Freitag, 30. März 2018

DMT als Heilmittel

 

Ayahuasca vs. Changa

 

 

 

Von Markus Berger

 

Ayahuasca ist ein amazonischer Schamanentrank und gerade in jüngster Zeit immer wieder Thema, wenn es um Psychoaktiva als Heilmittel geht. Leider entsteht um dieses traditionelle Entheogen zurzeit ein richtiggehender wirtschaftlicher Zweig, was den indigenen Ethnien Südamerikas sicherlich die letzten verbleibenden Wurzeln abzutrennen in der Lage ist. Das ist auch insofern keine gute Entwicklung, als dass wir in unserer verarmten Kultur nicht befähigt sein werden, den indigenen Ritus des Ayahuasca-Schamanismus einfach so zu adaptieren, zu übernehmen und zu implementieren. Wie die Schamanen selber sagen, muss ein jedes Volk seine eigenen Wurzeln suchen und möglichst die eigenen alten Rituale wiederbeleben, um einen sinnvollen Kontext für die Ayahuasca-Therapie zu schaffen. Der schnöde Abklatsch fremder Kulturen und Rituale kann in unserer Gesellschaft keine ernstzunehmende Option sein, weil es uns schlicht am nötigen Hintergrund mangelt, vor dem die Praxis der Ayahuasqueros erst ihren Sinn ergibt. Daher sei zumindest angeraten, die eigenen Weltanschauungen und die eigene Kultur zur Grundlage der bei uns ausgeübten Praxis zu nehmen und beispielsweise mit Ayahuasca-Analogen oder anderen DMT-Zubereitungen bzw. Darreichungsformen zu arbeiten.

 

Der DMT-haltige schamanische Trunk kann für die psychotherapeutische Behandlung als potenziell hilfreich betrachtet werden, außerdem ist sein Nutzen innerhalb der Therapie von Sucht und Abhängigkeitsmustern bekannt. Das bezieht sich allerdings auf die für uns möglichen  Anwendungen des Ayahuasca-Tranks bzw. seiner Analoga. Wie schon gesagt, ist die indigene Behandlung von Krankheiten aller Couleur mit Hilfe der Ayahuasca für uns „Zivilisationsmenschen“ nicht einfach auf unsere Verhältnisse zu übertragen. Ein Beispiel: Vereinfacht gesagt, erkennt der Schamane während einer Ayahuasca-Sitzung die Krankheit des Patienten in Form von signifikanten Disharmonien in dessen Geist-Körper-Gefüge, und zwar anhand disharmonisch veränderter Muster, die den Körper des Patienten komplett überziehen (das sind die berühmten Ayahuascamuster, die quené, die zum Beispiel von der Kunst der Shipibo-Indianer bekannt sind), die jedoch mit dem normalen Alltagsbewusstsein nicht sichtbar sind.

Im veränderten Bewusstseinszustand singt der behandelnde Schamane diese Muster dann wieder in Harmonie (weshalb die typischen Ayahuasca-Muster als musikalische Notationen gelesen werden können), womit er den Selbstheilungsprozess des Patienten zu triggern in der Lage ist.

 

Bei dieser traditionellen Praxis handelt es sich nicht um ein ausgedachtes oder theatralisches Gebaren, das die Anwesenden beeindrucken soll, sondern vielmehr um uralte, akribisch und über lange Zeit hinweg erlernte und auf naturverbundener Intuition und großer Erfahrung fußende Behandlungen, deren notwendigen Background die indigene Kultur darstellt. Und all das könnte uns „modernen“ Zivilisationsgestalten ferner nicht liegen. Solche Ayahuasca-Rituale sind für uns im Grunde unmöglich nachzuempfinden, denn es bräuchte einen Therapeuten, dem mindestens die Fähigkeiten, Begabungen, Erfahrungen und Einsichten des Schamanen zueigen sind. Natürlich ist es uns möglich, einen Ayahuasquero einzuladen und – zumindest in unseren Gefilden – im Rahmen der Illegalität Rituale durchzuführen. Das kann aber der Königsweg nicht sein, und schon gar nicht, wenn ein Mensch akut von einer Erkrankung betroffen und womöglich gar bedroht ist. In unserem Kulturkreis sind solche psychedelischen Substanzen eigentlich nur in einem psychotherapeutischen Setting sinnbringend, weil sie die Einsicht und Erkenntnis fördern und darüber hinaus als Entheogene Energien in uns zu wecken vermögen, die wir auf anderem Wege gar nicht oder nur sehr mühsam, zum Beispiel mit bewusstseinserweiternden Methoden wie der Meditation, entdecken und aufbringen können.

