Sonntag, 27. August 2017

Gute Freunde kann niemand trennen

 

Seine Meinung –Sadhu van Hemp

 

 

Jan und Can waren ein starkes Team. Nichts konnte die beiden Freunde entzweien. Seit dem Kindergarten waren sie unzertrennlich denselben Weg gegangen – einen Weg, der von Anfang an steil abwärts führte und die beiden auf die schiefe Bahn brachte. Baute der eine Mist, so tat es ihm der andere gleich, denn geteilte Schuld ist halbes Leid. Wie es sich für schwererziehbare Kinder gehört, lieferten die Jungs eine Bilderbuchkarriere schulischen Versagens ab, begleitet von unzähligen Jugendstrafen, die ihnen den Aktenvermerk „Intensivstraftäter“ einbrachte.

 

Doch so richtig entsprachen sie nicht dem Klischee des jugendlichen Gangsters. Jan und Can raubten keine Omas und Kinder aus. Sie waren nicht die Chefs einer Bande, die Autos und Kioske knackte oder kleine Mädchen auf den Babystrich schickte. Nein, das erste richtige Schwerverbrechen, das die beiden gezielt und in vollem Unrechtsbewusstsein begingen, war der Kauf eines Tütchens Gras und das anschließende Verdampfen des verbotenen Grünzeugs. Bereits der erste Joint brachte die Polizei auf den Plan, die die pubertierenden Buben den Mühlen der Justiz zuführte.

 

Alle Versuche, die Knaben zur Einsicht zu bringen, dass der Mensch nur dann ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft ist, wenn er die Finger vom Hanf lässt, bewirkten jedoch nur das Gegenteil. Jan und Can wollten keinesfalls wertvolle Mitglieder einer Gesellschaft werden, die ihnen das Jointrauchen verbietet und sie in das Korsett der Unfreiheit pressen will. Und so folgte Strafanzeige auf Strafanzeige wegen des Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz. Mit jeder Verurteilung wuchs in den Jungs die Erkenntnis, dass sie genau das Richtige taten und gänzlich frei von Schuld sind. „Ich bin kein Reichsbürger“, ranzte Can bei der letzten Verurteilung die Richter und Schöffen an. „Trotzdem erkenne ich dieses Gericht nicht an. Sie sprechen kein Recht, sondern Unrecht. Das Hanfverbot verstößt gegen die Menschenrechte.“

 

Als die Einweisung in die Irrenanstalt drohte, fassten die beiden Freunde den längst überfälligen Entschluss, den Lebensmittelpunkt nach Berlin zu verlegen und gänzlich im Drogensumpf abzutauchen. Unterschlupf fanden sie bei Jans Großvater, einem alleinstehenden Alt-68er, der in einer viel zu großen Wohnung in Kreuzberg lebte und ein Herz für Kinder hatte.

 

„Wie alt seid ihr? Zwanzig?“, fragte der alte Mann die Grünschnäbel. „Mensch, in eurem Alter, hatte ich bereits mein Studium abgebrochen und war Mitglied des Zentralrats der umherschweifenden Haschrebellen. An jeder Hand hatte ich zwei Mädels, die Kinder von mir wollten. Und ihr zwei Pappnasen? Habt ihr gar keine Bräute? Oder seid ihr zwei Hübschen ein Paar?“

„Aber nein, Opa“, verwahrte sich Jan gegen die Unterstellung. „Wir sind nicht schwul. Frauen passen nur nicht zu uns. Immer wenn sich einer von uns mit einem Mädel einlässt, gibt es nur Stress. Auf Frauen ist kein Verlass. Meine letzte Freundin hat uns sogar verraten und der Polizei ans Messer geliefert, weil sie eifersüchtig auf unsere Freundschaft war.“

Der Großvater nickte verständig und erwiderte: „Ja, so ist das mit den Weibern. Bereits Demokrit wusste, dass Frauen mehr als der Mann darauf erpicht sind, Bosheiten auszuhecken. Ja, Männer, hütet euch vor den Frauen! Beherzigt die Worte von Elizabeth Taylor: Eine Frau tut, was der Mann will, wenn er verlangt, was sie wünscht.“

 

Der Großvater hatte aber noch andere wertvolle Ratschläge, die er den beiden Neuberlinern ans Herz legte: „Hört zu, Kameraden! Ist ja schön und gut, dass ihr euch hierher geflüchtet habt. Aber den ganzen Tag abhängen und kiffen, kann ich nicht dulden. Entweder ihr startet noch einmal eine Bildungsoffensive, geht zur Abendschule und studiert anschließend, oder ihr macht euer Hobby zum Beruf. In zweitem Fall kann ich euch eine Lehrstelle bei einem Bekannten vermitteln, der im Cannabisgewerbe aktiv ist und ständig engagierte Mitarbeiter sucht.“

 

Da Bildung für die beiden Knaben nicht in Frage kam, da sie ihr Wissen ausschließlich aus dem Smartphone bezogen, entschieden sie sich für die zweite Eingliederungsmaßnahme. Und der Job passte wie die Faust aufs Auge. Der Bekannte betrieb einen Monstergrow in einem nie fertig gestellten und vergessenen U-Bahntunnel. Jans und Cans Aufgabe war, von der Pieke auf das Hanfgärtnern zu lernen. Langfristiges Ausbildungsziel war, die Jungs in allen Bereichen des Cannabisbusiness’ fit zu machen. Auch ein Praktikum in Marokko und diverse Prüfungen im internationalen Haschischschmuggel wurden in Aussicht gestellt.

