Mittwoch, 15. Juni 2016

Interview mit Neonschwarz

 

 

Es gibt Leute, die den richtigen Umgang nicht finden. An dieser Stelle muss man ansetzen. Ein Verbot halte ich jedoch nicht für sinnvoll. „

 

neoanschwarz
Bild: Audiolith – Till Gläser

 

 

Autorin: Janika Takats

 

Im Jahr 2010 nahmen Johnny Mauser, Captain Gips und Marie Curry den ersten Gemeinsamen Song für Mausers und Gips‘ Album Neonschwarz auf. Das dazu gedrehte Video lief äußert erfolgreich auf YouTube und die drei beschlossen, nicht zuletzt auch wegen gegenseitiger Sympathien, weiter zusammen Musik zu machen. Vor zwei Jahren erschien dann das erste gemeinsame Album „Fliegende Fische“ in dem gute Stimmung und verträumte Utopien regieren. Zusammen mit dem neuesten Crewmitglied Spion Y sind Neonschwarz mit dem Nachfolgerwerk Metropolis in die fiktive Stadt zurückgekehrt und präsentieren ein ernsteres und gereifteres Album. Neben fetten Hip Hop Tracks steht die Band für politisches und gesellschaftliches Engagement, für das sie ihre Musik als Sprachrohr nutzt. Wir haben die Crew zum Interview getroffen.

 

Fangen wir doch gleich mit Eurem neuen Album an. Was könnt ihr mir darüber erzählen?

 

Johnny: Unsere zweite Platte heißt Metropolis und ist gerade als Doppel-LP erschienen. Auf dem Album sind wir aus unseren utopischen, verträumten Welten zurück in die Stadt gekommen. Dabei handelt es sich allerdings um eine fiktive Stadt. Wir sprechen also nicht über Hamburg – unsere Heimat – oder etwas Konkretes. Metropolis ist eine Stadt, die sowohl positiv als auch negativ besetzt ist. Darum hangeln sich die 17 Tracks, die sehr Hip Hop-lastig sind und etwas rougher als auf dem Vorgänger.

 

Wie kamt ihr darauf, Euch gerade mit diesem Thema „Großstadt“ auseinanderzusetzen?

 

Marie: Auf dem letzten Album war das Thema „mit dem Floß abhauen“. Das war alles sehr utopisch und auch das Artwork war hell und leicht. Jetzt wollten wir ein Hip Hop-lastigeres und urbaneres Album machen. Das hört man den Tracks an und auch das Artwork ist dieses Mal dunkler und härterer geworden.

 

Johnny: Es mag auch daran liegen, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse vielleicht noch härter geworden sind, als noch vor zwei Jahren. Deshalb würde es uns schwerer fallen, jetzt ein leichtes und verträumtes Sommeralbum zu veröffentlichten. Die äußeren Verhältnisse prägen unsere Musik und es tut uns gut einen roten Faden zu haben. Das soll jedoch nicht heißen, dass „Metropolis“ ein Konzeptalbum ist und sich nur um die Stadt dreht.

 

Spion Y: Bei Lesen soll man jetzt nicht ein den Eindruck bekommen, als hätten wir ein unheimlich düsteres Album geschaffen mit ausschließlich harten Hip Hop Tracks. Bei Neonschwarz sind die Tracks nach wie vor sehr vielfältig. Bei 17 Tracks gibt es natürlich auch Partysongs und Hip Hop-Bretter genau wie politische Songs.

 

Ihr wart bzw. seid auch als Solokünstler aktiv und habt viele kreative Ideen. Fällt der Entscheidungsprozess da manchmal schwer?

 

Johnny: Aktuell ist es so, dass die meisten Rap-Artists als Solokünstler unterwegs sind und es wenige Hip Hop Bands gibt. Das ist bei uns also etwas Besonderes. Wir haben alle unseren eigene Stil und unsere eigene Biografie und jeder bringt seinen Teil ein. Bisher lief das alles recht harmonisch ab. In einer Gruppe hat man natürlich immer mal wieder Diskussionen und Abstimmungen. Meistens bringt einfach irgendwer einen Beat oder einen Refrain oder Songtext mit und alle anderen setzten dann die Idee puzzleartig zusammen.

 

Marie: Wir sind auch alle recht offen, was die verschiedenen Musikrichtungen angeht. Alle haben Lust unterschiedliches auszuprobieren.

