Samstag, 24. Dezember 2016

Weihnachtsgruß aus dem verkifften Berlin

 

 

von Sadhu van Hemp

 

 

Hochverehrte und gnädigste Frau Mortler,

 

da steht er also wieder mal vor der Tür, der Weihnachtsmann, um nachzufragen, ob wir alle brav und artig waren. Und, liebste Freundin? Waren wir das, wir zwei beiden Hübschen?
Ich für meinen Teil muss eingestehen, dass ich es mal wieder nicht geschafft habe, den hohen Ansprüchen der christlich-abendländischen Wertegemeinschaft gerecht zu werden. Ja, ich habe tüchtig und voller Leidenschaft gegen die guten Sitten verstoßen, deren amtlich bestellte Wächterin Sie sind. Dabei hatte ich wirklich gute Vorsätze, nachdem mich letztes Jahr der Weihnachtsmann grün und blau geschlagen hatte. Ab sofort wollte ich ein anständiger Mensch sein, der aufs Wort hört und so handelt. Ende mit der Drogensucht, dachte ich mir, und fasste den Entschluss, Ihrem Beispiel zu folgen und fortan ein Leben ohne Laster zu führen.

 

Doch wie Sie als qualifizierte und kompetente Drogensachverständige wissen, ist das leichter gesagt als getan. Liebe und Leidenschaft aus seinem Herzen zu reißen, gelingt nur den wenigsten. Selbst wenn der Geist willig ist, das Fleisch ist schwach und will gekitzelt werden. Und das Blöde ist, dass der Hanf ganz besonders feinsinnig kitzelt, bis tief hinein in Leib und Seele und den Gekitzelten wie ein Kätzchen schnurren lässt.

Und ja, allerliebste Freundin, ich weiß: Das ist Onanie – geradeso, als würde man sich wie ein Hund selbst die Klöten lecken. Vor diesem Kontrollverlust haben Sie als gläubige Christin und Drogenbeauftragte der Bundesregierung ganz großen Ekel, den ich seit der letzten Begegnung mit dem Weihnachtsmann nur allzu gut nachfühlen kann. Denn nunmehr habe ich ihn auch, den Ekel vor Subjekten wie mir, die die Kontrolle verlieren und sich mit einer Haschgiftzigarette im Maul auf dem Sofa lümmeln. Gleichgültig und selbstgefällig schmarotzen sich diese Nichtsnutze durchs Leben, ohne auch nur eine Sekunde an die zu denken, die tagein tagaus gegen die zunehmende sittliche Verwahrlosung unserer Gesellschaft ankämpfen und sich damit begnügen, für ihre Sittsamkeit am Heiligabend vom Santa Claus gestreichelt zu werden. Nein, ich wollte mich nicht mehr nach der Bescherung heulend in die Ecke verkriechen und alles Leid bei einem fetten Haschgiftjoint vergessen. Diesmal sollte mir die verabreichte Tracht Prügel eine Lehre sein, und ich schwor allen, aber auch allen Süchten ab – ganz so, wie Sie es, liebste Marlene, seit 2014 von Amts wegen fordern.

 

Und so ging er auf, mein Morgenstern, und ein neuer Sadhu war geboren. Beseelt von der Rute des Weihnachtsmannes schritt ich zur Tat, um wie ein Heinzelmännchen Ihnen die praktische Drecksarbeit abzunehmen. Ja, ich ging sogar noch einen Schritt weiter als Sie, hochverehrte Freundin: Ich wollte als leuchtendes Beispiel vorangehen und mich fortan selbst in totaler Abstinenz üben.

Noch an der Festtafel im Kreise der Familie überbrachte ich die frohe Kunde, dass mit mir nicht mehr gut rauchen, kiffen, saufen und daddeln ist. Ich sammelte alle Kippen, Joints und Getränke ein, entriss den Kindern die vom Christkind übereigneten Killerspiele und stopfte alles in den Ofen. Ein herrliches Gefühl war das, all die vom Teufel auf die Erde gebrachten Suchtstoffe in Rauch aufgehen zu sehen. Ich kam mir vor, als hätte ich das erste Mal in meinem Leben ein richtiges Rauscherlebnis. Wie eine zentnerschwere Last fiel alle Lust auf Laster von meinem Herzen, und das Glück wurde perfekt, als mich meine Familie noch vor der Mittagnachtsmesse für immer verließ.

