Samstag, 30. September 2017

Habichtskraut – Heimische Entheobotanik

 

Heimische Entheobotanik

 

Habichtskraut – ein legaler Hanfersatz
Hieracium pilosella hat psychoaktive Eigenschaften

 

 

Text und Bilder: Markus Berger

 

Diesmal schauen wir uns eine alte Heil- und Zauberpflanze an, die für Liebhaber von Psychoaktiva höchst interessant ist – und genauso unbekannt: das Habichtskraut aus der Gattung Hieracium und der botanischen Familie der Korbblütler (Asteraceae/Compositae).

 

Insbesondere Hieracium pilosella, das Behaarte Habichtskraut, gilt als ethnomedizinische Augenarznei – vermutlich begründet sich dieses Anwendungsgebiet in der Legende, die besagt, dass der Habicht seine überdurchschnittliche Sehstärke dem Verzehr des Gewächses verdankt. Abkochungen und Aufgüsse aus dem Kraut (Pilosellae herba, Herba Hieracii) wurden früher gegen Darm- und Bronchialkatarrh, Durchfall, Mandelentzündung, Wurmbefall, Erkrankungen der Atemwege und Geschwüre verwendet.

 

Sehen wir uns das Pflänzchen, das unter anderem Mausohr und Nagelkraut, Dukatenröschen und Kleines Habichtskraut genannt wird, etwas genauer an. Der Botaniker und Autor Heinrich Marzell hatte in seinem Werk „Heil- und Nutzpflanzen der Heimat“ eine wunderbare Beschreibung des Aussehens veröffentlicht – hier ist sie: „Der Stängel trägt nur ein Blütenköpfchen und wird gewöhnlich nicht höher als 10 bis 20 Zentimeter. Am Grunde treibt er zahlreiche Ausläufer, die teilweise nur Blätter, teilweise aber auch Blätter und Blüten hervorbringen. Der Stängel selbst ist blattlos. An seinem Grunde befinden sich in rosettiger Anordnung lanzettliche Blätter, die an der Unterseite von angedrückten Haaren weißfilzig sind. Die grüne Blattoberseite ist mit zerstreuten Borstenhaaren bedeckt. Die Hülle des Blütenköpfchens besteht aus mehreren Reihen behaarter spitzer Hüllblättchen. Das Blütenköpfchen besteht ausschließlich aus zungenförmigen Blüten; die am Rande des Köpfchens stehenden sind in der Regel auf der Unterseite rötlich gestreift. (…) Die ganze (im übrigen sehr veränderliche) Pflanze ist durch ihre starke Behaarung als eine Bewohnerin trockener Standorte gekennzeichnet“ (Marzell 1947: 240).

Die Blätter wachsen als bodennahe Rosette und werden nur bis zu 2,5 Zentimeter lang, meist jedoch deutlich kleiner. Sie sind häufig, aber nicht immer, mit feinen graulich bis weißlichen Härchen bedeckt, daher der Name Mausohr-Habichtskraut. Die Blüte des Mausohrs ist gelb. Blütezeit der Pflanze ist von Mai bis Oktober. Hieracium wächst in Europa und Asien wild, nach Amerika wurde das Kraut eingeschleppt.

 

Das Habichtskraut ist nur einer verschwindend geringen Zahl Eingeweihter als psychoaktives Rauchkraut bekannt. Woran das liegen mag, weiß der Himmel. An der mangelnden Wirksamkeit des Krauts kann es zumindest nicht liegen. Zwar wirkt Habichtskraut lediglich sehr mild psychoaktiv – besonders im direkten Vergleich mit starkem Cannabis. Jedoch ist die Psychoaktivität des Habichtskrauts, die sich irgendwo in einem leicht sedierenden und euphorisierenden Bereich manifestiert, deutlich und eindeutig spürbar. Und zwar durchaus merklicher als jene mancher anderer bekannter und teils hochgelobter pflanzlichen Legal Highs. Im Volksglauben werden bzw. wurden dem Habichtskraut überdies magische Kräfte zugeschrieben. So soll die Pflanze vor Hexerei und bösem Zauber schützen. Das könnte auf eine frühere Verwendung des Krauts als Zauberpflanze hindeuten, möglicherweise im alten germanisch-heidnischen Schamanismus? Interessanterweise gilt Hieracium pilosella laut Christian Rätsch in Dänemark als Marijuana-Ersatz. Schauen wir uns an, was der Ethnobotaniker zum Habichtskraut berichtet: „In Dänemark wird das håret høgeurt genannte, gelbblühende Kraut in Joints geraucht und soll bei einer Dosis von 1 g gute psychoaktive oder euphorisierende Wirkungen haben (…). In den USA ist es unter dem Namen hawkweed, „Falkenkraut“, bekannt und wird von den Irokesen ethnomedizinisch verwendet (…). Ich habe beim Rauchen von ca. 1 g leicht euphorisierende, cannabisähnliche, aber verhältnismäßig schwache Effekte gespürt“ (Rätsch 1998: 561).