 

Spion Y: Wir arbeiten alle zusammen an den Tracks. Wie beim letzten Album „Fliegende Fische“ war es auch dieses Mal so, dass wir uns in einem kleinen Häuschen im Wald zusammen gesetzt und gemeinschaftlich überlegt haben. Wir hatten einen Pool von Beats und ersten Ideen für die Umsetzung der Songs. Dann haben wir die diese gemeinsam Weiterentwickelt. Dieses Vorgehen hat sich bei uns ganz gut bewährt.

 

Was verbindet Euch bzw. warum habt ihr beschlossen Euch zusammen zu tun?

 

Marie: Grundsätzlich ist es so, dass wir uns sehr gut verstehen und daher weiter zusammen unterwegs sein wollten. Das ist ein wichtiger Anker. Es ist nicht so, dass wir nur eine musikalische Vision haben und uns deshalb irgendwie zusammenraufen.

 

Johnny: Wir waren uns von Anfang an darüber einig, dass wir keine großen Elektro-Nummern auf unseren Alben wollen. Unser Sound soll einen ursprünglichen, auf Samples basierten Hip Hop-Klang haben und weniger modern sein. Darüber hinaus gibt es einige politische Grundideen, die wir teilen.

 

Eure Texte sind oft gesellschaftskritisch und politisch. Welche Rolle spielt Eure Musik bzw. Hip Hop allgemein bei kontroversen gesellschaftlichen Debatten?

 

Johnny: Wir können einen kleinen Teil dazu beitragen. Dadurch, dass wir uns mit anderen Acts aus Berlin und anderen Städten zu TickTickBoom zusammengetan haben, konnten wir einen kleinen Impuls geben. Man kann jetzt sagen, es gibt Hip Hop, der sich klar antirassistisch positioniert und das Frauenbild im Hip Hop in Frage stellt und Schwulenhass und andere Themen kritisiert. Wir haben einen Einfluss auf die Szene, aber natürlich kann unsere Musik nicht die gesamten gesellschaftlichen Verhältnisse im Jahr 2016 umkrempeln. Wir tun unser Bestes und spielen auf großen Festivals, wo wir von Leuten gehört werden, die sich vorher vielleicht noch nie mit politischen Themen auseinandergesetzt haben.

 

Marie: Ich glaube was Hip Hop allgemein macht, ist das die Musik ein Sprachrohr ist für Leute, die sonst nicht zu Wort kommen in der Gesellschaft. Das finde ich interessant daran. Es sind keine Leute, die in irgendwelchen Redaktionen sitzen sondern Menschen die von der Straße und ihrem Leben erzählen und auch von den scheiß Seiten erzählen, die sie erleben.

 

Johnny: Es ist gut, dass die nicht gehörten, marginalisierten Gruppen zu Wort kommen. Alles war du brauchst ist ein Mikro und ein Video, das du auf YouTube hochladen kannst. Das ist an sich cool. Auf der anderen Seite gibt es gerade in den politischen Debatten von Rappern auch viel Blödsinn. Viele Rapper haben sich zu politischen Themen geäußert, doch die Statements wurden total verkürzt  und damit unsinnig.

 

Hattet Ihr schon mal das Gefühl missverstanden worden zu sein?

 

Johnny: Eine Grundproblematik ist immer, dass du in einer Strophe meistens nur 16 Zeilen hast. Da kann man Problematiken natürlich nicht so gut ausführen, wie in einem Buch oder einer Abhandlung. Da kommt dann schnell der Vorwurf es wäre verkürzt oder zu einfach dargestellt. Wenn die Leute sagen, etwas wäre zu krass oder überzogen ausgedrückt, antworten wir immer, dass  es eben immer noch Rap ist. Mittel wie die Übertreibung gehören da nun mal dazu, sonst hört es sich ja auch keiner an.

 

Seid ihr auch außerhalb Eurer Musik politisch aktiv?

 

Marie: Schon, wenn die Zeit das hergibt. Wir haben alle noch andere Jobs. Daher versuchen wir mit der Musik viel zu machen. Wir haben ein Kollektiv namens TickTickBoom gegründet, in dessen Rahmen wir jährlich in Berlin und Hamburg Zeckenrap-Galas veranstalten. Diese haben immer einen Soli-Zweck und die Einnahmen gehen an bestimmte Flüchtlings-Initiativen oder Organisationen, die in Nordsyrien aktiv sind.

 

Johnny: Wenn man unsere Platte bestellt, bekommt man Informationen von der Amadeu Antonio Stiftung mit dazu. Diese setzt sich zum Beispiel für die Opfer rechter Gewalt ein. Man hat natürlich den Anspruch etwas zu tun, Menschen zu unterstützen und gesellschaftlich etwas zu bewegen. Das versuchen wir hauptsächlich durch unsere Musik zu erreichen.

