Sonntag, 30. April 2017

Beyond the Pale!

 

 

Von Cops, Weed und spacigen Tunes bei amerikanischen Jam-Band-Konzerten

 

Christian Rausch

 

Klar, jeder Rockstar hat so seine Allüren und die allermeisten von ihnen greifen auch zu verbotenen Substanzen, gar keine Frage. Der Hang zum Rausch mag verschiedene Gründe habe. Entweder kommen die erfolgreichen Musiker mit dem auf ihnen lastenden Druck nicht klar oder sie sind eben kleine Suchtnasen, die das Naschen am Baum der verbotenen Früchte nicht sein lassen können.

 

 

Gemeinsam ist beinahe allen Bands aus der Epoche des Sommers der Liebe 1968, dass sie sich Pot und LSD, den sogenannten weichen Drogen, verschrieben haben. Insbesondere die legendäre US-amerikanische Band „The Grateful Dead“ hat eine jahrzehntelange Drogenkarriere hingelegt, die wohl ihresgleichen sucht. Aber damit noch nicht genug, denn die eingefleischten Fans dieser Band, die sogenannten „Deadheads“ stehen ihren Rock & Roll-Idolen wirklich in nichts nach. Denn es gibt kaum eine Crowd, sie so verstrahlt zu den Shows geht, wie die wahren Deadheads – und dabei spielt es so gut wie keine Rolle, ob es sich um eingefleischte Veteranen handelt, die bereits 70 Jahre überschritten haben oder ob es sich um so genannte Newcomer handelt, die gerade mal 21 geworden sind und deshalb gerade einmal das Mindestalter für die Shows besitzen.

 

Jerry Garcia, der Mitte der 90er Jahre verstorbene Bandleader und Gitarren-Gott hat das totale Bekifft-Sein bei einer Show vor einem Publikum, das in die Tausende ging, einmal so genannt: „It’s beyond the pale!“ Damit meinte er eine Stufe der Transzendenz und der Bewusstseinserweiterung, die durch intensives Kiffen (und durch LSD oder Pilze) herbeigeführt werden sollte und die den Menschen zu einem besseren Menschen macht. Leider ist Jerry aber nicht nur bei seinem geliebten Pot und LSD geblieben, sondern er entwickelte insbesondere in den letzten Jahren seines Lebens eine veritable Heroin-Sucht (er rauchte es wohl die meiste Zeit auf Alufolie), die letztlich zu seinem frühen Tod führte.

 

Auch die wirklichen „Deadheads“ sind wahrhaftige Polytoxikomanen, auch wenn sie in der Summe eindeutig einen Trend zum Kiffen besitzen. Die beiden der prominentesten noch lebenden Bandmitglieder von Grateful Dead, nämlich Bob Weir und Phil Lesh, haben in mehreren Interviews ihren umfangreichen, allumfassenden Drogenkonsum zugegeben (Phil hat sich beispielsweise in den 60er Jahren Koks und Heroin gespritzt und dadurch eine Hepatitis C Erkrankung eingefangen: nur eine Lebertransplantation hat ihm in den 90er Jahren das Leben gerettet), aber sie warnen zugleich ihre Fans davor, die Finger von den „harten Drogen“ zu lassen. Beide betonen aber unisono, dass vor allem Weed ein Geschenk von Mutter Natur sei, es den Menschen helfe zu besseren Menschen zu werden und Grenzen zu überschreiten, was für die Persönlichkeitsentwicklung immens wichtig sei. Zugleich hat eine wissenschaftliche Studie aus Colorado, wo Gras seit einiger Zeit für alle legalisiert ist, bewiesen, dass insbesondere junge Menschen nicht mehr so viel kiffen wie vor der Legalisierung (wobei allerdings gleichzeitig die Dispensaries in Colorado Rekord-Umsätze zu verzeichnen haben). Verliert das Gras durch die Legalisierung den Nimbus des Unerlaubten, des Geheimnisvollen und verliert somit seinen Reiz?

 

Machen wir doch einfach mal die Probe aufs Exempel mit eben jener besagten Band (beziehungsweise einer Abspaltung von ihr: Phil Lesh & Friends), wobei es ebenso gut jede andere amerikanische Jam-Band wie Phish hätte sein können. Was passiert, wenn zum Beispiel Phil Lesh (Grateful Dead Bassist) & Friends ein Konzert in einem US-Bundesstaat absolvieren, in dem bereits medizinisches und Freizeitmarihuana legalisiert ist? Vorneweg: Es ist an sich kaum denkbar, dass der Marihuana-Konsum im Vergleich zu Grateful-Dead-Konzerten zu Zeiten der US-landesweiten Marihuana-Prohibition noch zu steigern wäre, denn dort wurde bereits gekifft, was das Zeug hält. Allerdings häufig genug mit fatalen Konsequenzen, denn es gab massenhaft Verhaftungen, Geld- und Gefängnisstrafen wurden ausgesprochen und manchmal musste die Polizei sogar vor den Konzerten die „Deadheads“ mit Wasserwerfern bearbeiten, indem sie mit Reizgas vermischtes Wasser auf die aufgebrachte Menge sprühte, da die „Deadheads“ wegen der unzähligen Polizeischikanen aufgebracht waren. Das veranlasste einen bekannten Radio-Moderator zu dem Witz, dass die „Deadheads“ ausnahmsweise einmal vor dem Konzert rötere Augen als danach gehabt hätten.