 

Habichtskraut hat eine eindeutige psychoaktive Wirkung, die schon nach dem Genuss von weniger als einem halben Gramm getrockneten Blattmaterials spürbar ist. Die Effekte, die durch das Rauchen von Habichtskraut hervorgerufen werden, ähneln in der Tat denen des Hanfs. Der Forscher verspürt eine leichte Euphorie, gepaart mit einer gewissen Vernebelung der Sinne, die eindeutig auf den Konsum einer Droge zurückzuführen ist. Habichtskraut wirkt auf den Kopf und Unterleib, wie eine qualitativ eher durchschnittliche Cannabispflanze. Es kann bei entsprechender Stimmung ein gewisser Rededrang folgen, genauso wie eine, ebenfalls hanftypische, leichte Mundtrockenheit. Ich gehe soweit und behaupte in aller Deutlichkeit: Habichtskraut macht durchaus high. Das ist es. Der Begriff High scheint mir am praktikabelsten, denn der Rauch des Krauts lässt dich tatsächlich in höhere geistige Gefilde aufsteigen. Zwar kann die Wirkung des Habichtskrauts nicht zu hundert Prozent mit der des Cannabis verglichen werden. Von allen Vergleichen, die man zu solchen Zwecken bemüht, ist mir jener mit aber immer noch Hanfkraut am naheliegendsten. Habichtskraut wirkt wie der kleine Bruder des Hanfs. Nach etwa 3 bis 4 Stunden lässt der leichte Rausch wieder nach, abermaliges Rauchen des Krauts verstärkt die Effekte wieder.

 

Das Habichtskraut kommt in Mitteleuropa häufig vor, bevorzugt an trockenen Stellen. In lichten Wäldern, an Wegen, auf Trockenwiesen und Heiden sowie an Mauern und Gesteinen. Die Pflanze enthält Flavonoide und Cumarine, beispielsweise Umbelliferon und Skimmin, außerdem Gerbstoffe und andere Prinzipien. Interessanterweise induzieren die verschiedenen Hieracium-Spezies, wenn sie geraucht werden, psychoaktive Effekte, die denen des Hanfs in der Tat ähneln, jedoch deutlich milder sind. Als Giftpflanze kommt den diversen Hieracium-Arten keine Bedeutung zu, das heißt zu gut Deutsch: Sie sind nicht toxisch. Trotzdem wird das Gewächs von laienhaften Autoren im Internet zuweilen als „schwach giftig“ deklariert, was zum einen an der grundsätzlichen Anwesenheit von Cumarinen, zum anderen am Dosierungshinweis eingeweihter Drogenkundler liegen dürfte, der da heißt: viel Habichtskraut, viel Psychoaktivität. Angeblich ist die Pflanze für Schafe giftig, das berichten zumindest manche Quellen (siehe Rätsch 1998: 561). Otto Linné Erdmann schreibt jedoch schon 1892 im 9. Band des Journal für technische und ökonomische Chemie: „Die Schafe stellen dem Hieracium Pilosella sehr nach, wovon man sich leicht die Ueberzeugung verschaffen kann, wenn man Schafheerden, die auf sandigen Reviren weiden, wo diese Pflanze nicht selten in Menge vorhanden ist – beobachtet. – Aehnlich verhält es sich mit H. dubium“ (Linné Erdmann 1892: 63). Durchaus denkbar, dass auch die Schafe die euphorisierende Komponente des Habichtskrauts zu schätzen wissen und manch menschlicher Beobachter die auf den Verzehr der Pflanze folgenden Wirkungen auf die Tiere schlicht falsch interpretiert hat.

 

Weitere, zum Teil ebenfalls psychoaktive Hieracium-Spezies sind unter anderem Hieracium aurantiacum (das Orangerote Habichtskraut), Hieracium murorum bzw. sylvaticum (Wald-Habichtskraut), Hieracium umbellatum (das Doldige Habichtskraut), Hieracium caespitosum (Wiesen-Habichtskraut), Hieracium humile (Niedriges Habichtskraut) und viele andere. Es existieren, je nach botanisch-nomenklatorischem System zwischen 800 und 1000 Hieracium-Arten, die weltweit vorkommen. Hier erschließt sich dem Psychonauten und Freund psychoaktiver Rauchkräuter möglicherweise ein Gebiet, das noch für so manche Überraschung sorgen könnte. Die Habichtskrautarten unterliegen bislang keinerlei Bestimmungen.

 

TV-Tipp: In diversen Folgen der Drug Education Agency (DEA), dem Web-TV-Format für Rauschkunde, wird das Habichtskraut vorgestellt. www.youtube.com/user/DrugEducationAgency

 

 

Literatur:

 

Linné Erdmann, Otto (1892), Journal für technische und ökonomische Chemie, Leipzig: Johann Ambrosiums Barth

 

Marzell Heinrich (1947), Heil- und Nutzpflanzen der Heimat, Ensslin & Laiblin Reutlingen

 

Rätsch Christian (1998); Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, Aarau: AT-Verlag

2 Antworten auf „Habichtskraut – Heimische Entheobotanik

  1. Raskush

    Welchen Pflanzenteil kann man denn konsumieren, die getrockneten Blätter, oder eher die Blüten ? 🙂

  2. Ragnar R.

    @Raskush
    Du kannst die gesamte Pflanze rauchen. Schmeckt im Gesamten zwar beschissen, bringt aber den oben beschriebenen Effekt.
    Am Schlimmsten (wer hätte das gedacht?) schmeckt das Stängelmaterial.
    Ich habs mit Fermentation versucht zu verbessern. Aber das machte den Geschmack noch schlimmer.

    Du kannst es mit echter Katzenminze und Leonurus sibiricus mischen. Das macht die Wirkung besser und der ekelige Geschmack geht in der Mischung unter.

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