Sonntag, 23. September 2018

Back to the roots II:

 

Ronald Steckel: Bewusstseinserweiternde Drogen – eine Aufforderung zur Diskussion.

 

 

Ronald Steckel wird oft der „deutsche Timothy Leary“ genannt. Abgesehen von der Unsinnigkeit derartiger Vergleiche wird diese Charakterisierung einer so eigenartigen wie eigensinnigen Persönlichkeit wie Steckel nicht gerecht. Er hat sicherlich so viel und so Entscheidendes wie Leary zu sagen, aber er ist weder Nachfolger noch Jünger von diesem, sondern geht – bis heute – konsequent seinen eigenen Weg.

 

Sein nur wenige Jahre nach Learys „Politik der Ekstase“ genau vor 50 Jahren erschienenes Buch greift vor allem die philosophischen Gedanken Learys auf, die zum Teil ausführlich zitiert werden – allen voran die beiden Grundgesetze: 1. beeinflusse niemals das Bewusstsein anderer 2. hindere niemanden daran sein Bewusstsein zu verändern -, kritisiert aber, wie im Folgenden genauer ausgeführt werden wird, die politischen Strategien Learys.

Dieses Buch ist ein noch heute gültiger Wegweiser. Im Unterschied zu Leary gewissermaßen typisch deutsch: nüchtern, wissenschaftlich, ausgewogen – aber eins mit Leary in Bezug auf das Ziel:

 

„Totale Politisierung des Lebens und damit die Überwindung der Politik, die Aufhebung des Privateigentums und der Trennung zwischen öffentlicher und privater Existenz, die Entwicklung kollektiver und kommunaler Produktions- und Existenzformen, der Aufbau horizontaler, multimedialer Kommunikationsstrukturen und Nachrichtensysteme, die Entwicklung einer freien emanzipierten Sexualität und einer genitalen, sich selbst steuernden Charakterstruktur, der Abbau des Mythos der Persönlichkeit und die Kristallisierung eines neuen Identitätsbewusstseins, das sinnliche Erleben neuer und unbekannter Bewusstseinsebenen mithilfe chemisch induzierter mystischer und ekstatischer Erfahrungen.“

 

„Bewusstseinserweiternde Drogen – eine Aufforderung zur Diskussion“, ist zum einen eine rein sachliche Informationsquelle, die Herkunft, Beschaffenheit und Funktion von Haschisch, Marihuana, LSD, Meskalin, Psilocybin, Ololiuqui und STP (DOM) erklärt.

Zum anderen beinhaltet es eine nüchterne Beschreibung Rolle dieser Stoffe in der Gesellschaft und der Einschätzung der herrschenden Kreise davon.

Vor allem aber enthält es eine so gnadenlose wie wahre und angesichts des Zeitpunkts ihrer Entstehung geradezu prophetische Kritik an den damals bereits im Abflauen begriffenen Gegenbewegungen.

 

Nicht nur der gewaltfreien Hippiekultur, die in Null Komma Nix zu einem neuen profitablen Marktsegment mutierte, sondern auch der linksradikalen Gewaltstrategien. Selbst Timothy Learys Illusionen von 1962, in denen er voraussagt, dass zehn Jahre später die Herrschaft der alten Männer auf dem Müllhaufen der  Geschichte gelandet sein werden, sieht Steckel schon 1968 selbst auf dem Müllhaufen der Geschichte:

 

„Die Hippies, die exponiertesten Vertreter der Drogensubkultur, haben gezeigt, dass Widerstand ohne Organisation und einheitliche Strategie nicht weit kommt: die Zerschlagung der Hippiebewegung, ihre ganze Geschichte von der euphorisierenden explosiven Entwicklung progressiver Subkulturen, die durch völlig neue Verhaltensweisen, Kommunikationsformen, kollektive und kommunale Organisationsmodelle die Phase der Entwicklung einer neuen, sich selbst steuernden Charakterstruktur und eines neuen Selbstbewusstseins einleiteten, bis zur deprimierenden Zersplitterung der Bewegung und ihre reibungslose Integration in die kapitalistische Konsumindustrie verdeutlichte die Notwendigkeit der Verbindung von emanzipatorischer bewusstseinserweiternder Praxis mit politischer Theorie.“

Diese Notwendigkeit bleibt seit 50 Jahren unerfüllt. Das macht die dringende Aktualität von Steckels Buch noch heute aus. Er begriff zu einer Zeit, in der die meisten noch von einer befreiten Zukunft träumten, bereits:

 

