff Elements“ lieblos und ohne Fantasie gestaltet ist. Was es mit dem Schwanen-Bild auf dem Cover auf sich haben soll, bleibt wohl bis auf Weiteres ein ungelüftetes Geheimnis des Verlags. Gut, dass Fauser das nicht mehr erleben muss.

Die vielleicht beste Nachricht für alle Leser*innen am Schluss. Die Lektüre von „Rohstoff Elements“ ist sowohl nüchtern als auch unter dem Genuss von THC-haltigen Produkten fantastisch. Und bei letzterer Variante gelingt es den Leser*innen vielleicht sogar wegen des unglaublichen Stils, der Cut-up-Methode und des Inhalts, sich einem heftigen Opiat-Rausch anzunähern – ganz ohne Opium. Pflichtlektüre für alle, die über den literarischen Mainstream-Scheiß hinausblicken wollen.

Christian Rausch

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