 

Doch zurück zum Hier und Jetzt. Phil Lesh, der letzten Monat 77 Jahre alt geworden ist, spielt mit seinen Freunden, der äußerst erfolgreichen Band „The Black Crowes“ – mit über 35 Millionen verkauften Alben! – in der Brooklyn Bowl in Sin City, also Las Vegas, ganz unweit des berühmt berüchtigten Strips. Und im US-Bundesstaat Nevada ist seit Januar 2017 auch das sogenannte Freizeit-Marihuana legalisiert worden. Aber natürlich ist es verboten, dies in der Öffentlichkeit zu rauchen. Doch als ich mich vor Konzertbeginn vor der Venue Brooklyn Bowl unter die „Deadheads“ mische, spüre ich tatsächlich eine Veränderung gegenüber früheren Grateful Dead Konzerten. Denn damals wurde nicht offen und direkt vor der Konzerthalle oder dem Stadion gekifft. Hin und wieder gönnten sich die „Deadheads“ auch zu jenen Zeiten einen Zug aus einem Chillum, einer Bong oder einer als Selbstgedrehte getarnten Tüte. Aber alles sehr heimlich, klandestin und darauf bedacht, nicht allzu sehr aufzufallen. Doch hier im Februar 2017 herrscht eine andere Stimmung. Da wird offen Marihuana in allen möglichen Varianten geraucht, Tüten gebaut und – etwas heimlicher – kleine Plastiktütchen getauscht, um sich nicht den Vorwurf des Dealens einzuhandeln. Und das alles vor den Augen der Staatsmacht, die zahlenmäßig doch recht ordentlich vertreten ist und die „Deadheads“ genau im Blick behält.

 

Aber das stört jetzt wie gesagt kaum jemanden mehr und die „normalen“ Las-Vegas-Besucher aus dem Midwest, die hier vorbeikommen, staunen Bauklötze, dass ein in ihren Augen so verwerfliches Verhalten offensichtlich von staatlicher Seite toleriert wird. Das einzige, was die Polizei machen könnte, ist die Übeltäter wegen der Ordnungswidrigkeit zu belangen, in der Öffentlichkeit und nicht in den eigenen vier Wänden gekifft zu haben. Das lohnt wohl den Aufwand nicht, denn hierfür muss einiges an Papierkram erledigt werden, den die US-Bullen wohl scheuen und das Bußgeld ist wohl kaum der Rede wert.

 

In der Konzerthalle gilt natürlich ein verstärktes Rauchverbot, denn ähnlich wie in Europa ist in den Vereinigten Staaten von Amerika das Rauchen in den allermeisten Gebäuden strengstens untersagt. Früher wurden die meisten Joints bei Dead-Shows erst beim allerersten Lied angezündet, doch nicht so jetzt. Auch schon vor der Show kreisen unzählige Joints usw. und die „Deadheads“ sind natürlich entsprechend gut drauf, wer wäre das nicht? Als Phil und die „Black Crowes“ den Opener „Uncle John’s Band“ anstimmen, entzünden tatsächlich unzählige Konzertbesucher ihre Pfeifen, Tüten, Chillums und Bongs. Die bis auf den letzten Platz gefüllte Brooklyn Bowl besitzt eine Kapazität von 2.000 Zuschauern und ich schätze, dass jetzt etwa jeder fünfte dieser Besucher sein Weed anzündet. Das ist der Hammer – sogar verglichen mit den bereits zuvor beschriebenen beinahe schon paradiesischen Zuständen früherer Grateful Dead Konzerte. Und ohne jemandem in Europa zu nahe treten zu wollen, aber die staatlich kontrollierte Qualität des US-Grases ist einfach der Hammer.

 

Beinahe ohne Unterlass kriege ich von allen Seiten Joints angeboten. Uff, das haut irgendwann selbst den stärksten Seemann von den Socken. Und das Phänomen ist auch tatsächlich überall zu beobachten, wie bei so vielen Grateful Dead Konzerten: Ohne ein Anzeichen der Vorwarnung kippen einige der Konzert-Besucher wie ein nasser Kartoffelsack um und die Security und Sanitäter kümmern sich aufopferungsvoll mit kaltem Wasser und Eiswürfeln um das Wohlergehen der zahlenden Gäste – übergeben sie aber auch manchmal an die Staatsmacht, was dann wiederum einen bitteren Beigeschmack erhält. Dann nähert sich Musik auch dem umnebelten geistigen Zustand der meisten Zuschauer an. Die Band stimmt ein Medley aus unglaublich spacigen Tunes an, das von weit entfernten Galaxien menschlicher und kosmischer Universen handeln und beinahe eine ganze Stunde lang dauert.