Die Hippies, die der Politik den Kampf angesagt hatten (all politics is pigshit) und die die Entwicklung neuer Bewusstseinsstrukturen, Verhaltens-und Denkweisen mit einer theoriefeindlichen und apolitischen Einstellung verbanden, konnten weder der aggressiven Reaktion des Systems auf das massenhafte Dropping-Out effektiven Widerstand durch die Organisation beweglicher Kader entgegensetzen, noch die Kommerzialisierung der Bewegung durch den Aufbau einer eigenen ökonomischen Basis verhindern.“

 

Hier zeigt sich die geradezu seherische Qualität von Steckels Gedanken. In der Tradition der Philosophie Walter Benjamins (dessen Buch „Über Haschisch“ an dieser Stelle als Nächstes besprochen werden wird) und seiner Erkenntnis „nichts Feines und Spirituelles ohne das Grobe und Materielle“, schreibt Steckel schon 1968:

 

Die Veräußerlichung der Bewegung, die reibungslose Absorbierung der psychedelischen Kunst und Musik, der  bunten Kleider, Ketten und Ringe der Hippies durch das System und ihre Transformation zu profitträchtigen Industrien machte jedoch deutlich, dass die ‚hinderlichen Einflüsse der Außenwelt‘ allein durch die psychedelische Strategie des ‚Turn on Tune in Drop out‘ nicht zu bewältigen sind.“

 

Die Tatsache, dass auch 50 Jahre nach Erscheinen dieses Buches keine wie auch immer definierte andere Strategie gegen die „hinderlichen Einflüsse der Außenwelt“ gefunden wurde, macht die in gewisser Hinsicht geradezu erschreckende Aktualität von Steckels Buch aus. Obwohl diese „hinderlichen Einflüsse der Außenwelt“ furchtbarer, beherrschender und effektiver denn je sind. Oder anders gesagt: die Notwendigkeit, „das Schweinesystem“ – wie es nur deswegen nicht mehr genannt werden sollte, weil dieser Begriff eine Beleidigung von Schweinen ist – zum Teufel zu jagen, dringender denn je auf der Tagesordnung steht.

Und vor allem: Obwohl die psychedelische Droge Haschisch – mehr noch natürlich die Mutter aller Bewusstseinserweiterung LSD – der Augenöffner Nr. 1 ist, die Wahrheit über die Barbarei, in der wir leben, zu erkennen:

 

„Die Bewusstseinsveränderung, die durch Haschisch induziert wird, äußert sich in einer mehr passiven, rezipierenden Haltung: Sie beruht auf einer neuen, qualitativ anderen Art des Assoziierens und Reflektierens, die es dem Haschischraucher ermöglicht, direkte sinnliche Erfahrungen – losgelöst von den angelernten und konditionierten Begriffen und Bewertungen – mit gesteigerter Intensität neu zu machen und neu zu interpretieren. Das ist gemeint, wenn diese Droge als bewusstseinserweiternd bezeichnet wird: eine Durchbrechung der präformatierten Wahrnehmungsstrukturen, eine intensive und unbefangene Wahrnehmung neuer Beziehungen zwischen den verschiedenen Ebenen der Realität – die eine Funktion unserer Wahrnehmung und unseres Nervensystems sind.“

 

Und Steckel liefert selbst – und schon damals – die Erklärung dafür:

„Eine weitere Gefahr liegt für viele Menschen in einer Überschätzung der Permanenz der Drogenerfahrungen. Es ist ein Kurzschluss, anzunehmen, dass mystische Erfahrungen unter Einfluss der psychedelischen Drogen und die daraus gewonnenen Einsichten oder Erkenntnisse denjenigen, der die Erfahrung macht, automatisch und dauerhaft (Hervorhebung CW) auf eine höhere Ebene des Bewusstseins transportieren. Die Drogen können Auslöser (Hervorhebung  CW) für wirkliche Wachstumsprozesse sein – das ist unbestritten und darin liegt ihr großer Nutzen, aber die können diesen Prozess nicht überflüssig machen oder ersetzen. Denn die unter Drogeneinfluss gewonnenen Erkenntnisse sind Produkte eines chemisch veränderten Funktionszustands unseres Nervensystems und nicht die eines kontinuierlichen Erkenntnisprozesses. Die Anwendung der psychedelischen Erfahrung auf die tägliche Praxis erfordert Anstrengungen in der Arbeit an sich selbst und in der sozialen Umwelt (Hervorhebung CW).“

Das ist der Auftrag, den uns Steckels Buch gibt: heute dringender denn je.

 

Christof Wackernagel

 

Edition Voltaire, Voltaire Handbuch 6, 1968 – antiquarisch fürn Appel und n Ei erhältlich.