Erstmals in ihrem Leben erfuhren die beiden Freunde so etwas wie Anerkennung. Die Kollegen der Großgärtnerei empfingen das Duo mit offenen Armen und unterstützen die Neulinge nach allen Kräften. Es war wie im Paradies: Gras ohne Ende, Geld ohne Ende und weit und breit kein Mensch, der ihnen Böses wollte. Binnen kürzester Zeit entwickelten sich die Milchbubis im Großstadtdschungel zu erwachsenen Männern, die vor Selbstbewusstsein strotzen und sich zu eigenständigen Persönlichkeiten entwickelten.

 

Das blieb der Frauenwelt natürlich nicht verborgen. Can erwischte es zuerst. Es geschah an einem Frühlingstag, als er für Jans Opa ein bestelltes Buch abholte. Plötzlich sprach ihn eine junge Frau von der Seite an, zeigte auf das Buch in seiner Hand und sagte. „Wie? Du liest Shakespeare? Erstaunlich für einen Mann. Und das in deinem Alter! Studierst du auch Literaturgeschichte?“

Can, der noch nie in seinem Leben ein Buch gelesen hatte, fühlte sich ertappt, als beginge er gerade eine Straftat. Paralysiert von dem Anblick der jungen Frau nickte Can und die Lüge nahm wie von selbst Gestalt an. Ehe er sich versah, saß er auch schon mit der Studentin im Café, hörte brav zu und schwieg vornehm.

„Ich liebe Männer, die kultiviert sind“, flüsterte ihm die junge Frau ins Ohr. „Die meisten Typen sind doch nur Hohlköpfe, die von nichts eine Ahnung haben und den lieben, langen Tag kiffen und dröge abhängen. Du bist der erste Mann, der anders ist.“

Kaum zwei Stunden später waren Can und die schöne Studentin ein Paar.

 

Als Can am nächsten Morgen nach Hause kam, herrschte helle Aufregung. „Wo warst du, Alter?“, bellte ihn sein Busenfreund an. „Dachte schon, die Bullen hätten dich einkassiert. Warum gehst du nicht an dein Handy? Wo warst du? Jetzt sag bloß nicht, bei einer Frau!“

Cans Geständnis, dass er sich Hals über Kopf in eine Studentin verliebt hatte und diese zu heiraten beabsichtigte, war wie ein Schlag ins Kontor. „Das geht nicht, Alter,“ wehrte sich Jan. „Damit zerstörst du nicht nur unsere Freundschaft, sondern alles, was wir uns aufgebaut haben. Eine Frau darf nicht zwischen uns treten. Du weißt, das gibt nur böses Blut!“

 

Doch Can ließ sich nicht eines Besseren belehren und stand zu seiner neuen Liebe. Und es kam, wie es kommen musste: Er wurde unzuverlässig, kam müde zur Arbeit und hatte keine Zeit mehr fürs gemeinsame Bongrauchen. Die Männerfreundschaft stand kurz davor, wegen einer Frau zu zerbrechen. Verzweifelt bat Jan seinen Großvater um Rat, wie die Frau aus Cans Leben zu entfernen ist.

„Da hilft nur ein Konkurrent“, plauderte der alte Mann aus dem Nähkästchen. „Ein Schönling, der intelligent ist, muss her. Und damit meine ich nicht dich, sondern ein gestandenen und gepflegten Mann mit Manieren. Also das ganze Gegenstück von euch beiden.“

„Und wo bekommt man so einen Helden her?“, fragte der Enkel nach. „Ich wüsste jetzt keinen, der uns das Wasser reichen kann.“

„Aber ich“, erwiderte das Großpapachen. „Ich kann euch helfen. Lade die beiden doch morgen zum Abendessen ein. Ich organisiere da was.“

 

Und tatsächlich, am nächsten Abend wurde groß aufgetischt. Der Opa war frisch rasiert, frisiert und manikürt und hatte sich in Schale geworfen. Cans Freundin war entzückt von dem, was der alte Herr ihr zu Ehren veranstaltete. Als sich die Abendgesellschaft zur Tafel begab, die nur für vier Personen gedeckt war, begriff Jan, dass der Großvater sich meinte, als er von einem „intelligenten Schönling mit Manieren“ sprach.

„Wie jetzt? Du, Opa?“, bellte er den Lustgreis an. „Ich dachte …“

„Ja, was?“ brummte der alte Herr. „Was dagegen? Soll ich, oder soll ich nicht?“

So geschah das, was weder Can noch Jan in ihren breiten Köpfen je für möglich gehalten hätten. Der betagte Galan zog das Mädchen in seinen Bann, plauderte von klassischer Literatur, Musik und Malerei und kehrte den Gentleman der ganzen alten Schule heraus.

„Soll ich Ihnen mal meine Privatsammlung erotischer Aquarelle zeigen? Kommen Sie, gnädiges Fräulein!“, er nahm ihr Händchen und geleitete sie zu Tür. „Sie werden staunen.“

 

Zurück blieben zwei einsame Männerherzen. Verdattert sahen sie einander an. Dass der Opa soeben ihre innige Männerfreundschaft gerettet hatte, dessen wurden sie sich nicht gewahr.

„Ich glaube…“, sagte Jan und legte die Hand über Cans Schulter. „Ich glaube, die Tante kannst du vergessen. Die treibt es jetzt mit meinem Opa.“

„Ja, was für eine miese Schlampe“, stammelte Can mit Tränen in den Augen. „Und ich Idiot dachte …“

 

„Lass sein! Nicht denken! Das bringt nichts“, tröstete Jan den Freund. „Du weißt doch: Frauen sind wie Elektrizität – fasst man sie an, kriegt man eine gewischt.“

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