Mittwoch, 3. April 2019

Alan Ginsberg The howl – das Geheul

Back to the roots – 5


Nachdem ich den letzten Folgen meines Blicks zurück auf die gute alte Zeit das Thema Hanf und den damit geschärften Blick auf eine bessere Gesellschaft verbunden mit der Kritik an der alten, der bestehenden, vornehmlich aus analytischer bzw. essayistischer Sicht behandelt habe, folgt nun, in dieser letzten Folge, die rein literarische Betrachtung. Denn das Charakteristischste an dieser Zeit war, dass in ihr zumindest der Versuch unternommen wurde, das Politische und das Kulturelle zu verbinden, Theorie und Praxis zu einer die Kluft zwischen idealistischem Anspruch und der dem Unterwerfungszwang der gnadenlosen Profitdiktatur angepassten Wirklichkeit zumindest zu verringern. Ohne die Songs von Bob Dylan, Joan Baez oder Donovan wäre der Protest gegen den US-amerikanischen Völkermord in Vietnam undenkbar gewesen.

Die Bedeutung von Alan Ginsbergs »the howl« für die Aufbruchsbewegung Anfang der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts ist mit der von »Woodstock« zu vergleichen, mehr noch: es gehört zu den Wegbereitern selbst von »Woodstock«, erschien es doch schon 1956, also mehr als ein Jahrzehnt vor »Woodstock«. Ginsbergs »Geheul« war nicht der erste, aber der gewaltigste Aufschrei gegen eine ihre weltweite Dominanz schon damals durchsetzende und zementierende Gesellschaftsform, dem »american way of life«, den ja auch die Deutschen bis heute so blind dumpf wie vergeblich nachzuahmen versuchen. Sein »Gang durch die Hölle«, wie William Carlos Williams es in seinem Vorwort nennt, »vermeidet nichts, sondern erfährt es durch und durch«, »umgeben von der Gier und dem Kot dieses Lebens«.

Mehr will ich dazu nicht sagen, um Ginsberg möglichst ausführlich selbst zu Wort kommen zu lassen. Ich zitiere nur Auszüge dieses endlos Gedichtes, ohne die Auslassungen zu kennzeichnen. Ich rate dem Leser oder der Leserin, nichts zu denken, zu reflektieren oder nach Sinn und Bedeutung zu suchen, sondern sich ganz dem Strom der Worte zu überlassen, sich buchstäblich hineinziehen zu lassen, sich ganz zu vergessen:


Ich sah die besten Köpfe meiner Generation vom Wahn zerstört
hungrig hysterisch nackt
Süchtige mit Engelsköpfen lustentbrannt nach uralter sphärischer
Verbindung zum Sterndynamo in der Maschinerie Nacht
die arm zerfetzt hohläugig und blau im übernatürlichen Dunkel von
Armeleutswohnungen rauchend saßen schwimmend über
dem Häusermeer in Jazz-Ekstase,
die auf dreckigen Buden im Unterzeug hockten, ihr Geld im
Papierkorb verbrennend, lauschend der Angst von
nebenan,
die Brennstoff fraßen in Bordellen oder Terpentin soffen im
Hurengäßchen, den Tod, die ihre Körper quälten Nacht
für Nacht
mit Träumen mit Drogen mit aufpeitschendem Alpdruck Alkohol
Schwanz und endlosen Hoden
Die sich an U-Bahnen ketteten, endlose Fahrten von der Batterie zur
heiligen Bronx mit Wachtabletten erlebten, bis Lärm der
Räder und Kinder sie schauernd mundmatt verblödet
und allen Geistes entleert im grauen Zwielicht des Zoos
erschlug,
leidend an asiatischen Schweißergüssen, Tangerschen Knochenver-
renkungen China-Migräne bei Rauschgiftentzug in
Newarks ödem möbliertem Zimmer,
die hungrig verlassen durch Houston irrten verschmachtend nach
Jazz oder Sex oder Spritze und folgten dem witzigen
Spanier im Plausch über Ewigkeit in Amerika – aus-
sichtslos, auf denn nach Afrika,
die Zigarettenlöcher in ihre Arme brannten, dem narkotischen
Tabakmief Kapitalismus zum Trotz,
die weinend in weißen Turnhallen niederbrachen nackt und zitternd
vor dem Gelenkspiel anderer Skelette,
die knieend auf der U-Bahn heulten und vom Dach gezerrt wurden
Geschlechtsteile und Schriften schwenkend,
die sich von frommen Motorradfahrern in den Steiß ……
ließen und schrien vor Lust,
die ihr Geschlecht morgens abends in Rosengärten und in dem Gras
der Parks und in Friedhöfen spielen ließen, frei ihren
Samen schenkend dem der immer auch kam,
die sich ekstatisch und unersättlich paarten mit einer Bierflasche
einem Liebchen einer Packung Zigaretten und einer Kerze
und die vom Bett fielen und unten weitermachten am Boden
und endlich auf der Diele ohnmächtig hinsanken mit
einer schwindenden Vision der Urpaarung im letzten be-
wußten Moment,
die die Scham von Millionen im Abendrot zitternden Mädchen
versüßten und morgens rote Augen hatten doch bereit
waren die Scham des Sonnenaufgangs zu versüßen, ihre
Hinterteile aufblitzen ließen unter Scheunen und nackt
im See,
die in Schuhen voll Blut die ganze Nacht auf schneebedeckten Docks
umhergingen das Öffnen erwartend einer Tür am East
River in ein Zimmer voll Heizungsdampf und Opium,
die aus verfaulter Tiere Lunge, Herz, Klauen, Schwanz, Borscht
und Tortillas kochten während sie träumten vom reinen
vegetarischen Reich,
die sich auf der Suche nach einem Ei unter Metzgerautos warfen
die ihre Uhren vom Dach schmissen um eine Ewigkeit außer der
Zeit zu erwählen, und Wecker fielen ihnen im nächsten
Jahrzehnt täglich aufs Haupt,
die sich dreimal nacheinander erfolglos die Pulsadern öffneten dies
aufgaben und gezwungen wurden Antiquitätsläden zu
eröffnen in denen sie glaubten alt zu werden und deshalb
weinten,
die in ihren unschuldigen Flanellanzügen auf Madison Avenue
lebendig verbrannt wurden im Feuerstoß bleierner Verse
und dem überspannten Gerassel eiserner Moderegimenter
und dem Dynamitgekreisch androgyner Werbefachmänner
und dem Tränengas finsterer kluger Redakteure, oder von
den trunkenen Taxis der absoluten Wirklichkeit über-
fahren wurden,
die vor Gericht das Radio als unzurechnungsfähiges hypnotisches
Mittel anklagen wollten und mit ihrem eigenen Wahn-
sinn und ihren Händen und unentschiedenen Ge-
schworenen alleinblieben,
und das unumschränkte Herz des Lebensgedichts ward ihnen aus
dem Leib geschnitten, und es bleibt eßbar jahrtausend-
lang.
Welche Sphinx aus Zement und Aluminium spaltete ihre Schädel auf
und fraß ihr Hirn und ihre Phantasie?
Moloch dessen Geist reine Maschinerie ist! Moloch dessen Blut als
Geld fliesst! Moloch dessen Finger zehn Armeen sind! Moloch dessen Brust ein menschenfressender Motor ist.
Moloch! Moloch! Roboterwohnungen! Unsichtbare Vororte! Knöcherne Kasernen! Blinde
Hauptstädte! Dämonische Betriebe! Geisternde Reiche! Unbesiegbare Tollhäuser! Granitschwänze! Monsterbomben!“