 

Selbstverständlich kamen Zweifel auf, und die Waage blieb schwankend. In Anbetracht der bevorstehenden Herkulesaufgabe, die deutsche Menschheit ganz in Ihrem Sinne von der Geißel der bösen Suchtstoffe zu erlösen, drohte ich in letzter Sekunde vom Glauben abzufallen. Die Familie zu vergraulen, war kein Kunststück, aber ein ganzes drogensüchtiges Volk auf den rechten Weg zu bringen, dazu muss schon das kalte Herz einer Marlene Mortler oder Frauke Petry in der Brust schlagen. Doch dann ließ ich ihn wachsen, den Anti-Drogen-Krieger in mir. Immer wieder hämmerte ich mir in den Kopf: Werde wie Marlene! Mach’s wie Frauke! Sei hart und unbarmherzig! Denk an dich zuerst! Folge nur der persönlichen Erkenntnis, dass dein Zweck alle Mittel heiligt! Nimm die Rute, wenn du zu den Menschen gehst! Strafe die Suchtmenschen, denn sie sind das Übel unserer Zeit! Sei Weihnachtsmann, Sadhu!

 

Was sagen Sie, liebe Marlene? Sind das nicht wahrhaft ehrenvolle Motive, die ich in Ihrem Auftrag zu verfolgen suchte? Ich glaube schon. Deshalb sah ich es auch als meine Pflicht, entgegen meiner Natur zu handeln und mutig im Kleinen das zu predigen, was Sie dem ungezogenen Volk im Großen als Wahrheit in den Kopf pflanzen. Und so bin ich los, um die bösen Suchtmenschen zum Guten zu bekehren. Gemeinsam mit meinen beiden Pitbulls ging ich auf Streife, durchkämmte meinen Kiez nach Süchtigen und predigte Abstinenz.

Oh ja, ich habe mich sehr unbeliebt gemacht. Die Mitmenschen wollten einfach nicht auf mich hören. Ständig gab es Stress, und meine Hunde bissen sich geradezu die Zähne aus, wenn sich die Süchtigen weigerten, ihre Droge auszuhändigen. Wo ich auch einschritt, am Ende kam die Polizei und zeigte mich an – nur mich. Mein Einwand, dass ich doch nur im Auftrag der Drogenbeauftragten der Bundesregierung handle, wurde konsequent ignoriert. Immer wieder wurde mir gesagt, dass das, was Sie, liebste Freundin, predigen, mit der Realität aber auch gar nichts zu tun hat und daher hinfällig sei. Natürlich habe ich diese Lüge nicht geglaubt, zumal Sie ja nicht damit aufhören, die Wahrheit zu sagen. Und dass ich Ihnen, nur Ihnen jedes Wort glaube, wissen Sie ja.

 

Also habe ich weiter bekehrt, mich aber aus gesundheitsprophylaktischen Gründen auf den Kinder- und Jugendschutz beschränkt. Ihre Warnung vor Internetsucht im Ohr galt meine Fürsorge fortan unseren Kleinsten. Im Akkord sammelte ich auf Spielplätzen, vor Kindertagestätten und Schulen Smartphones ein. Und ja, da war es wieder, das gewaltige Rauscherlebnis, wenn ich abends auf mein Tagwerk blickte und mir vorstellte, wie Sie mir im Namen aller Deutschen irgendwann einmal stolz auf die Schulter klopfen und einen Verdienstorden umhängen.

Doch dann kam jene bittere Stunde, als der Bus vorfuhr und mich geradewegs ins Irrenhaus beförderte. Ich sei eine Gefahr für die Menschheit, hieß es. Und ob ich die Zeichen der Zeit nicht erkannt hätte. Als ich meinen selbstausgestellten Dienstausweis präsentierte, der mich als staatlich anerkannter Anti-Drogen-Krieger legitimierte, der in Ihrem Auftrag handelt, lachten mich alle aus und ich kam in die Gummizelle.

 

Na ja, liebe Marlene, und jetzt bin ich wieder voll druff. Nach einer sechswöchigen Kur mit Psychopharmaka haben mich die Seelenklempner wieder einigermaßen kaputt repariert und als geheilt vor die Pforte gestellt. „Sie müssen zurück ins Leben finden“, gab mir mein Pfleger mit auf den Weg. Und diesen Weg bin ich gegangen – schnurstracks in die nächste Kneipe. Jetzt – nach einem Jahr voller Verirrungen – sitze ich wieder bekifft mit Fluppe im Maul und Bierchen in der Hand am Daddelautomaten und erzähle jedem, dass Sie, liebe Marlene, nur deshalb frei herumlaufen, weil sie sowieso keiner für voll nimmt.

