Sonntag, 1. Januar 2017

(P)Review 2016/2017

 

Was war – was kommt

 

Grafik: Lukas

 

Sadhu van Hemp

 

Die letzten 366 Tage ergaben in der Summe kein gutes Jahr für den Hanf in Europa. Nicht ein einziger Cannabiskonsument zwischen Bosporus und Spitzbergen wurde von den Fesseln der Prohibition befreit. Vielmehr wurden die Daumenschrauben angezogen – besonders in Osteuropa, wo ein eisiger rechtsnationaler Wind weht und von der Polizei geduldete Schlägertrupps Hetzjagd auf alles machen, was nicht ins „völkische“ Bild passt. Wer in Warschau, Minsk, Kiew, Budapest oder Moskau Gesicht zeigt, muss damit rechnen, dieses nebst ein paar Zähnen zu verlieren. Vorläufig letztes Opfer der repressiven Drogenpolitik ist ein Reggaemusiker in Weißrussland, der im Dezember wegen angeblichen Handels und Besitzes von 57 Gramm Cannabis bzw. Haschisch zu neun Jahren Zuchthaus verknackt wurde.

 

Auch in Westeuropa kriechen sie aus allen Ecken und Ritzen, die Ultra-Nationalisten und Rassisten. Vorläufiger Höhepunkt des Rechtsrucks in Europa war der von der nationalkonservativen UKIP-Partei angezettelte Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union. Statt sich konstruktiv den Herausforderungen eines vereinigten Europas zu stellen, ziehen die Briten den Schwanz ein und setzen auf eine rückwärtsgewandte Zukunft. Und dass in dieser von den Brexit-Freaks angestrebten Zukunft der Hanf keinen Platz hat, versteht sich von selbst, da die illegalisierte Pflanze stellvertretend für all das steht, was nach konservativem Weltbild böse ist. Und dazu zählt Multikulturalismus und Political Correctness. Kurz gesagt, die Untertanen des Empires wollen unter sich bleiben und in die gute alte Zeit zurückfinden, als die Frau noch dem Mann diente, der Neger noch Neger war und der Hänfling als Häftling im Tower of London aufbewahrt wurde.

 

Was in Großbritannien bittere Realität ist, also die Spaltung der Bevölkerung in Gut und Böse, gärt ebenso auf dem Kontinent. Auch auf der anderen Seite des Ärmelkanals sind sie auf dem Vormarsch, die Ewiggestrigen, Rassisten und Faschisten. Die Jahrzehnte subversiver Sabotagearbeit an den Grundfesten unserer zivilisierten und demokratischen Gesellschaft scheinen sich auszuzahlen. 2017 wird sich zeigen, wie stabil die Fundamente der Europäischen Union sind. So einige Parlamentswahlen stehen ins Haus, und die rechtsextremen Parteien haben gute Chancen, die europamüden Verlierer der „asozialen Marktwirtschaft“ dazu zu verführen, den Verstand in der Wahlkabine auszuschalten und en passant die Demokratie ganz demokratisch in eine Ochlokratie umzuwandeln – also dem Pöbel die Macht zu geben.

 

Los geht’s im März, wenn die Niederländer zur Urne schreiten und ihrem Frust über die politischen Eliten Ausdruck verleihen werden. Aussichtsreicher Kandidat auf das Amt des Ministerpräsidenten ist ein rechtskräftig verurteilter Volksverhetzer und Rassist. Geert Wilders heißt die Kanaille, die zwischen Maastricht und Schiermonnikoog mit der Partij voor de Vrijheid ein Ein-Mann-Regime installieren will, das mit Freiheit und Freizügigkeit soviel am Hut hat wie die Oligarchen und Autokraten, die in Osteuropa alle Rechtsstaatlichkeit aushebeln.

Im Mai folgt die nächste Nagelprobe bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich. Nach letzten Umfragen werden sich zwischen 30 und 35 Prozent der Wähler für den rechtsextremen „Front National“ entscheiden. Auch diese politische Vereinigung bedient sich des Führerprinzips, das ähnlich wie in Nord-Korea funktioniert, wo das Zepter innerhalb der Sippschaft übergeben wird, wenn der Erblasser abtritt. Nachdem Jean-Marie Le Pen, der Führer der Partei und mehrfach verurteilte Intensivstraftäter, wegen Alterstarrsinn und geistiger Inkontinenz untragbar wurde, putschte sich seine Tochter Marine an die Parteispitze, um ganz in der Tradition ihres Vaters gegen alles zu hetzen, was antifranzösisch und multikulturell ist. Das 48-jährige Flintenweib träumt von einer Zeit, als noch die Guillotine einen festen Platz auf den Marktplätzen hatte und Frauen, die selbstbestimmt leben wollten, auf dem Scheiterhaufen eines Besseren belehrt wurden.

