Sonntag, 23. Juli 2017

Sind Kiffer die etwas anderen Menschen?

Seine Meinung

 

 

Sadhu van Hemp

 

Wer Ganja raucht, gilt als Loser und Faulpelz. An dem Klischee mag etwas dran sein, doch übersehen wird, dass Kiffer alle Voraussetzungen für ein langes Leben erfüllen. Hast und Eile sind kiffenden Menschen fremd, denn in der Ruhe liegt die Kraft. Und die ist heutzutage mehr als nötig, um sich nicht von flüchtigen Verlockungen und Reizen mitreißen zu lassen, die zu Maßlosigkeit und Schnelllebigkeit verleiten. Kiffer horchen erst einmal in sich hinein und lauschen der inneren Stimme, die erst dann befiehlt, wo es lang geht, wenn es auch passt. Anders als andere lassen sich Hänflinge nicht gerne antreiben – schon gar nicht von Autoritäten, die sich dazu berufen fühlen, anderen Menschen vorzuschreiben, wie sie zu funktionieren haben.

 

Der Mensch ist ein Herdentier. Wie ABC-Schützen nehmen sich Gottes Kinder gegenseitig fest an die Hand – geführt von Herrschern, die aus der Summe der Erfahrungen und Überlieferungen über den Daumen peilen, welcher Weg der richtige ist. Um sich nicht gänzlich auf der Odyssee durchs zeitlich limitierte Leben zu verirren, dient dem Menschen seit Urzeiten der Glaube an Götzen, die über alles wachen und die Schäflein in ein religiöses Korsett pressen. Ausreißer werden verfolgt und eingefangen, um die Herde beisammen zu halten. Bis heute ist der liebe Gott allgegenwärtig, ob in Belfast, Fulda oder Mekka. Kaum ein Mensch auf diesem Planeten kann sich vor Gott und seinen Dienern sicher fühlen. Wer entgleist, bekommt ungehend die unsichtbare Hand zu spüren, die aus dem Himmel nach uns greift, am Nacken packt und wieder auf die Schmalspur setzt.

 

Was wäre, wenn Gottes Hand nicht führen würde, ist nur schwer vorstellbar, da die Naturvölker, die ohne Götzen auskommen, rar gesät oder ausgestorben sind. Eine komplett gottlose Gesellschaft findet sich nicht einmal in Nordkorea, wo es neben den Anhängern der buddhistischen und konfuzianischen Morallehre noch immer praktizierende Christen gibt. Inwieweit die Welt ohne Glaubenslehren friedlicher und gerechter wäre, lässt sich also nicht abschätzen. Zumal die Einteilung der Menschen in Herr und Sklave kein Alleinstellungsmerkmal der Religionen ist. Sich über den anderen zu erheben, ihn zu unterdrücken und das Recht des Stärkeren auszuüben, ist allzumenschlich und ganz darwinistischer Natur. Die besten Voraussetzungen für ein langes und erfülltes Leben hat der am besten angepasste Mensch, der sich den Gesetzen des Schwarms unterwirft und sich mit der ihm zugewiesenen Rolle arrangiert.

 

Doch wer ausschließlich Zeit und Mode dient, um in der Gemeinschaft reibungslos zu funktionieren, verliert das Geschick, selbst zu bestimmen, wohin und in welchem Tempo es mit dem Leben geht. Wie an der Strippe gezogen hechelt Otto-Normal-Verbraucher den Trends nach, die ihm Glück und Glückseligkeit versprechen. Heute ist auch nicht mehr Gott allein dafür zuständig, die Schäflein zu hüten und ihnen die Frage nach dem Sinn des Lebens zu beantworten. Das moderne Herdentier benötigt statt langer Moralpredigten eine kurze, knappe Ansage, was für ihn und die Gemeinschaft gut ist. Statt auf der Holzbank in der Kirche wird das Menschenkind in den Konsumtempeln seelsorgerisch betreut. Den Segen erteilt nicht mehr der Pfarrer, sondern der Fitnesstrainer in der Muckibude. Statt frommer Sprüche von der Kirchenkanzel gibt`s heute frohe Botschaft von der Werbeindustrie, die weiß, was dem Menschlein fehlt, damit es glücklich und zufrieden ist – und Ruhe gibt. Und Ruhe ist nun mal erste Bürgerpflicht, um die Herde zusammenzuhalten.

