Dienstag, 5. Dezember 2017

Konsum von Cannabis in Tschechien weitgehend stabil

 

 

Aktueller Drogenbericht: Missbrauch von Alkohol in Tschechien exorbitant hoch

 

 

Cannabis
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Sadhu van Hemp

 

 

Auch die Tschechen gönnen sich so etwas wie eine Marlene Mortler, nur ist die männlich und nicht auf dem Hopfenhof groß geworden, sondern auf der Straße seiner Heimatstadt Brno. Jindřich Vobořil kennt sich richtig gut aus – und zwar mit allem, was Spaß macht und exzessiv betrieben die Gesundheit ruiniert. Bereits mit zwölf Jahren war der heute 51-Jährige Kettenraucher. Mit 17 hatte er an illegalen Drogen soweit alles durch, bis er sich der Musik widmete und Gitarre in einer Punk-Rock-Band spielte. Der Jindřich war und ist ein aufsässiges, nicht pflegleichtes Kerlchen, das anders als Marlene Mortler politisch unzuverlässig und im Kopf jung und schräg geblieben ist. Vobořil, der Drogenbeauftragte Tschechiens, ist ein progressiv denkender und pragmatischer Mensch, der den Anti-Drogen-Krieg lieber heute als morgen beenden würde. Sein Credo ist u.a. die vollständige Entkriminalisierung der Cannabis-Konsumenten. Zudem ist er so dreist, sich nicht zur Marionette der „Narcos“ der Alkohol- und Pharmaindustrie machen zu lassen. Vobořil gehört offenbar zur seltenen Spezies der Unbestechlichen. So hat der Psychotherapeut und Alt-Punker eine der größten drogenbezogenen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) Tschechiens gegründet, die sich für einen humanen Umgang mit Schwerstabhängigen von illegalen Drogen einsetzt und gegen den rekordverdächtigen Alkohol- und Tabakkonsum bei Minderjährigen ankämpft.

 

Im eigenen Land steht Vobořil allerdings ebenso in der Kritik wie die deutsche Drogenbeauftragte, denn so richtig will sich in Tschechien nichts bewegen, was eine liberale Drogenpolitik betrifft. Die Euphorie nach dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts, dass Tschechien das zweite Holland werden könnte, ist längst verflogen. Zwar sind die benachbarten Hanffreunde seit 2010 weitgehend entkriminalisiert, aber alles was den Eigenbedarf von zehn Gramm Cannabis oder fünf Gramm Haschisch übersteigt, bringt strafrechtliche Konsequenzen mit sich. Auch die medizinische Anwendung von Cannabis ist im Nachbarland seit 2013 zugelassen, doch die Versorgung ist nicht hundertprozentig gewährleistet, so dass viele Patienten auf „Medizinalhanf“ vom Schwarzmarkt zurückgreifen müssen.

 

Gestern nun ist Jindřich Vobořil in seiner Funktion als Drogenbeauftragter vor die Presse getreten, um Bericht zu erstatten, wie es um die legale und illegale Drogenkultur in Tschechien steht. Vobořil fasste zusammen: „Nach mehreren Jahren sinkt endlich die Zahl der problematischen Nutzer illegaler Drogen in Tschechien. Allerdings liegt der Missbrauch von Alkohol und Tabak weiter sehr hoch im Vergleich zum Rest der Welt und der Europäischen Union.“

Wen wundert’s? Gerade in Sachen Alkohol gibt es nichts zu beschönigen. Tschechien ist wie der benachbarte Freistaat Bayern ein Trinkerparadies, in dem die Einstiegsdroge Bier als Grundnahrungsmittel gilt. 640.000 Menschen über 15 Jahre trinken risikoreich. Das hat was für ein Land mit nur etwas mehr als zehn Millionen Einwohnern.

 

Auch beim Cannabiskonsum haben die Tschechen die Nase vorn – vor allem die Jugendlichen. Der Jahresbericht der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) weist 42 Prozent der jungen Tschechen im Alter von 15 und 16 Jahren aus, die mindestens einmal im Jahr kiffen. Zum Vergleich: In Spanien und den Niederlanden, die eine liberale Drogenpolitik fahren, trifft das nur auf 27 Prozent der Jugendlichen dieser Altersgruppe zu.

Ganz so schwarz will der tschechische Drogenbericht nicht malen. Viktor Mravčík, Leiter des tschechischen Drogenbeobachtungszentrums, sieht eine Veränderung zum Positiven: „Aus den vergangenen fünf Jahren haben wir drei Studienreihen zur Verfügung. Und alle zeigen eine Stabilisierung oder einen Rückgang bei der Nutzung von Cannabis seit 2008. Die Zahlen beziehen sich sowohl auf die Gesamtbevölkerung, als auch auf junge Menschen im Alter von 15 bis 34 Jahren. Denselben Trend zeigen die Studien auch für weitere illegale Substanzen, ob das Ecstasy, Crystal, Kokain oder halluzinogene Pilze sind.“

 

Dennoch –  Cannabis ist noch immer die beliebteste illegale Droge in Tschechien. Rund 100.000 Menschen nutzen das Heilkraut risikoreich. Bei den harten Drogen sollen es 47.000 Menschen sein, von denen 34.000 zu Crystal Meth greifen. Zum Thema harte Drogen sagt Viktor Mravčík: „Auf der einen Seite nehmen immer weniger Leute Crystal, auf der anderen steigt der Missbrauch von opioiden Analgetika, also von Schmerzmitteln auf Opium-Basis. Insgesamt ist die Zahl nicht hoch, sie liegt unseren Schätzungen nach bei etwa 1700 Menschen. Doch es ist zu einem signifikanten Anstieg gekommen. Die Lage ist ähnlich wie in den 1980er Jahren zu kommunistischen Zeiten, als die gängigen illegalen Drogen in der Tschechoslowakei nicht zu bekommen waren.“ Zugleich betont Vobořils rechte Hand: „Bei der Zahl tödlicher Überdosierungen von illegalen Drogen steht Tschechien vergleichsweise gut da. Das betrifft auch die Opioide. Wir haben viel mehr tödlichen Alkoholmissbrauch, der liegt mindestens zehn Mal höher.“

 

Dass die Europäische Drogenbeobachtungsstelle Tschechien zuletzt für seine Bemühungen in der Drogenpolitik gelobt hat, freut die Herren Vobořil und Mravčík. Allerdings kann der Leiter des Drogenbeobachtungszentrums nicht gänzlich in den Lobgesang einstimmen: „Bei den Substitutionsprogrammen beobachten wir in den vergangenen fünf Jahren keine Verbesserung. Der Anteil in Tschechien ist relativ niedrig. Nicht ganz ein Drittel der Abhängigen ist in Drogenersatztherapie, während es in den Ländern westlich von uns meist 60 Prozent sind.“ Vor allem in Prag sei die Lage mehr als schlecht.

 

 

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