 

Im Übrigen sollten Menschen, denen die psychonautische Kultur wirklich etwas wert ist und die es ernst mit dieser Lebenspraxis meinen, darauf verzichten, sich am derzeit immer über- und auch unmäßiger entwickelnden Ayahuasca-Tourismus zu beteiligen. Diese Form des modernen Abenteuerurlaubs ist für die indigenen Ethnien alles andere als hilfreich, denn damit wird ihr letztes und wichtigstes Stück Verwurzelung in der eigenen Kultur durch unser Geld und unsere Unbedarftheit entweiht. Die Weißen haben den Völkern schon zu vieles genommen. Wir sollten diese Menschen (wie auch alle anderen) endlich respektieren und in Ruhe lassen.

 

 

Heilung durch Erkenntnis: Changa rauchen

 

Changa, die sogenannte „rauchbare Evolution des Ayahuasca“, ist eine DMT- und MAO-Hemmer enthaltende Rauchmischung, die Anfang des Jahrtausends in Australien von einem Psychonauten namens Julian Palmer erfunden und etabliert worden ist. Dieser Rauchblend eignet sich für psychonautische Heilrituale ebenso wie Ayahuasca. Wie oben schon erwähnt, ist das sehr stark wirksame N,N-DMT (N,N-Dimethyltryptamin) ein geeignetes Psychedelikum, um spontane visionäre Einsichten zu erlangen. Dies gilt für reines gerauchtes DMT genauso, wie es für Ayahuasca gilt – auch wenn der Wirkungsverlauf und die Wirkung der beiden Darreichungsformen als solche recht unterschiedlich sind. Das gleiche gilt übrigens für das nah verwandte 5-Methoxy-DMT (5-MeO-DMT). Ein Changa-Blend, der sich dadurch auszeichnet, dass er sowohl DMT als auch MAO-hemmende Beta-Carboline (meist in Form der Ayahuasca-Pflanze Banisteriopsis caapi) enthält, verleiht der DMT-Erfahrung wiederum eine andere Note, die aber ebenfalls wiederum gute Chancen auf spontane Einsichten gewährt.

 

Was ist damit gemeint? Was sind „spontane Einsichten“? Unter spontanen visionären Einsichten verstehen die Psychonauten durchaus unterschiedliche Zustände irgendeiner Art von Erkenntnis, die sie im durch DMT (oder 5-MeO-DMT) induzierten veränderten Bewusstseinszustand erfahren haben (dasselbe funktioniert natürlich auch mit anderen Psychedelika, wie etwa LSD und Psilocybin/Psilocin, Meskalin und vielen anderen). Das kann zum Beispiel die Erfahrung sein, dass da eine Schöpferkraft, ein Absolutes Bewusstsein existiert, die manche Gott nennen, und mit dem man sogar kommunizieren kann, und dass einem in Wirklichkeit gar nichts passieren kann. Oder die Erkenntnis, dass der Tod nur eine Illusion ist. Oder die Erfahrung, dass es in Wirklichkeit nichts gibt, außer allumfassender Liebe – und alles andere nur virtuelle Scheinwelten sind.

 

Und solche Einsichten und Erkenntnisse vermögen das Leben des Erfahrenden nachhaltig zu verändern – und Krankheiten zu besiegen. Es gibt Berichte von Psychonauten, die nach einer solchen Durchbrucherfahrung eine nachhaltige Umstrukturierung auf psychologischer Ebene erfahren haben und Berichte von Kranken, die nach dem Trip erstaunlicherweise symptomfrei waren und blieben. Das sind freilich alles Einzelfälle, die bisher noch keine wissenschaftliche Relevanz haben. Sie sind aber zumindest ein Wink mit dem Zaunpfahl und sollten beizeiten einmal genauer untersucht werden. Denn solche Fälle geschehen im psychonautischen Untergrund immer wieder. Übrigens sehr schade, dass es ein Untergrund sein muss – ein Dank an die Politik.

 

 

 

 

Dieser Beitrag dient zu Informationszwecken. Die enthaltenen Informationen sollten nicht dazu verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen zu beginnen.

 

 

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