Sonntag, 2. Juni 2019

Die europäische Nachkriegsgeschichte spannend erzählt

Allerdings blieb der ganz „große Wurf“ dieses Mal aus


Der britische Historiker Ian Kershaw zählt unbestritten zu den ganz großen seiner Zunft. Unvergessen ist sein episches Meisterwerk „Das Ende“, in dem er wunderbar logisch und gut begründet beschreibt, wieso das nationalsozialistische Deutschland auch nach der Invasion der Alliierten im Juni 1944 bis zum Ende des 2. Weltkrieg am 8. Mai 1945 weiter überlebte und beinahe reibungslos funktionierte, obwohl die militärische Niederlage und der totale Zusammenbruch des Systems absehbar waren. Ein wahres „Opus Magnus“ ist seine Hitler-Biografie, die inzwischen aus dem Kanon der Werke über den menschenverachtendsten Diktator aller Zeiten nicht mehr wegzudenken ist. Seine Prominenz und seinen Rang unterstreicht Kershaw auch alleine schon dadurch, dass er als Engländer Werke über die deutsche Geschichte schreibt, die maßgeblichen Einfluss auf die deutsche Geschichtsforschung besessen haben.

Nun hat Kershaw sich an ein neues Thema gewagt. Sein beinahe 800 Textseiten bei der DVA erschienenes Werk „Achterbahn“ erzählt die große Geschichte Europas im 20. Jahrhundert weiter. Diesem Buch war ein anderer Bestseller vorausgegangen. In „Höllensturz“ hatte Ian Kershaw weitgehend meisterhaft die äußerst dramatische Geschichte Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erzählt.

Nun nimmt der durchaus renommierte und weit geschätzte Kershaw in seinem neuen Buch »Achterbahn« die Jahre von 1950 bis heute in den Blick. Dabei spannt er einen wahnsinnig großen Bogen, der von der existentiellen Unsicherheit, die die Staaten Europas im Kalten Krieg durchlebten, bis zu den Herausforderungen, vor denen sie heute, in Zeiten ökonomischer und politischer Krisen stehen, reicht. Sein Fazit ist überraschend: Denn trotz einer bis heute andauernden Phase des Friedens, so Kershaw, seien die Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs für Europa eine Achterbahnfahrt – voller Aufs und Abs, voller Nervenkitzel und Ängste gewesen. Dabei besitzt für ihn der Fortgang der europäischen Geschichte noch einen ungewissen Ausgang.

Mit „Achterbahn“ ist Kershaw leider nicht einmal annähernd der große Wurf gelungen, den er mit „Das Ende“ oder seiner epochalen Hitler-Biografie vorgelegt hat. „Achterbahn“ vermag es beinahe an keiner Stelle, dieselbe Lesesogwirkung zu entfalten wie die beiden eben genannten Bücher. Dies mag an der Diversität der behandelten Themen liegen. Beim Nationalsozialismus und Hitler ist eine Fokussierung auf ein Thema durchaus möglich. Bei der Beschreibung der bipolaren Weltordnung mit den Antagonisten USA und UDSSR nach dem 2. Weltkrieg verzettelt sich Kershaw zu sehr in Details und Einzelheiten, als dass er seine erzählerische Brillanz vollumfänglich zu entfalten weiß. Die gewählte chronologische Erzählweise, die zudem nach Themen bündelt, scheint für dieses Unterfangen nicht der goldene Weg gewesen zu sein. So erhalten die Leser*innen zwar ein Panoptikum darüber, was wann in welchem Land Europas nach dem 2. Weltkrieg passierte, aber es entfalten sich keine basalen Kernaussagen und Einsichten, die kausale Erklärungskraft über die Epoche, die damalige Weltordnung und die historischen Akteure besitzt.

Die oben genannten Desiderate mögen auch mit dem fehlenden geschichtlichen Abstand zusammenhängen, da hier ja die historische Distanz wie beim Thema Nationalsozialismus nicht durchweg gegeben ist. Dennoch ist „Achterbahn“ allen zu empfehlen, die sich einen Überblick über die Geschichte des Nachkriegseuropas verschaffen möchten. Lese-Tipp: Vielleicht empfiehlt sich „Achterbahn“ als eine Art Handbuch, das kapitelweise immer wieder aus dem Bücherregal genommen und gelesen werden möchte.

Christian Rausch

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