 

3 Antworten auf „Back to the roots II:

  1. R. Maestro

    Ehrlich, ich habe den Artikel nicht wirklich gelesen.

    Die Roots finden sich nicht in der Schulmedizin.
    Die Roots liegen im Beginn der Menschheit. Bis zur Schulmedizin gab es nichts anderes.
    Eine Zuhilfe kann die Schulmedizin vielleicht sein, niemals ein Ersatz.
    Es ist leider vielen nicht klar, das die Menschheit tausende Jahre ohne Giftmischer zurechtgekommen ist.
    Abhängigkeit von dieser Idiotie, ist das Ziel. Somit auch die Finanzen!

    Das „Wundermittel Cannabis“, diesen Ausspruch habe ich fast nur von Gegnern gehört,
    kaum von Befürwortern.
    Wer übertreibt also?
    Es wird dies so schnell als möglich in Misskredit gebracht.
    Seit der angeblich tollen Schulmedizin ist alles besser geworden?
    Ich bitte um Beweise.
    Die heutigen eifrigen Schulmediziner haben eines nicht verstanden: Ohne die bisherige Natur-Medizin gäbe es Euch heute meist nicht!
    Fakt.
    Ihr Dünnbrettbohrer. Denkt zumindest ein einziges Mal nach.
    In meiner Kindheit, meinte man, unter ärztlichem Segen, gebt dem Kind Beruhigungsmittel und Alkohol.
    Prohibitionsärsche, kapiert es: Nahezu alle Euerer Vorfahren haben THC genommen,
    aber heute seid Ihr gescheiter als Euer Schatten.
    Pisser.
    Euer Schatten ist intelligenter.
    (Und Lucky Luke, konnte angeblich seinen eigene Schatten erschiessen),
    dummer Vergleich, aber gar nicht soweit her geholt.
    Auch wenn es mittlerweile müssig wird,
    dem dritten Reich sind unsere Entscheider leider noch zu anhängig.

    Dem System folgend, ist man bester Freund.
    Wenn nicht, selber schuld.
    Man wird mit den nötigen Mitteln halt passend gemacht.

    Albert Einstein: „„Es gibt keinen Fortschritt auf dieser Welt, solange es noch ein unglückliches Kind gibt.“.
    Dies befördert unsere heutige Zeit leider.
    Leiden der einen, ist ein Aspekt. Macht ausüben zu können ist der zweite Punkt.
    Verdammte Scheiße, in meiner Kindergartenzeit 1974 war dies bereits Thema.
    Bis heute hat man es nicht hinbekommen?
    Nach ca. 45 Jahren?
    Vielleicht fehlt halt der Wille.
    Wie man mit den Mitmenschen in anderen Kontinenten umgeht, zeigt auch viel, welches Interesse überhaupt und allgemein besteht.

    Mal wieder: Ideologie verboten.

  2. R. Maestro

    Leider ist der Mensch heute kein Mensch mehr, sondern eher zu verwaltendes Material!

    Wenn es vorhanden wäre, darauf eine fette Tüte,
    die Realität ist sonst kaum zu … . Egal.
    Gute Nacht Euch.

  3. Ralf

    @R. Maestro
    Vor der Entdeckung der Antibiotika hatte Mann/Frau eine Lebenserwartung von 47 Jahren. die 35 Jahre die wir dazu bekommen haben, haben wir zum größten Teil dem Rückgang von Todesopfern bei Infektionskrankheiten zu verdanken. Die sind aber jetzt von habgierigen Massentierhaltern und Pharmamafiosi buchstäblich an die Schweine verfüttert worden. Von den Reserveantibiotika (die für den Fall von Resistenzen unter Verschuß gehalten wurden) ist nur noch ein einziges übrig, die Pharmamafia entwickelt keine neuen, weil sich das finanziell nicht mehr lohnt (es ist jetzt vermutlich auch nicht mehr so einfach), und wenn die Keime auch noch dagegen resistent werden, gute Nacht! Der neoliberal angepaßten und total verblödeten Jugend (sonst würden sie sich nicht von BWLern legalisieren lassen), die sich heutzutage alles gefallen läßt, die kein Schweinehochhaus oder sonstige Massentiequälereien interessieren, kann ich nur sagen, vor der Rente mit 70 braucht ihr keine Angst zu haben denn so alt werdet ihr sowieso nicht. Viel Spaß in den 50 Jährchen die euch in Zukunft noch bleiben bevor ihr im Fieber an einem resistenten Bakterium krepiert!

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