 

Auch wenn die Menschen glauben, sie seien so frei, frei zu sein – sie sind es nicht. Zwar dominieren nicht mehr Kirchtürme die Skyline der Dörfer und Städte, doch dafür ragen andere Tempel bis in den Himmel, die die Gläubigen beschatten und einschüchtern. Statt von Klerikern werden die Bürger heute von Geldaristokraten klein und unmündig gehalten. Wie Aufziehpuppen tanzen sie nach der Pfeife der Privilegierten, in dem Irrglauben, genug Demut vor dem irdischen Besitz anderer sei der Mehrwert des eigenen Daseins.

 

Selbstverständlich sind die, die diesem Glauben nicht praktizieren, Sünder und Paria, Revoluzzer und Träumer. Wer seine Zeit damit verbringt, Löcher in Luft zu gucken, stört die verordnete Symmetrie der Gemeinschaft. Das unentwegte Streben nach mehr und noch mehr verlangt den Gleichschritt – und das im Schweinsgalopp. Menschen, die sich Zeit nehmen, in Muße leben und sich des Konsumzwangs enthalten, sind unerwünscht und entsprechend zu disziplinieren. Der Mensch hat im Takt zu laufen, und je schneller das Metronom pendelt, desto größer die Chance, am Ende seines fremdbestimmten Seins festzustellen, dass man das Leben einer Eintagsfliege geführt hat.

 

Was von solch einer Existenz übrigbleibt, ist ein Fall für den Pflegedienst. Früher sind die Menschen an harter Arbeit, Seuchen und Hungersnöten zugrunde gegangen. Heute sind es die Folgeerkrankungen eines rasanten und maßlosen Lebens. Herzkreislaufversagen ist Todesursache Nummer eins in der modernen hektischen Welt, die den Menschen wie in einem Hamsterrad laufen lässt – und das ohne Pause. Und wer nicht dem Herzkasper erliegt, dem brennen die Sicherungen durch. Statt des überforderten Körpers kollabiert der unterforderte Geist, der auf die Ohnmacht und Sinnlosigkeit der eigenen Existenz mit einem Generalstreik der sieben Sinne reagiert.

Wer frühzeitig schlapp macht, hat es an notwendiger Selbstoptimierung fehlen lassen oder die falschen Tranquilizer eingenommen. Der Groschen, dass nicht die ständige Verfügbarkeit und Bereitschaft zu Höchstleistung, sondern ein entschleunigter Gang durchs Leben die Erfüllung bringt, will nicht fallen. Die Getriebenen der modernen Welt fürchten nichts mehr, als friedlich und not available dem Müßiggang zu frönen, denn sie könnten ja etwas verpassen und sich langweilen. Einfach mal aus- und abschalten ist undenkbar für die digitalisierte Generation, bei der alles „to go“ ist, um im Wettlauf um ein paar zugestandene materielle Werte mitzuhalten.

 

Die getitelte These, dass Kiffer die etwas anderen Leute sind, ist angesichts der Matrix, in der der moderne Mensch dahinlebt, fraglos etwas steil. Zu Cheech und Chongs Zeiten war es vielleicht noch zutreffend, dass Hasch- und Marihuanaraucher grundsätzlich außerhalb des Hamsterrades verweilen und entspannt zuschauen, wie sich die anderen für reichlich wenig Glück abrackern. Seinerzeit galt Haschisch noch als die „Hefe des Denkens“ (Wolfgang Neuss), und viele Kiffer hatten dazu noch das nötige Rüstzeug im Kopf, das die psychoaktive Tragweite der „heiligen Pflanze“ erfasste. Wer kiffte, der meditierte, fühlte und dachte anders – und war nicht bereit, sich von denen vereinnahmen zu lassen, die dem Menschen Konformität abverlangen.

 

Heute mag es noch viele, sehr viele dieser entsagenden Menschen geben, die sich den weltlichen Zwängen soweit wie möglich entziehen und lieber rauchend im Kreis Gleichgesinnter entspannen. Doch in einer Welt, deren „Gott“ den Menschen das Paradies auf Erden vorgaukelt, werden die „dichten Denker“ aussterben. Die Zeit des Körperkults wird die stillsitzenden Kopfmenschen überleben. Der Kiffer 3.0 will nicht mit dem Gehirn als Übergepäck, sondern nur mit seinem optimierten Körper reisen – und das pauschal und all inclusive mit WLAN und Animationsprogramm. Und wenn doch mal so etwas wie ein Gehirn gebraucht wird, dann reicht ein Smartphone, das einem das Denken abnimmt.

2 Antworten auf „Sind Kiffer die etwas anderen Menschen?

  1. rainer sikora

    Ich würde sagen ja.Ich rechne bei Kiffern mit mehr Durchblick und Durchschauen bei Propaganda die täuscht und manipuliert.Außerdem kommt es bei Cannabiskonsum zu mehr innerer Einkehr.

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