Nichts hat sich geändert an dem, was Alan Ginsberg gesehen und beschrieben hat, obwohl es unbeschreibbar ist: im Gegenteil, es beherrscht uns mehr und perfekter denn je.
Ohne das Grauen einer Realität zu verdrängen, die um ihren Luxus zu erhalten, täglich Völkermord begeht, ohne sich zu panzern gegen die Hölle des Alltags der zur Ware gewordenen Menschen – und damit abzustumpfen -, ohne sich permanent schön zu reden, dass sich doch was tut, es irgendwie schon besser werden wird, spätestens unsere Kinder das irgendwann mal regeln werden; ohne all diese Selbsttäuschungen und Selbstlügen könnten wir nicht leben.

Deshalb brauchen wir heute noch Alan Ginsberg Geheul, um nie zu vergessen, dass nichts so bleiben darf, wie es ist.

Christof Wackernagel

3 Antworten auf „Alan Ginsberg The howl – das Geheul

  1. American Holocaust

    Diese theoretische Literatur ,ist teil des Status Quo . Die Leser werden nicht in der Lage sein , diesen Text in Produktives Handeln umzusetzen , da er von einem Politoxischen Akoholiker verfast wurde . Genau wie all die Theoretische Literatur die man aus der Schule kennt. Europa braucht Bücher die direkte Handlungsweisen beschreiben , Bücher ,die Medizinische Bildung nicht alt elitäres Hobby betrachten , Bücher die Fehlinformationen über Sternzeichen Korrigieren , Bücher die eine Selbstverwaltung ,als Grundstein einer lebendigen sich weiterentwickelnden Demokratie erkennen , Bücher die über Operatieve Psychologie der Geheimdienstlich Agierenden Ämter informieren ,Bücher die über Schwarze Phädagogik und über Girale Geldschöpfung informieren . Aber auch Bücher, die Gruppendynamische Prozesse u.a. in den Autoritären Behörden ausleuchten , Bücher die zum Handel aufrufen , wie z.b. „Das Buch der Handlungen“ und keine Bonze die zum sozialkonformen Gehirnwixen animiert . Aber was ist schon ein Geschriebens Wort ,gegen ein Gesprochenes ?

  2. Geld aus dem Nichts

    @American Holocaust
    Europa hat zwei Optionen , Bewustsein der Europäischen Staatsbildung oder Transpolitische Integration . Die Indische Staatsbildung hatte, mit viel mehr Problemen zu Kämpfen .

  3. Bürofachkraft

    Und wann kommt das Buch zum Thema Wiederstandsrecht ,Anti-Anti-Riot-Taktik und Selbstversorgung mit Energie,Wasser, Nahrung und Medizin ?

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