 

 

Verfolgt Ihr die Aktuelle Debatte über Cannabis?

 

Spion Y: Vor kurzem habe ich eine Reportage gesehen, wo es darum ging medizinisches Cannabis für Patienten zugänglicher zu machen. Das finde ich gut. Wenn Menschen Schmerzen haben und ihnen Marihuana gut tut, sollten sie es auf legalem Weg bekommen können und nicht auf den Schwarzmarkt angewiesen sein. Dabei geht es ja nicht darum high zu werden und den ganzen Tag Xbox zu spielen und rumzuhängen.

 

Johnny: Unabhängig von dem medizinischen Aspekten sollte es meiner Meinung nach allgemein legal sein. Ich halte die Kriminalisierung für Quatsch. Dadurch werden Leute in die Kriminalität gedrängt. Ich halte die Droge nicht für so gefährlich, dass sie die ganze Jugend zerstört. Trotzdem müssen Menschen aufgeklärt werden, denn man findet immer wieder welche, die hängen bleiben. Ich kenne genug Leute, denen es so gegangen ist, daher würde ich nicht sagen, dass es cool ist jeden Tag zu kiffen. Es gibt Leute, die den richtigen Umgang nicht finden. An dieser Stelle muss man ansetzen. Ein Verbot halte ich jedoch nicht für sinnvoll.

 

Marie: Ähnlich wie Alkohol ist Cannabis nichts, was man verharmlosen sollte. Es geht vielmehr darum den richtigen Umgang zu vermitteln. Ich wüsste beim Kiffen nicht, warum es nicht legalisiert werden sollte. Ich will es nicht verharmlosen. Alkohol ist jedoch auch nicht ungefährlich und war bei uns schon immer legal.

 

Wir sitzen hier am Görlitzer Park, wo viel gedealt wir und wo sich gerade viele Eltern Sorgen um die Sicherheit ihrer Kinder machen.

 

Johnny: Wenn ich es aus Eltern-Kind-Perspektive denken würde, sähe ich da nicht viel Bedrohliches. An bestimmten Ecken stehen junge Männer, die einen ansprechen, wenn man quasi ins Beuteschema passt. Ich habe jedoch nicht das Gefühl, dass dadurch Gewalt oder Bedrohungen entstehen.

 

Dadurch erhalten jedoch junge Menschen Zugang zu Cannabis, die diesen noch nicht haben sollten.

 

Spion Y: Probealmtisch ist an dem illegalen Verkauf auch, dass gerne mal Sachen verkauft werden, die schädlich sind auf Grund von Steckmitteln oder sonstigen Zusätzen. Dann sollte man doch besser einen Zugang zu verträglichen bzw. kontrollieren Stoffen gewährleisten, anstatt die Leute Cannabis mit Rattengift oder sonst was konsumieren zu lassen.

 

Johnny: Die Kriminalisierung löst das Problem nicht. Durch stärkeren Polizeieinsatz erreicht man im Zweifel nur eine Verlagerung des Problems. Das ist auch scheiße für die betroffenen Verkäufer, die teilweise über racial profiling gejagt werden. Auch die Leute die sich einfach nur ein Gramm zum Entspannen holen wollen, werden kriminalisiert. Diese Mechanismen führen am Ende nur noch zu mehr Problemen, als dass damit irgendwem geholfen wäre.

 

Wie geht es nach der Veröffentlichung von „Metropolis“ für Euch weiter? Seid Ihr im Sommer auf Tour?

 

Marie: Ja, wir fahren im Sommer auf diverse Festivals und spielen auch vorher noch Shows in verschiedenen Städten.

 

Johnny: Unsere Tour zum Album kommt dann erst im Herbst. Im Sommer macht es keinen Sinn so viele Clubshows zu spielen. Da wollen eh alle nur draußen sein. Alles in allem haben wir so ca. 50 Konzerte vor uns.

 

Das ist eine Menge. Wie schafft ihr das zeitlich, wenn ihr nebenbei alle noch einem Beruf nachgeht?

 

Marie: das sind alles kleinere 20-30 Stunden Jobs. Klar ist das trotzdem noch viel. Gerade wenn wir auf Tour sind, muss viel gleichzeitig stattfinden. Es macht ja aber auch Spaß und das ist die Hauptsache.

 

Vielen Dank für das Interview.

 

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