Samstag, 24. August 2019

Spannendes Buch über unsere historisch-genetische Herkunft

Weniger ist manchmal mehr: Warum politische Zurückhaltung besser gewesen wäre


Hin und wieder ist es spannend, etwas über neue Wissenschaftszweige zu erfahren. Die recht neue Wissenschaftsdisziplin der Archäogenetik befasst sich mit der Untersuchung von der Genetik und dem Erbmaterial der Menschen, Menschheit sowie der Tiere, Pflanzen und gegebenenfalls ganzen Biosphäre, um neue Erkenntnisse über die Evolution all dieser Facetten gewinnen zu können. Dabei geht die Wissenschaftsdisziplin wie folgt vor: Es werden (genetische) Proben von Menschen und den ihnen Untertan gemachten Tieren und Pflanzen berücksichtigt. Dabei stammen diese Proben zuvörderst aus alter DNA von archäologischen Funden – zum Teil auch von Lebewesen und Pflanzen heutiger Zeit. Die Disziplin bedient sich in erster Linie der Mittel der Molekularbiologie. Die Ergebnisse sind mehr als überraschend. So lassen sich zum Beispiel frühhistorische oder gar vorgeschichtliche Vorgänge wie die Entstehung und Verbreitung der Landwirtschaft rekonstruieren. Oder anders ausgedrückt: Die Archäogenetik ist zum Beispiel in der Lage, den (Jahrtausende dauernden) Übergang von der Jäger- und Sammlergesellschaft zur primär agrarisch geprägten Gesellschaftsform zu erklären. 

Zum Inhalt: Die alles andere überschattenden Fragen lauten wohl: Woher kommen wir? Und: Wer sind wir? Was unterscheidet uns von anderen? Diese Fragen stellen sich in der heutigen Gesellschaft, die sich in einem gravierenden Umbruch befindet, drängender denn je. Das Autorenteam (je ein Wissenschaftler und ein Wissenschaftsjournalist) Johannes Krause und Thomas Trappe spannen den Bogen zurück bis in die menschliche Urgeschichte und erzählen, wie wir zu den Europäern wurden, die wir heute sind. Dabei wird schnell klar: Migration und Wanderungsbewegungen sind keine Phänomene der Neuzeit, denn seit der Mensch den aufrechten Gang beherrschte, trieb es ihn aus seiner ursprünglichen Heimat Afrika in die ganze Welt – selbstverständlich auch nach Europa. Bis vor Kurzem lag diese Urgeschichte noch im Dunkeln beziehungsweise sie war sehr umstritten, doch mit den neuen Methoden der Genetik hat sich das grundlegend geändert. Johannes Krause, einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Archäogenetik, erzählt gemeinsam mit Thomas Trappe, was uns die Gene über unsere Herkunft verraten: Gibt es denn so etwas wie „Urvölker“? Und wann verloren die frühen Europäer ihre dunkle Haut und welche (genetische) Funktion besaß dies? Spannend zudem: Welche Rolle spielte die Balkanroute in den vergangenen 40 000 Jahren? Das Buch zeigt: Ohne die Einwanderer, die über Jahrtausende aus allen Richtungen nach Europa kamen und immer wieder Innovationen mitbrachten, wäre unser Kontinent gar nicht denkbar.

„Die Reise unserer Gene“ ist ein spannendes und informatives Buch. Allerdings hätte den Autoren in zweierlei Hinsicht etwas mehr Reflexionstiefe und Zurückhaltung gut getan. Zum einen: Sie werden nicht müde herauszustellen, dass ihr wissenschaftlicher Ansatz quasi das Gegennarrativ zu den genetischen Theorien des 3. Reichs darstellen. So wichtig und gut diese Einsicht ist: Aus wissenschaftshistorischer und wissenschaftstheoretischer Sicht hätten die Autoren ehrlicherweise eingestehen müssen, dass die von ihnen präsentierten Ergebnisse nicht die Wahrheit darstellen, sondern den Stand der Wissenschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt. Zum anderen: Am Ende des Buchs beziehen die Autoren quasi einen Standpunkt, welcher die wissenschaftliche Begleitmusik zur deutschen Migrationspolitik der letzten Jahre darstellt. Das ist richtig und gut so. Aber, die Autoren hätten die Leser*innen nicht mit einer derart brachialen Gewalt auf diese Befunde hinweisen müssen. Wer ein solches Buch liest, dem fallen die Botschaften des Subtexts in der Regel schon auf. Und somit vermischen die Autoren meines Erachtens die im empirisch-analytischen Wissenschaftsansatz nicht zu vermischenden Entstehungs-, Begründungs- und Verwertungszusammenhänge. Schade, dass auch Wissenschaftler nicht die ihnen im wissenschaftlichen Begründungszusammenhang auferlegte Zurückhaltung pflegen. Denn die zutage geförderten Ergebnisse sind stark und sprechen auch ohne zusätzlichen Kommentar eine klare Sprache. Dennoch ein lesenswertes Buch, das hervorragende Denkanstöße vermittelt.

Christian Rausch

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