 

Aber keine Sorge, allerliebste Marlene! Ich bin wie Sie ein postfaktischer Mensch. Ich denke mit dem Bauch, also mit Gefühl und umfangreich. Und dieses Gefühl sagt mir, dass Sie schon bald meine Fürsorge benötigen. Der Sieg der Suchtmenschen ist nicht mehr aufzuhalten. Die amerikanischen Assassinen besteigen bereits die Boote – mit dem Ziel Nordseeküste. Der D-Day wird kommen, an dem die Hanflegalisierungswelle die norddeutsche Tiefebene flutet und die Hauptstadt der Deutschen für alle Zeit im Drogensumpf versinkt. Ich werde an diesem Herbsttag 2017 zur Stelle sein und Sie, mein allerliebstes Marlenchen, auf Händen in die Verbannung nach Bayern tragen. Niemand wird Ihnen ein Haar krümmen, wenn der Kiffermob Spalier bildet und der „bösen Hexe“ das letzte Geleit gibt.

Also, hochverehrte Freundin, fürchten Sie sich nicht vor dem Untergang! Sie werden sich nicht erschießen müssen, denn Rachegelüste sind des Hanffreunds Sache nicht.

 

Bleibt bis dahin nur, Ihnen und den Ihrigen ein gesegnetes Fest zu wünschen. Möge das Christkind noch einmal tüchtig Geschenke der Kombattanten abliefern, für die Sie im Anti-Hanf-Krieg an vorderster Front als Oberkommandeurin die Rübe hingehalten haben. Genießen Sie den Weihnachtsbraten, denn es wird Ihr letzter als Drogenbeauftragte sein. Und keine Bange: Der Frieden wird zwar fürchterlich, aber Sie wissen ja: Nach dem Krieg ist vor dem Krieg – und der will vorbereitet sein.

 

Ihr ewiger Verehrer und tief ergebener Diener

 

Sadhu van Hemp

5 Antworten auf „Weihnachtsgruß aus dem verkifften Berlin

  1. Aurora

    Hi Sadhu!

    Um deinen Suchtdruck an Weihnachten in die richtigen Bahnen zu lenken, hat sich deine Freundin etwas ausgedacht. Unterdessen sind Ausmalbilder ja auch für die Großen hip.

    „Damit Ihren kleinen und großen Gästen die Feiertage nicht zu lang werden, haben wir Ihnen einige Ausmalbilder zum Ausdrucken auf unsere Webseite http://www.drogenbeauftragte.de gestellt. Diese verbinden die reale Welt auf faszinierende Wei-se mit der virtuellen und garantieren eine gesunde Online-Offline-Balance.“

    http://www.drogenbeauftragte.de/presse/pressekontakt-und-mitteilungen/2016/ohne-smartphone-tablet-und-co.html

    http://www.drogenbeauftragte.de/fileadmin/dateien-dba/Drogenbeauftragte/4_Presse/1_Pressemitteilungen/2016/2016_4/BMG_Weihnachten_Colouring_161219.pdf

    Leider fehlen da für uns Hanffreunde einige Details, ein DHV-Forums-User hat sie schon mal ergänzt. 😉

    http://hanfverband-forum.de/viewtopic.php?f=5&p=37747#p37747

    Have fun 🙂

    Aurora

  2. reefermadness

    voll geil baba sadhu
    falls es eines tages soweit ist,das ich mein schnaps,kippen,chips,schoko kinderriegel und quängelware auf arztrezept kaufen kann,werde ich auch gesundheitsminister drogenberater oder lebensmittelkontrolleur.

    „Sie müssen zurück ins Leben finden“, gab mir mein Pfleger mit auf den Weg. Und diesen Weg bin ich gegangen – schnurstracks in die nächsten Späti-Kiosk und
    https://www.youtube.com/watch?v=gfVtVb5zw2I
    Viva la Revolution!
    mfg

  3. Olle

    @Aurora
    Entschuldige meinen Kommentar von oben , ich hatte dich als Mortlerin in Verdacht und habe den Link mit den Ergänzungen zu spät gesehen. Allerdings bist du auch selbst ein wenig daran schuld denn du solltest dem Sadhu keinen Suchtdruck unterstellen, das machen normal nur die Prohibitionsverbrecher und bekanntlich macht Cannabis nicht süchtig!

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