 

Hier zeigt sich eine unglaubliche Konvergenz von Musik und Weed und Pilzen und und und … Das Individuum erhält durch den Rausch und die passende Musik den Eindruck mit allem zu verschmelzen: mit dem Sound, den Lichteffekten und den anderen wunderbaren Individuen um einen herum. Die „Deadheads“ tanzen vollkommen organisch mit kreisförmigen und ineinander zu verfließend scheinenden Bewegungen. Und es scheint so, als ob sich die Deadheads in Sachen Gastfreundschaft und im Teilen des Grases gegenseitig überbieten wollen. Immer wieder kriege ich Joints angeboten – immer mit einem freundlich bis weggebeamten Lächeln. Manche lachen offen dabei und geben mir den gut gemeinten Ratschlag mit auf den Weg, dass das Hammer-Killer-Weed sei. Klar, stimmt auch, das meiste verkostete Zeug ist der absolute Oberknaller. Kein Wunder, denn in den USA sind Züchtungen mit weit über 15% THC keine Seltenheit. Und das sind Werte von denen so mancher niederländische Coffee-Shop-Besitzer nur träumen kann. Und irgendwann geht auch mir die Puste aus. Noch drei weitere tüchtige Züge und irgendwann zieht es mir einfach den Boden unter den Füßen weg und ich bin heilfroh, dass ich es gerade noch zur Wand schaffe, um mich dort anzulehnen. Aber zum Glück bin ich in guter Gesellschaft, denn links und rechts von mir hängen schon einige Gras- und „Sonstwas-Leichen“, die bestimmt auch nicht sehr viel besser aussehen als ich.

 

Verdammt, was würde ich jetzt alles für ein eiskaltes Bier oder ein einfaches Eiswasser geben, aber ich schaffe es nicht mehr hoch, geschweige denn an die Bar. Andere haben mehr Stehvermögen oder noch nicht so viel intus, denn sie tanzen weiter und rauchen dabei ihre Tüten, als ob es sich dabei um Schokoladenzigaretten handeln würde. Ich schließe die Augen und beruhige mich, denn es ist klar, ich will hier mit heiler Haut raus. Denn trotz aller Legalisierung von Gras habe ich auf Sanitäter und/oder Bullen trotz reichlich umnebelter Birne und sehr unklarem Verstand überhaupt keinen Bock – das versteht sich ja von selbst. Verdammt denke ich, Grateful Dead Konzerte waren schon immer etwas ganz besonderes. Und nach jedem Konzert war ich so was von bekifft, dass es mir schwer fiel, den Heimweg anzutreten beziehungsweise meine Zuhause zu finden. Aber diese Show hat mir gezeigt, was eigentlich zu beweisen war: Es geht immer noch besser, höher und weiter, zumindest im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Und insofern hat Jerry Garcia auch heute noch recht mit seinem Ausspruch: „It’s beyond the pale!“

 

Und die beste Nachricht lautet: Bob Weir’s „Dead & Company“ haben eine Sommer-Tournee mit über 20 Shows angekündigt. Und die führt natürlich durch Staaten wie Colorado und Nevada, in denen Marihuana schon legalisiert sind. Und was da zu erwarten steht, ist mir jetzt schon irgendwie klar. Und da handelt es sich nicht um Konzerte in Hallen, sondern in riesigen Football-Stadien, die Zehntausende von Zuschauern umfassen. Und was da dann in Sachen Kiffen abgeht, das will ich im Moment eigentlich gar nicht so wirklich wissen, so weggebeamt wie ich jetzt bin. Oder aber eigentlich schon. Denn der nächste Tag folgt bestimmt. Und dann folgt auch wieder der Wunsch nach der nächsten Tüte – am besten in Einklang mit dieser wunderbaren Musik, die für die Ewigkeit gemacht zu sein scheint. Und wenn Bob Dylan dieses Jahr den Literaturnobelpreis gewonnen hat, dann wäre der wichtigste Band-Dichter von „The Grateful Dead“, Robert Hunter, wohl der nächste geeignete Kandidat.

3 Antworten auf „Beyond the Pale!

  1. Rainer Sikora

    Marihuana und LSD sind zwar weich, aber das eine ist eine Droge das andere eine Synthetische Substanz.In einem Atemzug genannt könnte bei einigen ,die den Artikel ausversehen lesen, der Eindruck entstehen beides ist gleich.

  2. Thomas

    Der beste Jugenschutz besteht in der Legalisierung von Cannabis. Denn wie sagte schon Bart Simpson als sich Marge für seine japanischen Spielfiguren zu interessieren begann: „Wenn es erstmal mamifiziert ist, ist es total uncool“. Entmystifiezierung ist das Zauberwort.
    @Rainer. Naja, diejenigen die auf solche Schlüsse kommen, halten sich bestimmt nicht auf dieser Seite auf. Eher auf AfD.TV, t-online oder oder der Bild-Homepage. 😉 Von daher mußt du Dir also keine großen Sorgen machen.

  3. Heino Ha

    Tolle Story da weden die 60er/70er Jahre gut beschrieben Bin in den 70er gross geworden mit 16 meinen ersten Joint das war mitte der 70er. Das waren noch Zeiten

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