 

Nicht ganz so heftig weht der nationalistische Wind in Spanien und Italien. Zwar löst eine Regierungskrise die nächste ab, dennoch halten sich die links- und rechtsbürgerlichen Lager die Waage. Einen Anti-Europa-Kurs will noch niemand fahren, wohl wissend, dass ohne die Finanzhilfen der EU die Volkswirtschaft kollabiert und die Hoheit über das Mittelmeer verloren geht. Und diese Hoheit wird benötigt zur Abwehr der armen Seelen, die sich aus den umwelt- und kriegszerstörten Ländern Afrikas und Vorderasiens aufmachen, um der Spur der Räuber und Diebe zu folgen.

 

Derweil sind die, die fernab des Elends wie Maden im Speck im Wohlstand ersticken, besorgt, dass schon morgen binnen weniger Stunden das Abendland untergeht. Hinter den Alpen herrscht nackte Angst vor den lebenden Leichen, die aus dem Mittelmeer steigen, um teutonischen Frauen das Smartphone und die Unschuld zu rauben. Dieser Angst bedienen sich in Deutschland jene Ungeister, denen die Ahnen das Handwerkskunst vererbt haben, wie „minderwertiges Leben“ auszumerzen ist, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Was 2016 mit weit über tausend Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte endete, wird sich im nächsten Jahr mit noch höherer Schlagzahl fortsetzen. In Dunkeldeutschland wird es noch dunkler werden, und Pogromszenen wie in Clausnitz, Heidenau, Freital und Bautzen werden sich wiederholen.

Mit der diffusen Angst vor allem Fremden und Andersartigen geht mittlerweile unbändiger Hass einher, der auch all die trifft, die als „Biodeutsche“ nicht mitzündeln wollen und dem rechten Pöbel eine Absage erteilen. Die Wut der besorgten Wutbürger macht vor nix und niemand halt, weder vor Kopftuchmädchen, noch vor Radfahrern oder Kiffern. Pegida-Zombies, Identitäre und Reichsbürger, AfD’ler und NPD’ler, Hogesa-Schläger, NSU-Sympathisanten und Nazinostalgiker sind keine Hanf-Legalisierer und Brüder und Schwestern im Geiste! Im Gegenteil: Diese Irregeleiteten wollen alles, was aus ihrer Froschperspektive nicht „normal“ erscheint, platt machen.

 

Wer in einer globalisierten Welt nach „völkischer Identität“ schreit, der will die Menschen fesseln und knebeln. Das Streben nach Individualität ist unerwünscht. Der auf seine ethnische und soziale Herkunft reduzierte Bürger soll nicht teilhaben an dem, was eine tolerante und der Vielfalt offene Gesellschaft bietet – und dazu gehört u.a. die Freiheit, über seinen Lebensweg selbst zu entscheiden und sich nicht in die Schablone der Konformität pressen zu lassen. Aber genau das beabsichtigen die Schreihälse aus der rechtsnationalen Ecke – mit freundlicher Unterstützung seitens jener Gangster, die in Osteuropa die Menschen knechten. Und diese Wahnsinnigen machen noch nicht mal einen Hehl daraus, die einigermaßen rechtsstaatliche und demokratische Bundesrepublik in die Tonne kloppen zu wollen, um aus den Abfällen eine DDR 3.0 zu kneten. Vorneweg stürmen die Totengräber von der „Alternative für Dumme“, die um Deutschland eine Friedhofsmauer ziehen wollen, an der tausend Jahre lang auf alles geschossen wird, was keine blauen Augen hat.

 

Deutschland hat 2017 die Wahl, und aus Sicht der friedliebenden Hänflinge bleibt nur die Hoffnung, dass wir diesmal noch einmal glimpflich davonkommen und die Wahlberechtigten – vor allem in den alten Bundesländern – die Gefahr erkennen, die von den Gewaltphantasien der völkischen Volksverführer der Neonaziparteien ausgeht. Ein Rückfall in totalitäre Zeiten wäre fatal für die Legalisierungsbewegung, die so kurz vor dem Ziel steht und beste Aussichten hat, erhört zu werden – sofern die Deutschen im Herbst den Mut aufbringen, nach links zu rücken. Ein Versuch wäre es wert – so wie in Berlin, wo ein linksgrünes Bündnis 2017 beweisen wird, dass rückwärtsgewandte Politik keine Alternative für Deutschland ist.

2 Antworten auf „(P)Review 2016/2017

  1. Candy

    Wirklich gut geschriebener Artikel, der mir aus dem Herzen spricht.
    Bin bezüglich der politischen Lage in Europa pessimistisch; solch hohe Zustimmungen für rechte Parteien machen mir Angst. Selbst wenn es nicht für eine Regierungsbeteiligung reichen sollte, so folgt ein Großteil der Bevölkerung ja diesen Ansichten. Das alles mal losgelöst vom Legalisierungsgedanken.
    Bezogen auf diesen seh ich angesichts der Verzögerungstaktik unserer Regierung für ein Gesetz, das zumindest Cannabis als Medizin zu erleichterten Bedingungen zugänglich macht, erst recht schwarz.
    Das hängt zugegeben auch mit meinen Depressionen zusammen und ich wär heilfroh, würde ich eines Besseren belehrt; und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.

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